18. KAPITEL – Kamelsuche, Geschichte des Père Ducros – Löwen auf der Piste – Vorbereitungen für Fetischfest

Das Tempo der Kreise, die ich in den quadratisch angeordneten vier Wänden des von mir bewohnten Turmgemachs ziehe, wechselt mit den Stimmungen, die durch meine Eingebungen gesteuert werden. Meine Gedanken drehen mit, oder ist es umgekehrt? Drei Runden im Sinne der Uhrzeiger, drei Runden dagegen. Egal, in welcher Richtung ich mich bewege, sobald ich an einem bestimmten Fenster vorbeikomme, sehe ich die Scheibe des in der Morgendämmerung verblassenden Vollmondes. Quälend sind die Versuche in meiner Erinnerung nach Ereignissen zu suchen, die in den vergangenen Jahrzehnten durch andere tiefgreifende Erlebnisse überlagert worden sind. Hervorgerufen durch die Bewegung des Körpers und der Gedanken im Kreis, befällt mich Schwindel. Die Erkenntnis, dass ich mich hier inmitten der Sahara, einem der wenigen Orte wo noch größtmögliche Freiheit herrscht, gleich einem kriminellen Gefangenen an ewig im Kreise drehendem Denken berausche, belustigt mich. Im Jargon der Wiener Häfenbrüder werden solche Übungen „Hirntschechern“ genannt. Total ungeordnet tauchen Bilder aus vergangenen Zeiten auf. Dieses wiedergefundene Material aus Erinnerungen in geschriebene Worte umzusetzen, ist mir im Moment verwehrt. Wie Nebel steigen Befürchtungen auf, dass ich aus Gründen meines Alters nicht mehr weiterschreiben könnte. Sie trüben meine hoffnungsfrohe Sicht auf zukünftige Schreibarbeit. Das Schreiten in der Runde trägt wenig dazu bei, das Dickicht zu durchdringen. Mehrere Versuche, Kniebeugen auszuführen, ohne dabei am nächstgelegenen Möbel Halt zu finden, scheitern kläglich. Auch diese Erkenntnis meines Unvermögens ist weder aufbauend, noch weiterführend. Ich überlege mir die Möglichkeit, in den Gastraum hinunter zu steigen, und mich zur Hebung der Stimmung aus dem Vorrat an alkoholischen Getränken zu bedienen. Diesen Gedanken verwerfe ich nach einem Blick auf die Uhr, deren Zeiger im rechten Winkel stehen und den Morgen ankündigen. Ich glaube, ich muss hier raus, eine Spur von Ablenkung täte meinem Gemütszustand bestimmt gut. Selbst ein über den Tisch laufender Skorpion wäre bereits hilfreich. Die herrschende absolute Stille wird von Gesprächsfetzen, die aus der Gaststube zu mir heraufdringen, unterbrochen. Nach kurzer Zeit klopft es rücksichtsvoll an der Türe. Es waren keine Schritte die Steige heraufkommen zu hören. Ich richte mich auf und rufe mit munter klingen sollender maskuliner Stimme: „entrez“! Zu meinem Erstaunen betritt Akamouk den Wohnraum. Er hat sich vorher der Sandalen entledigt und geht bloßfüßig, was die Lautlosigkeit seiner Annäherung erklärt. Unsere Fingerspitzen berühren sich gleitend zur Begrüßung. Nie zuvor hat er mein Zimmer betreten. Für ihn ist es von einem Rumi bewohnt, dessen Privatsphäre nicht ohne triftigen Grund gestört werden darf. Demnach muss Wichtiges vorliegen. Ein Kamel ist verschwunden. Keines seiner zwei Mehari, sondern das Lastkamel. Da bei mir der höchste Punkt der Umgebung ist, und man demzufolge weit in die Wüste sehen kann, wollte er von hier versuchen das Tier zu entdecken. Er wechselt von einem Fenster zum anderen und blickt in den beginnenden Tag hinaus. Ich biete ihm meinen Swarovski-Feldstecher an, den er anfänglich ablehnt, nach erfolglosem Umsehen aus Höflichkeit doch annimmt. Er benützt ihn länger als notwendig und schaut damit in alle Richtungen. Das Kamel ist nicht auszumachen. Danach nehme ich das Glas und suche selbst den Horizont ohne Erfolg ab. Er meint, dass er losgehen müsse, um das Kamel einzufangen. Das kommt mir gelegen, und ich biete ihm die Unterstützung mit dem Landrover an. Sichtlich erfreut nimmt er das Angebot an, und ich beginne gleich meine Desertboots hervorzuholen. Wir wären nicht in Afrika, versuchte er nicht, mich davon abzuhalten. Das muss ja nicht sofort sein, es ist Zeit genug, wenn wir morgen früh losfahren.

   Da Akamouk nun einmal da ist, ergreife ich die Gelegenheit und zeige ihm am Bildschirm des Rechners Fotos aus Österreich. Die gefallen ihm recht gut. Aber dann meint er in Bezug auf meine Ausrüstung mit Auto, Computer, Feldstecher usw., dass die Rumis wirklich arm dran sind. Sie brauchen solche Hilfsmittel, die in seinem Leben keine, oder nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Er ist mit dieser Meinung nicht allein, besonders in den Clans im Hoggar gibt es noch Familien, die mehr oder weniger strikt nach ihrer Tradition leben. Das sind Ausnahmefälle in einer Welt, in der die Verlockungen der Zivilisationen konstant stärker Fuß fassen. Vor mehr als zweihundert Jahren begannen europäische Staaten die mit der Kolonialisierung Afrikas. Die Wirtschaft befand sich zu dieser Zeit in einer langjährigen Depression und man suchte Absatzgebiete für Industrieerzeugnisse und Handelswaren. Der Bedarf an Kolonialwaren und vor allem Bodenschätzen wie Kupfer, Zink, Gold etc. stieg durch die gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts immer bedeutender werdende Industrialisierung der Elektrizität. Die meisten europäischen Staaten errichteten Kolonien in Afrika, der belgische König Leopold II. gründete sogar seine Privatkolonie im Kongo, und versetzten den afrikanischen Menschen einen Kulturschock nach dem anderen. Die Methoden Länder zu unterwerfen waren unterschiedlich, und fanden selten ohne Einsatz von Gewalt und Brutalität ab. Nach Beendung des letzten Kolonialkriegs, Italien gegen das Königreich Abessinien (Äthiopien) im Jahre 1936, war das gesamte Afrika erobert. Die Afrikaner wurden mit europäischer Zivilisation konfrontiert, doch kaum mit Kultur aus Europa bekannt gemacht. Das übernahmen die christlichen Religionen, welche allerorten missionierten. Solches Bemühen war natürlich recht einseitig. Zu den drei großen christlichen Richtungen gesellten sich bald aus den USA Missionare der Mormonen und verschiedener weiterer Sekten, die alle versuchten, den Afrikanern das Heil zu predigen und hofften, damit den Islam am Vormarsch zu hindern. Die von den Kolonialmächten vorgezeigte materielle und technische Überlegenheit der Europäer führte den Ureinwohnern unweigerlich den Unterschied zu ihren eigenen Lebensumständen vor Augen. „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“ sagte der Philosoph S. A. Kierkegaard. In Bezug auf die Entwicklung in Afrika ist das sicher treffend. Europa bietet seit Jahrzehnten einzelnen Afrikanern Bildung, vor allem die Oststaaten, die keine Kolonien besaßen, in hohem Maße die DDR, und Balkanländer. Aber auch die Sowjetunion und die Volksrepublik China holten junge Menschen an ihre Universitäten und gewannen durch die dadurch neu entstandenen Bildungsschichten umfassenden Einfluss in Afrika. China führt diese Politik weiterhin konsequent durch, zusätzlich mit enormen Investitionen, die allerdings über Kosmetik nicht hinausgehen. Nur wenige Afrikaner können den Verlockungen der ihnen vorgeführten Zivilisation widerstehen, so wie es Akamouk gelingt. Ihm kommt das Leben in der unendlichen Wüste zu Gute, wo sich zivilisatorische Wandlung und technischer Fortschritt hauptsächlich in den relativ kleinen Ballungszentren manifestieren.

Die Gerbas sind mit frischem Wasser gefüllt, ein Kanister mit Benzin zur Reserve ist verladen, mein Jagdgewehr und der Karabiner Akamouks sind verstaut. Wir begeben uns bei Tagesanbruch auf den Weg, der Targi gibt die Richtung an. Für mich bedeutet diese Fahrt einen besonderen Kick, weil ich die Pisten aus Gründen der Orientierung bisher nie wesentlich außerhalb der Sichtweite verlassen habe. Verloren gegangene Kamele halten sich allgemein nicht an diese Regel. Wir fahren nach Norden, den aus dem Wüstenboden herauswachsenden Büscheln Cram-Cram sorgfältig ausweichend. Die Wurzeln und Stiele des grünen Grases kleben mit dem angewehten Sand wie Zement zusammen und werden dadurch zu grün bewachsenen steinharten Hügeln. Wenn man die mit hohem Tempo anfährt, ist es möglich, dass ein Auto solchen Schaden nimmt, dass es liegen bleibt. Akamouk scheint einer für mich unsichtbaren Spur zu folgen. Wie er das macht, weiß ich nicht. Da wir keine Wellblechpiste unter den Rädern haben, kann ich das Tempo so anpassen, dass er die Fährte nicht verliert. In den Stunden des Fahrens in der Wüste erfasst mich stets ein außerordentliches Glücksgefühl. Es ist wunderbar, ganz einfach nur dahinzufahren, wo keine Verkehrsampeln Halt gebieten, oder Beschränkungen der Geschwindigkeit zu beachten sind. Unser Tempo ist sowieso durch die Beschaffenheit des Geländes vorgegeben. Es gibt keine die persönliche Freiheit beschneidenden Regeln zu beachten, außer die Ge- und Verbote, die Selbsterhaltungstrieb, Moral und Ethik gebieten. Ich verstehe Akamouk mit der Zeit immer besser. Durch den Wegfall all der Einschränkungen scheinen sich die natürlichen Sensoren des Wüstenbewohners zu schärfen und damit sein Überleben zu garantieren. Neben den ethnischen Gegensätzen unterscheidet dieses Wesensmerkmal die Menschen der Sahara von den Bewohnern des zivilisierten Nordens. Auf unserer Fahrt nach Norden, bei meinen Spaziergängen zu Fuß bin ich noch nie so weit gekommen, sehen wir das Wrack eines Peugeot 203, das bis zur Hälfte vom Erdreich verschlungen und mit Treibsand bedeckt ist. Das ist das Denkmal einer Tragödie, die sich wahrscheinlich vor ungefähr sechzig Jahren hier zugetragen hat. Viele der Soldaten aus dem Norden Algeriens, die nach dem Befreiungskampf in die Sahara gesandt wurden, sind in den Weiten der Wüste verschollen, verhungert, verdurstet.

Wir fahren weiter, der Richtung folgend, die Akamouk angibt. Meine Gedanken sind in der Vergangenheit, und da geschieht es, dass ich einen gefährlichen Anfängerfehler begehe. Eine hellere Stelle in der flachen Hamada bringt das Auto abrupt zum Stehen und ist trotz Allradantrieb und eingeschaltetem Zwischengetriebe nicht mehr aus dem Sandloch zu bewegen. Schuldbewusst schaue ich zum Beifahrer am Nebensitz, der meinen Blick mit blauen Augen offen erwidert. Seine Bemerkung, dass mit einem Kamel so etwas nicht passieren kann, empfinde ich in diesem Moment als süffisant und eher unangebracht. Es hilft nichts, wir müssen aussteigen und graben. Das ausgiebig, denn der Landrover sitzt auf den Achsen auf. Wir schaufeln in der beginnenden Tageshitze, positionieren die Sandbleche unter die Räder. Der Motor springt anstandslos an, erster Gang hinein und mit viel Gefühl langsam die Kupplung loslassen. Wie von Engeln getragen klettert das Auto die Bleche hinauf und fährt auf diesen ohne Anstrengung aus dem Sandloch. Die Sandbleche sind schwer mit Sand bedeckt und es bedarf ziemlicher Kraftanwendung, um sie herauszuholen. Nachdem sie wieder an den Seitenwänden des Rovers befestigt sind, trinken wir von dem kühlen, ja kalten Wasser aus den Ziegenhäuten. Wir fahren weiter in Richtung einer Sanddüne, die sich aus dem Hitzeflimmern der Ebene erhebt. Es macht den Eindruck, als läge sie inmitten eines Sees. Sie wächst im Näherkommen zu enormer Höhe. Auf die halten wir direkt zu und kommen zu einer von der Düne erstickten Oase. Konturen ehemaliger Lehmbauten, einige verdorrte Reste von Akazien, aber auch zwei Palmen mit grünen Blättern ragen aus dem meterhohen Sand. Demzufolge muss es hier Wasser geben. Wir steigen aus dem Auto und eine außergewöhnlich große Menge Fliegen summt um uns herum und versucht an den Augen, am Hals, am ganzen Körper zu landen. Akamouk zieht seinen Tegelmust über das Gesicht und ist damit bis auf die Augenpartie vollständig geschützt. Fliegen in der Sahara sind keine Seltenheit. Selbst mitten in den Sanddünen sind diese Quälgeister lästig. Man wundert sich, wie die dort überleben. Sie ernähren sich von Mikroorganismen, die durch Wind herangetragen werden. Die genügen ihnen zur Feuchtigkeitsaufnahme und sind damit unabhängig von Flüssigkeit. Schweiß einer Menschenhaut, egal welcher Farbe, bedeutet für diese Insekten eine selten zu findende Delikatesse. Ein Kamelkadaver bei einer der Palmen erklärt die Konzentration der Fliegen. Der wieder höher steigende Wasserspiegel scheint nicht nur das Kamel Akamouks angelockt zu haben. Wir finden es am Rande der Sanddüne wo es sich friedlich an den dort wachsenden Grasbüscheln und sprießenden Akazienzweigen delektiert. Es hat mit seinen Vorderbeinen so tief eine Mulde gescharrt, bis Feuchtigkeit hervortrat, ja sogar eine bescheidene Menge Wasser ist am Grunde des Loches zu sehen. Akamouk meint, die Ansiedlung ist seit mehr als zehn Jahren verlassen, und weil in dieser Zeit niemand Grundwasser entnommen hat, ist der Spiegel wieder gestiegen.

Akamouk nähert sich langsam dem Ausreißer. Der macht ein paar eher lustlose Schritte zur Flucht, der Targi greift schnell nach dem Strick, der noch vom Maul des Kamels hängt und lässt das Tier niederlegen. Mit den bekannten Unmutsäußerungen folgt es anstandslos. Eine Gerba wird ihm auf den Hals gelegt und Akamouk prophezeit, dass er morgen zu Mittag sicher in der Auberge sein werde. Ich hingegen solle ohne Umstände zurückfahren. Er versichert mir noch, sollte ich wieder im Sand stecken, er würde sowieso vorbeikommen, um mir beim Schaufeln zu helfen. Ich unterdrücke eine Bemerkung dazu. Das bekommt er bei nächster Gelegenheit zurück, denke ich mir, bin aber froh, dem Fliegenschwarm entrinnen zu dürfen, und folge meiner eigenen Spur in Richtung Auberge. Bei Einbruch der Dunkelheit taucht die mir bekannte Silhouette des Wohnturmes am Horizont auf.

Tuareg vor Wanderdüne in der Sahara

Téra versank teilweise in Morast. Den ganzen Tag hat es immer wieder geregnet. Spät am Nachmittag kam die Sonne heraus, doch die hohe Luftfeuchtigkeit blieb. Der Schweiß trocknete nicht, Hemden und Hosen klebten an den Körpern der Menschen. Auch aus diesem Grund war die Einladung des Commandant du Cercle, Monsieur Aillot, zu einem Abendumtrunk sehr willkommen. Auf dessen Terrasse verbrachten wir den Abend. Außer uns waren noch Père Ducros von der Mission in Niamey, der nahe Tillabery ein Dorf besuchen wollte und hier in der kleinen katholischen Station untergebracht war, sowie der schwarze Adjutant des Kommandanten eingeladen. Ich wurde wieder einmal dazu verdonnert, die Stimmung durch Mozart und Sidney Bechet als Hintergrundmusik zu heben. Das anfänglich sich nur mühsam dahinschleppende Gespräch wurde durch den Alkohol, dem wir seit mehreren Tagen entwöhnt waren, rasch lebhafter. Der Gastgeber war unglaublich schnell mit der Flasche bei der Hand, wenn es galt nachzuschenken. Bei Père Ducros holte er sich einen Korb nach dem anderen, trotzdem versuchte er immer wieder den schlanken, asketischen Missionar zum Trinken zu bewegen. Der Geistliche widerstand lächelnd. Das war für uns nichts Neues, denn wir kannten ihn aus der Hauptstadt Niamey, wo ich eine Predigt von ihm aufgenommen hatte und durch verschiedene gesellschaftliche Ereignisse. Seine Güte und Freundlichkeit waren bisher von keinem seiner Schützlinge ausgenützt worden, man hatte viel zu viel Respekt vor ihm. In dem sehnigen Körper wohnten ungeheure Energie, Willenskraft und Geduld. Die Arbeit, die er mit den Schwarzen während der Regenzeit hatte, war enorm. Seine Mission bestand darin, dass er sich über diese Zeit in ein entlegenes Dorf zurückzog und dort den Eingeborenen half, ihr kümmerliches Dasein etwas zu erleichtern. Er sprach ihnen nicht nur geistlichen Trost zu, sondern legte auch kräftig selbst mit Hand an, wenn es etwas zu reparieren oder Arbeitsabläufe praktischer zu machen gab. Nebenher arbeitete er an einer Übersetzung verschiedener Sprachen der Region, wie Haussa, Songhai und Djerma. Das erregte besonders meine Aufmerksamkeit, da wir für das Institut für Afrikanistik der Universität Wien und das Phonogrammarchiv Diktionäre akustisch dokumentieren sollten.

Père Ducros kannte unsere Aufgaben und nahm sie keinesfalls als Spielerei. Er war beruflich mehrmals mit Fetischeuren zusammengekommen und wusste eine Menge über diese Auserwählten zu verraten. Der Missionar war als schweigsam bekannt, was uns in unserem Forscherdrang nicht daran hinderte, ihn eben darum zu bitten. Wir waren deshalb erstaunt, als er offensichtlich dazu ansetzte, eine Geschichte zu erzählen. Ich hatte so viel Zeit ein neues Band einzulegen und das Mikrofon am Magnetophon anzuschließen, dann begann er, weit in den Stuhl zurückgelehnt, seine Geschichte (direkt vom Band der Aufnahme transkribiert):

„In der Nähe des Marigot von Gorouol, einem toten Flussarm, lebte in einem Dorf namens Yatakala ein Zauberer, ein Zimma. Er wachte eifersüchtig über seine schwarzen Dorfbewohner und hatte einen Kummer, einen durch das Gebiet reisenden Marabut, einem moslemischen Prediger, der unermüdlich versuchte, die Schützlinge des Zimma zum Islam zu bekehren. Dieser Mann erschien von Zeit zu Zeit in dem Dorf. Der Zauberer unternahm nichts gegen ihn und ließ ihn gewähren.  Aber einmal erwartete er ihn bereits vor dem Dorf und machte ihm den Vorschlag, in aller Öffentlichkeit ihre Kräfte zu messen. Dem Marabut blieb nichts anderes übrig, als die Herausforderung anzunehmen. So führte der Fetischeur seinen Gegner inmitten aller Dorfbewohner auf den Platz vor der Fetischhütte. Dort ließen sich die beiden nieder und breiteten ihre Kultgegenstände vor sich aus. Lange saßen sie sich so gegenüber und murmelten. Der eine Suren aus dem Koran, der andere Beschwörungsformeln für seine Geister. Da machte der Zauberer mit einem Male eine Bewegung mit den Händen und der

Marabut war über und über bedeckt mit roten Ameisen! Die sind für ihre kräftigen Zangen und besonders schmerzhaften Biss bekannt. Sicher ein Taschenspielertrick, aber er tat seine Wirkung. Blitzschnell krochen hunderte dieser Insekten unter das Gewand des Mannes, der, gequält von den Bissen, aufsprang und zum Wasser rannte. Der Zimma blieb Sieger und der Marabut vermied in Zukunft Besuche in dem Dorf.

Und genau in dieses Dorf sollte ich vor zwei Jahren das Christentum tragen. Mir war die Geschichte bekannt und man kann sich vorstellen, mit welchen Gefühlen ich in Yatakala ankam. Am Dorfeingang wartete bereits der Zauberer, umgeben von seinen Vertrauten. Wir sahen uns in gegenseitigem Misstrauen eine Weile an. Es fiel ihm nicht ein, mich willkommen zu heißen. Er war finster und feindselig. Niemals werde ich seine Augen vergessen, als er mich fragte, was ich wolle. Ich war damals überzeugt, Mordgedanken in ihnen lesen zu können. Es war mir klar, dass ich für ihn ein weit größerer Feind sein musste,

als der Marabout, dem er so übel mitgespielt hatte. Ich antwortete ihm klar und eindeutig, dass ich hier sei, den Menschen von dem einzigen Gott zu erzählen. Soll ich ihnen schildern, was in mir dabei vorging? Wenn er ablehnte, oder sich offen gegen meinen Besuch stellte, dann war meine Mission so gut wie beendet. Die Angst und der Respekt der Dorfbewohner vor dem Zimma waren viel zu stark, als dass sie mich geduldet hätten. Einige von ihnen waren zwar offen, aber niemand würde ein Wort mit mir sprechen, sie würden sich vor mir verstecken. Das waren meine Gedanken und ich habe in die von mir gegebene Antwort alle meine Gebete gelegt.

Ja, sagte er auf Songhai, ich wusste, dass du kommst. Eine Hütte ist bereit, Du wirst uns von Deinem einzigen Gott erzählen.

Dabei lachte er mir höhnisch ins Gesicht. Ich hatte das Gefühl, hier nicht mehr lebend herauszukommen. Der Zauberer grinste und trat mit einer Handbewegung zur Seite, die alle Anwesenden dazu veranlasste, eine Gasse zu bilden. Langsam, ohne ein Wort zu erwidern, ging ich in die Richtung, in der ich den Dorfplatz vermutete. Vor mir lief eine Meute Schwarzer und ich erreichte bald eine der größten Hütten des Dorfes. Man hatte sie ausgeräumt. Sie wartete auf mich. Ich konnte mir nicht erklären, woher man über mein Eintreffen wusste. Ich ließ mich in der Hütte nieder, denn ich war wie erschlagen und begann zu überlegen. Dass der Zauberer mich nicht ungehindert predigen lassen würde, das war mir klar. Aber was plante er? Musste ich nicht hinter jeder Ecke, ja bei jedem Schritt eines seiner gefährlichen Kunststücke erwarten? Und würde er mich so relativ gut wegkommen lassen, wie den Marabout? Mein kleiner Songhaijunge, der für mich dolmetschte, klebte beinahe an meinen Füßen. Er hatte wahnsinnige Angst. Dabei war er als Christ geboren und in der Missionsschule erzogen worden. Ich sah ein, dass ich dem Knaben ein Beispiel geben musste, wenn ich nicht zulassen wollte, dass er instinktiv wieder in den Teufelsglauben seiner Ahnen zurückfiel. Laut begann ich zu beten, und sah, dass das seinen Eindruck auf den Vierzehnjährigen nicht verfehlte. Später brachte man mir zu essen. Ich lachte laut auf, als man mir die Kalebasse zur Tür hereinstellte, denn jeder, der hier mit den Eingeborenen zu tun hat, der weiß, welche Künstler sie im Giftmischen sind. Natürlich aß ich keinen Bissen, aber die Tatsache, dass man mir Essen brachte, hatte in mir die völlige Gewissheit erstehen lassen, dass man mir nach den Leben trachtete.

Die Zeit der Predigt rückte näher. Das Dorf versammelte sich um die Fetischhütte, vor der ich sprechen sollte. Konnte ich es wagen, einen anderen Platz zu verlangen? Ich war sicher, dass ich etwas zu befürchten hatte. Besonders als ich sah, dass sich der Zauberer unter die Wartenden gemischt hatte. Als ich vor die Hütte trat, beteuerte er mir mit scheinheiliger Miene, dass er auch zuhören wolle. Sosehr ich mich auf dem Weg zur Fetischhütte auch umsah, ich konnte nichts Verdächtiges bemerken. Nicht einen Augenblick ließ mich der Medizinmann aus den Augen. Als ich zu sprechen begann – ich gebe zu, dass mir bei den ersten Worten die Stimme vor Nervosität beinahe versagte. Ich sprach wie in Fieber. Heute weiß ich nicht mehr, was ich gesagt habe. Der Zauberer verfolgte jede meiner Bewegungen mit den Augen, die mir weh taten. Ich erinnere mich, dass ich schnell sprach, ich hatte keine Zeit! Jeden Augenblick konnte ich durch irgendetwas unterbrochen werden. Ich musste die Zuhörer packen. Während der junge Gehilfe meine Sätze verdolmetschte, hatte ich Zeit gehabt mich zu fassen, aber mein Hirn arbeitete zu krampfhaft. Ich suchte nach Gleichnissen, die verständlich waren. Es suchte nach Formen, die aus dem Leben der Schwarzen gegriffen waren. Ihre Tierwelt, die Trockenheit und das Mil als Grundnahrungsmittel mussten in die Predigt hinein. Langsam merkte ich einen geringen Widerhall. Und mit ihm überbrückte ich alles, was mich hemmte. Ich sprach mich in eine Begeisterung und fühlte immer mehr, wie die Menschen an meinen Lippen hingen. Die Augen des Zauberers spürte ich nicht mehr. Ich sah, dass die Hühner, die sich auf den Platz wagten, sofort verjagt wurden. Das ist bei den Negern ein Zeichen von außerordentlichem Interesse.

Als ich geendet hatte, starrten mich die Leute an, als wäre ich einer ihrer mächtigen Geister. Die Runde war so tief beeindruckt, dass mir Tränen in die Augen traten. Ich sagte ihnen noch einige sehr freundliche Worte und hieß sie in ihre Hütten gehen um nachzudenken über alles, was sie gehört hatten. Den Zauberer hatte ich völlig vergessen. Jetzt bemerkte ich ihn, unbewegt und finster. Er fixierte mich noch immer. Als auch er wegwollte, fasste mich ein… wie soll ich es nennen, ein unbezwingliches Verlangen danach, einige Worte mit ihm zu wechseln. Ich sprach ihn an und fragte ihn, ob er verstanden hätte. Er nickte. Ich fragte ihn, ob er mir glaube, und wieder nicken. Das kam für mich überraschend, dass ich deutlicher fragte: Glaubst Du, dass Jesus Christus wirklich und wahrhaftig Gott ist?‘

Abermals bejahte er schnell. Ich war so verblüfft, ich konnte nicht anders, als ihn zu fragen, warum er mir alles glaube, da ich doch das erste Mal zu ihnen gesprochen habe. Seine Antwort war: ,Ich kenne sehr viele Menschen, aber ich habe noch nie einen gesehen, der für die zu sterben wünscht, die ihn töten wollen. Er muss Gott sein.‘Das war die Antwort eines Zauberers der Wilden, die das erste Mal eine Predigt hörten.“

Kopecky, der Französisch nicht verstand, nervte uns mit seiner ständig wiederholten Frage: „wassagter?“. Deshalb übersetzten wir abwechselnd die für ihn unverständliche Erzählung. Er war während dieser sehr still und blass geworden, zog plötzlich die Sinnhaftigkeit der geplanten Aufnahmen des Yenendi in Zweifel und schlug vor, umgehend nach Niamey zurückzufahren. Wir aber blieben tief beeindruckt noch einige Zeit sitzen, weil sich ein interessantes Gespräch entwickelte. Père Ducros bekam bewunderndes Lob zu hören, doch er meinte, „dass der Erfolg seiner Bemühungen wahrscheinlich nicht von Dauer war. Man müsste immer bei ihnen sein können. Man sollte nicht weggehen müssen nach einigen Monaten. Wie Kinder vergessen sie so leicht. Es gibt zu wenig Missionare, nämlich nur acht an der Zahl im gesamten Gebiet von Niger. Der Staat ist etwa dreieinhalb Mal so groß wie Frankreich, bewohnt von zweieinhalb Millionen Afrikanern, die aus verschiedenen ethnischen Gruppen stammen.“ Wir verabschiedeten uns von ihm mit dem Versprechen, in Niamey wieder zusammenzutreffen.

Das waren die Verhältnisse im Jahre 1956. Wir benützten die Gelegenheit diesen erfahrenen Priester mit dem langen schwarzen Bart nach Fetischkulten und autochthonen Religionsfesten zu befragen. Der Abend brachte uns in unserer Arbeit ein gutes Stück weiter, musste aber bald beendet werden, da es inzwischen recht spät geworden war und einige Blitze und Donnergrollen aus der Ferne den nächsten Regen ankündigten. Père Ducros sollte noch vor Eintreffen des Gewitters die Missionsstation erreichen, und wir waren von den vielen Informationen und dem ungewohnten Alkoholgenuss ohnehin recht erschöpft. Darüber hinaus stand Mackie und mir die Aufgabe bevor, Hans Kopecky von der Ungefährlichkeit unseres bevorstehenden Unternehmens zu überzeugen. Ich packte mein Magnetophon zusammen, drückte Hans die Tonbänder in die Hände, nicht ohne ihn auf die Verantwortung hinzuweisen, die dem Transport dieser heiklen Fracht in die Garage zukäme. Eine Bemerkung, die mir sicher demnächst wieder Ärger mit ihm einbringen würde, ihn aber für den Moment von seinen Sorgen und Ängsten ablenkte.

Der nächste Tag war ausgefüllt mit Vorbereitungen für die geplanten Aufnahmen in Begouriou Tondo Kangé. In der gesamten Stadt fanden heute Festlichkeiten zum Ende des Ramadan statt, die bereits in den frühen Morgenstunden mit Trommeln und Geschrei begonnen hatten. Aus der näheren und weiteren Umgebung waren sie gekommen, die Moslems und die Ungläubigen der verschiedenen Stämme, wie Djerma, Touareg, Bella und Songhai. Sie alle feierten das Ende des Ramadans ausgiebig und geräuschvoll. Abordnungen zogen zum Sitz des Kommandanten, um ihn zu begrüßen und schlichte Geschenke zu überreichen. Handarbeiten, Schmuckgegenstände und kleinere Haustiere. Monsieur Aillot schüttelte unzählige Hände und verschenkte an die zahlreichen Besucher als Gegenleistung Stoffe, dunkelblau für die Touareg, bunte für die anderen. Genauso Salz, Messer, Taschenlampen mit Batterien, Angelhaken und Zierknöpfe wurden gerne von den Eingeborenen entgegengenommen.

Festtrommeln zum Abschluss des Ramadan

Mackie und Kopecky begaben sich am Vormittag ins Zentrum von Téra, um unsere Verpflegung für die nächste Woche zu besorgen. Wobei sie sehr umsichtig mit unserem Vorat an Geld vorgehen mussten, da wir noch nicht wussten, ob und um wieviel  der Humber in Niamey verkauft wurde. Mackie wäre nicht er gewesen, hätte er nicht an einen fünf Liter Rotwein fassenden „Ballon“ gedacht. Währenddessen kümmerte ich mich um die Bärenbatterien, sie waren ein grundlegender Baustein für meine Technik. Ich prüfte deren Säurestand, füllte destilliertes Wasser nach und „pufferte“ sie vorsichtshalber mit dem mitgebrachten Ladegerät. Das Funktionieren von Einankerumformer in Kombination mit dem Tonbandgerät musste gecheckt werden. Den Vergaser vom IFA legte ich trocken und startete den Motor. Das musste leider bei geschlossenem Tor geschehen, denn die vorbeiziehenden, das Ende des Ramadan feiernden Massen, hätten aus Neugierde sicher auch die Garage überflutet. Durch den laufenden Zweitaktmotor des IFA füllte sich die Garage mit milchigem Nebel, bläulich und beißend. Sehr zum Leidwesen meiner Kollegen, denn nachdem sie heimkamen, fluchten sie laut über den Gestank in der Garage. Das war mir durchaus egal, Hauptsache der Wagen lief. Mackie versuchte den zweiten, rechten Scheibenwischer am F9 zu reparieren, der genau vor seinem „Kommandoplatz“, dem Beifahrersitz, die Klarsicht herstellen sollte. Mackie hatte auf dieser Reise schon mehrmals sein Unverständnis für Technik aller Art bewiesen. Nachdem wir den Inhalt des Weinballons bis zu dessen Hälfte verringert hatten, folgte eine durch überbordenden Festlärm von außen gestörte, unruhige Nacht. Banjou, unser Dolmetsch, weckte uns durch heftiges Klopfen am Tor. Der Wettergott meinte es gut mit uns, denn obwohl der Himmel mit schwarzen Wolken tief verhangen war, regnete es nicht. Banjou saß neben Kopecky auf der Rückbank. Unterwegs fragte er uns, warum wir das alles hier täten, ob wir keinen Beruf hätten? Mackie erklärte ihm, dass wir für die Wissenschaft als Feldforscher nach Afrika gefahren sind. Wir sollten alles über die Sitten und Gebräuche der Menschen hier erfahren, sowie diese für Universität, Museum und Akademie der Wissenschaften dokumentieren, und um daraus für uns selbst zu lernen. Das war das Zauberwort, das uns einen Einblick in sein Leben erlaubte. Sein Leben war bezeichnend für einen Großteil der Bevölkerung im Staate Niger, regionale Besonderheiten ausgenommen. Er wuchs als Moslem auf, besuchte die Koranschule, aber auch die offizielle nationale Schule und verbrachte kurze Zeit in einer katholischen Mission. Er diente etliche Jahre beim Militär und arbeitete manchmal als Dolmetscher. Wir müssen sein Vertrauen genossen haben, denn er erzählte, dass seine Mutter eine „Hole Tam“ gewesen war. Sie war so eine Geistersklavin, ein Medium der Medizinmänner, wie wir es bald mit Ton und Foto zu dokumentieren hofften. Gewissermaßen unter vorgehaltener Hand vertraute er uns an, die meisten seiner Freunde und Bekannten würden den Religionen ihrer Väter folgen, egal ob sie nun Moslem oder Christen wären. Die alten Geister könnten doch nicht einfach verschwinden.

Die Fahrt musste einmal unterbrochen werden, weil sich ein Liebespaar mitten auf der Piste räkelte. Mackie wollte die Löwen unbedingt schießen, was ich mit Unterstützung von Banjou verhindern konnte. Die Löwen in Westafrika befinden sich nicht nur im Aussterben, sondern sind auch lange nicht so stark und prächtig wie ihre ostafrikanischen Kollegen. Ich erinnerte an unsere bevorstehende Arbeit, aber Banjous Bemerkung, die zu erlegen würde ein schlechtes Omen bedeuten, gab den Ausschlag. Mackie war im Grunde seines Herzens ziemlich abergläubisch. Kopecky saß mit weit aufgerissenen Augen zusammengekauert auf dem Rücksitz und meinte, dass man aus dem Auto heraus nicht fotografieren könne. Der Aufforderung Mackies, die Tiere durch Hupen zu verscheuchen, konnte ich nicht Folge leisten, weil die Halterung der Hupe bereits nach den ersten Kilometern im Norden der Sahara, den Erschütterungen durch die Wellblechpiste nicht standgehalten hatte. Wir warteten im Auto sitzend und diskutierend so lange, bis sich das Pärchen erhob, und unendlich langsam von der Piste fortbewegte.

Wir schafften die vierzig Kilometer in einer Rekordzeit von drei Stunden, dann sahen wir Begouriou Tondo Kangé vor uns in einem Tal liegen. Es war ein Dorf wie jedes andere in der Gegend. Dicht drängten sich die Hütten auf der sorgfältig gerodeten Buschlichtung. Wir fuhren so weit, bis die Piste in einen schmalen Dorfweg mündete. Ein Meute Hunde umringte uns kläffend, einige Hühner waren zu sehen und ein paar nackte Negerkinder liefen auf uns zu. Darunter fanden sich ganz junge Mädchen, bekleidet mit einer Art Schurz, die auf ihrer Hüfte kleine Kinder balancierten, ihre jüngeren Geschwister. Keine Erwachsenen zeigten sich. Es lag eine merkwürdige Stimmung über dem Hauptplatz des Dorfes. Trotz des Kläffens der Hunde und dem Krähen eines Hahnes hörten wir Stimmen vom anderen Ende des Dorfes. In diese Richtung gingen wir. An die letzten Hütten anschließend, öffnete sich eine mit einem dürftigen Zaun zum Busch abgegrenzte ebene Fläche, auf der sich die gesamten Einwohner von Begouriou tummelten. Die Vorbereitungen zu dem Kultfest waren voll im Gange. Yabilan, der Zauberer, war in ein Gespräch mit dem Chef du village vertieft, der bei unserem Anblick sofort unterbrach und in der Menge verschwand. Yabilan begrüßte uns freundlich und wir durften uns frei bewegen und die Gegebenheiten begutachten. Große, halbe Kalebassen waren mit der Öffnung nach unten in die Erde eingelassen, Matten und Teppiche lagen für die „Hole N‘kainas“, die Geistermusiker und dem Zauberer bereit. Die eigentliche Opferstätte bestand aus zwei mannshoch an Stangen befestigten Tongefäßen in Halbkugelform. In sie floss später das Blut der Opfertiere. Es gab hier keine Götzen- oder Ahnenfiguren wie in anderen Gebieten Afrikas wo Opferrituale gefeiert wurden, über die das Blut geschüttet wurde. Die Gefäße waren die „Hampis“, deren eigentliche Bedeutung sich uns zu diesem Zeitpunkt nicht erschloss.

Hampi. Ritualgefäße für Opferblut. Niger

Mackie war wegen des Problems mit dem Häuptling besorgt. Obwohl Yabilan ihn beruhigte, suchte er in der Menge nach dem Chef du village. Er fand ihn und bat ihn auf die Seite. Der Mann sprach gut Französisch, dadurch konnten sie ohne Dolmetscher unter vier Augen verhandeln. Nach langen Erklärungen unseres Expeditionsleiters, die alle auf deutliche Ablehnung stießen, gab Mackie seinem Herzen einen Stoß und holte aus der Hemdtasche ein paar Scheine CFA heraus. Die übergab er dem Chef mit der Bemerkung, das Geld sei zur Abdeckung der Kosten bestimmt, die wir dem Dorf durch unsere Anwesenheit verursachten. Diesem Angebot konnte der Häuptling nicht widerstehen, er steckte die Geldscheine flink ein und verschwand wieder in der Menge. Wir durften nun ziemlich sicher sein, dass er uns zwar hasste, aber nicht sabotieren würde. Sogar eine Hütte bekamen wir zugewiesen, deren Dach, wie wir später bemerken mussten, nicht lückenlos dicht war. Wir konnten unsere Luftmatratzen, Kochgeschirr und die spärlichen persönlichen Gegenstände dort lagern. Das Auto mit meinen Arbeitsgeräten und den Waffen fuhren wir um das Dorf herum und stellten es so weit vom Ort des Geschehens ab, wie die Länge meines Mikrofonkabels mit einer Verlängerung reichte. Der IFA stand knapp außerhalb der Schatten spendenden Äste eines Baumes, die in der glühenden Mittagshitze die Sonne vom Auto hätten abhalten können. Langsam füllte sich der Platz mit Dorfbewohnern und bunt gekleideten Gästen, die von weither angereist waren.

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