7. KAPITEL – Casablanca, Arbeit auf dem Schiff, Dakar und Marseille

Gurgelnde Töne des Unmuts der Kamele im Hof treiben mich aus dem Bett. Akamouk hat seine Meharis hinlegen lassen, um sie zu beladen. Eben legt er dem Reittier die prachtvollen und mit Quasten verzierten Decken über. Ich schlüpfe schnell in meine Hose und laufe hinunter. In diesem Moment hebt der Targi den Sattel mit dem schön geformten Dreizack, der sowohl als Schmuck, wie auch als Griff zum Anhalten dient, auf den Kamelrücken. Ich frage Akamouk nach dem Reiseziel. In den Azawad im Norden von Mali, wo die Touareg verzweifelt um ihre Freiheit kämpfen. Er will sich selbst davon überzeugen, was die Tuareg-Krieger der MNLA, (Mouvement national de libération de l’Azawad), der nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad, erreicht haben, und warum so viele von ihnen nach Niger flüchten. Auch bei uns kommen gelegentlich kleine Karawanen mit ganzen Familien von Tuareg und hochbeladenen Lastkamelen vorbei und ziehen neben der Piste gegen Osten. Wahrscheinlich nach Tamanrasset oder in das Gebirge vom L’Aïr, vielleicht in das Gebiet von Agadés. Al Kaida, Islamisten und Tuareg waren anfänglich Verbündete. Von diesen ausgebootet, war der Traum vom eigenen Tuaregstaat wieder in weite Ferne gerückt. Für einen allein reisenden Targi dürfte es gefährlich werden. Ich äußere meine Bedenken und erhalte prompt die stolze Antwort, ihm würde sicher nichts geschehen, er sei ein Imuhagh, ein Adeliger! Ob das die mit weitreichenden Schusswaffen versehenen Kämpfer der Al Kaida auch beachten würden, die könnten ihn aus dreihundert Meter gezielt aus dem Sattel schießen? Fürchtet man sich vor etwas, tritt es unweigerlich ein, bekomme ich an den Kopf geworfen. Gut, selbst ich praktiziere dieses Theorem seit Anbeginn gegen alle möglichen Krankheiten, was auch zum großen Teil Erfolg brachte, aber Menschen damit abzuwehren, ist mir noch nicht gelungen. Er sieht mich voll Mitleid direkt an und erklärt mir ganz einfach, warum das nicht funktioniert. Weil ich eben ein Rumi bin. Danke, das genügt. Wären wir in Europa, könnte ich ihn daraufhin wegen Rassismus verklagen.

Bei jedem Stück, das er mit Schnüren an den Kamelen befestigt, protestieren sie gurgelnd. Bei jedem Stück, das er mit Schnüren an den Kamelen befestigt, protestieren sie gurgelnd. Ich frage mich, ob ihnen das ewige Gurgeln nicht mit der Zeit zu blöd wird? Auf beiden Seiten des Lastkamels hängen die aus Ziegenhaut zusammengenähten, wasserdichten Gerbas. Sie sind noch triefend nass, da sie erst vor Kurzem mit frischem Wasser angefüllt wurden. Daneben baumelt ein dickes Bündel aus trockenen Zweigen zum Feuer machen. Ohne Tee geht es halt in der Wüste nicht. François erscheint in der Türe des Hauses mit zwei in Stoff eingepackten und verschnürten Paketen. Er übergibt sie Akamouk, der anscheinend Bescheid weiß, was damit geschehen soll. Unter dem gewohnten Gebrüll des Kamels werden auch die am Sattel befestigt. Francois teilt mir mit, dass das Frühstück vorbereitet ist. Ich gehe hinein, begrüße Michelle, die den Tee bringt, und beginne das Gebotene zu genießen. Draußen werden die Unmutsäußerungen der Meharis heftiger. François kommt wieder in den Gastraum und überbringt mir einen Gruß von Akamouk. Ich beeile mich, in den Hof zu kommen, aber die Kamele sind zu schnell, sodass sie schon außer Rufweite sind, als ich die drei Stufen zum Vorhof hinunterlaufe. Er reitet genau gegen Westen, gleich wie die Piste verläuft. Nach einigen Kilometern wird er von dieser Richtung abweichen und quer durch die Wüste ziehen. Innerlich wünsche ich ihm viel Glück und hoffe, dass er gesund wiederkommt. François sitzt noch im Gastraum, nachdenklich den Kopf mit den Händen stützend. Es ist mir zu mühsam, ihn nach dem Grund seiner Nachdenklichkeit zu fragen. Außerdem will ich Ruhe haben und mit Konzentration die nächste Episode meiner Erinnerungen in den Computer hacken.

Die bis hierher an meiner Seite gebliebenen tapferen Leserinnen und Leser ersuche ich um Verständnis, dass es in diesen Geschichten keine ausführlichen Beschreibungen der Städte und Landschaften gibt. Sechs Jahrzehnte sind inzwischen vergangen, und der Status quo würde keinesfalls mit dem von mir damals Gesehenem und Gespeichertem übereinstimmen. Geschichtliches bitte ich bei den ganz großen Schriftstellern, wie Gustav Nachtigal, Pére de Foucold oder Heinrich Barth nachlesen zu wollen. Für diejenigen, die eine Reise planen gibt es das Internet, Baedeker und andere moderne Reiseberichte. Ich bitte daher um Verständnis, dass ich bei den Schilderungen der Eindrücke bleibe, welche die Jahrzehnte in meinem Gedächtnis überdauert haben:

Casablanca! Allein der Name ist schon Programm. Ich erreichte die Stadt kurz vor Sonnenuntergang, goldgelbes, warmes Licht warf lange Schatten der gar nicht durchweg weißen Häuser auf die belebten Straßen. Das nur seltene Auftreten von wirklich weißen Gebäuden war enttäuschend, konnte mir aber die Stimmung nicht verderben. Ich war einfach glücklich, mich in dieser Geschichts- und geschichtenträchtigen Stadt aufhalten zu dürfen. Ich blieb hier länger als geplant, denn es hat einige Wochen gedauert, bis ich die Stadt endgültig in Richtung Europa verlassen konnte. Eine Jugendherberge in klassischem Sinne gab es, war jedoch ausgebucht. Aber ich fand ein anderes, leistbares Quartier in der Nähe des Hafens. Das zu finden erforderte einige Stunden und es wurde Nacht darüber. Es traf sich gut, dass keine Anzahlung zu leisten war, nur den Pass sollte ich abgeben. Müde und zufrieden bezog ich mein bescheidenes Zimmer. Dusche und Toilette waren vorhanden.

Am nächsten Vormittag suchte ich an der mir angegebenen Adresse die österreichische Dienststelle auf. Eine recht gut Deutsch sprechende Sekretärin bat mich zu warten und zeigte mir einen Raum, dessen Wände mit Plakaten der Österreichwerbung beklebt waren. Ich rechnete mit der Unterstützung dieses Herrn bei den Institutionen, wo ich mehr über marokkanische Musik erfahren würde, sowie bei der Beschaffung eines amtlichen Darlehens zur Heimreise. Während ich dort wartete, las ich in einer im Warteraum aufliegenden deutschsprachigen Zeitung, dass es vor einigen Tagen in der Umgebung von Agadir ein Erdbeben gegeben hatte, das Zerstörungen anrichtete. Wahrscheinlich war das schon eine tektonische Ankündigung für das wesentlich stärkere Erdbeben von 1960, welches zehntausende Tote gefordert hatte. Der betreffende Herr sei auf Dienstreise, teilte mir die Dame nach kurzer Wartezeit mit, er sollte aber in einigen Tagen wieder im Büro anzutreffen sein.

Da ich für die Zwischenzeit, bis der Angestellte des Konsulats zurück sein würde, nichts Besseres vorhatte, plante ich, nach Agadir zu fahren. Vielleicht kann man sich dort nützlich machen. Ich holte mein Gepäck aus dem für eine Woche gemieteten Zimmer und zog gleich los, südwärts. Das ging gar nicht mehr so einfach wie bisher im Norden, ich musste auf diesen etwa zweihundert Kilometern mehrmals die Fahrzeuge wechseln. Die letzte Strecke verbrachte ich im finsteren Laderaum eines Kastenwagens Marke Citroën, der am Fließband in seine eckige Form aus Wellblech zusammengeschraubt worden war. In Agadir angekommen, freute ich mich, wieder frische Luft atmen zu können. Es war schon sehr dunkel, aber dem Breitengrad entsprechend angenehm warm. So übernachtete ich unter freiem Himmel, eingewickelt in meinen grauen Lodenmantel, der mich bis hierher brav begleitete. Ober mir wölbte sich ein unvorstellbarer Sternenhimmel. Das war die erste Erfahrung mit einem südlichen Nachthimmel, und ich wunderte mich, dass so viele Sterne da oben überhaupt Platz haben. Einige darunter blinkten rötlich, andere bläulich, manche verschmolzen zu kleinen leuchtenden Flächen. Ein faszinierender Eindruck im Vergleich zum Nachthimmel meiner österreichischen Heimatstadt Wien.

Bei Sonnenaufgang weckte mich die feuchtkalte schnuppernde Schnauze eines Hundes im Gesicht. Ein streunender Mischling aus arabischem Windhund, einem Slugi, und irgendeiner anderen Rasse hielt meinen schlafenden Körper wahrscheinlich für fressbares Aas. Erst schreckten wir uns beide voreinander. Auf eine Bewegung meines Kopfes hin sprang er einen Meter nach rückwärts und beäugte mich knurrend. Als ich aufstand, rannte er, den Schwanz zwischen die Hinterbeine geklemmt, davon. Die gemauerte Sitzbank, auf der ich die Nacht verbracht hatte, stand in der Nähe des Meeres. Gleich dahinter führte ein asphaltiertes Stück Straße in die nahe Stadt. Niemand dort konnte mir wirklich Auskunft über ein Erdbeben geben, das sich hier kürzlich ereignet haben soll. Hier durfte ich also meine mir immanente humane Seite auch nicht beweisen. Die Landkarte zeigte zwei Wege zurück nach Casablanca. Die direkte Straße lief an der Küste entlang, die andere landeinwärts. Sie war zwar etwa doppelt so lang, führte aber über Marrakesch. Diese sagenumwobene Stadt übte einen großen Reiz auf mich aus, dem ich nicht widerstehen konnte. Außerdem kostete die Fahrt dorthin ja nichts. So wählte ich die längere Route. Die schmale Straße führte erst durch besiedelte Gebiete mit einigen Bäumen dazwischen in die Berge hinauf, in die Ausläufer des Atlasgebirges, über den Antiatlas. Je höher und östlicher man kam, umso mehr wurde die Erde rostrot, die Bäume schrumpften zu Büschen, bis auch die verschwunden waren. Erst kurz vor Marrakesch, wo es wieder in die Ebene ging, kamen grün bewachsene Gärten mit Palmen und Obstplantagen bis an die Straße heran.

Marrakesch war mit wechselndem Glück in den letzten tausend Jahren mehrmals Hauptstadt von Marokko. Stolz zeigte sie das mit ihren mächtigen uralten Stadtmauern und phantastischen maurischen Gebäuden aus mehreren Jahrhunderten. Unnachahmliche Farbenpracht und eine der rigorosesten Bettlerkulturen beherrschten das Stadtbild. Richtiges Betteln gehörte hier zum täglichen Leben, denn es war ein angesehener Berufszweig, der sich seine Legitimation aus dem Koran holte. Man könnte diesen Beruf fast als Kunst bezeichnen. Seit Generationen hatte die Bettlergilde erkannt, dass körperliche Deformationen, die schon bei Kindern absichtlich herbeigeführt wurden, oder das Abtrennen von Gliedmaßen höhere Einnahmen brachten. Dieses eine Mal waren nicht die zahlreichen, Marrakesch überflutenden, ausländischen Touristen schuld an solch ungewöhnlichen Praktiken.

Der Islam gebietet das Almosengeben als Pflicht. Nicht nur am großen Marktplatz hatte ich das Gefühl, mitten in einem Varieté zu weilen, mit Schlangenbeschwörern, Musik- und Tanzgruppen, Wasserträgern mit blank geputzten Messingschalen in farbenfrohen Gewändern und die unvermeidlichen Bettler. Alles wie in Farben von Technicolor getaucht, was im Moment sehr beeindruckte, den staunenden Reisenden aber schnell ermüdete. Ich ließ es bleiben, mich mit den zahlreichen Showbands am Platz näher zu beschäftigen. Gerne hätte ich an einem der Tische vor den vielen Kaffeehäusern ein Bier getrunken und das Geschehen aus der Perspektive von Touristen betrachtet. Doch ein Griff in die Hosentasche zu meiner Barschaft überzeugte mich von der Unmöglichkeit solchen Vorhabens. Einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, mich einfach unter die Bettler zu mischen. Aber, wie oben erwähnt, war hier betteln eine über Generationen tradierte Kunst, die ich noch nicht geübt hatte, außerdem hätte das Bettlersyndikat diesen Fremdkörper sicher gewaltsam entfernt. Auch die Jugendherberge gleich beim Markt wirkte nicht besonders einladend, weshalb blieb ich nur eine Nacht blieb. Abends, auf meinem Lager liegend, hatte ich Zeit darüber nachzudenken, warum ich Städte mit großen Ansammlungen von Menschen, bestehend aus Einheimischen, oder gar Touristen, stets nur schnell durchwanderte. Ich absolvierte sozusagen meine Pflichtübungen und verschwand jedes Mal so schnell wie möglich wieder in die einsamere, stille Landschaft, in der ich mich wohlfühlte. Ich konnte zu keinem befriedigenden Schluss kommen und schlief darüber ein.

Per Autostop auf der Route National No. 9 nach Casablanca ging es an Äckern oder Gärten mit Gemüse und Obst, und an zahlreichen Schaf- oder Ziegenherden vorbei, wie in südlichen Gegenden Europas. Ziemlich übergangslos führte ein vierspuriger Boulevard in das Zentrum der Stadt und weiter bis zum Hafen. Ganz in der Nähe davon war mein Quartier gelegen, das wieder nur wenige Straßen vom Konsulat entfernt war. Das suchte ich am nächsten Tag auf. Der Herr, ich will ihn »N« nennen, ist schon in seinem Büro und die nette Dame vom Empfang wollte mich gleich bei ihm anmelden. Nach Wochen mit Fremdsprachen der Muttersprache etwas entwöhnt, war es angenehm, sich wieder in Deutsch verständigen zu können, was mir ein Gefühl der Geborgenheit gab. Der Herr N ließ auf sich warten. Lange, jedenfalls sicher länger, als es durch seine Tätigkeit im Konsulat vertretbar gewesen wäre. Noch war mein Heimatgefühl, von den vielen Fremdenverkehrsplakaten unterstützt, ungebrochen. Doch dann erschien Herr N, adrett in dunklem Anzug, aus seinem Kämmerchen, er war nicht der Chef selbst. Groß und gut genährt, kam auf mich zu. Ich nannte meinen Namen und bestellte, wie aufgetragen, die Grüße meiner Eltern. Gut erzogen wartete ich, bis er mir seine Hand reichen würde – aber umsonst. Ja, ja, er wüsste bereits worum es geht, aber leider, leider kann er mir unmöglich Geld für die Rückreise nach Wien vorstrecken. Das Konsulat hätte kein Budget für solche Fälle, das müsste man in Rabat bei der Botschaft anfordern, doch das dauere … und so weiter. Mein Heimatgefühl hat sich daraufhin wie fünfundneunzig prozentiger Alkohol ohne Rückstände verflüchtigt, und ich war zu stolz, um weiter zu insistieren. Kleinlaut erkundigte ich mich nach eventueller Arbeit, da ich Geld für Lebensmittel und meine Unterkunft verdienen müsste. Er fragte, wo ich wohne. Man würde mich dort verständigen, sobald eine kostenlose Möglichkeit für eine Heimfahrt gefunden wäre. Was immer das sein kann, ich musste mich damit abfinden. Ich ging wieder, mit einigem Zorn in der Bauchgegend gegen österreichische Konsulate im Allgemeinen und Honorarkonsuln im Speziellen, in meine Bleibe.

Abgebrannt bis auf den letzten Dinar stellte sich die Aufgabe, diese Situation zu bewältigen. Aber auf wie lange? Und wie zahle ich das Quartier? Dort erzählte ich der Chefin des Etablissements, dass ich auf Geld vom Konsulat warte und bis zu dessen Eintreffen gerne eine bezahlte Beschäftigung hätte. Auch hier gab es keine befriedigende Auskunft. Doch am nächsten Tag kam ein Bote von Herrn N. mit der Mitteilung, es gäbe Arbeit für mich. Ich soll beim United Seamen’s Service nachfragen, denn manchmal nehmen sie dort Personal für Aushilfsarbeiten auf. Zehn Minuten waren es auf dem den Boulevard bis zum Hafen hinunterzugehen. Ich fand das USS sofort, ein flaches, schneeweißes und sauberes Gebäude, mit einem freundlichen Amerikaner im Vorraum. Er hörte sich mein Anliegen an und führte mich in ein Büro. Kein Problem, das Konsulat hätte schon angerufen. Ob ich denn putzen und reinigen würde? Yes Sir, und ich hatte den am schlechtesten bezahlten Job meines Lebens. Vordringlich wäre es, das Pissoir und überhaupt die Toiletten zu pflegen. Anscheinend muss Herr N. betreffend meiner Person etwas falsch verstanden haben. Offensichtlich wollte er Erziehungsmaßnahmen setzen und mir die Gefahren des Lebens im Ausland beibringen. Zu meinem Glück lag im Moment kein größeres Schiff im Hafen, dessen Besatzung die Annehmlichkeiten und Toiletten des Seamen’s Service beanspruchten. Ich war somit der Einzige, der diese Räumlichkeiten frequentierte. Der Geruch des mit Zitronenaroma angereicherten Scheuermittels, welches ich zum Reinigen der sowieso sauberen Nassräume erhielt, hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, den Großteil des verdienten Geldes in die Jukebox zu stecken und „Life could be a dream“ von den Crew Cuts abzuspielen. Diese „45er“ war nach den zwei Wochen sicher nicht mehr brauchbar! Eines Tages, ich hatte mich bereits an das Essen und die bequeme Arbeit gewöhnt, kam Herr N persönlich mit der Nachricht, es gäbe die Möglichkeit auf einem Frachtschiff nach Marseille mitzufahren. Er hat dem Kapitän von meiner Situation erzählt, und ich könnte, wenn ich wollte, mitfahren. Da ein Matrose ausgefallen war, müsste ich aber auf dem Schiff mitarbeiten. Warum nicht, obwohl ich Bedenken gegen Vermittlungen von dieser Seite hegte. So packte ich meine Sachen, holte den für die Miete als Pfand eingesetzten Pass, sagte im United Seamen’s Service Good by und suchte das angegebene Schiff im Hafen. Die Hafenbehörde erklärte mir, an welchem Peer der Frachter eben beladen wurde.

MS Yvette

Das Motorschiff Yvette war knappe fünfzig Meter lang. Der Aufbau war achtern, der Rostfraß am Rumpf hatte vertrauenswürdige Dimensionen noch nicht überschritten und die Wasserlinie lag beruhigend weit über dem Meeresspiegel. Was sollte mich daran hindern, die Rampe hinauf an diesem Kahn zu erklimmen und in den geplanten drei Tagen europäisches Festland zu erreichen. Leider konnte der erste Mann an Bord, den ich für einen Matrosen hielt, mein Anliegen nicht verstehen und zeigte in Richtung der Kommandobrücke. Also kletterte ich in den zweiten Stock hinauf, wo mich ein Offizier in nicht mehr so ganz sauberer weißer Uniform empfing. Seine Englischkenntnisse entsprachen den meinen, was unserer Kommunikation entgegenkam. Noch bevor ich meine Tasche und den Lodenmantel sicher verstauen durfte, sollte ich gleich mit der Arbeit beginnen. Aha, der Herr N. hat entsprechend seiner Auffassung von Hilfestellung vermittelt. Die Nahtstellen der Deckplanken des gesamten Schiffes waren mit einer, schwarzem Teer ähnlichen Masse ausgegossen. Doch diese hatte die Eigenschaft, durch intensive Einwirkung afrikanischer Sonne zähflüssig zu werden und sich auszudehnen. Es war Hochmittag, der Teer trat aus den Fugen und würde beim Begehen an den Schuhen kleben bleiben und das Deck verschmieren. Folglich musste er mittels eines besonderen Instrumentes in die Spalten zurückgedrängt werden. Vertrauensvoll übertrug die Schiffsleitung dem neu Angekommenen diese wichtige Aufgabe. Man drückte mir eine Art sehr breiten stumpfen Meißel sowie einen Hammer in die Hände. Auf der schattenlosen Kommandobrücke wurde mir ein abgegrenztes Areal von etwa zehn bis zwölf Quadratmetern zur Bearbeitung zugewiesen. Da ich unbedingt meine Arbeitsfähigkeit und -bereitschaft beweisen wollte, und darüber hinaus unter Beobachtung durch die Fenster von der Innenseite der Brücke stand, legte ich mit viel Elan auf den Knien rutschend los. Doch es war mühsamer, als ich gedacht hatte. Trotzdem bewältigte ich einen großen Teil meiner Aufgabe in vom Zorn getriebenem Tempo. Man möge verstehen, dass meine Vergleiche mit Galeerensträflingen nicht unberechtigt waren. Heilfroh war ich zu sehen, dass das Deck bis zum Vorschiff vollständig mit Ladegut zugestellt war, selbst zwischen den Ladeluken und der Reling steckten Kisten und Fässer. Was mich der Sorge enthob, das gesamte Schiff mit Meißel und Hammer bearbeiten zu müssen.

Abends gab es eine Mahlzeit, was bedeutete, dass ich von der Schiffsleitung als Mitglied der Besatzung angenommen worden bin. Mir wurde die Kabine des Kochs zugewiesen, der in die seines Freundes zog. Aus diesem Umstand keine Schlüsse ziehend, fiel ich todmüde in die Enge der Koje, nicht ohne vorher die runde Luke weit zu öffnen. Die Mannschaftskabinen befanden sich im Heck, knapp oberhalb der Wasserlinie und hatten deshalb Tageslicht. Meine Handflächen schmerzten und ich schlief mit weit von mir gestreckten Händen erschöpft ein. Deren Innenseiten kühlte ein leichter Lufthauch, der durch die geöffnete Luke zog. Das Anwerfen der Schiffsmotoren wurde mir zwar bewusst, doch gleich übermannte mich wieder der Schlaf.

Geweckt wurde ich durch den schrillen Ton einer fernen Trillerpfeife und das näherkommende Schlagen von Türen. Die Türe zu meiner Koje wurde aufgerissen, aber der Ton der Trillerpfeife blieb im Ansatz stecken. Der Maat schloss behutsam wieder die Türe und ließ mich die folgende Wache weiterschlafen. Sehr menschenfreundlich, er hat sicher die blutverschmierten, weit von mir gestreckten Hände gesehen. Die Blasen, die ich mir durch diese für mich ungewohnte Arbeit geholt hatte, waren während des Schlafes geplatzt. Doch bald danach wurde ich neugierig und kroch aus der Koje. Die Verletzungen waren nicht ganz so schlimm, wie sie aussahen, ich konnte mich trotz der Blessuren waschen und anziehen. Ich beeilte mich, auf Deck zu kommen, denn der Frachter befand sich in voller Fahrt. Ich zweifelte an meinem Orientierungsvermögen, die Morgensonne stand über der nahen Küste backbords, also links der Fahrtrichtung. Das sollte doch genau umgekehrt sein, wenn die Fahrt nach Norden ging! Das tat sie aber nicht, wir schipperten Richtung Süden. An der Richtigkeit meiner Entscheidung zweifelnd, dieses Schiff für die Heimfahrt bestiegen zu haben, befragte ich einen müßig an der Reling stehenden Matrosen. Der verstand weder englisch noch deutsch, er wies nur mit ausgestrecktem Arm zur Kommandobrücke hinauf. Ein Wunder, dass die Kommunikation ausschließlich mit wenigen international gültigen Handzeichen klappte. Das Schiff war von einer Reederei gechartert, die auf den Färöer-Inseln beheimatet war. Ein bisschen kam ich mir auf dieser Fahrt wie ein Taubstummer vor, der die Taubstummensprache nicht beherrscht. Aber bitte, welcher jugendliche Wiener kann schon Färöisch sprechen? Aus Bruchstücken von Worten und Zeichen kombinierte ich, dass wir sehr wohl nach Europa führen, aber vorher noch Ladegut in Dakar, Senegal, aufnehmen müssten. Ein kleiner Umweg von knapp dreieinhalb tausend Seemeilen.

Ich wurde dem lieben Koch, der mir seine Kabine überlassen hatte, zur Unterstützung in der Kombüse zugeteilt. Die Arbeit erschöpfte sich im Hin- und Hertragen von Essgeschirr zwischen der Küche und dem Speiseraum, je nach Richtung, mit vollen oder leeren Tellern. Meiner Integration in die Besatzung war das keineswegs besonders dienlich. Doch dann kam der Moment, in dem ich beweisen durfte, mehr Qualitäten zu besitzen. Es gab eine Sturmwarnung, wenigstens glaubte ich, diese Ankündigung als solche verstanden zu haben. Die zwischen Reling und Ladeluken lose gelagerten Kisten und Fässer mussten gesichert werden. Schwere, aus Tauen angefertigte Netze wurden herbeigeschafft und sollten in die dafür vorgesehenen Haken sowohl an den Rändern der Ladeluken, als auch an der Reling eingehängt werden. Mehr zufällig als absichtlich fand ich mich auf der schmalen Reling wieder, ausschließlich das zu spannende Netz als Halt. Weit musste ich mich rückwärts nach außen lehnen, um die gewichtige Abdeckung spannen zu können, unter mir der aufgewühlte Atlantik. Nachdem das Netz gespannt war, waren meine Handflächen zwar wieder ziemlich in Mitleidenschaft gezogen, aber dafür klopften mir Mitglieder der Crew anerkennend auf die Schultern. Auch der Koch strich mir zart über die Wange.

Was diese sprachlose Aufnahme in den Kreis der Matrosen für Vorteile hatte, sollte ich im Hafen von Dakar erfahren. Meiner unstillbaren Neugier folgend, wollte ich bei dem Landgang die Stadt erkunden. Ich verließ ohne Begleitung das Hafengebiet, und schon war ich von Halbwüchsigen umringt, die mit Aggressivität ein „Cadeau„, ein Geschenk von mir verlangten. Ich nahm das nicht sehr ernst, doch als sie mir in die Brusttaschen meines Hemdes griffen, musste ich mich wehren. Das ergab eine brenzliche Situation, die schwarzen Buben waren weit in der Überzahl. Urplötzlich waren sie verschwunden. Ich hatte ihr Kommen nicht bemerkt, hinter mir standen fast vollzählig die blonden Matrosen der Yvette, jeder mit irgendetwas Langem in der Hand und grinsten. Ich sollte Dakar erst viele Jahre nach diesem Ereignis besichtigen können. Ohne besondere weitere Geschehnisse fuhren wir nun in Richtung Norden. Bei einer Besatzungsstärke von nur fünfzehn Mann ergab es sich, dass ich eines Abends Dienst am Ruder versah. Es herrschte Dunkelheit auf der Kommandobrücke, nur die Instrumente und der Kompass waren beleuchtet. Auf Höhe der Straße von Gibraltar gab mir der erste Offizier in liebenswertem Färöisch-Englisch eine längere Anweisung zu einem Kurswechsel. Langsam auf sechsunddreißig Grad gehen hatte ich verstanden. Da ich in letzter Zeit gewohnt war, Anweisungen zu interpretieren, und dies meistens richtig war, drehte ich das Ruder sehr, sehr langsam, so dachte ich, die Anweisung verstanden zu haben, nach Steuerbord. Es war recht aufregend und romantisch zu sehen, wie auf dem Wasser rings um den Frachter die von den Positionslichtern ihrer winzigen Boote beleuchteten Fischer uns zuwinkten und zuriefen. Das Schiff war in voller Fahrt, da öffnete sich die Türe zum Navigationsraum, der diensthabende Offizier eilte zum großen Kompass vor mir, auf dem sich die Nadel in exakt diesem Moment auf 310° NO einpendelte. Das Schiff stoppte beinahe und der Offizier fuhr im Kommandoraum hinter mir mit dem Zirkel aufgeregt über seine Seekarte. Er sah ganz so aus, als hätte er ein schlechtes Gewissen. Er verhinderte jedenfalls, dass ich berühmt wurde. Denn unser Schiff wäre das Erste gewesen, das in der Stadt Gibraltar direkt auf der Buena Vista Road gelandet wäre. Da mich ja keine Schuld traf, durfte ich in dieser Nacht weiter das Ruder bedienen. Noch lange vor Sonnenaufgang wurde ich abgelöst. Die Einfahrt in den Hafen von Marseille übernahm später höchstpersönlich der Kapitän mit seinen geschulten Mannen. Fehlerlos legten wir am europäischen Festland an. Ich durfte das Schiff verlassen. Erst nach eindringlichen Erklärungen, wie ich denn ganz ohne finanzielle Mittel bis nach Hause kommen sollte, gab mir der Kapitän ein paar tausend Franc. Schließlich hatte ich brav gearbeitet. Der Herr N hatte mit seinen versuchten Methoden für meine Erziehung wieder kein Glück.

Ich beschloss, Marseille zu besuchen. Es war eine liebenswerte Stadt mit europäischem, südlichem Charme und bunten Märkten. Da ich Hunger und ausreichend Geld hatte, bestellte ich mir in einem Bistró am Fuße des Hügels von Notre Dame du Mont einen Riesentopf Bouillabaisse. Eine französische Fischsuppe, die damals noch eine billige Nationalspeise war. Ich wollte nach Hause, nach Wien. Gestärkt und zufrieden machte ich mich auf den Weg zur Straße in Richtung Paris.

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