20. KAPITEL – Konflikt der Generationen – Geisterwelt

Vor Sonnenaufgang, es ist ein paar Minuten vor 6:00 Uhr, schäle ich mich aus dem wohlig warmen Bett. Ich will Akamouk suchen fahren. Die Kühle der Nacht ist in mein Zimmer eingedrungen und ich zögere, mich zu duschen. Zähneputzen geht schon. Im Vorbeigehen blicke ich aus dem Fenster und sehe Akamouk, in seinem zeltartigen Verschlag in Decken gehüllt am Boden ausgestreckt schlafend. Er ist lautlos während der Nacht eingetroffen. Beruhigt und darüber zufrieden, dass ich nicht losfahren muss um ihn zu suchen, kuschle ich mich nochmals in mein Bett. Ich denke über das nächste Kapitel nach, das ich zu schreiben vorhabe. Erinnerungen steigen auf und formen sich zu Worten. Ich sollte mir Notizen machen. Der Weg zum Schreibtisch erscheint mir zu weit und ich bleibe liegen, denn ich vertraue meinem Kurzzeitgedächtnis. Es herrscht diese absolute Stille der Wüste, die beruhigend aber ebenso beängstigend wirkt. Darüber schlafe ich nochmals ein und werde erst wieder durch die Sonne geweckt, die dicke Strahlen durch die Fenster in den Raum wirft, in denen Staubpartikelchen tanzen. Bei dem Anblick erfasst mich unwiderstehlich der Gedanke, dass es manchmal reizvoll wäre, ein Sandteilchen der Sahara zu sein. Sich in der Morgensonne auszudehnen, leichter als Luft zu werden und in kühle Höhen zu fliegen. Dort tagsüber im Schwebezustand ungestört die Erde von oben zu betrachten, um bei Sonnenuntergang, wieder schwerer geworden, sachte zu Boden zu sinken.

Es ist reichlich spät heute. Der Gästeraum ist leer, auf meinem Platz steht verwaist das unberührte Frühstücksgeschirr. Auf einem Tisch in der dunklen Ecke des Raumes liegt in Cellophan verpackt, ein faltbarer Christbaum aus Plastik. Ach ja, Weihnachten ist nahe! Ursprünglich hatte ich vor, die kühle Jahreszeit für die Heimfahrt nach Wien zu nützen, aber da ich im Rückstand mit meinem mir selbst aufgetragenen Pensum Arbeit am Buch bin, verzögere ich die Abreise immer wieder. Niemand ist anwesend, sogar die Küche ist verlassen. Die von mir sonst so gewünschte und angenehm empfundene Stille wirkt heute bedrückend. Auf Kommunikation hoffend begebe ich mich in den Hof, um Akamouk aufzusuchen. Obwohl die Sonne längst schon schräg in den Hof scheint, ist es kühl draußen. Als wäre mein Besuch angesagt, ist der Targi soeben dabei Tee zu kochen. Freundlich begrüßen wir uns und er lädt mich mit einer großen Handbewegung, die jedem Schauspieler aus der Schule der Commedia dell’arte zur Ehre gereicht hätte, dazu ein, auf seinem Teppich Platz zu nehmen. Die heute bisher nicht bewegten Gelenke knacksen laut und vernehmlich, doch ich schaffe es auf den Boden und in den Türkensitz, ohne mich dabei durch Schmerzenslaute zu verraten. Der Targi gießt die kochende Flüssigkeit aus großer Höhe zielsicher ein und reicht mir das erste Glas mit dem süßen Wundertrank. Es ist derart heiß, dass ich das Trinkglas nur mit dem Mittelfinger am Boden und dem Daumen am oberen Rand anzufassen vermag. Einvernehmliches Schweigen herrscht zwischen uns. Akamouk ist durch den um den Kopf gewundenen Tegelmust total verhüllt, nur zum Trinken zieht er die Gesichtsbedeckung bis unter seine Lippen. Erst mit dem Einschenken des dritten Glases, was das Beenden der Zeremonie bedeutet, beginnt Akamouk zu erzählen. Kurz nach meiner Abfahrt aus dem verschütteten Dorf machte er sich mit dem wiedergefundenen Kamel auf den Weg zurück. Nur wenige Kilometer nach Süden kreuzt ein Trek, wie die Touareg einen vorgezeichneten Weg oder eine Fährte bezeichnen, von Ost in Richtung West unsere Spur. Diese direkte Verbindung nach Mali wird von Bewohnern des Hoggar, des nördlichen l’Aïr und Nomaden aus Libyen benützt. Dort traf er eine Karawane aus seiner Heimat. Die Reisenden erzählten ihm, dass in ihrem Teil des Hoggar Unruhe herrscht. Die Augen des Targis blicken mich offen an, während er mir erklärt, warum er Vertrauen zu mir gefasst hat. Ich würde die Afrikaner nicht aus europäischer Sichtweise betrachten, sondern wie ein Einheimischer urteilen. Die Glut in dem kleinen Kreis aus Steinen, der zum Kochen des Tees diente, wechselt mit jedem zarten Windhauch ihre Helligkeit und graue Stellen entstehen an den Kanten der glosenden Holzstücke. Mit leiser Stimme, den Blick auf die Asche und Glut der Feuerstelle gerichtet, beginnt er mit seiner Beschreibung.

In dem riesengroßen Territorium lebt eine Anzahl unabhängiger Berberstämme in losem Verbund. Von einer politischen Nation unter einheitlicher Führung, kann bei den Touareg nicht die Rede sein. Wenn man die im Laufe der Zeit eroberten, unterworfenen und besiedelten Länder im südlich gelegenen Sahel dazurechnet, ergibt sich eine Fläche, die der Gesamteuropas entspricht. Die aus mehreren Familien bestehenden Stämme leben in der existenzbedrohenden Wüste in gewachsener Symbiose miteinander. Es gibt drei Klassen Menschen. Da sind die Imohagh, die Adeligen, welche nie arbeiten und ausschließlich als stets bewaffnete kriegerische Beschützer der Angehörigen ihres jeweiligen Stammes auftreten. Aus den in verschiedenen Schlachten Unterworfenen besteht die Schicht der Halbfreien. Sie sind meist sesshaft und betreiben Gartenbau und Viehzucht, sind tributpflichtig und unterscheiden sich in ihrem Habitus nicht von den adeligen „Rittern“. Ihre Wohnstätten dagegen sind aus Lehm gebaute Häuser, im Unterschied zu den transportfähigen Zelten aus gewebten Stoffen oder Tierhäuten der nomadisierenden Oberschicht. Dann gibt es die Schicht der meist aus Schwarzafrika kommenden Leibeigenen, welche die niederen Arbeiten verrichten. Der aus edlem Geschlecht stammende und zu seiner Würde ernannte Amenokal ist zwar das Oberhaupt aller Touareg, hat aber, außer im Kriegsfall, keinerlei Befehlsgewalt. Er hat kein Recht auf Tribut seiner Untertanen, wird jedoch von ihnen durchaus respektiert und unterstützt.

Akamouk löst seinen Blick von der Glut und wendet sich mir zu.

An der Küste im Norden Algeriens gibt es laufend politisch motivierte Demonstrationen. Sie werden von demokratisch denkenden Studenten angeführt, deren Paradigmen in alten kommunistischen Doktrinen verwurzelt sind. Die Gewaltbereitschaft nimmt täglich zu. Ein paar junge Leute, die in den Städten im Norden Algeriens Schulen und Universitäten besuchen, sind zu ihren Familien zurückgekommen und versuchen die überlieferten Strukturen der Stammesführung aufzubrechen. Sie wünschen sich bei den Touareg eine ebensolche Demokratie, wie sie von ihnen im Norden angestrebt wird. Diese jungen Gebildeten, vorwiegend den Klassen der Adeligen und der Halbfreien entstammend, planen die seit Jahrhunderten geltende, nicht autoritäre Gesellschaftsform der Touareg in eine gänzlich andere Staatsform umzuwandeln. Sie hoffen, ihre in den Studentenbuden des Nordens entwickelten, umstürzlerischen Träume zu verwirklichen. Es entsteht ein Konflikt der Generationen. Die „Miaad“, eine Art Ältestenrat, soll aufgelöst und existierende Klassenunterschiede aufgehoben werden. Wobei es nicht sicher ist, ob ebenfalls die Sklaven in der Praxis dann davon profitieren. Doch die uralten Gesetze der Wüstenvölker sind archaisch und werden blutig durchgesetzt. Akamouk sagt, dass es ein Leichtes ist, in den Weiten eines Ergs endgültig und spurlos zu verschwinden. Ich habe den Eindruck, dass er dabei verschmitzt lächelt. Wir schweigen solange der Targi die Glut mit Sand erstickt. In der wiederentstandenen vollkommenen Stille hören wir aus weiter Ferne Motorenlärm. Wir haben keine Eile nachzusehen, denn gemäß unserer Erfahrung kann es über eine halbe Stunde dauern, bis sich das Fahrzeug am Horizont zeigt.

Ich bedanke mich für den Tee und klettere die Stufen zu meinem Dachgeschoss hinauf, von wo man weiter in die Wüste sieht. Gelegentlich bricht das Geräusch ab, entweder weil das Fahrzeug angehalten wurde, oder sich in einer Senke fortbewegt, aus welcher der Schall nach oben geleitet, und nicht waagrecht verbreitet wird. Die Sonne steht schon hoch am Himmel und heizt die in der Nacht heruntergekühlte Erde auf. In ziemlicher Entfernung im Westen beginnt sich ein riesiger, scheinbar vom Wind bewegter See über den gesamten Horizont auszubreiten. Durch meinen Feldstecher glaube ich einen Geländewagen zu erkennen, der sich, eingetaucht in die Fata Morgana, in Schlangenlinien auf die Auberge zu bewegt. Er scheint in dem silbern glitzernden See zu schwimmen.

Um den Wirtsleuten den kommenden Besuch anzukündigen, steige ich wieder hinunter in die Gaststube, wo François und Michelle mit dem Auspacken des Christbaumes beschäftigt sind. Sie haben das sich nähernde Geräusch ebenfalls bemerkt und beeilen sich, das Kunstbäumchen vor dem Eintreffen der Leute fertiggestellt zu haben. Glücklich wie Kinder sind sie beim Aufstellen der Plastikattrappe und ordnen sorgfältig den spärlichen Schmuck darauf. Es entwickelt sich zwischen den beiden eine Diskussion um den endgültigen Aufstellungsort dieses christlichen Glaubensbekenntnisses, die vom Lärm von Motoren unterbrochen wird, der aus dem Hof ins Haus dringt. Wir treten aus der in den Hof führenden Türe und sehen zwei Landrover der längeren Bauart und gleicher blauer Farbe streng ausgerichtet im Hof stehen. Beide sind hoch mit allerlei Gepäckstücken beladen, ein dritter fährt gerade herein und hält ebenso geordnet daneben. Da scheint militärischer Drill zu herrschen, denke ich mir. Wie auf Kommando öffnen sich alle Türen der Fahrzeuge und jeweils fünf merklich erschöpfte Personen klettern ins Freie. Ein hochgewachsener Mann mittleren Alters kommt breitbeinig im Seemannsschritt auf uns zu. Er raucht eine Zigarette, hältt sie zwischen Zeigefinger und Daumen, macht einen tiefen Zug ohne sie auszulassen, und reißt sie von den Lippen, wie wenn sie daran angeklebt wäre. Gleich führt er sie nochmals zum Mund, hält sie fest, inhaliert einen weiteren kräftigen Zug und zieht sie ebenso eckig wieder ab. Aus dieser Bewegung heraus schnipst er den Stummel gekonnt einen Meter weit in den Sand, wo er rauchend liegen bleibt. Seiner Wichtigkeit bewusst stellt er sich den Wirtsleuten als Reiseleiter der Gruppe vor. Er spricht ein sogenanntes Küchenfranzösisch und das rollende „R“ vorne auf der Zunge sowie die Sprachmelodie lassen deutsche Muttersprache vermuten. Doch bevor es ihm gelingt zu erklären, weshalb die Gruppe gezwungen ist, hier einzukehren, geschieht es. Aus dem zuletzt angekommenen Rover löst sich geschmeidig eine weibliche Gestalt, welche meine und François‘ volle Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Scheint die Sonne mit einem Mal heller? Sogar Akamouk, der seine Emotionen nie zeigen würde und anfangs scheinbar teilnahmslos auf seinem Teppich saß, ist aufgesprungen und starrt die junge Frau an, die, sich ihrer Wirkung bewusst, nach vorne kommt und neben dem Reiseleiter Aufstellung nimmt. Ihr langes blondes Haar trägt sie offen, ihre den Körper betonende hautnahe Kleidung besteht aus blauen Skinny Jeans und einem knapp unter dem erlaubten Maß geöffnetem Slimfit-Hemd. Es ist wirklich unerträglich heiß hier! Um den Hals hängt an einer Lederschnur das Croix d’Agades, das Agadaskreuz aus reinem Silber, eine Schmiedearbeit und Symbol der Touareg des l‘Aïr.

Diese Erscheinung bedeutet einen Lichtblick in der einsamen Gegend, die nur selten besucht wird. Meistens sind es dann total vermummte Gestalten, oder zumindest in außerordentlich weite Kleidung gehüllt.

Radebrechend versucht der Reiseleiter zu erklären, dass der Kühler von einem der Autos einer Reparatur bedarf. Ich übersetze die ihm fehlende Vokabel mit „radiateur“, damit François versteht, dass es sich um einen lecken Kühler handelt. Dem Kühlwasser bisher beigegebene Dichtungsmittel haben nichts geholfen, es muss gelötet werden. François meint, dass die Reparatur einige Stunden dauern wird, und ersucht die Herrschaften in der Gaststube Platz zu nehmen. Was da aufgeregt ins Haus drängt, ist ein buntgemischter Haufen Menschen mehrerer Nationalitäten. Da François mit dem Chauffeur des defekten Wagens in die Garage verschwindet, biete ich Michelle meine Hilfe beim Bedienen der Gäste an. Viele Limonaden und nur leicht alkoholische Getränke, sowie Sandwiches werden geordert. Man erzählt mir, dass ein deutscher Automobilclub diese Reise organisiert und der Reiseleiter bisher ausschließlich Reisegesellschaften in Sibirien geführt hat, was gegenwärtig nicht im Trend liegt. Er war vorher nie in Afrika gewesen und ist in allen Belangen auf in der Wüste erfahrene Einheimische angewiesen. Zwei der Fahrer sind Araber aus Algier, der dritte, in blaues Tuch der Touareg gehüllt, gibt an authentischer Kel Ifogha zu sein, der aber in Oran an der Mittelmeerküste lebt. Für einen echten Tuareg erscheint er ein bisschen zu klein geraten zu sein. Er lässt sich Ali rufen, da die Touristen seinen Originalnamen nicht behalten könnten. Mir fällt auf, dass alle Mitglieder der Gruppe, Männer wie Frauen, ein, oder einige Kri-Kri um den Hals hängen haben, die durchweg relativ neu wirken. Ali selbst baumelt ein ganzes Bündel davon auf seiner Brust. Auf meine diesbezügliche Frage meint er, dass die Roumis Talismane für die Wüste brauchen und er würde sie damit versorgen. Sicher ein einträgliches Geschäft für ihn. Die Kri-Kri sind aus Leder oder Metall gefertigt, die jeweils eine Sure aus dem Koran in sich bergen. Meist sind diese aus einem gedruckten Buch des Koran herausgeschnitten und werden willkürlich ausgewählt. Sie schützen, je nach Sure, vor Krankheit, Unwetter, Gewalt, Unfall oder anderen Gefahren.

Kri-Kri (mehrere zusammen)
Kri-Kri (Kupferlegierung)

Es ist angenehm kühl hier in der Wirtsstube, und die Stimmung wird mit später werdendem Tag immer ausgelassener. Das dürfte dem Alkoholkonsum zuzuschreiben sein, denn man steigt um auf Wein, Whisky und Pastis. François hat das Aggregat gestartet, die großen Deckenventilatoren drehen sich und wandeln den Schweiß der Gäste in Kühlung durch Verdunstung um. Ich höre, dass der Konvoi trotz Navi von der Piste abgekommen sei und einige Sandlöcher unter oftmaligem Ausgraben der Fahrzeuge zu überwinden waren. Das waren große körperliche Anstrengungen, gepaart mit der Angst, dass das mitgeführte Wasser nicht reicht, denn der lecke Kühler hat einen Großteil des Vorrates verbraucht. Jetzt sind sie froh, endlich Menschen getroffen zu haben und in Sicherheit zu sein. Selbst unsere elfengleiche Blondine scheint sich erholt zu haben. Roswitha, so ihr Name, ist werdende Ornithologin, die ihre Dissertation über afrikanische Vögel schreiben will. Ich verkneife mir die Frage, was sie dabei in der Sahara suche, und lasse mir von ihr lieber die Gründe für das Artensterben in Europa erklären. Auf jeden Fall erscheint sie deutlich fröhlicher als heute Morgen. Zugegeben, ich fühle mich von ihrem Anblick recht angezogen. Wir trinken miteinander einen Pastis nach dem anderen, der ihr ausnehmend gut zu schmecken scheint. Da mir die Abwesenheit Akamouks auffällt, entschuldige ich mich bei der Lichtgestalt für einen Moment, und begebe mich in den Hof. Dort ist kein Akamouk zu sehen. Sein Sonnenschutz ist abgebaut und verschwunden. Die frische Luft tut gut nach den Mengen Alkohol und dem rauchgeschwängerten Dunst im Haus. Ich laufe hinaus zu dem Ort, wo für normal die Meharis des Targis angebunden sind. Der Platz ist leer. Selbst den Dung hat er mitgenommen, mit dem er unterwegs Feuer machen wird. Ich kann seine Flucht verstehen. Der ungewohnte Trubel ist ihm offenbar zu viel geworden, und so hat er sich auf den langen Weg in seine Siedlung begeben, wo ihn schwierige Aufgaben erwarten.

Zurückgekommen in den Raum mit den lustigen Menschen, sehe ich François im Schatten an eine Wand gelehnt, mit halb offenem Mund das sexy Mädchen anstarrend. Er dürfte seine Arbeit an dem Motorkühler fertiggestellt haben und will sich jetzt ein kühles Bier gönnen. Das Erscheinen Michelles aus der Küche enthebt mich der Aufgabe, ihn aus seiner Trance zu wecken und aus dem Ausschnitt der Dame zu heben. Das macht sie recht energisch. Über dem lauten Gewirr verschiedener Sprachen ist es mir nicht möglich zu hören, was sie sagt. Doch ihre Gesten und der dazu passende Gesichtsausdruck vermitteln mir das Vergnügen eines Slapsticks. Sie zieht ihn hochroten Kopfes in die Küche und schließt die Türe. Er tut mir ja leid, denn er darf jetzt nicht mehr in die Nähe der jungen Dame, darüber hinaus ist das Bier warm, weil die Gäste das gekühlte längst ausgetrunken haben. Ich unterlasse es, neuerlich mit dem Wunder Roswitha Kontakt aufzunehmen, da sie auf dem Schoß des Reiseleiters Platz genommen hat und sich dort offensichtlich recht wohl fühlt.

Da sich der Tag seinem Ende zuneigt und selbst die Fahrer den Alkoholika ausgiebig zugesprochen haben, soll an Ort und Stelle übernachtet werden. Einige begeben sich hinaus in den Hof, um Zelte aufzustellen, ein paar Unentwegte versuchen mit Decken und Schlafsäcken ein Lager in der Gaststube vorzubereiten. Nachdem meine Hoffnung auf eine Fortsetzung des Gesprächs mit der Lichtgestalt wegen dem Austausch von Intimitäten zwischen ihr und dem Reiseleiter zunichtegemacht ist, verziehe ich mich allein die merkwürdig bewegt erscheinende Treppe hinauf in das Turmgemach. In einem Gemütszustand, zwischen Glück und Seelenschmerz schwankend, falle ich halb schlafend rücklings aufs Bett und erwache erst am hohen Mittag durch heftigen Bratengeruch, der sich von Küche in mein Zimmer zieht. Wohltätige Stille herrscht wieder rundherum, die Fahrzeuge mit den Menschen sind verschwunden, und ich nehme mir vor, am Nachmittag weiter zu schreiben:

Mackie hatte an diesem späten Abend bedeutende wissenswerte Informationen über die Geister- und Götterwelt unseres Forschungsgebietes gesammelt. Nachdem er heimgekommen war, ging er mit Kopezky der Rotweinflasche auf den Grund. Ich habe dies Aktion verschlafen. Wie gewöhnlich bereitete ich den Morgentee. Den brauchten wir, um das tägliche Resochin, ein vorbeugendes Medikament gegen Malaria, schlucken zu können. Dabei musste ich feststellen, dass der Zucker ausgegangen oder verschwunden war. Es bedurfte nur kurzer Überlegung, ihn zu finden. Nach längerem Zureden ließ Kopezky endlich seinen geheimen Vorrat aus, nicht ohne darauf hinzuweisen, wie wichtig Vorratshaltung sei. Darüber hinaus erwähnt er unser Glück, dass wir ihn, den Hüter der Reserven, dabei hätten. Sogar eine unberührte Dose gezuckerter Kondensmilch von Nestlé übergab er widerstrebend. Beim folgenden kargen Frühstück gab uns Mackie einen groben Überblick über den Glauben der Eingeborenen hier, und den Sinn des Fetischfestes.

Die Konstruktionen der verschiedenen Klassen von Halbgöttern, Göttern und Geistern ähneln in ihrer Komplexität denen der antiken Griechen. Mit dem Unterschied, dass es keine anthropomorphen Vorstellungen von den Geistwesen gibt, die gleichwohl Namen haben. Da findet sich einmal Dongo, der fast allmächtige Gott der Blitze und Gewitter. Diverse Naturgewalten sind sein eigen. Der besitzt die Fähigkeit zur gleichen Zeit fünfhundert Kilometer weiter weg, nochmals zu erscheinen. Das erinnert in hohem Grade an Quantenphysik. Trotz seines enormen Rufes haben Untergeister Agenden übernommen. Da gibt es die Göttermutter und Herrscherin über den Niger, und somit über Wasser insgesamt, Harakee. Sie beschützt Fischer und Jäger am Fluss vor finsteren Dämonen und treibt ihnen die Beute zu. Faran Baru ist einfach Weiß, und bringt höchstens kleine Krankheiten, im Allgemeinen ist er aber nur gütig. Zaberi ist anders, er ist undurchsichtig, niemand hat Einblick in sein Wesen und welche Aufgaben er hat. Seine ihm zugehörende Farbe ist auch Weiß. Zur Sicherheit versucht man sich mit ihm gut zu stellen, und opfert ihm manchmal ein weißes Tier. Alle Geister lieben Opfergaben, die allerdings die gleiche Farbe wie die dem Geist zugeordnete haben muss. Nicht zu spaßen ist mit Tschiree. Ihm werden Krieg und der schnelle Tod zugesprochen. Er verhält sich ruhig, hat aber immer seinen Speer dabei. Niemand kann vor ihm flüchten. Am klügsten ist es, sich mit ihm gutzustellen. Denn ist er einmal verärgert worden, tötet er sofort. Folglich opfert man ihm. Seine Lieblingsfarbe ist Rot. Doch wo bekommt man ein rotes Opfertier her? Glücklicherweise nimmt er aber ebenso Opfer mit rötlicher Farbe an. Dann gibt es böse Dämonen wie Tierkee, welcher die Zauberer, die das Volk geistlich betreuen, hassen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu töten versuchen. Tierkee macht sich damit nicht selbst die Hände schmutzig, sondern hat seine zwei gefährlichen Gehilfen Kasankee und Fitijari, die seine Anordnungen ausführen. Sie sind weder allwissend oder allgegenwärtig und man kann sich vor ihnen verstecken und sie gegeneinander ausspielen. Altgriechische Mystik feiert hier fröhliche Urständ‘. Alle diese Wesen sind miteinander auf irgendeine Weise miteinander verwandt. Der Zima (in unserem Fall der Zauberer Yabila) arbeitet mit den guten Geistern zusammen. Die beschützen ihn zwar nicht, geben ihm aber Rüstzeuge in die Hand, mit denen er sich vor dem Bösen selbst schützen kann, wie zum Beispiel seinen langen Eisenstab, den Lola. Der funktioniert wie ein Zauberstab, mit dem man allerhand bewirken kann, wie Geistwesen beschwören oder Vergrabenes auffinden. Darüber hinaus gibt es die Karu bene, das sind Menschen, die sich mit den Geistern einlassen und auf Zeit deren Fähigkeiten annehmen, um damit etwas zu erreichen (Dr. Faustus lässt grüßen).

Wie wir schon vorher mitbekommen haben, die drei großen Religionsrichtungen, Islam, Fetischkult und christliche Kirchen, lebten und ergänzten sich nicht nur in den Köpfen der Eingeborenen, sondern vertrugen sich auch sonst recht gut miteinander. Das Nebeneinander wurde von allen großzügig toleriert. Nur die Missionare versuchten eine Abkehr von der Urreligion damit zu erreichen, indem sie deren Geister als Teufel, auf Französisch „Les Diables“ bezeichneten. Mit dem Erfolg, dass die Autochthonen ihre „Hole“ in „Diables“ umbenannten, was überhaupt keinen Einfluss auf die Beziehung zu ihren mystischen Vorstellungen hatte.

Nach diesen anstrengenden und aufregenden Tagen waren wir allesamt recht erschöpft. Wir wollten nur schnell wieder in Richtung Niamey, in unser Haus und Hauptquartier. Vor allem Mackie zog es mit Macht dorthin, er hat ja an vorderster Front mit dem Mikrofon „gekämpft“, war in der Hitze mittendrin im Geschehen. Seine diplomatisch geschickt durchgeführten Recherchen vor und nach dem Fest nicht zu vergessen. Ich habe den IFA wieder mit aus Erfahrung bewährter Aufteilung des Gewichtes neu beladen. So konnte man das Fahrzeug knapp davon abhalten, mit dem Heck am Boden zu schleifen. Die Wolken am Himmel hingen tief und zeugten von einem kurzen, aber heftigen Gewitter, das in den frühen Morgenstunden hier und in der Umgebung stattgefunden hatte. Dongo hatte seine Stärke gezeigt. Im Moment des Losfahrens zeigte sich kurzzeitig die Sonne, was wir als gutes Omen für die Fahrt deuteten, und unsere müde Stimmung wich freudiger Erwartung. Wir fuhren über den Dorfplatz, die Räder des Autos hinterließen im aufgeweichten Sand tiefe Spuren. Wir erreichten die mit einer Art Schottersteinen befestigten Piste, die genau genommen ein Hohlweg war, und knatterten mit unserem Zweitakter wohlgemut gegen Süden. Nach kurzer Fahrt war der die Sicht einengende Weg zu Ende. Vor uns breitete sich die Savanne, von Hügeln unterbrochen, bis zum Horizont aus. Es ging in die Ebene hinunter, das Auto lief wie von selbst den vorgezeichneten Weg bergab.

Tillabery, Fahrt in die Ebene

Im Flachen angekommen, musste es wieder mit zwei Rädern auf dem Mittelstreifen und mit den anderen am Rand der Piste balancieren. Die Bodenfreiheit war zu gering für die von Gelände- und Lastkraftwagen gegrabenen Fahrspuren. Ich wunderte mich zwar über Autospuren, die rechts von der Piste in die Grasebene führten, maß aber diesem Zeichen keine Bedeutung bei. Und dann war unvermutet Schluss. Vor uns lag ein See über der Piste, der sich in einer Quermulde links und rechts unübersehbar weit ausbreitete. Ich hielt den IFA an. Das war so gar nicht nach Mackies Geschmack und er versuchte mich im Befehlston davon zu überzeugen, dass diese Lacke überwindbar sei. Meine standhafte Weigerung da hinein zu fahren, brachte das Fass zum Überlaufen. Mackie sprang aus dem Auto, dabei fluchte er laut „verdammt, verdammt, verdammt“, was er öfters tat, wenn er sich einem Ereignis gegenübersah, das sich seinem Willen oder seinen Plänen entgegenstellte. Zornig stieg er mit seinen Clarks Desertboots ins Wasser, um dessen Tiefe zu sondieren, nach dem Motto: seht her, was ich für Euch vollbringe. Er watete schon bis zu den halben Waden in der braunen Brühe, da stellte er fest, dass ich doch Recht hätte. Darüber ungehalten stapfte er zurück, wobei er ausrutschte und fast der Länge nach in die Fluten gefallen wäre. Sein Zorn stieg in lichte Höhen, als er im Näherkommen das Grinsen in unseren Gesichtern sah. Ich hinderte ihn wegen seiner vor Nässe triefenden Hosen und Schuhen am Einsteigen, vor allem schon deshalb, weil ich bis zu den abzweigenden Autospuren im Rückwärtsgang zu fahren hatte. Um ein paar Zentimeter Bodenfreiheit zu gewinnen, mussten alle aussteigen und zu Fuß zurückgehen. Langsam und vorsichtig fahrend schaffte ich die Strecke ohne extremer Bodenberührung. Meine Freunde stiegen wieder ein und der IFA legte das Gras zwischen den Radspuren des Fahrzeuges, das die Spur gelegt hatte, um. Wir folgten der Fährte in höherem Tempo, weil Mackie drängte. Plötzlich ein heftiger Schlag gegen das Auto, lautes Schleifen an der Bodenwanne, und wir standen. Ein kleiner Termitenbau, im Gras nicht auszunehmen, hat diesen Lärm verursacht und die Bremsleitung zum rechten Vorderrad war wieder einmal abgerissen. Termiten errichten ihre Bauten mit Lehm aus der Umgebung und mischen ihn mit ihrem Speichel, was nach dem Trocknen eine betonähnliche Baumasse ergibt. Ich wusste, was zu tun war. Das Kupferrohr an der Bruchstelle umnieten und somit abdichten, frische Bremsflüssigkeit nachfüllen und die übrig gebliebenen intakten Leitungen entlüften. Um zur Reserveflasche mit Bremsflüssigkeit zu kommen, musste das gesamte Gepäck entladen werden. An die zwei Stunden dauerte die Reparatur. Mackie legte sich währenddem ins Gras, sah teilnahmslos in den Himmel und ließ sich von Dutzenden Fliegen bekrabbeln. Wie ein schuldbewusster Dackel bestieg er nach dem Beladen wieder das Auto und verhielt sich ausnehmend still. Der Weg führte uns zu einem Dorf. Dort stand der Geländewagen, der die Spur hierhergelegt hatte. Ein Weißer kümmerte sich um zwei Verletzte vor einer nahezu gänzlich abgebrannten Hütte. Die Dorfbewohner standen im Kreis herum und verhielten sich seltsam gedämpft. Der Besucher war ein Chef de cercle aus der Umgebung. Er begrüßte uns, und erzählte, dass die Eingeborenen sicher sind, ein Karu bene hätte den Blitzeinschlag verursacht. Banjou vermittelte einen ängstlichen Eindruck, erklärte uns aber mit gedämpfter Stimme, was ein Karu bene ist. Wenn ein Mann etwas gegen jemanden anderen unternehmen will, sei es aus Rache oder Zorn, sucht er den Zima auf und lässt sich einweisen, wie er mit einer Gewitterwolke mitreisen und den Gegner mittels Blitzes erschlagen könne. Er wird nach einer kurzen, Dogon gewidmeten Zeremonie mit reichlich Strophanthus beinhaltender Salbe eingerieben. Im Mittelalter hatten Hexen nach Benützung dieses Giftes Flughalluzinationen. Die Menschen im Gebiet von Tillabery sind überzeugt, dass rosa gefärbte Wolken einen Karu bene transportierten und dieser von dort Blitze auf sein Opfer schleudert. Die uns umstehenden Bewohner des Dorfes schworen darauf, dass dieses Unglück von einem Karu bene verursacht wurde, man hätte sogar die rosa Wolke beobachtet. Nach der Art wie ein gläubiger Moslem, der Banjou ja war, uns diese Geschichte vermittelte, mussten wir annehmen, er spräche aus tiefster Überzeugung. So ein Karu bene lebt gefährlich. Sollten die Angehörigen der Opfer Rache üben wollen, ist es ein Leichtes den Übeltäter ausfindig zu machen. Sie wenden sich an den Zauberer, der einen Hund töten lässt, dessen Kadaver, von vier Männern getragen, dann den Weg zum Karu bene weist. Da der Zima vorher dem Mann die Fähigkeit zum Fliegen selbst gegeben hatte, wirkt dieser Zauber verlässlich. Das ist sein Todesurteil. Der angebliche Wolkenflieger wird aber von seinen Angehörigen verteidigt und es beginnt ein Krieg zwischen den betroffenen Familien. Die Franzosen haben diese Gemetzel zwar abgestellt, aber wie sich die Leute heutzutage untereinander ohne Mord und Totschlag in so einem Fall einigen, blieb uns leider verborgen.

Unser Aufenthalt war kurz, denn wir trachteten unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit Tillabéri, die Hauptstadt des Gebietes zu erreichen. Ohne Spur pflügten wir durch das Gras um einen Hügel herum, uns nur nach unserem Gefühl für Richtung haltend, denn der Himmel war mit Wolken dicht bedeckt, was das Orten des Sonnenstandes verhinderte. Heftige Diskussionen über den richtigen Weg zur Piste begleiteten die Fahrt. Einige größere Rudel Gazellen und Antilopen querten unseren nicht vorgezeichneten Pfad. Das erleichterte die Richtungsfindung, denn Fluchttiere haben die Angewohnheit immer in die Sonne, selbst wenn sie nicht scheint, zu laufen. Da es Nachmittag war, liefen sie demnach von Ost nach West. Diese Erfahrung hat sich gelohnt, denn die breite Hauptpiste war bald gefunden, auf der wir Tillabéri in beginnender Dunkelheit erreichten. Zu unserer großen Erleichterung erfuhren wir vom Kommandanten, dass in Niamey Geld für uns angekommen sei, was wir mit einigen eisgekühlten Bieren von Tuborg feierten. Die Aussicht, wegen Geldmangels nicht scheitern zu müssen, ließ uns für diese Nacht ein Hotel beziehen. Nach ausgiebigem Duschen schliefen wir wieder einmal in richtigen Betten und fühlten uns wie Könige.

One thought on “20. KAPITEL – Konflikt der Generationen – Geisterwelt

  1. Lieber Herbert, danke zum Schließen meiner Bildungslücken: jetzt weiß ich das des Krikri heißt. Deine stories sind wie immer spannend und gut getextet! LG manfred

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