8. KAPITEL – Jagd in der Wüste, Ende des Strohkoffers und Vorbereitungen zur ersten Expedition

Zu nachtschlafender Zeit klopft es an der Türe meines Turmgemachs. Erschreckt setze ich mich auf. François ruft von draußen, dass wir losfahren müssten. Ich schalte das Licht an, denn nicht einmal der Mond leuchtet in das Zimmer. Die Erinnerung wird wach, dass mich François am Abend eingeladen hat, mit ihm auf Jagd nach Gazellen zu fahren. Der frühe Morgen ist noch sehr kalt. Rasch ziehe ich Pullover und Windjacke an, und beeile mich hinunter in den Hof zum Toyota. Der Motor des Wagens läuft bereits. Ich steige auf der Seite des Beifahrers ein, und wir starten in die Nacht. Auf der rückwärtigen Sitzbank liegen zwei mit Stricken angebundene Jagdgewehre. Wir fahren einige Kilometer auf der Piste gegen Osten und biegen bei einer kleinen Wegmarkierung nach rechts, in südlicher Richtung von der Hauptpiste ab. Im Scheinwerferlicht ist ein schmaler Weg mehr zu erahnen, als zu sehen, dem wir etwa eine Stunde in gemäßigterem Tempo folgen. Langsam erscheinen im Dämmerlicht des Morgens Konturen von Steinen und Bodenerhebungen um uns, auch Farben lassen sich bereits erkennen. Die ausgefahrenen Spuren der Strecke werden schon auf größere Entfernung sichtbar. Abrupt, ohne ersichtlichen Grund, hält François den Wagen an und stellt den Motor ab. Wir steigen aus und wenden uns gegen Osten. Die Luft ist empfindlich kalt, die absolute Stille der Wüste wird zwischen dem lauten Knacken des auskühlenden Autos greifbar. Es beginnt ein kurzes, eindrucksvolles Schauspiel. Einer der täglichen Sonnenaufgänge in der Sahara. Ober und hinter uns herrscht noch Dunkelheit am Himmel, von Schwarz zu dunklem Blau übergehend, mit einigen verblassenden Sternen dazwischen. Am Horizont beginnt es hellblau zu werden, das leicht ins Grün verschwimmende Licht gegen den oberen Rand kündigt den neuen Tag an. Über den zerklüfteten Felsen erscheint ein stetig größer werdender Teil des riesigen, goldfarbenen Sonnenballs. Ich glaube nachempfinden zu können, was Richard Strauß beim Komponieren der Alpensymphonie, sowie der symphonischen Dichtung Zarathustra gesehen, gefühlt und in Musik umgesetzt hat. Ich öffne die Jacke und spüre die ersten warmen Sonnenstrahlen durch den Pullover auf meine Brust dringen. Man meint, die samtig-warme Stimme des Schauspielers Stefan Fleming zu vernehmen, aus Goethes Faust zitierend:

  • „Die Sonne tönt nach alter Weise
  • In Bruderspären Wettgesang,
  • Und ihre vorgeschriebne Reise
  • Vollendet sie mit Donnergang“ 

Vor allem in der Wüste, wo die Sonne auf ihrer Bahn vom Leben versprechenden Aufgang zur tödlichen Bedrohung wird, vermeint man ihr dröhnen zu hören. Ich fühle mich bei heftigen Emotionen ertappt, doch ein Blick hinüber zu meinem Freund sagt mir, dass ihn wohl ähnliche Empfindungen ergriffen haben.

Zur Weiterfahrt biete ich François an, das Steuer des Autos zu übernehmen. Das Fenster auf meiner Seite ist geöffnet und ich genieße den frischen Fahrtwind. Wir nähern uns einem von felsigen Hügeln umgebenem breiten Tal, dessen zarter Grasbewuchs den Eindruck des nicht realen noch verstärkt. Und mitten in dieser friedlichen Oase äsen weit auseinandergezogen einige Rudel von insgesamt geschätzten zwanzig bis dreißig Dünengazellen. Eine schöner als die Andere. Um auf Schussentfernung an die scheuen Tiere heranzukommen, müssen wir die Sonne im Rücken haben. Francois greift sich ein Jagdgewehr vom Rücksitz und ich fahre in großem Bogen zügig in die Nähe der Herde und halte in geeigneter Distanz von den Tieren so, dass François eine gute Position zum Schießen hat. Verehrte Jünger des europäischen Waidwerks, die ihr diesen Blog vielleicht lest, überspringt die nächsten Zeilen, um Ärger von euch fernzuhalten. In Afrika gelten andere Gesetze für die Jagd, als in den heimischen Wäldern. François und ich haben vorher nicht darüber gesprochen, doch wissen wir beide aus langjähriger Erfahrung, dass man auf keinen Fall aussteigen darf. Die Gazellen würden bereits bei der geringsten Bewegung einer Wagentüre flüchten und auf lange Zeit nicht mehr zurückkommen. Ein Auto außerhalb der für sie Gefahr bedeutenden Distanz, egal ob es steht oder fährt, beunruhigt sie überhaupt nicht. Die Tiere äugen kurz zu uns herüber, da wir ganz still sitzen bleiben, beginnen sie wieder Futter aufzunehmen. François kurbelt sehr behutsam die Scheibe auf seiner Seite ein Stück hinunter. Trotz der angewandten Vorsicht heben alle Gazellen sofort ihre Köpfe und stellen die Lauscher in unsere Richtung. Bedächtig lädt er durch und schießt. Ein großer Bock wird in die Höhe gewirbelt und fällt zu Boden, wo er regungslos liegen bleibt. Die Herde schaut kurz erstaunt zu uns herüber, um dann seelenruhig weiter zu äsen. Das war ein sauberer Blattschuss. Francois fragt mich, ob ich Lust hätte, auch eine Gazelle zu schießen. Ich lehne dankend ab. Natürlich war ich im Laufe der Expeditionen zur Nahrungsbeschaffung erfolgreich jagen, doch niemals für Trophäen. Wir fuhren zu dem erlegten Wild. Ich hatte recht, es war ein Blattschuss par excellence. Wir heben das bestimmt vierzig Kilogramm schwere Tier in den Laderaum, wonach der glückliche Jäger eine Flasche Rotwein aus der Tasche zieht und wir uns jeder ein paar kräftige Schlucke daraus genehmigen.

Am frühen Nachmittag erreichen wir das Anwesen und fahren direkt in die Garage. François bindet der Gazelle die Hinterbeine zusammen, schwitzend heben wir den Bock aus dem Auto und hängen ihn an einem Haken Kopf nach unten an der Garagenmauer auf. Michelle empfängt uns in der Küche mit einem späten Mittagessen. Anschließend nimmt der Hausherr eine Reihe von Gefäßen aus Kunststoff, sowie zwei scharfe Messer zum Aufbrechen der Jagdbeute, und geht damit in die Garage. Ich lasse ihn bei dieser Arbeit allein, denn mich ruft es zu einer Siesta. Es war ein langer Vormittag, außerdem plagt mich schlechtes Gewissen, heute noch nichts geschrieben zu haben. Nach gehaltener kurzer Ruhepause öffne ich den Laptop und schreibe die Fortsetzung meiner Erinnerungen an die allererste Afrikareise nach der glücklichen Ankunft in Europa:

Ich hatte Glück. Bei der Ausfahrt von Marseille hielt eine Panhard-Limousine, ein Auto, das ähnlich dem VW-Käfer von einem luftgekühlten Motor angetrieben wurde. Nicht ganz ungewohnt war das gelb eingefärbte Licht der Scheinwerfer der Entgegenkommenden. Das war in Frankreich für alle Kraftfahrzeuge vorgeschrieben, natürlich ebenso in Algerien. Man konnte sich die Zeit als Beifahrer damit vertreiben, indem man die ausländischen Fahrzeuge zählte, erkenntlich an den normalen weißen Lichtern. Während der langen nächtlichen Fahrt nach Norden erfuhr ich, der Mann am Steuer war Dr. Jacques Nehlil, ein nicht nur in Frankreich bekannter Neuropsychiater. Er kam direkt aus Algerien, wo er Studien mit Kindern gemacht hatte. Auch er wollte heim nach Paris und ich durfte am Ende der Fahrt mit ihm bis in die Stadt fahren. Docteur Nehlil setzte mich frühmorgens am Place de la Concorde ab. Aus dieser Begegnung sollte später ein länger andauernder, fast freundschaftlicher Kontakt entstehen. Die Lampen der Straßenbeleuchtung brannten noch, und machten dem heran dämmernden Tag das Licht streitig. Vereinzelt kurvten Autos im Kreisverkehr. Ich bewegte mich an der unteren Einmündung der morgendlich leeren Champs Élysées, als ich von einer im Dunkel liegenden Parkbank her ein freundlich klingendes „Eh – Bon jour“ hörte. Ein einsamer Clochard mit grauen Haaren und ebensolchem Bart zwinkerte mich unter buschigen Augenbrauen an. Er sprach einen schauderhaften Dialekt, nämlich Argot. Das schloss von vorneherein eine intensivere Unterhaltung aus, verstand ich doch damals selbst richtiges Französisch nur marginal. Mit unmissverständlichem Handzeichen bedeutete er mir, ich soll mich neben ihn setzen. Meinen grauen Lodenmantel eng herumgewickelt nahm ich auf der Bank Platz. Vermutlich hatte der Mann sofort mitbekommen, dass ich ihn nicht verstehen konnte, denn er war äußerst schweigsam. Er bot mir aus einem Papier ein erheblich schmuddeliges Stück Baguette an, das mit etwas Undefinierbarem belegt war. Ich lehnte dieses Angebot freundlich, aber explizit ab. So wirklich geheuer war mir diese Begegnung ja nicht, doch dann schenkte er aus einer fast vollen Flasche Rotwein in einen Becher und reichte ihn mir. Hatte ich vorher schon das Brot abgelehnt, beleidigen wollte ich ihn nicht mit einer neuerlichen Abfuhr. So wanderte der Becher zwischen uns hin und her. Alkohol desinfiziert, dachte ich mir, und gar so unappetitlich sah der Mann selbst auch wieder nicht aus. Ich hatte abermals Glück gehabt. Denn viele Jahre später erfuhr ich anlässlich einer Dokumentation am Montmartre, dass ein Clochard, der etwas auf sich hält, den Rotwein mit einem Löffel zu sich nimmt. Aber dieser war ja nicht am Montmartre, sondern im Zentrum der Stadt. So saßen wir schweigend und am Wein nippend beim Kreisverkehr der Concorde und erlebten das Erwachen der Großstadt. Inzwischen war es hell geworden, eine Menge Autos hatten die Straße in Besitz genommen. Es wurde laut und ungemütlich. So verabschiedete ich mich von dem edlen Spender des Weines mit einem Händedruck. Er hatte erstaunlich zarte und warme Hände.

Wien war zwei Tage später erreicht. Es dauerte kurze Zeit, bis ich mich wieder akklimatisiert hatte, war aber weit entfernt davon, meine Pläne für Afrika aufzugeben. Die diplomatischen Aktivitäten wegen des Staatsvertrags für Österreich mit den Alliierten, im Besonderen mit der widerspenstigen Sowjetunion, waren im Gange. Die Ergebnisse schwankten zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Da ergab es sich glücklich, dass den wodkageeichten russischen Politikern österreichische Diplomaten gegenüber saßen, die auch eher trinkfest waren. Gemischt mit dem in Wien traditionellen, feinen chassidischen Humor, war der Alkohol als Mediator bei den Verhandlungen sicher hilfreich. Den positiven Erfolg ausschließlich auf die Wirkung des Weines herunterzubrechen, wäre falsch, denn Österreich hatte damals überragende Diplomaten.

Selbstverständlich besuchte ich wieder den Strohkoffer und fand dort alles beim Alten. Maler, Bildhauer, Musiker, Dichter, Schauspieler und Alkoholiker waren nach wie vor die mir bekannten Besucher. Obwohl, es war eine leichte Verdünnung zu bemerken. Der engste Kreis des Artclubs war in das Domcafé in der Singerstraße umgezogen. Darüber hinaus hatte sich mittlerweile in der Adebar so etwas wie eine Konkurrenz zum Strohkoffer gebildet. Auch das traditionsreiche Café Hawelka war ein Treffpunkt, der das Kellerlokal Gäste kostete. Eines Abends freundete ich mich mit einem jungen Mann an, der im Strohkoffer meistens mit gebundener Krawatte erschien. In seiner Umgangssprache unterschied sich Konrad Bayer von der Umgebung durch gewähltes Deutsch. Er hatte eine zauberhafte Freundin und wir saßen einige Male zu dritt in seiner Wohnung und plauderten. Leider haben wir uns bald danach, bedingt durch meine längere Abwesenheit von Wien, aus den Augen verloren. Der Selbstmord Konrads hat mich tief berührt. Nachdem er so eine finale Handlung gesetzt hatte, blieben nie mehr zu beantwortende Fragen über meine eventuelle Mitschuld nicht aus.

Seit der Rückkehr aus Nordafrika überschlugen sich die Ereignisse bis zur geplanten nächsten Afrikafahrt. Frech begab ich mich mit meinen rudimentären Aufzeichnungen ins Unterrichtsministerium, um eine Subvention für die folgenden Arbeiten zu erbitten. Heinrich Drimmel war damals Unterrichtsminister. Unerwartet und ohne viel Bürokratie erhielt ich für eine weitere Forschungsfahrt die staatliche Subvention von fünftausend Schilling. Das war für das Vorhaben, wie ich es mir vorstellte, nicht ganz ausreichend, aber ein ansehnlicher Grundstock.

Stolz über diesen Erfolg musste ich diese Neuigkeit dem besten Freund, Mackie Lersch brühwarm berichten. Es war winterlich in Wien, wir saßen in der Loosbar an der Theke, vor jedem stand ein Glas Rotwein. Ich eröffnete ihm meinen Plan, im April wieder nach Afrika zu fahren. Spontan kam von ihm der Vorschlag, wenn ich noch ein bisschen warten könnte, würde er das Ganze hier verkaufen und es wäre möglich, die Expedition gemeinsam zu unternehmen. Max „Mackie“ Lersch, zu dem ich bewundernd aufblickte und zu dem mich über lange Zeit tiefe Freundschaft verband, war zehn Jahre älter und um ebendiese Lebenszeit reifer als ich. Meine Freude war groß, dieser Mann wollte sein Leben hier aufgeben und sich mir anschließen! Aufgrund jener Entscheidung vergingen noch viele Monate, bis alle Vorbereitungen für eine Expedition erledigt waren. Darüber, ob diese enthusiastische Zusage zur Zusammenarbeit meiner eigenen zukünftigen Lebensgestaltung zuträglich war, wagte ich nicht zu urteilen. Für ihn hingegen, nachdem er sein Erbe vertan hatte, bedeutete jener Augenblick eine Perspektive für seine Zukunft und Wende in seinem Leben zum richtigen Zeitpunkt.

In der Zeit bis zur Abfahrt der Expedition, die immer wieder verschoben wurde, musste ich neben den anstehenden Vorbereitungen etwas Geld verdienen. Dadurch ergaben sich einige recht kurzweilige Episoden. Ich suchte also nach einer Beschäftigung, die genügend Zeit für die Durchführung einer größeren Expedition ließ, und die ich jederzeit kündigen konnte. Ich bewarb mich bei Wagon-Lits, der großen internationalen Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft, um den Posten eines Buffetkellners. So ein Job schien mir recht romantisch und vom Ertrag zufriedenstellend zu sein. Im stolzen Bewusstsein, einmal eine Bar geleitet zu haben, legte ich den zuständigen Herren meine Erfahrungen dar und wurde prompt engagiert. In diesen Jahren, die Folgen des Krieges waren noch nicht ganz ausgestanden, hatte man nach einer praktikablen Lösung für die Verpflegung der Fahrgäste gesucht. Kurzerhand haben die ÖBB für Wagon-Lits in jedem Schnell- und Triebwagenzug jeweils ein WC zu einem Arbeitsraum für mobile Buffets umgebaut. In diesem engen Umfeld gab es außer dem Waschbecken noch etwas Platz für ein Wandschränkchen und eine elektrische Kochplatte. Auf der Plattform vor der Toilette stand eine mit nicht rostendem Blech ausgelegte, grau angestrichene Kiste, die mit einem Vorhangschloss zu versperren war. Mit von großen Blöcken abgeschlagenen Eisstücken gefüllt, wurden darinnen Handelswaren wie Bier, Limonaden und Mineralwasser gekühlt. Jedes Mal, bevor ich meinen Dienst antrat, bekam ich einen aus festem Draht gefertigten Tragekorb ausgehändigt. Ich war auf der Westbahnstrecke eingeteilt und durfte erst nach Amstetten mit dem Verkauf beginnen. Ab dieser Station lief ich durch den gesamten Zug, Getränke, Kekse und Schokoladen laut anpreisend. Das Geschäft mit den Goodies ging recht gut, bis der zweite Durchgang mit den heißen Würstchen kommen sollte. Um mit dem Verkauf dieser gleich anschließen zu können, hatte ich in kluger Absicht vor dem ersten Rundgang alle vierzig Paare Frankfurter Würstchen in einem großen Topf mit Wasser auf die hervorragend funktionierende Kochplatte gestellt. Ich kam von meiner Tour durch den sehr langen Schnellzug in das umgebaute WC zurück und hatte heiße Würstchen im Topf. Und zwar derart, dass sie durchgängig aufgeplatzt und wie Palmblätter auseinanderfielen. Durch das ausgiebige Kochen waren sie geschmacklos, äußerst unansehnlich und damit unverkäuflich geworden. Es dauerte viele Jahre, bis ich wieder Frankfurter Würstchen essen konnte. Darüber hinaus hatte ich dadurch statt Verdienst relativ hohe Schulden bei Wagon-Lits, die ich abarbeiten musste. Ein nicht heruntergelassener Übergang zwischen zwei Triebwagen hätte mich fast ein Bein, aber leider den mit Waren gefüllten Tragekorb und eine bis zum Schritt aufgerissene Hose gekostet. Nicht zu sprechen von dem eifrigen Biertrinker, der sich über die gesamte Strecke seiner Reise von Wien nach Linz auf der gut gelüfteten Plattform aufhielt, und immer das Fenster schloss, sobald ich es geöffnet hatte. Ein Spielchen, das sich mehrmals wiederholte. Im guten Glauben, das von mir kurz vorher geöffnete Fenster sei offen, versuchte ich eine nicht einsatzpflichtige Limonadenflasche mit großem Schwung aus dem Zug zu werfen. Die dadurch zerbrochene Scheibe ging auf mein Konto.

Es war eine von allen Buffetkellnern geübte freundliche Geste, das vom Lokführer von zu Hause mitgebrachte Essen zu wärmen und bei einem Aufenthalt in einer Station nach vorne zur Lok zu bringen. Ich fand es nicht schicklich, das Blechgeschirr demonstrativ am Perron zum Lokomotivführer zu tragen, und wählte dazu die dem Bahnhof abgewandte Seite des Zuges. Dort fehlte zwar die zum bequemen Einstieg angepasste Höhe des Bahnsteigs, aber das störte nicht. Ich brachte das Essen zur Lokomotive und machte mich auf den Rückweg zum letzten Wagon. Die Relation der Geschwindigkeit meiner Schritte auf den Schottersteinen zu dem stehenden Zug veränderte sich zunehmend, der dankbare Lokführer ist ohne mich losgefahren! Ein Aufspringen in diese Höhe war unmöglich, denn das unterste Trittbrett der Waggons befand sich auf Augenhöhe. Da fuhr mein Arbeitsplatz dahin, den ich bald darauf kündigte.

Unter den Gesangsschülern meiner Eltern war neben Willy Kralik, er wurde später Moderator beim Österreichischen Rundfunk, auch ein junger Bursche, Walter Böcksteiner. Er faszinierte durch einen wunderschönen Bariton, und mir gefiel, dass er Jazz sang. Sein großes Vorbild war niemand geringerer als der amerikanische Sänger Mel Tormé. Ich erinnerte mich an die Jamsessions im Kosmostheater, und da kam mir die Idee, ihn einmal auf die Bühne zu stellen. Also veranstaltete ich im Rondell in der Riemergasse im Mai 1954 eine mitternächtliche Jamsession. Ich entwarf ein schlichtes Plakat, das durch seine schräg gestellte Schrift auffiel. Mit Hilfe einiger Freunde aus dem Strohkoffer plakatierten wir wild in der Stadt. Mit hervorragendem Ergebnis.

Rondell_001

Der Abend war ein voller Erfolg, in jeder Richtung. Der Zuschauerraum des Rondell war mehr als ausverkauft, sodass für das Publikum sogar noch Sirtzgelegenheiten aus anderen Räumen herangeschafft werden mussten. Die technische Einrichtung entsprach der Zeit, Walter sang in ein billiges Ansagemikrofon, das tat aber seinem Erfolg keinen Abbruch. Nach mehreren Zugaben endete das Konzert morgens unter großem Applaus der Fans.

Rondell 2
Gerhard Hönig tr, Helo Kolbe b, Uzi Förster ts
Rondell 1
Walter Böcksteiner v.   (Im Hintergrund ich)

Während die Musiker ihre Instrumente einpackten, ging ich durch die wunderbare Musik und dem Anblick des übervollen Saales hochgestimmt in den Kassenraum zu Fritz Feichtinger, um abzurechnen. Der hatte das Lokal von dem Besitzer Adolf Wollmarker gepachtet. Von den Einnahmen, abzüglich der Saalmiete, sollten die Musiker ihren Teil erhalten und für mich sollte auch etwas abfallen. Doch ich hatte, im Sinn des Sprichworts, die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Feichtinger legte mir zur Abrechnung einen Eintrittskartenblock vor, in dem noch gut die Hälfte der Karten unverkauft waren. Das stand in gewaltiger Diskrepanz zur beobachteten Überbelegung des Veranstaltungsraumes. Da sind eigentlich keine Gagen für die Musiker drin und sicher gar nichts für mich, meinte er bedauernd. Vermutlich hatte er von zwei Blöcken Eintrittskarten ausgegeben, der eine offiziell zur Abrechnung mit dem Finanzamt, der andere sozusagen für den Privatverdienst bestimmt. Sprach- und hilflos stand ich derart unverfrorener Frechheit gegenüber. In dieser Verzweiflung flüchtete ich in die Riemergasse hinauf und lenkte meine Schritte heimwärts. Auf der Mariahilfer Straße kam mir Uzi im Morgengrauen nachgelaufen und wollte mich lynchen. Wofür ich gar kein Verständnis aufbrachte. Musiker um ihre wohlverdiente Gage zu bringen, wäre ein böses Vergehen, das geahndet werden muss. Ich konnte ihm die Lage erklären, und versprach eine Abrechnung für den nächsten Tag. Da die Typen Wollmarker und Feichtinger in der Stadt für ihre Schlitzohrigkeit bekannt waren, kam ich ohne Strafe davon. Weniger meiner Überredungskunst, eher der Anmerkung, dass der von ihnen respektierte Lersch mein Freund sei, war es zu verdanken, dass ich am nächsten Tag ein paar Hunderter erhielt. Die brachte ich sofort Uzi, damit er sich und die Musiker bezahlen konnte. Obwohl unschuldig, war dadurch meine gute Reputation in der Jazzszene etwas angeschlagen. Daraus eine Lehre für die folgenden Jahrzehnte ziehend, plante ich keine Veranstaltungen mehr. Ich widmete mich wieder intensiv den Vorbereitungen für die Expedition. Aber immerhin, das Konzert war eine Fortsetzung der Tradition des Jazz im Rondell, die als Samen für das bekannte Jazzlokal Porgy und Bess gilt, das allerdings erst einige Jahre später dort einzog.

Max Lersch in meine Ambitionen zum Feldforscher einzubinden, stellte sich als höchst positiv für das Unternehmen heraus. Er war irgendwie ein Genie. Mit überragender Intelligenz ausgestattet erfasste er innerhalb kurzer Zeit die ihm bis dahin völlig fremde Materie. Sein sicheres Auftreten und die ihm eigene Kontaktfreudigkeit waren für das Vorhaben besonders hilfreich.

Mackie war ein mutiger Mann in den besten Jahren, der kaum vor jemand Angst kannte und jeden Randalierer, und wäre er noch so kräftig oder gar bewaffnet, niederrang. Allein das für ihn zuständige Finanzamt für den ersten und dreiundzwanzigsten Wiener Gemeindebezirk fürchtete er, denn es war eine nicht anzugreifende höhere Macht. Einmal bat er mich um Hilfe, ihn und sein Hab und Gut vor den Schergen dieses Amtes, den Gerichtsvollziehern, zu schützen. Am frühen Morgen des Tages, an dem der Besuch der Beamten des Exekutionsgerichtes angesagt war, und nachdem die letzten Gäste die American Bar und den Strohkoffer verlassen hatten, blieben wir allein zurück. Wir verbarrikadierten alle offiziellen Zugänge von innen und verließen durch den bereits früher erwähnten Geheimgang, der vom Kellerlokal durch den Nachbarkeller in die Freiheit führte, diese Trutzburg. Da es für Mackie geboten war, am nämlichen Vormittag keinesfalls innerhalb der Ringstraße zu erscheinen, blieb er zu Hause, um sich von den Strapazen der letzten Nacht zu erholen. Als treuer Freund bezog ich, der zu der Zeit noch keinem Finanzamt bekannt war, zeitgerecht meinen Beobachtungsposten im Kärntnerdurchgang.

Und richtig, eine Gruppe ernst blickender Herren versuchte mittels Aufsperrdienst in die Lokalitäten einzudringen. Vergebens. Da sie anscheinend um die Unbeugsamkeit des M. R. Lersch wussten, hatten sie einen uniformierten Polizisten mitgebracht. Das Gesetz sah vor, dass vom Exekutor zwar aufgeschlossen werden, zum Eindringen in das Objekt aber keinerlei Beschädigungen entstehen dürfen. Sichtlich enttäuscht über die Erfolglosigkeit ihres Bemühens, hielten die Versammelten noch ein kurzes Palaver ab und verschwanden anschließend in verschiedene Richtungen. Auch der Herr Revierinspektor zog merklich erleichtert ab, denn bei den winterlichen Kontrollgängen durch die kalten nächtlichen Straßen durfte er sich jederzeit bei einem „Kaffee“ in der Loosbar aufwärmen. Es wäre ihm bestimmt nicht angenehm gewesen, seine Dankbarkeit für diese Wohltaten durch eine Amtshandlung vergelten zu müssen.

Nachdem ich mich versichert hatte, dass die Luft endgültig rein war, suchte ich die nahe in der Spiegelgasse gelegene Bonbonniere auf, die damals als Tagesbar schon vormittags Gäste zum Aperitif empfing. Die Herrscherin über dieses traditionsreiche Etablissement war Gaby, deren resolute Mütterlichkeit Mackie bedingungslos respektierte. Mittlerweile hatte er in dem Lokal sein „Büro“ aufgeschlagen, wo er telefonieren, mit Geschäftsleuten plaudern und geschäftliche Beziehungen aufbauen konnte. Von dort rief ich ihn zur Entwarnung zu Hause an. Lersch nützte von dieser Theke aus erfolgreich seine Verbindungen in der Wiener Lokalszene, um American Bar, Strohkoffer etc. zu verkaufen.

Als Mackie noch Eigentümer des Strohkoffers war, gab es ebenfalls Gäste, die keine bildenden Künstler waren. Aus diesem Personenkreis fanden wir potenzielle Teilnehmer für das Unternehmen Afrika. Da war einmal Walter Eder, er war gleich nach Kriegsende eine Zeit lang Schauspieler und Pantomime bei den Stephansspielern, einem Wiener Theaterensemble. Er war schon vor mir in Afrika gewesen, ritt auf einem Pferd von Niamey – dem Regierungssitz von Niger – durch den Busch des Sahel über das Wildreservat von Arli bis Ouagadougou, der Hauptstadt von Obervolta. Das Land heißt seit seiner Unabhängigkeit Burkina Faso. Das sind weit über eintausend Kilometer allein zu Pferd, quer durch die Steppe. Er verdingte sich dort auch zeitweise als Jagdführer. Mit einer stattlichen Größe von einem Meter neunzig und um zehn Jahre älter als Mackie Lersch, strahlte er ungeheure Ruhe und Besonnenheit aus, außerdem sprach er leidlich Französisch und Englisch. Das war unser Mann! Bedächtig hörte er sich unser Programm an und sagte ohne Umschweife zu. Er war es, der den Fokus des ersten gemeinsamen Unternehmens auf Westafrika richtete, wo er sich auskannte. Dann gesellte sich, mehr durch Zufall, ein Belgier namens Jean-Pierre Veyhs zu uns, von dem wir nicht so recht wussten, was er beruflich tat. Wir erfuhren von ihm nur, dass er mit einigen Wiener Bekannten heimlich in der alten Donau mit der Harpune fischte und dort einen sagenumwobenen Wels von zwei Metern Länge schießen wollte, den man angeblich in der alten Donau gesichtet hatte. Seine deutschen Sprachkenntnisse waren weitgehend artikelfrei, Französisch verstand er perfekt, allerdings, ob ihn Franzosen verstehen würden, war fraglich, er kam nämlich aus Brüssel. Mit fünfzig Lebensjahren war er unser Ältester. Sein graues gekräuseltes Haar, die hellblauen Augen und der französische Akzent machten ihn für Mädchen überaus attraktiv. Forderungen aus Alimenten verfolgten ihn überall hin. Aber was soll’s, er brachte etwas Bargeld in das Unternehmen ein, das konnte uns nur recht sein. Hans Kopezky, ein gelernter Fotograf, sprach Mackie in der Bonbonniere wegen Afrika an und meldete sich als einzig echter Professionist und Mitstreiter an.

Nachdem nun kein Job mehr in Lersch’s Lokalen zu erwarten war, musste eine neue Einnahmequelle für mich her. Ich kaufte mir auf Raten ein Motorrad der Marke „Ardie“, zweihundert Kubikzentimeter Motorvolumen und Baujahr 1934. Rechts vom Benzintank befand sich die Kulissenschaltung, was bedeutete, dass man bei jedem Gangwechsel mit der rechten Hand die Lenkstange loslassen musste. Mit zwei hochgezogenen Auspuffrohren vermittelte die Maschine einen richtig sportlichen Eindruck.

Motorrad
Ardie RZ 200-1939

Durch diese meine Mobilität erhielt ich mühelos einen Job als Nachtwächter bei dem traditionsreichen Bewachungsunternehmen Helwacht. Nachts knatterte ich, mit einer Stechuhr bewaffnet, von Bewachungsobjekt zu Bewachungsobjekt. Tagsüber mussten aber die Akquisitionen für die Expedition durchgeführt werden. So zogen wir zwei von einer Institution zur anderen, Mackie Lersch im grauen Flanellanzug, mit blütenweißem Hemd und dezenter Krawatte hinter mir hoch am Soziussitz. In der Hoffnung auf Unterstützung für unser gemeinsames Vorhaben besuchten wir wissenschaftliche Institutionen und Firmen in Wien und Umgebung. Da mein Schlafbedürfnis irgendwann befriedigt werden musste, legte ich die Kontrollzeiten der Nachtdienste dahingehend, dass ein paar Stunden Schlaf dazwischen möglich waren. Dies blieb nicht ohne Folgen, denn die Einbrecher konnten sich auf meine Pünktlichkeit verlassen. Ein weiterer Umstand begünstigte die Ausübung der Geschäfte dieser Berufsgruppe. Das Motorrad verlor eines Tages einen Auspufftopf, was den Schalldruck auf sportlichen Pegel erhöhte. So lautstark konnte ich den Nachtdienst nicht ausüben. Da ein Rohr zum Betrieb des Motorrades sicher genügen würde, verstopfte ich mit einer Handvoll alter Tücher den verbliebenen Stumpf des Auspuffs. Mit Draht festgebunden hielten die Fetzen im Rohr fest, die Maschine war mit einem funktionierenden Auspuffrohr leiser denn je zuvor. Fast geräuschlos fuhr ich an die zu bewachenden Objekte heran, doch im falschen Moment begannen die Fetzen zu brennen und Ohren betäubender Krach war die Folge. Die glühenden Tücher stoben aus dem halben Auspuff, blieben am Draht der Sicherung hängen und wie eine Rakete funkensprühend einen Feuerschweif hinterher ziehend, näherte ich mich auf diesem knallenden Kometen dem zu inspizierenden Gebäude. Zum Glück war die Wiener Polizei ehedem nachts auf den Straßen nicht allzu präsent. Ich hatte nämlich noch keinen Führerschein. Nach einigen Monaten löste ich das Arbeitsverhältnis, teils aus Übermüdung, teils um einer erniedrigenden Kündigung durch Helwacht vorzubeugen.

Es war an der Zeit, einen für Afrika tauglichen Geländewagen zu suchen. Eine wichtige Anschaffung, da wir ja entgegen meinem ursprünglichen Plan jetzt zu zweit, wenn nicht gar zu dritt unterwegs sein werden. Beim Autohaus Metzger an der Triester Straße fand ich das geeignete, nach Bedarf mit Allrad zu betreibende Gefährt. Die in Wien stationierte britische Armee stieß ihre alten Fahrzeuge billigst ab, Metzger kaufte davon ein Kontingent und zerlegte die Autos zur Gewinnung von Ersatzteilen. Ein gut erhaltener Wagen entkam der Zerstückelung. Es war Liebe auf den ersten Blick und lag im Rahmen des Budgets. Ein rechts gesteuerter, zwei Tonnen wiegender Humber 4 × 4 Heavy Utility mit einem Aufbau aus Holz. Er verfügte über einen ausreichend PS liefernden Motor mit sechs Zylindern. Die Lackierung war sandfarben, was mich zu Recht vermuten ließ, dass dieses Auto im Afrikafeldzug gedient haben musste, und zwar als Kommandowagen. Wie vorhin schon erwähnt, war ich nicht im Besitz eines Führerscheines. Deshalb bat ich meinen Freund Hansi Eidlitz, dem Sohn der Schauspielerin Alma Seidler, das Expeditionsfahrzeug polizeilich auf sich anmelden zu lassen. Auf Mackie Lersch anzumelden war nicht möglich, weil dieser weiterhin von der Finanz verfolgt wurde. Da ein Automobil einen Namen haben muss, tauften wir ihn „Père Ubu“, nach der Hauptfigur in dem skurrilen Theaterstück gleichen Titels von Alfred Jarry, der einen riesigen, durch Wind betriebenen Wagen bauen ließ.

Wir bemühten uns um Anerkennung als Feldforscher. Dabei lernten wir Walter Hirschberg, damals Dozent am Institut für Afrikanistik der Universität Wien kennen, der uns äußerst liebevoll unter seine wissenschaftlichen Fittiche nahm. Seiner Einladung folgend, besuchten wir als Gasthörer eine Reihe von Vorlesungen bei ihm und dem Völkerkundler Prof. Hans G. Mukarovsky. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse waren uns in den nächsten Jahren bei der Arbeit in Afrika recht nützlich. Hirschberg hat uns dem Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften näher gebracht. Schließlich war es die Kernkompetenz unseres Unternehmens, Tonaufnahmen in Afrika zu erarbeiten und diese in Österreich für wissenschaftliche Auswertungen zur Verfügung zu stellen. Der Linguist Professor Mukarovsky war an Sprachaufnahmen für sein Institut interessiert. Er gab uns Fragebögen zur akustischen Erstellung von Diktionären afrikanischer Sprachen mit. Obwohl Hirschberg am Institut für Völkerkunde lehrte und über Afrika sehr genau Bescheid wusste, war er jedoch nie vor Ort gewesen. Wir erhielten von der Universität, vom Museum für Völkerkunde und natürlich von der Akademie der Wissenschaften jede gewünschte Unterstützung in Form von Beglaubigungsschreiben, aber keine Sachwerte, schon gar kein Geld.

In der Zwischenzeit waren wir zu fünft und benötigten ein zweites Fahrzeug. Erfolggewohnt kontaktierten wir die Vertretungen von Mercedes, Steyr-Puch, MAN, Saurer und Volkswagen. Die meisten Firmen sagten sofort oder mit etwas Verzögerung ab, Steyr vertröstete uns von Woche zu Woche. Die Nerven waren gespannt, denn unser geplanter Abfahrtstermin rückte immer näher. Der sollte unbedingt eingehalten werden, wegen sommerlicher Hitze in der Sahara und zu erwartender Regenzeit weiter südlich. Wir hatten beinahe alles beisammen, was wir für diese Expedition brauchten. Als Grundlage waren da die technischen Geräte für meine Tonaufnahmen, Telefunken stellte uns ein tragbares Magnetophon Kl 25 Verfügung, das allerdings vom Stromnetz abhängig war. Für an der Technik interessierte Leser sei hier ein Link angegeben::

https://www.radiomuseum.org/r/telefunken_magnetophon_kl25.html

Dazu gab es ein Mikrofon D12, das mir die österreichische Firma AKG lieh. Eine Wiener Elektrofirma baute für uns einen etwa 20 kg schweren Einankerumformer, der aus den 12 Volt der Autobatterie 220V Wechselstrom machte.

Zur Ausrüstung gehörten Inzersdorfer Lebensmittelkonserven und ausreichend Kondensmilch für mehrere Monate. Einige Kisten Rossbacher Magenbitter, Ovomaltine und diverse nahrungsergänzende Mittel sollten die Verpflegung aufbessern. Kochgeschirre, Zelte, ein Jagd- und ein Schrotgewehr, zwei Pistolen inklusive dazu passender Munition, und eine Schreibmaschine waren im Gepäck. Darüber hinaus gab es khakifarbene, nach Maß angefertigte, einheitliche Overalls für alle fünf Teilnehmer der Expedition. Besonders wichtig für uns war der Inhalt einer Reiseapotheke mit ausreichend Familienpackungen Resochin gegen Malaria, schmerzstillenden Mitteln und Seren gegen alle möglichen Schlangenbisse. Der Ölkonzern besaß über ganz Afrika verstreut ein dichtes Tankstellennetz. Dann war da noch ein dicker Ordner mit Befürwortungsschreiben von wissenschaftlichen Institutionen, denen wir Forschungserfolge und Originalgegenstände aus Afrika nach unserer Rückkehr versprochen hatten. Diese Schreiben waren leicht zu erhalten, weil sie ja niemandem etwas kosteten und der jeweilige Leister der Unterschriften auf solchen Papieren, bei Erfolg der Expedition Schulterklopfen und Anerkennung für seine Weitsicht bekommen würde. Diese amtlichen Schreiben waren besonders hilfreich bei der Beschaffung der Visa und bei Zollformalitäten, vorwiegend für die Aus- und Einfuhr der Waffen. In der Aufbruchsstimmung rund um den Beginn des Wirtschaftswunders war die Besorgung solch umfangreicher Ausrüstung möglich. Da die Österreicher und die Studenten diverser Fakultäten zu dieser Zeit vorrangig auf ihre materielle Zukunft bedacht waren, hatten unsere mehr oder weniger autodidakten Bemühungen Erfolg. Einige Ausnahmen betätigten sich nach dem Krieg aktiv in der Feldforschung, wie Hugo Bernatzik, Herbert Tichy, Max Reisch, Lotte und Hans Hass und Ludwig Zöhrer.

Nachdem uns Steyr-Puch, mit denen wir als österreichische Patrioten natürlich rechneten, drei Wochen vor dem geplanten Abfahrtstermin keine Zusage für ein Fahrzeug machen konnte, schwärmten wir aus, um von irgendeiner Autovertretung gegen Werbung ein zweites geeignetes Fahrzeug zu erhalten. Stundenlange Gespräche mit den jeweils verantwortlichen Herren, denen wir mittels unserer amtlichen Unterlagen die große Bedeutung dieses Unternehmens für die österreichische Wissenschaft darlegten, hatten keinen Erfolg. Selbst die allgemeine Freude über den kürzlich unterzeichneten Staatsvertrag wirkte dabei keineswegs unterstützend. Die Wohnung meiner Eltern war mit Expeditionsmaterial, Kisten und Geräten zugepflastert und kaum mehr begehbar. Es wurde Spätherbst, wir hatten die Zuversicht, jemals nach Afrika zu kommen, bereits verloren. Eher aus Verzweiflung und ohne mit Erfolg zu rechnen, besuchten Walter und ich, bepackt mit allen Unterlagen, das Ausstellungslokal der DDR-Autofirma IFA am Schubertring Nr. 2. Wir stellten uns dem Herrn vor und während wir unsere lauteren Absichten mit den beglaubigenden Papieren am Tisch ausbreiteten, wurde routinemäßig der Text des Anliegens abgespult. Der gelangweilt wirkende Mann hinter dem Schreibtisch zeigte fast beleidigendes Desinteresse. Unvermittelt erhob er sich wortlos, enttäuscht klaubten wir unsere Unterlagen wieder zusammen. Schon wollten wir das Lokal verlassen, als er uns bedeutete, ihm zu folgen. Wir betraten einen Hof, in dem etliche gebrauchte Autos der Marke IFA-F9 und Trabant zum Verkauf standen. Welchen davon wir haben wollen? Da war ein zweifarbiger, beige – braun lackierter Kombi, der uns gefiele. OK, sprach der Herr, er würde ihn morgen anmelden und gegen Abend wäre der Wagen abholbereit. So einfach war das und dauerte kaum eine Viertelstunde. Verschreckt und ungläubig bedankten wir uns kurz und verließen schweigend eilig das Geschäft. Jeder von uns war auf dem Weg zur Kärntnerstraße in seine eigenen Gedanken und Bedenken versunken, keiner wagte es, diese laut werden zu lassen. Das Auto hatte einen Zweitaktmotor mit nur 28 PS, drei Zylinder und Vorderradantrieb, Höchstgeschwindigkeit 90 km/h und war noch dazu aus dem Osten! Ob das gut geht? Geglaubt haben wir unser Glück erst, als Walter Eder am nächsten Tag mit dem blitzsauber gewaschenen Wagen bei der Bonbonniere vorfuhr. Bei einigen Whiskys mit Gabys Unterstützung leisteten wir so etwas Ähnliches wie einen Rütlischwur. Wir werden ihm, dem Vertreter des VEB Sachsenring viele, viele Fotos, einen 8mm-Film, Fahrtenberichte und das Auto zurückbringen, selbst wenn wir es tragen müssten. Solch blindes Vertrauen darf nicht enttäuscht werden!

Mit neugewonnenem, frischem Mut machten wir uns an die abschließenden Arbeiten. Da jede Expedition einen Leiter braucht, erwählten wir dazu einstimmig den charismatischsten unter uns, Max (Makie) Lersch. Die Autos erhielten eine saubere Beschriftung, „Österreichische Westafrikaexpedition 1955-56“ prangte an den Autotüren des Humber und des IFA. Nicht ohne Stolz fuhren wir mit unseren Gefährten durch Wien, sammelten ausstehendes Expeditionsmaterial für die große Reise ein, und ließen uns im Tropeninstitut gegen alle möglichen zu erwartenden Krankheiten impfen. Ein allerletzter Heurigenabend wurde mir noch fast zum Verhängnis. Spät abends fuhren wir im Konvoi, die Autos mit fröhlichen Menschen vollgestopft, die Nußdorfer Straße stadteinwärts. Ich, mit Mackie links von mir am Beifahrersitz des Père Ubu voraus. Da winkte uns ein ernst blickender Polizist an den Straßenrand. Wie der geehrte Leser weiß, war ich damals ohne Führerschein, mein Schreck war dementsprechend groß. Das Ausmaß von Alkoholisierung wurde zu jener Zeit noch durch geschulte Polizeibeamte nach Atemluft, Körperhaltung und Gleichgewicht des Autofahrers geschätzt, was mir die geringste Sorge bedeutete, denn die gültige Obergrenze von 1,5 Promille hatte ich wahrscheinlich nicht erreicht. Ich hielt den Wagen in respektvoller Entfernung von der Polizei an, Mackie und ich sprangen gleichzeitig aus dem Humber und schritten höflich dem Inspektor entgegen. Der nette Polizist wandte sich direkt an den links vom Auto ausgestiegenen Lersch und verlangte von ihm, dem vermeintlichen Fahrer, Führer- und Zulassungsschein. Mackie war im Krieg bei den Panzergrenadieren gewesen, was ihm automatisch einen Führerschein für Kraftfahrzeuge bis 3,5 Tonnen Gesamtgewicht einbrachte. Er verfügte aber über keinerlei Fahrpraxis. Dass wir ein Auto aus britischer Erzeugung fuhren, welches rechts gelenkt war, wurde vom Auge des Gesetzes zu meinem Glück nicht in Betracht gezogen.

Einige Tage später, es war der 20. Dezember, feierten wir bei und mit Freunden unter Zuhilfenahme von ausreichend Sekt und Champagner Abschied. Tränenreich begannen sich unsere Angehörigen, Frauen oder Freundinnen von uns Helden zu verabschieden. Da wir, der Etikette des Wiener Nachtlebens Genüge tuend, sowohl in der Bonbonniere von Gaby, als auch im Rondell von Feichtinger Adieu sagen mussten, wurde es Mitternacht, ehe Max, Jean-Pierre und ich im schwer überladenen Humber zu einem großen Abenteuer aufbrachen. Walter und Hans, die den IFA belegten, hatten noch etwas zu erledigen, und würden einen Tag später nachkommen. Treffpunkt Marseille, von wo die Überfahrt nach Algier stattfinden wird.

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