5. KAPITEL – Sandsturm – Barbetrieb – Botendienste – Erste Reise nach Afrika

Ein lauter Knall reißt mich aus tiefem Schlaf. Ich glaube geträumt zu haben, und ziehe die Bettdecke bis zu den Ohren hinauf. Da wiederholt sich der Krach bei meinem Fenster. Ich bemühe mich aus der horizontalen Lage und gehe in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen scheint. Den Lärm verursacht eine der hölzernen Klappjalousien, die gegen die Hauswand donnert. Ich befestige sie mit dem dafür vorgesehen Haken. Obwohl es schon spät am Morgen ist, habe ich den Eindruck von Dämmerung. Die aufgehende Sonne wirkt verschleiert. Der sonst um diese Zeit klare Himmel ist grau und gelb verhangen. Ich schaue in den Hof hinunter und sehe weder Meharis noch Akamouk. Irgendetwas beeinträchtigt meine Stimmung, ich will nicht einmal schreiben. Ein ungewohntes Gefühl der Einsamkeit und der Wunsch nach Gesellschaft befallen mich. Während der Morgentoilette heult ein Windstoß um das Gebäude und reißt die Jalousie wieder los. Ich ziehe die Widerspenstige gegen heftigen Widerstand heran und verriegele sie von innen.

Unten im Gastraum sitzen Michelle und Francois beim Frühstück. Ich setze mich zu ihnen, und die Frau des Hauses stellt eine Teetasse und Frühstücksgeschirr vor mich hin. Auf meine Frage, wieso sie wüsste, dass ich Tee am Morgen trinke, meinte sie, Rumis, die selten zum Frühstück kommen, ziehen eben Tee dem Kaffee vor. Solche Logik ist mir zwar nicht wirklich zugänglich, doch akzeptiere ich sie höflich. Draußen heult der Wind zunehmend lauter und François mahnt mich, nochmals hinauf zu gehen und alles nach Möglichkeit dichtzumachen, denn aus dem Nordwesten käme Sturm, der Sand aus der Sahara mitbrächte. Oben angekommen, liegt auf dem sonst blanken Deckel des Laptops eine Schicht feinster Saharasand. Ich schließe alle Fenster und sehe dabei eine undurchsichtige, von der Erde bis hoch in den Himmel reichende, rötlich gelbe Wolke auf das Haus zukommen. Im Gastraum warten Tee, Baguette, Butter und Käse. In dem Moment, als ich mich nach Akamouk erkundigen will, öffnet sich die Eingangstüre und er kommt mit wild wehender Kleidung und fest um den Kopf gewickelten Tagelmust herein. Unter merklichem Kraftaufwand zieht der Targi das Tor gegen den Sturm zu. Er hat mit der Erlaubnis von François seine Kamele in die Werkstatt gebracht, wo der Geländewagen der Auberge steht. Mein Landrover bleibt im Freien, er ist relativ neu und die Dichtungen der Türen und Fenster sowie zum Motorraum sind noch so intakt, dass wohl kaum Sand ins Innere des Wagens eindringen kann. Auf einen Wink von François setzt sich Akamouk zu uns an den Tisch. Draußen tobt der Sturm immer heftiger, irgendwo am Haus schlägt ein loser Laden in stets kürzer werdenden Abständen wild gegen die Mauer. Die Erschütterung davon ist so heftig, dass sie selbst durch den Fußboden zu spüren ist. Es ist sehr angenehm, dass Schweigen herrscht, solange ich mein „petit dejeuner“ zu mir nehme. Nach einer Weile unterbreche ich die Stille mit der Frage, ob diese Sandstürme öfter vorkämen und jahreszeitlich bedingt seien. In manchen Jahren im Juni und Juli selten, aber im August kommen sie vermehrt, meint Michelle. Sie muss es wissen, denn die Reinigung des Hauses von herein gewehtem Sand bleibt ihr überlassen. Kein Habub dauert über zwei Stunden. Es ist inzwischen ungewöhnlich finster geworden. Trotzdem bleiben wir ohne künstliche Beleuchtung, was die Gaststube direkt gemütlich macht, während draußen der Sturm tobt. Unvermittelt fragt mich Akamouk, dieser Wüstensohn, wozu ich ein Buch schreibe. Ich bin perplex, schaue ihn erstaunt an und kann im Moment nicht darauf antworten. Ist mir denn selbst klar, warum ich das mache? Akamouk will mit der Frage sicher nicht provozieren. Er hält mich ja für einen ganz besonderen Rumi, weil ich ihm zweimal auf der Piste in weitem Bogen ausgewichen bin. So etwas macht kein Einheimischer, geschweige denn ein reisender Rumi. Alle drei sehen mich erwartungsvoll an.

Wie soll man es den drei gespannt wartenden Zuhörern sagen, dass eine Portion Eitelkeit nicht unwesentlich an dem Entschluss beteiligt war? Ein der ehrlichen Frage ausweichender, allgemein philosophischer Vortrag über Sinn und Zweck von Büchern wäre hier sicher falsch am Platz. Somit verschweige ich die von mir selbst angemaßte Berufung zum Schriftstellern und sage bescheiden, dass es mir einfach Freude macht, zu schreiben. Eine solche Erklärung beinhaltet gerade so viel Wahrheit, wie ich glaube, diesen freundlichen Menschen schuldig zu sein. Sie akzeptieren diese Darstellung. Bis mich die anscheinend materiell interessierte Michelle mit der Frage nach einer Gewinn bringenden Verwertbarkeit der Arbeit in weitere Verlegenheit bringt. Ich antworte spontan mit „Insch’allah“, womit ich gleich mein umfassendes Wissen über afrikanische Mentalität beweise. Solcher Aussage kann nicht widersprochen werden und ich bin froh, damit weiterhin derlei unangenehme Fragen zu vermeiden. Wir plaudern anschließend noch einige Zeit belangloses.

Inzwischen hat der Sandsturm ebenso schnell nachgelassen, wie er begonnen hat. Die wunderbare Stille ist wieder da und ich gehe in den Hof, um zu sehen, ob der Sturm irgendwelche Schäden verursacht hat. In den der Windrichtung abgekehrten Ecken der Mauern und Gebäude liegt mehr Flugsand, der Himmel erstrahlt intensiv Blau, und die Sonne erscheint mir weniger stechend als am Vortag. Ich inspiziere meinen Landrover und verstehe nicht, wieso sich im Wagen, trotz intakter Dichtungen, mehr Sand angesammelt hat, als an der Außenseite. In mein Refugium zurückgekommen, scheint die Sonne mit scharf abgegrenzten Strahlen durch die Ritzen der Jalousien, in denen gleich Nebel Staubpartikelchen tanzen. Nach dem Öffnen der Fenster erinnert das Zimmer im vollen Tageslicht an einen mit rötlich-gelbem Staubzucker gepuderten Faschingskrapfen, nur gleichmäßiger verteilt. Ich wische vorsichtig Tisch und Computer frei vom Sand und beschließe, die bis Mittag verbleibende Zeit zu nützen, um zu schreiben.

Doch die Frage Akamouks lässt mich nicht los. Ein Nebeneffekt des Schreibens ist es, einen Teil von einem selbst zu erkennen, wie während einer Autotherapie. Ebenfalls ist eine gewisse Dringlichkeit angeraten, denn niemand kann abschätzen, wie viel Zeit mir dieses Leben noch für das Verfassen eines derartigen Dokuments lässt? So begann ich also zu arbeiten, und sandte die ersten Kapitel an Guido, einen brüderlichen Freund, der wegen einer nicht zu definierenden schmerzhaften Krankheit die Wohnung nicht mehr verlassen konnte. Seine Reaktionen auf meine Berichte zeigten mir, dass ihm das Lesen Freude bereitet und Ablenkung von den Leiden bietet. Das als Auftrag ansehend, schreibe ich weiter.

Darüber hinaus fragten mich ein paar Personen voneinander unabhängig, warum ich meine Erinnerungen nicht aufschreibe. Die Gleichzeitigkeit dieser Anfragen wirkte wie ein Fingerzeig. Entscheidend war, dass ich längst daran gedacht hatte, schriftlich in meinem Leben aufzuräumen. Meine Lebensbahn verlief zum Teil eindeutig abenteuerlicher und interessanter als die eines sesshaften Staatsbürgers mit geregelter Arbeitszeit und sicherem Einkommen. Vor allem die ersten Jahre fielen in eine geschichtlich entscheidende Periode Österreichs. Das Land war von alliierten Mächten besetzt. Ein Großteil der Bevölkerung war sich in seiner Selbsteinschätzung nicht sicher, ob sie besiegt oder befreit worden seien. Das Land war zwischen Ost und West aufgeteilt. Einerseits unterstützten die westlichen Siegerstaaten Österreich beim Wiederaufbau mit Care und Marshallplan, andererseits wurde es von den Russen ausgeblutet. Die nach dem Krieg noch gebrauchsfähig gebliebenen Industrieanlagen wurden abgebaut und in die Sowjetunion verschleppt. Das Gleiche geschah mit allem, was zu transportieren war. Kunst und Wissenschaft erholten sich langsam von den politischen Zwängen. Herbert Tichy nahm seine Reisen, Lotte und Hans Hass ihre meeresbiologischen Expeditionen wieder auf, und Peter Fuchs war im Auftrag des Phonogrammarchivs in Afrika unterwegs. Kriegsbedingt fehlten den wissenschaftlichen Institutionen jedoch geeignetes Personal und Geld für Feldforschung. Dieses Vakuum durfte ich nützen.

Oase

Es könnte gut sein, dass man sich bei der Zuweisung des Geburtsortes und der Eltern um einige Breitengrade geirrt hatte. Meine Sehnsucht nach dem Süden, der Sonne und mediterraner Lebensphilosophie war und ist unbezwingbar. Sollten die vererbten Gene der italienischen Großmutter daran Schuld getragen haben? Dieser Hang zum angenehm temperierten Süden wurde bestimmend für den Großteil meines Lebens. Schon als kleiner, minderjähriger Bub büchste ich einmal aus und wurde erst in Arnoldstein, an der Grenze zur Heimat meiner Oma, in Ermangelung eines Reisepasses wieder eingefangen.

Drei Häuser von der elterlichen Wohnung entfernt, Lindengasse Nummer zehn, dem Palais Herzmansky, wohnte im obersten Stockwerk des Hauses ohne Aufzug ein recht mürrischer, älterer Herr, Karl Wewerka. Der hatte einen Sohn, den Hans Wewerka, und der war verheiratet mit der Frau N. Wewerka. Herr Wewerka Senior, hatte einen Haarkranz, der am Hinterkopf die Glatze von einem Ohr zum anderen begrenzte. Sein graues, durch Pockennarben gezeichnetes Gesicht wurde meist nach oben von einem grünen Schirm gegen Blendlicht abgeschlossen. Denn im Souterrain desselben Hauses lag sein Lebensmittelpunkt, seine Arbeitsstätte, sein kleines Unternehmen. Dort saßen ganztägig in absoluter Stille, bei elektrischer Beleuchtung eine Anzahl voll konzentrierter Herren, welche alle die gleichen Blendschirme auf der Stirne trugen, und schrieben unaufhörlich Noten. Musiknoten. Ohne Rücksicht auf Wetter, Jahres- und Tageszeiten. Es war ein Büro, in dem noch mit der Hand Partituren kopiert, oder die einzelnen Stimmen daraus extrahiert wurden, damit jeder Musiker des Orchesters seine eigenen, seinem Instrument zugeordneten Noten bekommt. Hans Wewerka junior wollte höher hinaus und gründete mit seinem Vater einen Musikverlag, den Atempo-Verlag. Daneben hatte er in der Neubaugasse ein Büro, in dem eine Zeitschrift für Jazzmusiker, das »Podium«, entstand. Es sollte die österreichische Konkurrenz für die amerikanischen Jazzmagazine »Down Beat« und »Metronom« darstellen. Hans Wewerka kannte mich von meinen Tätigkeiten in der Wiener Jazzszene und bot mir eine Stelle als Hilfskraft an. Da ich ein bisschen Verdienst gut brauchen konnte, nahm ich gerne an. Von da an brauchte ich das Fahrrad nicht mehr. Meine Familie hatte mir Geld für ein solches gespendet. Beim Dusika in der Zollergasse kaufte ich mir ein gebrauchtes Rennrad der Marke RIH mit Dreigangschaltung, mit dem ich nicht nur in Wien herumflitzte. Im Flur des Palais Herzmansky stand ein Jugendtraum geparkt. Mein Arbeitswerkzeug, ein mit unaussprechlich froschgrüner Farbe lackierter Motorroller der Firma Lohner, ein LK 98 S! Seit dem Ende des Krieges wurden in Italien Vespa und Lambretta erzeugt, doch das war der erste in Österreich gebaute Motorroller! Man startete ihn mittels Handzugseil wie Handmotorsägen oder Außenbordmotore. Lief der Motor, klang er so ähnlich. Der Roller tat seine Pflicht, nur bei steileren Straßen war die Leistung eher begrenzt. Die Komponisten der damaligen Zeit, Friedrich Cerha, Ernst Krenek, Robert Stolz, Erwin Halletz und Johannes Fehring, hatten alle irgendwann die Dienste des Karl Wewerka beansprucht. Wie oft musste ich von einem dieser Herren eilig Noten abholen, denn sie komponierten manchmal noch während die Orchesterproben für die Aufführungen ihrer Werke liefen. Da waren die Notenkopisten gefordert, schnell, und vor allem ohne Fehler zu arbeiten. Es herrschte Zeitdruck. Trotz der Nervosität war in dem lang gestreckten Arbeitsraum ausschließlich das Kratzen der Schreibfedern zu vernehmen. Die oben erwähnten Komponisten, oder deren Gattinnen, waren durchweg freundlich, boten mir zu trinken und Kekse an, wenn ich noch auf ein paar Takte warten musste. Selbst Einzi Stolz hat mich warmherzig bewirtet. Manchmal durfte ich mir den Roller auch am Abend privat ausborgen. Dann knatterte ich stolz die Kärntnerstraße hinunter zum Strohkoffer und parkte ihn davor.

Der Besitzer der Lokalitäten American Bar und Strohkoffer, Mackie Lersch, brauchte Geld für sein kostspieliges Hobby, andere Nachtlokale und die dort arbeitenden Damen zu konsultieren. Von Maria, der Herrscherin über die Finanzen der American Bar, gab es für ihn wenig zu erwarten, und der Strohkoffer warf auch nicht mehr so viel ab. Eines Tages reaktivierte er das auf Straßenebene rechts vom Eingang zum Strohkoffer gelegene Nebenlokal. Seit dem Dahinscheiden der Mutter Lersch scheint diese Bar nicht mehr in Betrieb gewesen zu sein. Der ausnehmend gemütliche Raum war mit etwas altmodischen, aber bequemen Sitzgelegenheiten an einigen Tischchen, einem aktiven Kamin und funktionierender Bartheke mit sechs Hockern davor eingerichtet. Dazu passend waren die Wände mit rosa Mustern aus dem Biedermeier tapeziert. Beleuchtet wurde das Ganze von einem Lüster mit glitzernden Glasprismen in Tropfenform und in gleichem Stil gestalteten Wandappliken. Und ja, da stand in einer Nische ein Klavier, das nie gestimmt wurde. In diese, geschätzt aus den frühen dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stammende Bar mit der Anmutung eines Boudoirs, führte eine Türe, deren verglaste Paneele innen mit Spitzenvorhängen verdeckt waren. Außerdem gab es einen durch Handseilzug betriebenen Speisenaufzug, der warme Speisen aus der darunter liegenden Küche befördern sollte. Mackie bat mich, diese Bar gegen das zu erwartende Trinkgeld, wie ein Volontär, zu übernehmen. Da mein Chef Hans Wewerka im Begriff war sein Arbeits- und Lebenszentrum nach München zu verlegen, überlegte ich nicht lange.

Lersch gelang es, eine in Wien lebende Berliner Dragqueen namens Marcel André für die Bar zu interessieren. Am späteren Abend erschien dieser und interpretierte schlüpfrige Lieder. Damit war eine zweite Schwulenbar für Wien geboren! Max besorgte zum Einstand ein paar angebrochene Flaschen aus der American Bar, die Maria nur widerwillig ausließ. Weil der Getränkegroßhandel nicht mehr auf Pump lieferte, füllten wir billigen Branntwein in Flaschen mit den Labeln Courvoisier und Hennessy. Cognac war damals das Modegetränk. Wir stellten sie neben die fast leeren Whiskyflaschen, Reste aus der Loos-Bar, wie man die American Bar nach ihrem Erbauer, dem Architekten Alfred Loos auch nannte. Wirklich wohl fühlte ich mich nicht dabei, aber da es niemanden auffiel und Max, der Chef, dazu meinte, das würde man in allen Nachtlokalen ebenso machen, musste ich ihm glauben, und es sollte mir recht sein.

So für das zu erwartende Geschäft gerüstet, wartete ich auf meinen ersten Kunden. Der kam bald, bestellte aber ein Vierterl Grünen Veltliner. Damit hatten wir nicht gerechnet. Mit einem Glas in der Hand lief ich hinüber in die Seilergasse zum „Göttweiger“, ließ es für 3,50 Schilling mit Wein anfüllen und kassierte anschließend vom Gast dafür 12,00. Eine gute Gewinnspanne, mit der ich leben konnte. Nach zwei verkauften Vierteln war mit diesem Startkapital zu wirtschaften. Ich kaufte vom Erlös einen „Doppler“, und der Abend war gerettet. Die späteren Gäste ließen mehr springen. Sobald die Musik begann, tranken sie begeistert Brandy als Cognac. Ich würfelte mit ihnen um Getränke und konnte damit erfolgreich den Umsatz heben. Das Geheimnis dabei war, sollte der Wirt des Öfteren verlieren, mit Escalero-Poker kann er nur gewinnen! Denn bei einer Marge von dreihundert Prozent fallen kleine Verluste nicht ins Gewicht. Mit fortschreitender Routine gewann ich immer öfter, und durfte dabei interessante Bekanntschaften unter den Herren vom anderen Ufer machen. Selbst wenn, durch meine braune Erziehung und Propaganda geprägt, Ansätze zur Homophobie existiert hätten, dort wurden sie lebenslang ausgeräumt. Obwohl die Gäste mit mir einen offenen und freundschaftlichen Umgang pflegten, war es bemerkenswert, dass keiner der Herren versuchte, mich knackigen Jüngling abzuschleppen. Den größten Eindruck hinterließ bei mir ein später Gast, Fred Adlmüller, der Modezar von Wien. Er kam stets zu fortgeschrittener Stunde, sobald er keine anderen Kunden mehr vorzufinden hoffte. Meist erschien er ohne Entourage bei Geschäftsschluss, während ich die Tagesabrechnung machte und den Rest Bargeld zählte, den Max noch nicht eingesackt hatte. Mackie holte sich nämlich täglich vor der Sperrstunde die bis dahin erwirtschaftete Losung und verschwand damit in Nachtlokale wie Vindobona, Moulin Rouge, Bonboniere, Marietta- und Edenbar, oder sonst ein einschlägiges Lokal. Nachdem der Laden zugesperrt war, setzte ich mich zu Adlmüller an den Kamin. Bei einem gemütlichen Drink führten wir oft feine philosophische Gespräche. Adlmüller blieb mir eindrücklich in Erinnerung, weil er meine Gedanken zu verschiedenen Themen akzeptierte. Was mein Selbstwertgefühl natürlich etwas hob.

Die Trinkgelder in der Bar flossen reichlich, so um die siebzig Schilling pro Tag. Das war für jemanden, der im Hotel Mama lebte, ein üppiges Taschengeld. Das Lokal war ein ruhiges Plätzchen, in dem sich die Gleichgesinnten in netter Atmosphäre trafen. Äußerst frequentiert waren die Tage mit Unterhaltungsprogramm. Eines späten Abends, eben interpretierte der in schicken Fummel gekleidete Marcel André sein Paradelied „Iphigenie, ich sehe ja dein Knie“, da geschah es. Das Lokal war gut belegt, esdie Eingangstüre  öffnete sich einen Spalt. Ein mit einem Dufflecoat bekleideter Unterarm erschien, in der Hand eine Pistole größeren Kalibers. Ein Schuss, und an der gegenüber liegenden Wand, neben einer der kristallbehangenen Appliken staubte es. Daneben! Der Arm verschwand wieder, die Türe schloss sich automatisch. In der darauffolgenden Stille betrachteten ein paar Gäste das Loch in der Wand interessiert, kurz danach begann Marcel wieder mit seinem Lied. Ich wunderte mich, was Mackie mit dieser Aktion erreichen wollte, denn nur er konnte der Schütze gewesen sein.

Im Allgemeinen verliefen die Nächte in der Männerbar, beschützt von der „Galerie“, fast durchweg normal und unaufgeregt. An Samstagabenden verzeichneten alle drei Lokale guten Besuch. In der Kärntnerbar waren bei gedämpfter Unterhaltung sämtliche Tische und Barhocker belegt, der Strohkoffer platzte aus den Nähten. Uzi Förster performte da unten sein „Udrilitten“ und andere Spezialitäten. Die darüber liegende Schwulenbar war ebenfalls überfüllt. Ein ausgeglichener Abend mit erfreulichem Umsatz kündigte sich an. Mit Pokerwürfeln unterhielt ich dabei ein paar Gäste, womit die Einnahmen des Tages vermehrt wurden. In äußerster Konzentration versuchte ich eben ein Full House zu würfeln, da öffnete sich, wie von Geisterhand geführt, der Schieber des Speisenaufzugs. Mit starkem Strahl wurde der gesamte Inhalt einer frisch gefüllten Syphonflasche aus etwa zwei Meter Entfernung in Richtung Bartheke entleert. Im Aufzug saß zusammengekauert Uzi Förster und grinste. Das konnte ich mir nicht bieten lassen. Schnell schnappte ich mir eine ebensolche Flasche und spritzte deren Inhalt auf den im Aufzug eingeschlossenen Uzi. Diejenigen, die ihn wieder in den Strohkoffer hinunter ziehen sollten, zögerten aber. Bedingt durch die Enge, in der er saß, war ihm ausweichen nicht möglich und er bekam den gesamten Inhalt der Flasche ab. Das tat jedoch unserer Freundschaft keinen Abbruch. Gäste, die sich in der „Schusslinie“ aufhielten, blieben von der ausgiebigen Dusche nicht verschont. Erstaunlich war, dass nach diesen beiden Vorfällen keineswegs weniger Besucher in dem Lokal verkehrten.

Nachdem ich mir einen Teil des Verdienstes zusammengespart hatte, ergriff mich im Herbst des Jahres 1953 wieder einmal Fernweh. Ich verließ meinen Bartenderjob und machte mich mit einem grauen Lodenmantel und wenigen Habseligkeiten im Rucksack auf den Weg Richtung Süden. Per Autostopp ging es durch Italien bis ans Mittelmeer. Faszinierend fand ich die gelben Scheinwerfer der Autos in Frankreich. Rasch und ohne Probleme erreichte ich Nizza. Ein freundlicher Franzose, der mich bis ins Zentrum der Stadt mitnahm, gab mir auf die Frage nach einer Übernachtungsmöglichkeit eine Adresse und einen Namen. Ich fand das beschriebene Gebäude, wo mir eine nette Dame einen Schlüssel gab, der zu einem Haus am Strand gehörte. Dort stand eine Holzbaracke, die in dieser Jahreszeit unbenutzte Kantine des Badestrandes. In der Mitte waren Tische und Stühle, an den Wänden entlang breite Sitzbänke aus Holz, die sich ausgezeichnet zum Übernachten eigneten. Es war hier sehr ruhig, die Promenade des Anglais lag weit weg und vom nahen Meer hörte ich das beruhigende rhythmische Rauschen der Wellen. Es war so gemütlich, dass ich beschloss, zwei Tage in „meinem“ Haus am Strand von Nizza zu verbringen. Ich brachte den Schlüssel zurück und bedankte mich für das kostenlose Asyl, dann ging es weiter bis Marseille.

Nach einer Nacht in der „Auberge de jeunesse“, der Jugendherberge, konnte ich die Überfahrt auf der Fähre in Richtung Algier buchen. Sparsam erstand ich ausschließlich die nächtliche Fahrt im Unterdeck, ohne Kabine oder sonstiger Annehmlichkeiten. Schon beim Einlass verwies man mich die Stiege hinunter, in das dunkle Schiffsinnere. Dort war das gesamte Deck mit Arbeitern und Großfamilien aus Algerien belegt, die sich lautstark unterhielten. Der ungewohnte und starke Geruch nach Erbrochenem und die Nähe der Menschen waren mir fremd und nicht angenehm. So begab ich mich in der Abenddämmerung, während des Auslaufens aus dem Hafen, hinauf aufs Vorschiff an die frische Meeresluft. Das Betreten dieses Schiffsteiles war Passagieren eigentlich nicht erlaubt. Aber weil mich niemand zurückhielt, suchte ich eine Sitzgelegenheit. Auf einer Rolle armdicker Schiffstaue sitzend realisierte ich, beglückt über den Bug nach Süden schauend, dass ich Europa verlasse. An diesem Herbstabend war die See recht ungemütlich. Je weiter wir ins offene Meer kamen, umso höher wurden die Wellenberge. Wir waren geschätzt eine halbe Stunde unterwegs, da geschah es. Das Schiff stieg eine riesige, steile Welle hinauf, bis nur mehr der Himmel zu sehen war, und senkte sich auf der anderen Seite rasend schnell wieder hinunter. Diese Bewegung vermittelte das Gefühl, auf einer abwärts flitzenden Berg-und-Tal-Bahn zu sitzen. Die rasante Talfahrt nahm kein Ende, das Gesetz der Schwerkraft war aufgehoben. Es hob mich von meinem Sitzplatz und ich suchte im Inneren der Taurolle mit den Füßen Halt. Wie sich ein Reiter beim Rodeo an sein Pferd klammert, krallte ich mich an das gewundene Schiffsseil. Der Bug des Schiffes tauchte unter die nächste haushohe Welle, ich wurde fest auf meine maritime Sitzgelegenheit gedrückt, und verschwand in einer Wand von kaltem Meerwasser. Nach mir endlos erscheinender Unterwasserfahrt erschien der Bug der Fähre wieder an der Oberfläche. Erst musste ich tief Luft holen, um dann schuldbewusst zur Kommandobrücke hinauf zu schauen. Dort amüsierten sich die Herren Offiziere über irgendetwas köstlich. Den folgenden Tauchgang nicht abwartend schwankte ich tropfnass zurück zur Geborgenheit ins trockene Innere des Schiffes. Auf der Suche nach einem Unterschlupf verblieb auf meiner Spur ein Bächlein Seewasser. In einem der Gänge traf ich einen Matrosen, der mir für tausend Franc seine Koje zur Übernachtung anbot, denn er hätte Nachtdienst und brauchte sie nicht. Dankbar nahm ich das Angebot an. Waren es mir wohlgesinnte Geister, oder die Offiziere von der Kommandobrücke, die den Matrosen geschickt hatten? Egal, jetzt konnte meine total durchnässte Kleidung ausgewrungen und in dem engen Raum zum Trocknen ausgebreitet werden. Erschöpft schlief ich im heftigen Schlingern des Schiffes bis zum Morgengrauen durch.

Es ist still geworden, die Fähre glitt ruhig dahin, das Brummen der Schiffsmotoren war kaum zu hören. Ich zog mein fast trockenes Gewand wieder an und stieg auf das von Sonnenlicht durchflutete Deck. Angenehm warme Luft empfing mich und trocknete Schuhe und Kleidung durch und durch. Bei wolkenlosem Himmel liefen wir in den Hafen von Algier ein. Der Anblick dieser strahlend weißen Hafenstadt, die sich vom Meer über einen Hügel hinaufzog, blieb unvergesslich. Sie vermittelte den Eindruck eines spiegelverkehrten Pendants zu Marseille, denn beide Städte werden von Wahrzeichen überragt. Algier von der Kirche Notre Dame d‘Afrique und Marseille von der Basilika Notre Dame de la Garde. Ja, das war es, ich fühlte mich glücklich in Afrika zu sein, frei und ausgeschlafen, zu Entdeckungen aufgelegt.

Algier, vom Meer, aus der Erinnerung

Es gab kaum Formalitäten am Grenzposten, Algerien war zu der Zeit ein Teil Frankreichs. Wieder an Land schlenderte ich den Hafen entlang, an kleinen orientalisch-pfefferig riechenden Läden vorbei und stürzte mich in das Gewühl der Stadt. Die Jugendherberge in der Rue Sadi Carnot war nicht weit von der Anlegestelle zu finden. Die Mère-Aub, wie die Herbergsmutter auf Französisch genannt wird, wurde dieser Bezeichnung wirklich gerecht. Sie empfing mich freundlich, und da meine Kenntnisse in Französisch noch recht rudimentär waren, radebrechten wir in englischer Sprache. Sie zeigte mir ein Zimmer mit vier Stockbetten. Ich durfte mich glücklich schätzen, darin allein untergebracht zu sein. Auf Anfrage gab sie mir die Adresse des Bardo Museums, wo ich ausführliches über die nordafrikanische Musik erfahren könne. Zuerst zog es mich in Richtung Kasbah, dem ältesten Stadtteil Algiers. Endlich war ich mitten im Orient! Händler, Handwerker, Kinder und mehr oder weniger verschleierte Frauen bildeten eine Einheit in phantastischen Farben, unverständlichen Sprachfetzen und die Nase reizenden Gerüchen. Darüber kam aus quäkenden Radiogeräten ein Klangteppich von entsetzlich lauter, stark verzerrter arabischer Musik. Jeder Händler wollte damit, Klang- und Tontreue missachtend, auf sich aufmerksam machen. Ich spürte mit allen Sinnen, wie weit weg von zu Hause ich war und tauchte genüsslich in diese exotische Atmosphäre ein. Der Rückweg führte durch verwinkelte enge Gassen zu der Hauptstraße, auf der ich vorhin gekommen war. Es dämmerte bereits. Also beschloss ich, mir in der Bar Unic, einem kleinen runden Pavillon inmitten des Platzes, einen Drink zu genehmigen. Vor dem Lokal standen zwei Tische mit jeweils vier Stühlen. Da es draußen schon kühl zu werden begann, betrat ich das bis auf die Bedienung leere Lokal und bestellte mir an der Bar das billigste Getränk, einen Pastis“51″. Zu meiner großen Freude waren auf der Theke neben Aschenbechern Schüsselchen mit Erdnüssen und Teller mit runden bestrichenen Brotstücken. Der Mann hinter der Bar stellte ein Glas mit dem gelbgrün fluoreszierenden Pastis, eine Karaffe Wasser mit Eiswürfeln vor mich hin, und schob freundlich Nüsse und Brot in meine Reichweite. Die Brötchen waren vom Baguette geschnitten und dünn mit einer Wurstpaste bestrichen. Das tat meinem hungrigen Magen gut und ich leerte Glas, Erdnusstöpfchen und Brotteller. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichte ich die Jugendherberge. In der Küche saßen ein paar Jugendliche und sangen französische Lieder zur Gitarre. Um zehn Uhr abends war in der Herberge Nachtruhe angesagt, worauf die Mère-Aub autoritär achtete.

Nach dem obligaten Frühstück machte ich mich auf den Weg ins Museé Bardo. Prunkvolle maurische Bauten sind bekannt, aber das hier übertraf alles bisher Gesehene an Arabesken und Prunk. Gleich beim Eintritt erkundigte ich mich nach der Abteilung für Musik und wurde in ein Nebengebäude geführt, das zu meiner Enttäuschung jedem orientalischen Charme entbehrte. Ich klopfte an der mir angegeben Türe. Auf ein von innen gerufenes „entré“ betrat ich einen kahlen Büroraum, hinter dem einzigen Schreibtisch saß ein in einen weißen arabischen Umhang gehüllter Algerier mit Brille. Wir stellten uns einander vor, ich konnte mir seinen, den Kehlkopf brechenden Namen nach dem Titel Professeur nicht merken. Es fand sich eine Sprache, die wir beide gleichermaßen nicht perfekt sprachen: Englisch. Ich war darin besser als er, was aber seinen Eifer nicht dämpfte, mir mit großem Sachverstand und Enthusiasmus alles Mögliche zu zeigen und zu erklären. Es war viel zu viel Wissensvermittlung auf einmal in kurzer Zeit. Trotzdem blieben einige, später zu verwertende Informationen hängen, wie die unterschiedlichen Formen von Instrumenten, Spielorte und dass es Aufnahmen dieser Musik gab, die mich in diesem Moment allerdings nur am Rande, oder gar nicht interessierten. Es war über diese faszinierende Führung durch die Musikabteilung Mittag geworden. Mit einigen schriftlichen und gedruckten Unterlagen versehen, eilte ich auf der bekannten Straße wieder in Richtung Jugendherberge. Dieser zu querende Platz muss ein zentraler Punkt in Algier sein, denn völlig unbeabsichtigt führte der Weg zur Herberge ohne Umweg an der Bar Unic vorbei, oder besser gesagt, hinein. Der nette Barmann stellte mir einen Pastis vor die Nase und schob mir von links und rechts die Teller mit den frischen Sandwiches näher. Er dürfte erkannt haben, dass ich hier mein Mittagessen einzunehmen gedachte. In dem Moment, als ich gehen wollte, betraten zwei Männer in piekfeinen, mit messerscharfen Bügelfalten versehenen Uniformen das Lokal. Einer trug das „képi blanc“ der Fremdenlegion, der andere könnte ein Unteroffizier gewesen sein, er hatte ein schwarzes Képi, an der Oberseite rot bespannt. Beide waren Fremdenlegionäre. Sie legten ihre Kappen auf den Hocker neben sich und nahmen gegenüber von mir an der einem Hufeisen gleichenden Bar Platz. Heimatliche Klänge drangen zu mir herüber! Nein, nicht deutsch, österreichisch! Es wurde ein nachhaltig bemerkenswerter Nachmittag. Die beiden Legionäre waren auf Urlaub aus dem Zentrum der Légion étrangère in Sidi-bel-Abbès nach Algier gekommen. Sie sprachen mit dem Barkeeper fehlerfrei Französisch, der mich als Deutscher mit den beiden Soldaten bekannt machte. Sie verbrachten Ihren Urlaub im kühleren Norden Algeriens, denn ohne Sondererlaubnis durften sie nicht nach Europa. Die beiden könnten ja desertieren wollen. Hier in Algerien wären vielleicht existierende, internationale Haftbefehle wirkungslos geblieben, denn sie standen unter dem Schutz der Legion, als Soldaten Frankreichs. Nachdem ich klargestellt hatte, dass ich Wiener bin, kam auch schon der erste Pastis zu mir gewandert. Es blieb nicht bei dem Einen„. Der Unteroffizier war ein ehemaliger Frauenarzt aus Graz, der sich vermutlich mit verbotenen Abtreibungen sein Einkommen verbessert hatte. Über den Anderen mit dem Tiroler Akzent konnte ich nichts erfahren. Beide schwiegen sich darüber aus und ich durfte mir meine eigenen Gedanken dazu machen. Der Doktor erzählte von einem Aufstand der Berber in einer Stadt im Süden, den er mit seiner Abteilung niederschlagen sollte. Vor dem Rathaus am Hauptplatz demonstrierten Aufständische, zu denen sich immer mehr Leute aus der Umgebung gesellten. Stolz berichtete er, dass er die Dächer der Häuser an den vier Ecken des Platzes mit Maschinengewehren besetzte und die gesamte Ansammlung niederschießen ließ. So einfach war das, eine Revolution zu verhindern. Mitunter hatte ich mit dem romantischen Gedanken gespielt, selbst Legionär zu werden. Nach dieser Geschichte verwarf ich dieses Vorhaben endgültig.

Die nicht mehr zu rekonstruierende Anzahl genossener Gläser Pastis drängte mich zu einem menschlichen Bedürfnis. Mein Kopf war zwar völlig klar geblieben, doch der Barhocker, auf dem ich saß, gewann während der feucht geführten Unterhaltung gefühlte drei Meter Höhe. Entsprechend schwierig gestaltete sich der Abstieg. Von fröhlich aufmunternden Worten der Militärs begleitet, erreichte ich endlich sicheren Boden.

Sollte oben beschriebener Herr Doktor noch heute am Leben sein und diese Zeilen zufällig lesen, ersuche ich ihn, meine Indiskretion gütigst zu verzeihen. Bei der Gelegenheit möchte ich mich nachträglich für die unzähligen Pastis bedanken, weil ich alkoholbedingt solche Höflichkeit sicher unterlassen hatte. Auf irgendeine Weise gelang es mir, die Unterlagen des Museums fest unter dem Arm geklemmt, heil in die Jugendherberge zu kommen. Meinen Entschluss, am nächsten Tag abzureisen, setzte ich morgens in gedämpfter Stimmung und trotz herrschendem Nebel mit aufgesetzter Sonnenbrille in die Tat um.

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