16. KAPITEL – Überfall – Nilpferdjagd – Niamey

Meckern und das Getrappel einer Ziegenherde, die langsam an meiner Behausung vorbeizieht, wecken mich. Durch die breiten Spalten der rohgezimmerten Türe zu dem Zimmer dringt schon helles Licht, in dem Staubpartikel tanzen. Ich krieche aus der wohligen Wärme meines Schlafsacks und versuche in der Dunkelheit die Konturen des Schlafgemachs zu erkennen. Außer der Türe gibt es keine Öffnungen nach außen, nicht ein Fenster. Das ist gut durchdacht, denn dadurch werden sowohl Kälte, als auch mittägliche Hitze draußen gehalten. Mit einem Anflug von Heimweh denke ich dabei an die Weinkeller in Österreich, die ähnlich konzipiert sind. Diese emotionelle Aufwallung ist sofort vorbei, als ich das Tor aufstoße und in den werdenden Morgen blicke. Die Sonne steht knapp unter dem Horizont, am Himmel blinken noch ein paar der hellsten Sterne, die Ziegen haben sich verzogen und es herrscht absolute Ruhe. Die Bewohner des Dörfchens scheinen nach der anstrengenden Nacht noch zu schlafen. Ich beschließe, die Kühle des Morgens für einen Spaziergang zu nützen und dem naheliegenden Teich einen Besuch abzustatten. Der Weg führt mich über den großen leeren Dorfplatz, an den gelöschten Feuerstellen vorbei, deren graue Asche und ein paar abgenagte Knochen der gebratenen Hammel Zeugnis von dem gestern und heute Nacht stattgefundenen Fest geben. In der herrschenden absoluten Stille sind meine Schritte derart laut, dass ich unwillkürlich versuche, leiser aufzutreten. Außerhalb der Siedlung angelangt, führt der Weg bergab zum Wüstensee. Das Ufer ist mit Abdrücken menschlicher Füße und tieferen Spuren von Tieren übersät und sinkt flach ins glasklare Wasser hinab. Ich entledige mich meiner Hose und meines Hemdes und wate in das an der Oberfläche angenehm temperierte Wasser. Ich schwimme mit wenigen Schwimmbewegungen zum anderen Ende des Sees und wieder zurück. Das wiederhole ich einige Male und fühle mich wie ein König, der morgens allein in seinem Swimmingpool ein paar Schwimmzüge macht. Die Sonne schickt ihre ersten warmen Grüße durch die Blätter der Palmen, am Ufer haben sich Frauen und Mädchen weithin hörbar lachend und plaudernd versammelt. Sie holen Wasser mit Kübeln und Tonkrügen aus dem See und verschwinden wieder im Dorf. Ich ziehe mich über die nasse Haut an. Als ich den Platz im Zentrum erreiche, ist bereits alles getrocknet.

Die Stille ist verschwunden, auf dem Platz haben sich Menschen eingefunden, viele Kinder darunter. In der Mitte liegen sechs Kamele, die von Touareg in ihren weißen und blauen Gewändern anscheinend für eine Reise beladen werden. Einen Targi davon erkenne ich wieder, er steht mit einem anderen ruhig in ein Gespräch vertieft und beteiligt sich nicht an den Tätigkeiten. Es ist einer der bevorzugten Gäste, die beim vergangenen Fest neben mir am Teppich gesessen sind. Es sind seine nicht adeligen Diener, die die Arbeiten verrichten. Hier, in der Abgeschiedenheit des Hoggar, gelten bis heute die alten Gesetze der Hierarchien. In die unwillig klingenden Gurgelgeräusche der Kamele mischt sich das Meckern von zwei Ziegen, die an Leinen hängen, deren andere Enden unter einem schweren Stein eingeklemmt sind. Begleitet von einem Tross schnatternder und höchst neugieriger Kinder, die ich auf ein Alter zwischen sechs und zwölf Jahren schätze, begebe ich mich zu meiner Behausung. Doch kurz vor dem Eingang bin ich wieder allein, die Kinder haben sich verkrümelt. Rücksichtnahme auf Privates, die ich mehrmals bei sogenannten „Primitiven“, egal welcher Ethnie, rund um den Erdball erleben konnte. Ich betrete den dunklen Raum und werde von Akamouk begrüßt, der bei meinem Eintritt vom Feldbett aufspringt. Er lädt mich zu einem Frühstück bei seiner Freundin ein, bei der er die Nacht verbracht hatte. Am Weg dorthin meint er, dass er gerne möglichst schnell zur Auberge du soleil zurückkehren, also sein Volk hier verlassen möchte. Er hätte seine Pflicht getan und den jungen Iyad gesund wieder heimgebracht, niemand würde ihn hier noch benötigen. Mir war es Recht, und ich stimme einer frühzeitigen Abreise zu. An einer langgestreckten Mauer mit nur einem Eingang stehen die bis jetzt nicht beladenen drei Kamele Akamouks. Er betritt den Hof als Erster und geht auf das aus Lehm gebaute groß dimensionierte Wohnhaus zu. Ein Anwesen dieser Größe muss einer einflussreichen Familie gehören. Meine Annahme wird durch Akamouk bestätigt, sie gehört zum Clan des aktuell herrschenden Amenokal, dem Chef aller Touareg. An einem Platz in der Nähe des Hauses steht ein meisterlich aus rohen Holzstangen errichteter und mit Leder gedeckter Baldachin. Auf einer offensichtlich fixen Feuerstelle kocht bereits Teewasser in der typischen Kanne aus blauem Email. Sie wird von einer ausnehmend hübschen, ja schönen jungen Targia gehütet. Sie trägt eine Menge Silberschmuck und ist gekonnt geschminkt. Ich kann Akamouk verstehen und bewundere seinen guten Geschmack. Sie bleibt, das ist ungewohnt, an der Feuerstelle sitzen, als wir uns auf den ausgebreiteten kleinen Teppichen niederlassen. Mit ruhigen eleganten Bewegungen bereitet sie nach alter Tradition den Tee. Akamouk erklärt mir, dass sie in Oran und Algier Wirtschaft sowie Agriculture studiert und die durch Politik erzwungenen Ferien hier zu Hause verbringt. Täusche ich mich, oder vermeine ich zu sehen, dass sie meinem Freund verliebte Blicke zuwirft? Wir beginnen ein anregendes Gespräch über verschiedene Möglichkeiten die karge Landschaft der Sahara wirtschaftlich zu nützen. Ihre Intelligenz beweist sie, indem sie ihr perfektes Französisch umgehend meinen bescheidenen Sprachkenntnissen anpasst, sodass eine recht flüssige und interessante Unterhaltung gut möglich war. Sie möchte, gleich wie es die Bauern im Sahel seit einiger Zeit mit Erfolg ausführen, auch hier den Hoggar mit Pflanzungen kultivieren. Auf meinen Einwand wegen der Wasserarmut meinte sie, man könne nach anfänglich künstlicher Bewässerung, welche die Pflanzen bis zu einer gewissen Höhe gedeihen ließe, mit natürlichem Wasser, nämlich mit ausreichend Regen rechnen. Im Sahel gibt es Unterstützung aus China, sie hofft auf solche durch die EU und einer neuen Regierung in Algerien, die kürzlich abgesetzte war nicht interessiert, da sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Gerne hätte ich noch weiter mit dieser anziehenden Frau geplaudert, aber Akamouk drängt zum Aufbruch. Ich verabschiede mich kurz mit dem Versprechen, bei nächster Gelegenheit wiederzukommen. Ihren Vorschlag, mir einen Vasallen als Führer bis zu meiner Unterkunft mitzugeben, lehne ich ab, denn stolz will ich den Weg eigenständig finden.

Das hätte ich nicht tun sollen. Alle Lehmhäuser sind irgendwie gleich gebaut, Fixpunkte wie Bäume oder Geschäfte waren keine vorhanden. Auch ein eventuell natürliches geographisches Merkmal wie ein Gefälle gibt es nicht. Der Stand der Sonne ist auch nicht hilfreich, es ist nicht zu leugnen, ich habe mich verirrt. Der Tross lärmender und bettelnder Kinder um mich herum wächst mit jedem Häusereck an. Kommunikation mit den Kleinen ist aus sprachlichen Gründen nicht machbar. Das steigert noch meine Nervosität und ich gehe schneller einige Umwege. Das Dorf ist nicht so groß und zu meiner Überraschung stehe ich unvermittelt auf dem längst recht belebten Hauptplatz. Die Karawane ist bereits aufgebrochen und von hier finde ich den Weg zum Quartier einfach und direkt. In dessen Nähe gekommen bemerke ich, dass ich schon einmal, vor einiger Zeit daran vorbeigelaufen bin, ohne den Eingang zu erkennen. Das mag daran liegen, aus welcher Richtung man sich nähert. Ich rolle schnell meinen Schlafsack ein, da kommt auch schon Akamouk in Begleitung von zwei Knaben zur Türe herein. Er sagt ihnen, wie das Zusammenlegen des Feldbettes funktioniert. Sie machen das großartig und tragen es als Bündel hinaus. Während Akamouk das Bett am wie gewohnt unwillig brüllenden Lastkamel befestigt, gebe ich jedem der Helferlein ein paar Centimes. Dann ziehen wir zu Fuß, die Kamele an den Stricken führend aus dem Ort. Um Proviant und Wasservorrat brauche ich mich nicht zu kümmern, es gibt niemand verlässlicheren dafür als meinen Freund, den Targi. Wir marschieren Richtung Gebirge. Bevor die Steigung hinauf zum Pass beginnt, klettern wir in die Sättel und lassen uns durch die Gegend schaukeln.

Wir kommen durch die durch den Herweg bekannten Landschaften, sie scheinen nur insofern neu, weil wir uns in der Gegenrichtung bewegen und sie aus einem anderen Blickwinkel sehen. Wir verbringen die erste Nacht nicht an dem Platz, den wir schon einmal benützt hatten. Beim abendlichen Tee möchte ich von ihm wissen, warum er so schnell wieder von seinem Clan fortwollte und weil diese Frau ihn sicher glücklich machen würde. Er sei einmal verheiratet gewesen und habe seine Lehren daraus gezogen. Die Gewöhnung an die Zeit des Nomadisierens seitdem dauert bereits zu lange, um nochmals eine solche Bindung zu versuchen.

Nach dieser Nacht bewegen wir uns weiter gegen Westen und kommen zum Asphaltband der Transsaharastraße. Dort steht eine Gruppe Schwarzafrikaner, offenkundig Flüchtlinge aus dem Süden. Sie umringen uns und wollen Geld, nein, sie verlangen es. Weit und breit keine algerischen Sicherheitskräfte, nur die endlose leere Straße und Wüste um uns herum. Es scheinen Nigerianer zu sein, da sie mit uns Englisch sprechen. Wir sitzen hoch oben auf den Kamelen, aber die spüren das Außergewöhnliche der Situation und werden unruhig, was zu nicht kontrollierbaren Reaktionen führen kann. Die Lage wird immer bedrohlicher, einige der Dunkelhäutigen haben Holzstecken dabei, die Knüppel ähneln. Wir müssen irgendetwas tun. Akamouk wirft mir seinen Karabiner herüber, den ich mit Glück auffange. Das bewirkt, dass einer der Männer nach dem Zügel des Kamels von Akamouk greift. Dieser zieht blitzschnell sein Schwert und schlägt dem Angreifer mit der flachen Klinge derart auf die Hand, sodass der Angreifer vor Schmerz aufbrüllt und den Strick loslässt. In einem Schwung trifft er den neben Ihm stehenden auf den Kopf. Ich lade den Karabiner mit lautem Geräusch durch, was seine Wirkung nicht verfehlt. Die Meute weicht etwas zurück und gibt den Weg frei. Wir reiten weiter, doch der Schreck sitzt mir in den Gliedern. In angemessener Entfernung machen wir Halt und steigen ab. Bevor ich den Karabiner Akamouk zurückgebe, nehme ich die Patrone aus dem Lauf und drücke sie in das Magazin. Es scheint mir, als würde er zufrieden lächeln. Der Targi hat gezeigt, dass noch immer das Blut der kriegerischen Vorfahren in seinen Adern fließt. In aller Ruhe bereitet er Tee und wir warten im spärlichen Schatten einer Akazie, bis die ärgste Hitze des Tages vorbei ist. Wir sind sicher mehr als zwei Tagesmärsche von unserem Ziel entfernt. Wasser haben wir genug in den Gerbas, allerdings mit den Lebensmitteln wird es etwas knapp. Wir legen am nächsten Tag zügig eine erhebliche Strecke zurück, da wir in der Ebene gut vorankommen und kaum Pausen machen. In den letzten Sonnenstrahlen sichten wir einen Gazellenbock in bester Schussentfernung, der langsam gegen die Abendsonne spaziert. Akamouk schießt vom Kamel aus. Er muss zweimal schießen bis er trifft, eine hervorragende Leistung mit diesem alten Gewehr. Ich helfe ihm beim Ausziehen und Zerteilen der Jagdbeute. Der Großteil wird in die eigene Haut gepackt, ein paar gute Stücke rösten wir an einem Holzfeuer. Zum Glück finden wir nicht weit entfernt von unserer Route einen abgestorbenen und ausgetrockneten Akazienbusch, dessen Holz mehr als ausreichend ist. Es freut uns, dass wir den Mouloudjis ein nahrhaftes Geschenk mitbringen können.

Die Beiden empfangen uns wie deren Söhne. Besonders Michelle ist die Wiedersehensfreude anzusehen, sie küsst uns auf beide Wangen, François umarmt uns herzlich. Akamouk übergibt zuerst das Fellbündel mit dem Fleisch der Gazelle, damit es gleich in den Kühlschrank kommt. In der Gaststube angekommen bringt François zwei große Flaschen Bier und Michelle einen Krug perlender Limonade für Akamouk. Das erste Glas Bier trinke ich beinahe auf einen Zug leer, worauf mir sofort wieder nachgeschenkt wird. Eigentlich sollte ich jetzt von der Reise erzählen und zum Abendessen bleiben, bitte aber um Verständnis das auf morgen zu verschieben, denn ich fühle mich nicht nur müde, sondern auch in der durch seit einigen Tage getragenen Kleidung nicht wohl. Nach diesem Begrüßungstrunk steige ich zu meinem Quartier hinauf, um ausgiebig zu duschen. Akamouk verzieht sich in den Hof und tränkt seine Tiere, was eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt.  Michelle hat mir eine französische Seife vorbereitet, die mich, da sie leicht parfümiert ist, länger die Dusche genießen lässt, als notwendig wäre. Ein Blick in den Hof zeigt mir, dass sich die Kamele schon außerhalb der Mauern befinden, und ich vermute Akamouk in der Garage, wo auch er sich der Körperpflege hingeben dürfte. Ich schließe den Computer ans Netz und freue mich, dass er einwandfrei läuft. Der Kopf ist voll mit den Erlebnissen dieser beeindruckenden Reise, aber es ist mir bewusst, dass ich an meinen Erinnerungen von vor sechzig Jahren arbeiten muss. Nachdem ich mehrmals vor dem Bildschirm eingenickt bin, beschließe ich morgen weiter zu schreiben:

See in der Wüste

Wir mussten uns beeilen, denn langsam ging die Trockenzeit zu Ende, und wir kannten die Beschaffenheit der Piste nach einem Regen noch nicht. Wir waren spät dran, die Reparaturen an den Autos haben unsere Planung um Monate zurückgeworfen, es war bereits April 1956. Bis Niamey, der Hauptstadt von Niger, hatten wir noch einige Kilometer Piste zurückzulegen. Sie führte durch eines der wildreichsten Gebiete Westafrikas, dem Tillabéri. Alle die Tierarten, welche heute in Ost- und Südafrika in touristisch genützten Reservaten auf engstem Raum zu besichtigen sind, gab es im Cercle Tillabéri: Elefanten, Antilopen, Löwen, Leoparden, eine Vielzahl verschiedener Affen, Hyänen, Schakale, Krokodile und Hippopotami (Flusspferde). Obwohl die Bevölkerung am Niger Fisch im Überfluss fing, war ihr Bedürfnis nach Fleisch ungestillt. Das Volk der Haussa, die Viehzüchter in diesem an die Sahara grenzendem Gebiet, verkauften zwar Fleisch am Markt, aber zu hohen Preisen. Flusspferde waren eine geschützte Art, aber da kaum jemand Interesse haben kann den riesigen Schädel eines Nilpferds als Trophäe mit heimzunehmen, gab die Administration ab und zu eines davon zur Jagd frei. So viel Fleisch auf einmal wie ein Flusspferd liefert kein anderes Tier, also wurden ein- bis zweimal pro Jahr Jagden darauf veranstaltet. Es gab eine eigene Kaste unter den Bewohnern der Uferlandschaften, welche Nilpferde jagen durften, die Sorkos. Diese Ehre vererbte sich über Generationen innerhalb weniger am Ufer des Niger lebender Familien. War eine solche Jagd angesagt, versammelten sich die Sorkos mehrerer Familien um das Vorgehen zu besprechen und durchzuführen. Wir wollten uns ein derart ursprüngliches und interessantes Ereignis nicht entgehen lassen. Leider waren wir zur Teilnahme an den feierlichen Beschwörungen, die den Jagden immer vorangehen, zu spät gekommen. Das wäre ein Fressen für mein Tonbandgerät gewesen!

In Tillabery, der Siedlung am Niger, lagen die langen Holzboote bereits im Wasser. Die fünfzehn Jäger brachten ihre Harpunen in fünf Boote. Wir versuchten eine Pirogue mit Ruderern zu mieten, was erst gelang, als wir uns direkt an den Chef der Sorkos wandten und nach Übergabe eines kleinen Geschenks. Da es nichts zum Aufnehmen gab, konnte ich einmal unbeschwert in dem Boot mitfahren. Es war lang, aber sehr schmal und ich fühlte mich nicht besonders sicher. Nilpferde sind recht friedliche Tiere, doch wenn sie sich angegriffen fühlen, werden sie ganz schön gefährlich. Man hat uns vorher erzählt, dass ein verletzter Bulle vor kurzer Zeit ein solches Boot versenkt hat und alle Jäger die darauf waren, ums Leben gekommen sind. Wir verstauten uns zu dritt in dem Boot, als wichtigster Mann drängte sich Kopezky zuerst hinein, in der Mitte war ich und hinter mir Mackie.

Die Jagd kann beginnen

Vorne am Bug und hinten im Heck standen jeweils halbnackte schwarze Männer, deren schweißnasse Haut über den beachtenswerten Muskeln in der Sonne glänzte. Mit langen Stangen stakten sie das Boot mit großer Präzision durch das seichte Ufergewässer. Nach einer Fahrt von sicher einer Stunde hörten wir die typischen Grunzgeräusche von Nilpferden. Vorsichtig näherte sich die Flotte der Hippofamilie an. Einige der gemütlichen Tiere standen oder lagen in Ufernähe, auf dem Fluss weiter draußen konnte man Augen und Nasenlöcher der anderen wahrnehmen. Sie sonst schwerfällig wirkenden Flussriesen bemerkten unsere Annäherung sehr bald und liefen mit unglaublicher Geschwindigkeit ins tiefe Wasser. Das war so geplant, denn die Harpunen waren nur im tieferen Fluss anzuwenden. Im seichten Wasser hätte kein Jäger mit Harpune eine Chance gehabt und wäre in Gefahr gewesen von einem aufgebrachten Hippo umgerannt und zertrampelt zu werden. Die gesamte Herde befand sich jetzt schwimmend weiter draußen im Fluss.

Das Nilpferd ist gesichtet

Dort zogen die Jagdboote hinaus und versuchten ein besonders großes Exemplar einzukreisen. Die Jäger verständigten sich laut rufend und gestikulierend untereinander, jedes Boot nahm seine ihm zugedachte strategische Position ein. Die ersten Harpunen flogen, das getroffene Tier wehrte sich und der gewaltige Körper schoss zur Hälfte aus dem Fluss, sodass die hohen Wellen mehrere Boote beinahe zum Kentern brachten. Die Ruderer mussten ihre gesamte Kraft und Geschicklichkeit anwenden, damit die Boote, die durch die Stricke mit dem Tobenden fest verbunden waren, nicht umstürzten. Ein ins Wasser gefallener Mensch wäre in Lebensgefahr gewesen, denn die riesigen Kiefern eines Hippopotamus können ein Krokodil in der Mitte durchbeißen. Auch unser Boot, obwohl etwas entfernt vom Geschehen, schaukelte gewaltig. Kopezky, er war bleich unter der sonnengebräunten Haut, hatte seinen Fotoapparat im Lederetui um den Hals hängen und hielt sich krampfhaft an den Bootsrändern fest. Obwohl ich mir einer unausweichlichen Retourkutsche bewusst war, konnte ich mich des Ratschlags nicht enthalten, dass man im Boot stehend sicher tolle Bilder von der Jagd schießen könne. Nach längerer Zeit aufrecht in den Piroggen waren die Sorkos erfolgreich. Durchbohrt von mehreren Harpunen verendete der Bulle endlich.

Die Jagdbeute
Das Tier wird an Land gerollt

Die tonnenschwere Beute wurde an Land gerollt und mit unglaublicher Geschicklichkeit zerteilt.

Das Hyppo wird aufgeteilt

Es ergab eine sehr große Menge Fleisch, von dem die Jäger einen Teil an Ort und Stelle an die Interessenten verkauften. Der Großteil wurde auf den Markt und dort unter die Leute gebracht. Kein Stückchen blieb von dem gewaltigen Tier am Skelett. Wir blieben über Nacht und bekamen jeder ein Stück Nilpferdfleisch ab, dessen Zubereitung wir leider nicht so richtig schafften und uns beinahe die Zähne daran ausbissen. Als Faschiertes hätten wir sicher mehr Freude an dem fleischlichen Segen gehabt, aber wo sollte man im Busch auch einen Fleischwolf finden. Kopezky saß in einiger Entfernung vom Lagerfeuer an ein Rad vom Pére Ubu gelehnt und nuckelte böse zu mir herüberblickend an einer ganzen Dose Nestlé-Kondensmilch. Das war seine Rache, denn wir liebten beide gleichermaßen diesen stark gezuckerten, dickflüssigen Saft, der die Glückshormone jubeln lässt, dessen Vorrat leider endlich war.

Sahel: Lager zwischen Gao u. Niamey

Niamey, die Stadt, die zu erreichen monatelang unser gesamtes Streben gewidmet war, lag bloß noch wenige Kilometer entfernt vor uns! Davor mussten ein paar steile Strecken der Piste bewältigt werden. Gewohnt mit kaum fassenden Bremsen zu fahren meisterten wir bravourös auch noch diese Gefälle knapp vor dem Ziel. Nach langer, langer Zeit hatten unsere Autos wieder Asphalt unter den Rädern und waren nicht mehr zu halten. Wie Adern durchzogen wenige asphaltierte Straßenzüge die Hauptstadt und Regierungssitz von Niger. Der Hauptplatz war in kurzer Zeit erreicht und wir genehmigten uns in einem Bistró jeder zwei Limonaden. Etwas überrascht waren wir über die dort selbstverständliche Größe der Flaschen, denn sie beinhalteten jeweils einen ganzen Liter! Kleinere Gebinde gab es gar nicht. Wir waren zutiefst zufrieden und natürlich ein bisschen stolz, unser geografisches Ziel trotz widrigster Umstände erreicht zu haben. Wir waren inzwischen eine fest zusammengeschweißte Truppe geworden, in die sich sogar der professionelle Fotograf fast nahtlos einfügte.

Österreichs Außenamt hatte die Ankunft der Expedition bereits vorangekündigt und wir wurden vom französischen Kommandanten freundlich empfangen. Als wir ihm unsere Sorgen wegen eines Quartiers für längere Zeit mitteilten, gab er uns einen schwarzen Polizisten zum Geleit. Der führte uns in eine Art Villenviertel und zeigte uns ein Haus, das wir so lange bewohnen konnten, wie wir wollten. Er übergab uns den Schlüssel und wir verabschiedeten ihn dankbar. Mit afrikanischen Maßstäben gemessen war das kein Haus, sondern ein kleiner Palast mit einem prominenten Eingang:  

Niamey: Unser Haus
Niamey: Mittag auf Veranda
Niamey: Siesta auf Veranda

Vorerst teilten wir die gegen Regen geschützten Räumlichkeiten unter uns auf, jeder bezog sein Büro, ich richtete mein „Tonstudio“ ein. In einer Ecke der kühlen Halle entstand der Schlafraum für uns Fünf. Da es nicht regnete oder stürmte, übernachteten wir auf der Terrasse. Was für die erste Nacht keine gute Idee war. Blutrünstige Moskitos raubten uns den wohlverdienten Schlaf. Anfangs waren es nur einige wenige Exemplare. Doch schien die Kommunikation unter den Quälgeistern wunderbar zu funktionieren, denn im Laufe der Nacht kamen Myriaden Stechmücken, vermutlich aus dem ganzen Land herbeigerufen, um vier Österreichern und einem Belgier Blut abzuzapfen. Da wir zum Abendmahl mehrere Flaschen von dem gefundenen Wein geleert hatten, dürften diese promillehaltigen Blutproben für die, die muselmanische Enthaltsamkeit gewohnten Insekten sensationell berauschend gewesen sein. Dieser massive Überfall ergab bei den übernächtigen Europäern über den gesamten nächsten Tag jucken und kratzen ohne Ende. Dessen ungeachtet säuberten Walter, Kopezky und ich Haus und Terrasse von Mist und Sand, während Mackie und Schani in die Stadt zur Polizei und zum Büro der Air France fuhren. Diese hatte die ersten entwickelten Farbdiapositive aus Wien eingeflogen, auf die wir uns neugierig stürzten.

Der Chef du Cabinet der nigerischen Regierung hatte sich zu einem Besuch angesagt. Da sich die Reporter von Paris Match verabschieden wollten, drückten sich meine Kollegen vor den an stehenden Aufräumarbeiten und fuhren zum Flugplatz zum Zwecke einer Fotoreportage. Also blieb ich zurück und versuchte das Haus so gut wie möglich auf Hochglanz zu bringen. Am Vormittag wurde elektrischer Strom eingeleitet, was uns dazu brachte zumindest einen der Kühlschränke in Betrieb zu nehmen. In Afrika kommt man ohne Kühlung nicht aus. Bier und Trinkwasser erhalten damit belebende Temperaturen und, naja, auch Lebensmittel halten länger. Der Besuch des schwarzen Ministers wurde auch durch die dargereichten kühlen Getränke zu einem Erfolg. Das war gut, denn wir sollten sein Wohlwollen bald benötigen. Denn eines Tages erschien ein Beamter der Sureté, der Staatssicherheit, hörte die Tonbänder ab und notierte die Nummern aller unserer technischen Geräte und Jagdwaffen. Wir sollten für irgendetwas Strafe zahlen. Unser gesamter Reichtum waren knapp zweitausend CFA. Allein die Erlaubnis für die Gewehre betrug sechstausend Francs. Wir mussten also die Bezahlung der Gebühren irgendwie hinaus-zögern, bis das seit einigen Wochen angekündigte Geld aus Wien einlangen würde. Das ließ sich aber Zeit. Es war unausbleiblich, dass nach einigen Tagen wieder Beamte der Sureté mit dem Verdikt erschienen, wegen dieser Schulden und Spionage müssten wir umgehend das Land verlassen. Das hätte ein unrühmliches Ende des Unternehmens Feldforschung bedeutet, noch ehe es wirklich begonnen hätte. Irgendwie hatten wir damals das Gefühl, dass uns der Chef de la Sureté vielleicht nicht gut gesinnt sein könnte. Wir erbaten uns ein paar Stunden Zeit, in der wir den französischen Commandant cercle und den Chef de cabinet mobilisierten. Die übernahmen die Verantwortung und wir konnten ungestört unserer eigentlichen Arbeit weiter nachgehen. Gemeinsam mit Walter nahmen wir Erzählungen von Märchen aus der Umgebung auf, machten für den österreichischen Rundfunk eine Radioreportage und eine ebensolche über den Flughafen von Niamey für die Air France.

Flugplatz Niamey, Mackie u. Kopezky, dahinter eine DC 3
Flugplatz Niamey: Ich, Walter u. Direktor des Flughafens

Wir kamen viel herum, sowohl in der Stadt, als auch in der Umgebung, wo lebensfrohe Eingeborene immer wieder irgendwelche Feste veranstalteten, mit Musik, Trommeln und Tanz. Dabei entstanden einige der eindrucksvollsten Tonaufnahmen:

Tam -Tam aus Tera
„Für den vom Blitz Erschlagenen“ (Yakatala)

Wir lernten interessante Menschen kennen, deren Einladungen zu Abendessen wir sehr gerne annahmen, denn die ewigen angebrannten Palatschinken aus Walters Haute Cuisine nervten uns gewaltig. Wir befürchteten, alle an Skorbut zu erkranken. Also wurde ich manchmal zum Marché delegiert, damit ich Gemüse einkaufe. Dieser großflächige Markt war von frühmorgens bis spät in die Nacht geöffnet und man fand dort alles, was das Land hier produzierte. Inklusive Käfer und anderes Kleingetier. Es gab für einen Weißhäutigen kein Sicherheitsrisiko selbst bei Dunkelheit durch die stillen Gassen heimzugehen. Gelegentlich begleitete mich unser schwarzer Boy Kindo, ein vierzehnjähriger, intelligenter Junge vom Stamme der Songhai. Es gab selbstverständlich im Zentrum von Niamey auch sauber und hygienisch von Franzosen betriebene Geschäfte, die Waren und Lebensmittel aus Europa anboten. Aber zu derart hohen Preisen, dass wir davon Abstand nehmen mussten dort einzukaufen. Unter den interessanten Menschen befand sich auch der Apotheker der Stadt, dem die einzige Apotheke im Land gehörte. Louis Mouren war ein Hüne von Gestalt und sah John Wayne zum Verwechseln ähnlich, das wissend bewegte er sich auch gleich diesem Filmhelden. Da er den Markt mit Medikamenten für das ganze Land beherrschte, war er dementsprechend finanziell gut gestellt. Er war ein wilder Kerl, mit dem wir viele Jahre enge Freundschaft pflegten, bis er bei einer Rallye Paris – Dakar ums Leben kam. Bis die Versicherungssumme von IFA bei uns eintraf, mussten wir schauen, unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Mouren hatte neben der Apotheke einen Fotoladen mit Labor, das für Kopezkys technische Begabung bestens geeignet war. Dorthin brachten Leute nicht nur Filme zum Entwickeln, sondern sogar defekte Fotoapparate zur Reparatur. Hans untersuchte die Kameras und stellte mit sorgenvoller Miene größeren Schaden fest. Die Reparatur würde sicher einige Tage in Anspruch nehmen, oder man müsste die Kameras gar ins Werk einschicken, die Kosten dafür waren jedenfalls hoch. Dann brachte er die Fotoapparate in die Werkstatt, nahm das winzige Stück Film, das den Transport blockiert hatte mit der Pinzette heraus und ließ eine geschmalzene Rechnung schreiben. Manchmal genügten wenige gezielte Strahlen Pressluft, um die Funktionsfähigkeit einer Kamera wiederherzustellen. Auch das musste entsprechend honoriert werden. Damit kamen wir finanziell über die Runden, bis der Chef der Sicherheit wieder eingriff und Mouren anwies, die Österreicher hinaus zu schmeißen. Es wurde uns sogar verboten die eigenen Filme zu bearbeiten. Das kam einer Ausweisung gleich und war unserer Stimmung absolut nicht zuträglich. Alle bisherigen und möglicherweise zukünftige Verzögerungen einrechnend, hatte ich ein Schild mit „Österreichische Westafrikaexpedition 1955 – 57“ gemalt, welches ich soeben am Haus anbrachte, als diese vernichtende Nachricht bei uns einlangte. Somit war auch dieses schöne Schild obsolet geworden. Trotzdem machten wir noch ein „Selfie“ damit:†

Niamey: Gruppenbild mit Schild: Kopezky, Schani, Walter, Herbert u. Mackie

 Es war kein guter Tag für uns. Max setzte sich daraufhin nur spärlich mit einem Tanga bekleidet auf einen glühend heißen Blechstuhl, der den ganzen Tag in der Sonne gestanden war, Schani verwechselte beim Mittagessen Salz mit Zucker und die Palatschinken wurden so schwarz und hart wie nie zuvor. Abends fuhren wir zu einer Krokodiljagd, um diese aufzunehmen. Hundegebell und ununterbrochenes Krähen dutzender Hähne verunmöglichten auch dieses Vorhaben.

Am nächsten Tag erschien Mouren mit zwei erfreulichen Nachrichten. Die Versicherungssumme von 85.000 FF (französischen Francs) von der IFA-Versicherung sei eingelangt und die Ausweisung sei vom Commandant Cercle aufgehoben worden. Außerdem erzählte er uns von einem großen Fetischfest, das wir aufnehmen könnten. Es war das von uns lange gesuchte, Yenendi genannte Fruchtbarkeitsritual.

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