4. KAPITEL – Strohkoffer – Loos-Bar und Max Lersch

Vor mir steht der geöffnete Computer und macht keine Anstalten, mich zu inspirieren. Das Schreibprogramm zeigt eine blanke Seite, entleert wie der Kopf des Schreiberlings. Ich bemühe mich krampfhaft, einen Beginn für das nächste Kapitel zu finden, auf der Suche nach Anregungen blättere ich in bisher Geschriebenem. Schreib- und Fallfehler machen sich bemerkbar, ich bessere diese aus und ändere an verschiedenen Stellen die Syntax. Zurück zu der blanken Seite, wird es zur Gewissheit: eine Blockade! Also unter die Dusche. Aus Vorsicht vor vielleicht in der Nacht hinein gekrochenen Skorpionen die festen Stiefel kräftig ausgeklopft, gebeutelt und angezogen. Anstatt des geliebten Polos nehme ich ein Hemd mit Brusttaschen, und steige die Stiegen hinunter. Michelle empfängt mich mit einem freundlichen „Guten Morgen“ und verschwindet in der Küche. Kurz darauf kommt sie mit einer großen Tasse schwarzen Tee (!), einem halben Baguette und Käse wieder. Sie stellt dieses déjeuner auf den ungedeckten Tisch, ich meine in ihrem Lächeln Triumph auszumachen. Wortlos verlässt sie den Gastraum. Ich, der Frühstücke bisher vermieden habe, greife begeistert zu.

Nach dieser Stärkung erkunde ich das Areal des Anwesens erstmals innerhalb der Mauern genauer, begrüße den mit seinem Kamelsattel beschäftigten Akamouk und begebe mich durch das rückwärtige Tor in die unmittelbar dahinter beginnende Wüste. Weil die Sonne morgens noch nicht ihre volle Kraft entfaltet, ist der Himmel blau und nicht durch aufgestiegene Staubpartikelchen verschleiert. Brennt die Sonne erst auf den Sand, dehnen sich kleinste Staubkörnchen aus und werden dadurch leichter als Luft. In kühlere Höhen getragen, schweben diese Teilchen in den anfänglich klaren Himmel, und überziehen ihn wie zarter Dunst. Erst am Abend, sobald die Sonne untergegangen ist, fallen sie wieder zur Erde zurück. Die Kälte der Nacht wirkt etwas nach, es gibt nur wenige der sonst allgegenwärtigen Fliegen. Ich versuche, mich von rückwärts an eine auf den Hinterbeinen sitzende Wüstenspringmaus anzuschleichen, die verschwindet jedoch blitzartig in ihrer Behausung. Es ist mein erster Spaziergang in der Wüste, seitdem ich hier eingetroffen bin. Um die Stille nicht zu stören, bleibe ich stehen und lasse minutenlang die Einsamkeit und Ruhe auf die Seele wirken. Ich marschiere auf einen Hügel zu, der sich aber anscheinend im Tempo meiner Schritte weiter von mir entfernt, um endlich unter dem Horizont zu verschwinden. Um die Orientierung nicht zu verlieren, werfe ich ab und zu einen Blick zurück in Richtung Auberge. Die Fliegen werden zahlreicher, geweckt durch die ansteigende Wärme. Lästig belagern einige äußerst anhängliche Nase und Augen. Die Sonne beginnt zu stechen, und so mache ich mich auf den Rückweg. Meinen eigenen Fußspuren folgend, die im angewehten Sand zwischen den Steinen kaum mehr zu erkennen sind, überlege ich Inhalt und Form des zu schreibenden Kapitels. Vielleicht wegen meiner starken Abneigung gegen Fußmärsche, hatte ich seit jeher die Theorie abgelehnt, dass gleichmäßiges Gehen Geist und Kreativität beflügelt. Nun scheint es aber, dass der Faden zum nächsten Kapitel endlich gefunden ist. Nach dieser Erfahrung glaube ich jetzt fest an den Sinn der Spaziergänge Beethovens und der Philosophen Kant und Nietzsche, oder der Dichter Schiller und Rimbaud. In mein „Verlies“ zurückgekehrt sieht mich der Computer schon weniger bissig an, lächelt er sogar?

 

Um dem kulturellen Anspruch dieser Schrift ebenfalls Platz zu geben, muss unausbleiblich die Geschichte des Strohkoffers folgen. Dargestellt in Kurzform, so wie ich sie erlebt habe. Aus jener Zeit gibt es Dinge zu berichten, die Historikern dieses Etablissements bis jetzt verborgen geblieben sind. Es waren vor allem die bildenden Künstler, Autoren und Musiker, die nach den Kriegsjahren große Aufgaben zu bewältigen hatten. Schöpfungen aller Kunstrichtungen, die über zehn Jahre lang als entartete Kunst verdammt und verboten waren, wurden zu frischem Leben erweckt. Darüber hinaus wollte Neues geschaffen werden. Bereits um 1947 entstanden in Wien gleichzeitig zwei Gruppierungen von Künstlern. Der Art Club im Künstlerhaus und die Künstlervereinigung in der Sezession. Die einen waren Verfechter der abstrakten Kunst, die anderen Protagonisten und Gründer des Wiener phantastischen Realismus, der zu dieser Zeit seinen Durchbruch erlebte. Konkurrenzverhalten unter beiden Vereinigungen ergab sich zwangsläufig. Nach jahrelangem friedlichem Nebeneinander kam es zum Streit zwischen den Lagern. Eine Trennung wurde unabwendbar. Über allem schwebte wie ein Allvater Albert Paris Gütersloh.

Alfred Schmeller, der Kunsthistoriker, fand für den Artclub ein neues Lokal im Kärntnerdurchgang, den Keller unter der American Bar, die Alfred Loos im Jahre 1908 entworfen hatte. Der Eigentümer dieser Lokalitäten war M. R. Lersch. Aus Billigkeitsgründen wurden die kahlen Wände mit Strohmatten ausgelegt, nach welchen das Lokal seinen Namen „Strohkoffer“ erhielt. Das waren Matten aus Stroh, zusammengebunden, wie man sie auf Baustellen zum Abdecken brauchte. Es gab mehrere Zugänge zu diesem Keller. Der Haupteingang befand sich, von der Straße her gesehen, rechts gelegen zur Kärntnerbar. Durch einen mit Holz getäfelten, schmalen und dunklen Gang wurde der Besucher über eine enge gewundene Holzstiege zum eigentlichen Vereinslokal hinunter geführt. Die Wände dieser Treppe waren, wie das Lokal, mit Stroh ausgekleidet. Auch durch die Loos-Bar selbst konnte man unterirdisch das Kellerlokal erreichen. An den Toiletten vorbei kam man auf eine Plattform, von wo gerne Tasso, der Schäferhund des Max Lersch, das Treiben beobachtete.

Tasso
Tasso in seinem Lieblingsplatz

Im Lokal gab es zwei Nischen mit Tischen, gepolsterte Bänke und ein paar Stühle. Mitten im Raum stand ein Bösendorfer-Flügel. Der Keller war ausreichend groß, da er nicht nur die Fläche unter der Loos-Bar, sondern darüber hinaus großteils die des gesamten Hauses einnahm. An den Wänden und an Schnüren von der Decke hängend waren Bilder der jungen, aufstrebenden Künstlerschar zu besichtigen. Die dort ausgestellten Gemälde und Skulpturen waren von nächtlichem Tabakrauch gebeizt. Ein Geruch, der sich in den Strohmatten an den Wänden festsetzte. Die von den abendlichen Besuchern kaum beachteten Exponate repräsentieren heute einen Wert von einigen Millionen Euro.

Die Gastronomie erschöpfte sich in heißen Würstchen mit Senf. Erhitzt wurden sie in der Küche, die für das darüber liegende Lokal gedacht war. Deshalb gab es einen Speisenaufzug nach oben. Der dritte Zugang führte durch diese Küche in den Nachbarkeller, der wieder seinen Ausgang in einem Wohnhaus zur Seilergasse hatte. Das war ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, als Verbindungen zwischen benachbarten Kellern durchgebrochen wurden. Diese geheime, durch eine Stahltüre gesicherte Öffnung, spielt noch eine wichtige Rolle. Tagsüber wurde der Strohkoffer für Ausstellungen der Bilder und Skulpturen junger Künstler benützt. Nahtlos, etwa ab achtzehn Uhr, wandelte er sich zu einem vergnüglichen, öffentlich zugänglichen Vereinslokal.

In diese Zeit des Aufbruchs platzte ich Youngster in die fröhlich-animierte Gesellschaft von Studenten und Professoren der Kunstakademien. Zugegeben, die bildende Kunst war mir ursprünglich egal. Aber an Musik gab es im Keller Wunderbares zu erleben. Zwanglos ergaben sich Jahrhundertsessions mit Friedrich Gulda, Hans Kann, Uzzi Förster, Joe Zawinul und zahlreichen anderen Musikern. Unvergesslich bleiben Gulda und Zawinul vierhändig improvisierend! Auf mitunter freundschaftlicher Basis verkehrte ich dort beinahe täglich mit manch nachmaliger Berühmtheit. Da waren, um nur diejenigen zu nennen, mit denen ich näheren Kontakt hatte: Alfred Schmeller, Kurt Moldowan, Friedensreich Hundertwasser, Helmuth Leherb, Rudolf Hausner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, der ewig Pfeife rauchende Heinz Leinfellner mit Schülern, Helmut „Quasi“ Qualtinger, Kurt „Sowerl“ Sowinetz, die damals frisch gekürte Schönheitskönigin Erni Mangold und nicht zuletzt dem anfangs noch dunkelhaarigen Wolfgang Hutter. Und einige andere, später in Vergessenheit geratene Künstler. Manchmal konnte man den alten Ferdinand Kitt treffen und Stammgast war der ewig alkoholisierte Schriftsteller L. E. Pötzelberger, liebevoll betreut von seiner Frau Peggy. Sie musste ihm täglich morgens ein Glas voll Rum zum Bett bringen, das er noch vor dem Aufstehen trank. Kurt Kobalek, der Arbeiterdichter und Besitzer einer Kohlenhandlung, der mit Qualtinger lange zusammenarbeitete.

Nicht zu vergessen die Schauspielerriege um Hannerl Matz und ihrem späteren Ehemann Karl Hackenberg, und der sympathische Regisseur Erich Neuberg, der sich spektakulär das Leben nahm. Man sagte, er hätte sich auf der Bühne des Theaters in der Josefstadt erhängt. Unter den berühmten Besuchern des Strohkoffers fand sich einmal der „dritte Mann“ Orson Welles, der im Suff wegen seines ungebührlichen Verhaltens von einem Gast eine Ohrfeige bekam, wie man mir erzählte. Es würde leichter fallen, nur diejenigen aufzuzählen, die den Strohkoffer selten oder gar nicht frequentierten. Das sind die Glücklichen, die keine Beeinträchtigung ihrer Leberfunktionen zu befürchten hatten. Denn, sehr zur Freude des Lokalbesitzers Max „Mackie“ Lersch, floss reichlich Alkohol durch die Kehlen der arrivierten und potenziellen Berühmtheiten. Meist aus „Dopplern“ eingeschenkt, wie man die Flaschen mit einem Füllvolumen von zwei Litern nannte, servierte Kurt Baumgartl den Gästen grünen Veltliner. Auch Flaschenbier wurde gerne genommen. Es waren seine Gäste, denn er hatte sie fest im Griff, stundete oft mittellosen Künstlern die Bezahlung, in bestimmten Fällen vergaß er auch, die Schuld später einzufordern. Kurt war ein menschliches Faktotum, gezeichnet von einer violetten Hautverfärbung, welche die gesamte rechte Gesichtshälfte überzog. Was seiner stillen Autorität keinen Abbruch tat.

Apropos Alkohol, irgendeinmal fuhr ich Freund H. C. Artmann nach Hause, der sturzbetrunken hinten auf der Ladefläche des Kombis die Fahrt verschlief. Aufgrund irgendwelcher Umstände trafen wir uns nach diesem nächtlichen Transport nie mehr wieder. Ich habe lange Zeit das von ihm im Auto vergessene Buch „The Dean Of Scotland“ wie einen Schatz zum Andenken behalten und gehütet. Etwa sieben Jahre nach Kriegsende gab es bei den Künstlern kleine Unsicherheiten über die endgültige weltanschauliche Linie, in die sie ihre Bemühungen richten sollten. Ob sie sich mehr dem französischen Existenzialismus nach Jean-Paul Sartre näher verbunden fühlten, oder sich eher Eigenem, Wienerischem widmen sollten. Aufgrund einer Einladung war einmal Jean Cocteou, ein Vertreter des Existenzialismus, Gast im Strohkoffer. Diese Periode der Unsicherheit drückte sich selbst in der unterschiedlichen Kleidung aus. Manche der jungen Protagonisten trugen noch beständig Sakko und Krawatte, andere waren schon recht legèr in ihrem Outfit. Alle hatten aber eines gemeinsam, den trendigen, der britischen Armee entlehnten Dufflecoat in Kamelhaarfarbe. Ein unpraktisches Kleidungsstück. Die zwei aufgesetzten Taschen waren geräumig, aber unverschlossen, dadurch gingen deren Inhalte leicht verloren. Und durch den Spalt vorne, den ausschließlich drei Knebelverschlüssen offen hielten, zog es empfindlich kalt unter den Mantel.

Aus: Der Standard

Unter den Stammbesuchern des Strohkoffers hatte sich ein toller Zusammenhalt gebildet, der mich einmal vor einer unausweichlich scheinenden Tracht Prügel bewahrte. Der Journalist und Schriftsteller Helmuth B. und ich gingen eines Abends auf der Kärntnerstraße in Richtung Strohkoffer, da pöbelten uns ein paar aus Niederösterreich stammende Burschen an. Wir waren ja zu zweit, also blieb ich diesen Buben keine Antwort schuldig. Mit einem Mal war Helmuth B. verschwunden. Sicher hat er sich in die nahe gelegene Adebar geflüchtet. Ich stand jetzt einer gehörigen Übermacht allein gegenüber. Ein Passant hat anscheinend meine missliche Situation erkannt, und die Nachricht davon in die „Unterwelt“ getragen. Auf einmal quoll, einer Eruption gleich, aus dem Strohkoffer eine geschlossene Meute von etwa zwei Dutzend Künstlern unterschiedlicher Strömungen. Die Gruppe lief auf uns zu und rettete mich durch ihr massives Erscheinen zumindest vor einem gebrochenen Nasenbein.

Weil wir bei der Unterwelt sind, die war es, welche Mackie Lersch und seine Lokale beschützte. Dafür bekamen diese Herren im dunklen Anzug in der Loos-Bar Kognak oder Whisky kostenlos, kamen aber nie zu den Verrückten in den Strohkoffer hinunter. In der Bar waren die Könige der „Galerie“, wie sie sich auch selbst nannten, der G’schwinde, der Toch Heinzi, der Krisch Gustl und andere öfters präsent. Mackie Lersch hatte nicht ausschließlich Freude mit diesen Bekannten. Einige Male musste er sich gegen körperliche Angriffe wehren, wenn einer der Herren mehr Alkohol zu sich genommen hatte, als es seinem seelischen Gleichgewicht guttat. Obwohl Max keineswegs eine Boxerstatur besaß, obsiegte er doch regelmäßig.

Nur einmal war nach einer Kontroverse wochenlanger Aufenthalt im Spital angesagt. Wir waren spät morgens im Goesser-Keller, um die Nacht mit einer Gulaschsuppe und einem Bier zu beschließen. Ein aggressiver Nachtschwärmer löste eine Tragödie aus. Im gegenseitigen Vertrauen beließ Krisch Gustl, er war irgendwie anderweitig beschäftigt, seine Freundin für eine Weile in der Obhut von Max. Wir saßen zu dritt an einem Tisch, unter dem Tasso, der liebenswerteste und freundlichste Schäferhund, friedlich lag. Da näherte sich uns ein verwahrlost wirkender Mann. Dieser aufdringliche Mensch machte unmissverständliche Anstalten, unsere Anwesenheit missachtend, das Mädchen abzuschleppen. Solch frechen Einbruch in sein Revier konnte sich der Herr der Kärntnerbar nicht bieten lassen, außerdem war er für den Schutz der jungen Dame verantwortlich. Barsch versuchte er den ungebetenen Gast zu verscheuchen. Ein Wort gab das andere, die Aufforderung nach draußen zu kommen, schlug der sieggewohnte Mackie nicht aus. Ich verblieb mit Vierbeiner und Mädchen im Keller. Doch ein ungutes Gefühl drängte mich, auch hinauf zu gehen. Tasso folgte mir, freudig mit dem Schwanz wedelnd. Er war ein wirklich lieber Hund. Leider. Ich kam gerade rechtzeitig oben an, da stand Mackie inmitten der äußeren Kärntner Straße, von drei Männern attackiert, wehrlos, tief nach vorne gebeugt. Einer von denen schlug mit der Faust auf seinen Rücken ein, bis ich sah, dass der ein Messer mit langer Klinge in der Hand hielt! Ohne zu überlegen, rannte ich los, leicht behindert durch den zum Spielen aufgelegten hüpfenden Hund. In vollem Tempo kam ich näher gerannt, da ließ der kleinere der Männer von seinem Opfer ab, duckte sich, und zielte mit der Waffe auf mich. Ich wäre direkt in das Messer gelaufen, abbremsen war nicht mehr möglich, so sprang ich hoch in die Luft, um dem Vortrieb eine andere Richtung zu geben. Dieser Sprung nach Martial Arts rettete mich vor einem Stich in den Bauch. Aber möglicherweise auch Mackies Leben, denn die Burschen rannten in die Bösendorferstraße davon. Vielleicht wegen meines gekonnten Hochsprungs? Tasso stürzte sich auf Max, ihn zu begrüßen und um in ihm einen zwar Blut überströmten, aber freundlichen Spielgefährten zu finden. Mackie vorsichtig stützend führte ich ihn zurück vor den Hintereingang des „Goesser“. Dort gab es zusätzlich ebenerdig einen kleinen Ausschank für die Laufkundschaft. Die beschützte junge Frau war auch schon herauf gekommen und brachte einen Stuhl mit auf die Straße. Da saß nun Max stark blutend vor dem Lokal und wünschte sich einen Kognak. Während das Mädchen Rettung und Polizei verständigte, bestellte ich bei der Bedienung an der Schank ein Glas Brandy. Mackie trank es in einem Zug aus und verlangte nach einem Zweiten. Der tiefe Schnitt, der von der Stirne, am Auge vorbei bis zur Wange reichte, blutete unaufhörlich, wodurch sich das geleerte Schnapsglas wieder mit Menschenblut füllte. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik, mit welcher Miene der Mann hinter dem Tresen das mit Mackies Blut gefüllte Glas zum Nachgießen entgegennahm.

Rettung und Polizei kamen fast gleichzeitig. Zwei Polizisten liefen sofort in die Richtung, die ich ihnen angab. Max brachte man ins allgemeine Krankenhaus im alten Haus in der Spitalgasse. Die Stiche im Rücken waren so tief, dass Lebensgefahr bestand. Es folgten Operationen, die über einige Stunden dauerten. Ein längerer Aufenthalt im Spital war unvermeidlich und der verspielte Wachhund Tasso blieb zur Pflege bei mir. Am nächsten Tag dokumentierte sich der ungeschriebene Ehrenkodex der „Galerie“. Zwei der Messerstecher konnten in derselben Nacht verhaftet und auf das Polizeikommissariat am Deutschmeisterplatz gebracht werden. Ich hatte meine Identität der Polizei bekannt gegeben, und die bestellte mich zur Zeugenaussage. Dort angekommen, war Krisch Gustl schon da. Wahrscheinlich hatte ihm seine ebenso vorgeladene Freundin, auf die wir noch warteten, den Termin verraten. Wir saßen in einem Vorraum, durch den Beamte die zwei Delinquenten hintereinander an uns vorbei in den Verhandlungsraum führten. Gustl, groß und von kräftiger Statur, sprang unerwartet behände auf und streckte den ersten Kerl mit einem Fausthieb nieder. Totalschaden. Ich wollte nicht hintanstehen und desgleichen mit dem zweiten Kleineren, dem Messerstecher, machen. Bevor es dazu kam, war schon ein Polizist dazwischen gesprungen. Gustl wurde auf der Stelle verhaftet, man ließ ihn aber nach einigen Stunden wieder frei.

Vierzehn Tage lag Mackie im Spital. Dann kam er zurück ins Leben, besser gesagt, ins Nachtleben. Die Narbe des langen Cuts, den Max sich bei diesem Gefecht neben dem linken Auge eingehandelt hatte, war bis zu seinem Lebensende zu sehen. Er trug sie mit Stolz wie ein Student, der bei einer Mensur einen Schmiss davongetragen hat. Max war zehn Jahre älter, und ich mindestens so stolz ihn zum Freund zu haben, wie er auf seinen neu erworbenen „Cut„. Ja, es war eine Freundschaft unter Männern, bedingungslos und verlässlich. Beide waren wir nie wirklich erwachsen geworden, daraus ergab sich eine gewisse Seelenverwandtschaft. Darüber hinaus war er erfahrener, stärker, draufgängerischer, hatte ungleich größeren Erfolg bei den Damen, konnte viel mehr trinken und würfelte besser. Von allen diesen Eigenschaften lernte ich und genoss den Vorzug, falls einmal ein Mädchen überzählig war, davon zu partizipieren. Nie hob er den Altersunterschied zwischen uns hervor und behandelte mich stets gleichberechtigt. Wenn das nicht genügend Gründe sind, uns Freunde zu nennen? Seine verstorbenen Eltern besaßen die Loos-Bar und zwei andere Lokale. Den Erzählungen Mackies zufolge, fuhren sie noch lange nach Einführung des Automobils vierspännig vor. Er hatte von seiner Mutter, die den Vater überlebte, die American Bar und die einige Stockwerke darüber liegende Wohnung im Kärntner Durchgang geerbt, hat aber leider das ökonomische Geschick der Eltern nicht mitbekommen. Sagen wir, wie es war, er versoff die täglichen Einnahmen und spendete davon großzügig netten Damen Drinks in anderen Lokalen. Sehr zum Missvergnügen von Maria, einer gescheiten und im Nachtleben bewanderten Frau, die er mit dem Lokal von seiner Mutter übernommen hatte, und welche die Loos-Bar weiterhin verantwortungsvoll führte.

Lersch mit Mutter

M. R. Lersch in jungen Jahren. Die Dame links ist wahrscheinlich seine Mutter.

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