3. KAPITEL – Kleine Familiengeschichte – Jazz in Wien

Es ist spät am Vormittag. Ich werfe einen Blick in den von Licht überfluteten Hof, der Targi mit seinen beiden Meharis ist verschwunden. Zufrieden mit mir und meiner heutigen Leistung freut es mich, dass die grauen Ganglien und das Erinnerungsvermögen leidlich funktionieren. Während des Tippens tauchen wild wuchernd Bilder aus früheren Tagen auf, die verlangen gefiltert und sortiert zu werden. Das bremst die Lust am Schreiben. Jetzt ist die Zeit gekommen, eine Dusche zu nehmen. Die Sonne hat das in der Nacht kalt gewordene Wasser im Tank am Dach wieder erwärmt. Es bedeutet ein außerordentliches Vergnügen, sich in den lauen Wasserstrahlen genüsslich zu reinigen. Man mag darüber lächeln, aber ich ziehe eine warme einer kalten Dusche vor.

Im Gästeraum steht in der rückwärtigen Ecke das für mich vorbereitete Frühstücksgeschirr unberührt auf dem Tisch. Fatima hat in der Küche mein Kommen gehört, schlurft herbei und fragt, ob ich denn jetzt ein „petit dejeuné“ zu mir nehmen wolle? Dankend lehne ich ab und erkläre ihr, dass ich nie frühstücke. Daraufhin räumt sie sichtlich pikiert das Geschirr ab und entschwindet Richtung Küche. Sekunden später erscheint sie nochmals und erkundigt sich, ob ich denn nicht zumindest einen Kaffee trinken wolle? Der nicht zu überhörende aggressive Unterton dieser Frage, erlaubt keine Ablehnung. Aus der Küche dringen Wortfetzen, Fatimas Stimmlage und Tonfall verraten Empörung. Minuten später kommt François grinsend mit einem Tablett, darauf eine Kaffeekanne und Tasse balancierend an meinen Tisch und wünscht mir einen guten Tag. Ob unser Kamelreiter wieder abgereist sei, frage ich. Auf irgendeine Weise war mir dieser Targi sympathisch, obwohl ich nur seine verhüllte Gestalt und den Schleier vor dem Gesicht gesehen habe. François hatte ihn heute zeitig am Morgen wegreiten sehen. Er ist aber sicher, dass der Targi bald wiederkommt, denn dort, in der Oase zu der er wollte, gibt es keine heiratsfähige oder zumindest begehrenswerte Targia. Dieser Mann scheint so eine Art Wüstencasanova zu sein, ähnlich dem, den ich vor vielen Jahren im l’Aȉr kennen gelernt hatte. Und richtig, am späteren Nachmittag ertönt wieder das unwillige Gurgeln aus den Kehlen der beiden Meharis, die zum Niederknien gezwungen werden. Francois geht hinaus, um den Targi nach seinen Erfahrungen in der Oase zu befragen. Die Antwort war anscheinend unbefriedigend. Doch der Wirt bringt eine Einladung zum Tee mit. Gerne nehme ich an und überlege, wie eine Kommunikation zwischen uns laufen könnte.

Zur angegebenen Zeit begebe ich mich in den Hof in Richtung Lagerstelle des Targi. Dort brennt ein kleines, durch zusammengetragene Steine begrenztes Lagerfeuer. Er erhebt sich höflich, streckt mir seine schlanke Hand zur Berührung entgegen und stellt sich vor: Akamouk. Ich nenne auch meinen Namen und blicke in ein Paar blaue Augen! Ich setze mich auf einen behauenen Stein, der offensichtlich vom Bau des jetzt von mir bewohnten Türmchens übriggeblieben ist. Akamouk hat seinen dunkelblauen Schleier abgenommen und trägt nur mehr eine Art Turban auf dem Kopf. Die Haut seines jungenhaften Gesichts ist hell, gleich einem Europäer. Sie zeigt auch nicht die geringste blaue Färbung, wie es frühere Experten für Touareg, wie Pére Foucold, Jean Rouge, Nachtigall und andere Forscher beschrieben haben. Noch zur Zeit meiner ersten Expedition bemerkte ich bei einigen Touareg und Bella Einfärbungen durch die blauen Textilien. Die Tagelmusts (Kopfverhüllungen) der modernen »hommes bleu«, der sogenannten blauen Männer, sind mit zeitgemäßen wasserfesten Chemikalien gefärbt und geben kaum Farbe ab. Akamouk hat einen kleinen, kobaltblau emaillierten Teekessel direkt ins Feuer gestellt. Dieses Kännchen gleicht denjenigen, welche die Tuareg schon vor hundert Jahren zum Teekochen benützt hatten, mit dem Unterschied, dass sie heute „made in China“ sind.

Er öffnet den Deckel und hängt ein Sträußchen frisches Pfefferminzkraut hinein. Wir schweigen beide, es herrscht diese unvergleichliche Stille, welche die Sahara so auszeichnet. In dieser besonderen Ruhe bedarf es keiner Sprache zur Kommunikation. Gedämpft und in tiefer Tonfrequenz brummt das Stromaggregat aus der Ferne, das François täglich in der Dämmerung anwirft. Der Tee beginnt blubbernd zu kochen. Akamouk stellt ein abgegriffenes Tablett aus getriebenem Kupfer mit zwei Teegläsern auf den sandigen Boden. Aus etwa dreißig Zentimetern Höhe schenkt er gleichmäßig die gelbe Köstlichkeit ein, ohne dabei einen Tropfen zu verschütten. Sauerstoff bindend bildet sich Schaum in den Trinkgläsern. Schweigend schlürfen wir den heißen, sehr süßen grünen Tee. Einem ungeschriebenen Gesetz gehorchend, müssen drei Gläser der Gastfreundschaft getrunken werden. Ist das dritte Glas geleert, genießt der Besucher Schutz und Schirm des Gastgebers. Die erste Portion gilt als höfliche Begrüßung, bei der zweiten wird der Fremde geprüft, die letzte besiegelt das unverbrüchliche Recht auf Beistand und Freundschaft. Während wir das erste Glas leeren, klaubt Akamouk sorgfältig ein paar Stücke des zertrümmerten Zuckerhuts von einem gegerbten Ziegenfell, gibt sie zu den Teeblättern in die Kanne und gießt frisches Wasser darüber. Wir warten schweigend das ebenso kunstvolle Nachfüllen des zweiten Glases ab. Obwohl stolzer Abkömmling der Tuareg, ist er noch so weit Afrikaner, dass er den Rumi, den Europäer, mit großem Respekt behandelt. Jetzt wäre es an der Zeit, eine Unterhaltung zu beginnen. Seit Jahrzehnten im Umgangs mit Menschen aus anderen Kulturen entwöhnt, weiß ich nicht, womit ich einen Dialog eröffnen kann, ohne meinen Gastgeber möglicherweise zu verletzen.

Targi Tee1
Teezubereitung bei den

Er hat eine Tabuka, das zweischneidige Schwert der Tuareg, in einer wunderschön ausgeführten bunten Lederscheide mit Verzierungen aus Metall neben sich liegen. Ich versuche es auf Französisch und sage ihm, wie schön diese Waffe ist, und dass ich zu Hause in Wien zwei ähnliche Exemplare habe. Ich hatte sie vor langer Zeit im Niger, es muss um das Jahr 1976 gewesen sein, in einem Sammellager für aus Mali ausgewiesener oder geflüchteter Tuareg gekauft. Es waren Frauen, die mir die Schwerter zum Kauf anboten. Ihre Not war extrem groß. Sie verlangten einen so niederen Preis, dass ich ihnen wesentlich mehr dafür zahlte. Ein ungewöhnlicher Akt, denn normalerweise muss man in Afrika handeln. Das wird erwartet, weil feilschen gilt als Sport, weniger um Verdienst zu steigern. Akamouk meint, er war damals noch ein Kind, aber er erinnert sich, dass manchmal große Karawanen mit Touareg anderer Stämme in den Hoggar gekommen sind. Er spricht ein grammatikalisch einwandfreies Französisch, allein das „R“ rollt statt am Gaumen, vorne auf der Zunge. Auf meine Frage, wieso er die Sprache so gut beherrsche, erzählt er, dass man ihn in die Schule nach Algier geschickt hätte. Sein Vater war Offizier bei der von den Franzosen gegründeten Garde Nomade und hatte erkannt, wie wichtig Bildung auch für einen Targi ist. Als ich mich wundere, dass ein Wüstenbewohner seinem Sohn europäische Schulbildung bezahlen kann, zieht er mit einem feinen Lächeln seine Tabuka etwas näher zu sich heran. Natürlich interessiert es mich, was er aus diesem Vorteil gemacht hat. Er meint, er sei bei den Clans der Sahara recht angesehen und reitet von einem zum anderen. Manchmal würde er dort heiraten, um nach einiger Zeit wieder weiterzuziehen. Ich weiß, dass Hochzeiten gar nicht wenig kosten, und bei einer Scheidung, welche im Allgemeinen von der Frau verlangt wird, das gesamte Vermögen und die aus der Verbindung hervorgegangenen Kinder bei der Mutter bleiben. Da muss er doch ganz schön reich sein, vermute ich? Ich erhalte keine Antwort darauf, nur das gleiche Lächeln wie vorher erscheint kurz auf seinem vom Lagerfeuer schwach beleuchteten, edlen Gesicht. Da dämmert mir, er wird halt die alte Tradition der ehemals räuberischen Touareg weiter fortführen und sich das, was er braucht, einfach aneignen.

Es ist spät geworden, der Mond ist nicht zu sehen, aber eine unglaublich große Anzahl Sterne erhellt den Himmel. Sie stehen teilweise so dicht nebeneinander, dass sie richtige Flächen aus Licht bilden, wie ineinander verschmolzen. Ich bin müde, François hat das Stromaggregat längst ausgeschaltet und ich bin in Sorge, dass sich der Akkumulator meines Computers entladen würde. Also bedanke ich mich herzlich für die Einladung und gehe mit einem freundschaftlichen „a demain“ zum nun unbeleuchteten Haus. Ich bleibe davor stehen, denn von weit her kommt Motorenlärm und ich sehe einen starken Lichtstrahl, der nur sehr langsam näherkommt. Nur selten wird diese Piste von LKWs befahren, manche kommen herein, um zu tanken. Doch dieser donnert mit hohem Tempo vorbei und der Lärm des Fahrzeugs bleibt in der sonst herrschenden Stille langsam verebbend noch lange zu hören. Die Taschenlampe wirft einen gebündelten bläulichen Lichtstrahl voraus, und ich finde ohne Probleme die Stiege zu meinem Zimmer hinauf. Da ich aus Vorsicht mehrere solcher Lampen für die Reise mitgebracht habe, ärgert mich meine Unaufmerksamkeit, Akamouk diese nicht zum Geschenk gemacht zu haben. Ich nehme mir vor, dies morgen nachzuholen.

In meinem Zimmer angekommen, trenne ich das Ladegerät vom Netz und vom Computer. Nachdenklich lege ich mich auf das Bett. Vor langer Zeit gab es einen Akamouk, er war oberster Chef aller Touareg. Vom Hoggar aus regierte er die in der Sahara und im Sahel verstreut lebenden Stämme. Frankreich hat seine Kolonien administriert, abweichend von den Methoden anderer Kolonialmächte. Gewalt wurde ausschließlich in nicht zu umgehenden Fällen angewendet. Das kam schon dadurch zum Ausdruck, dass Frankreich die annektierten Länder allgemein „la France d’outre-mer“, also Überseefrankreich nannte. Die französische Kolonialverwaltung setzte autochthone Häuptlinge, Stammesfürsten und Könige als bezahlte Administratoren ein. Allerdings war es deren Aufgabe in ihrem Gebiet für Frieden, Ruhe und Ordnung zu sorgen. Akamouk war so ein ernannter Verwalter. Vom eigenen Volk weder geliebt noch beachtet, aber reichlich honoriert. Dies war ein Kolonialsystem, das zwar keinen Unterschied zur üblichen Ausbeutung Afrikas darstellte, doch weniger repressiv erschien.

Die Effizienz dieser Methode wurde in den Jahren, die der Selbständigkeit anderer Kolonien folgten, deutlich. Überall entflammten kurz nach dem Abschütteln kolonialer Gewalt Stammeskämpfe, Revolutionen und Kriege, nur in den ehemaligen französischen Gebieten herrschte noch viele Jahre soziale Ruhe. Selbst dort, wo willkürlich gezogene Grenzen Völker auseinanderrissen. Das erklärt wahrscheinlich die Namensgebung unseres Targi, um damit dem damaligen Herrscher Akamouk zu gefallen.

Einige Umstände meiner Geschichte sind bisher unerwähnt geblieben. Das Wissen darüber könnte jedoch für das Verstehen der folgenden Kapitel recht förderlich sein. Möge der unermüdliche Konsument dieser Ausführungen selbst entscheiden, ob er den nächsten Teil der Erzählung lesen oder überblättern will.

Mein Vater
Mein Vater (WK I)

Mein Vater zeugte mich im beachtlichen Alter von sechsundfünfzig Jahren in Zusammenarbeit mit seiner um zwanzig Jahre jüngeren Frau. Ohne mich vorher zu fragen, wurde ich am 20. Juni 1934 in diese Welt gesetzt. Das war einen Monat vor dem Juliputsch der Nationalsozialisten und der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß. Ich wurde meiner neun Jahre älteren Schwester als Tatsache präsentiert, die sie auch anfänglich mit viel Begeisterung annahm. Ein winziger Spielgefährte war ins Haus gekommen! Doch bald schlug diese kindliche Freude in eifersüchtige Abneigung um, denn der daran unschuldige Kronprinz entzog ihr den größten Teil an Aufmerksamkeit und Zuwendung von Eltern und Anverwandten. Erst in späteren Jahren, Schwesterchen stand bereits im Beruf und ich, weil dem Anschein nach aus der Art geraten, der gesamten Familie Sorgen verursachte, entstand eine leicht reservierte, gegenseitige Zuneigung.

Selbstverständlich war auch der Vater richtig stolz auf sein Produkt und auf seine, nun allgemein anzuerkennende Virilität. Leider war aber ab der Zeit, in der ich zu sprechen begann und einer väterlichen Hand zu meiner Entwicklung dringend bedurft hätte, der Altersunterschied zwischen uns zu groß geworden. Wahrscheinlich nervte ihn mein kindliches Lärmen und er zog sich in eine für mich nicht erreichbare, unbekannte Sphäre zurück. Was mir nachträglich leidtut, denn er war ein stiller und feiner Mann, von dem ich viel hätte lernen können. Wie da wären: Selbstzucht, Konsequenz, Ehrlichkeit, Mut und Genügsamkeit. Eigenschaften, die ich mir im Heranwachsen sicher nicht zu eigen gemacht hatte. Diese positiven, latent vorhandenen genetischen Anlagen, die von den wunderbaren Großeltern der jeweiligen Familien meiner Eltern stammten, habe ich erst viel später in Eigeninitiative ausgegraben. Dafür haben sich schon früh ausgeprägter Gerechtigkeitssinn sowie Freiheitsbedürfnis entwickelt. Qualitäten, welche mich gelegentlich in meinem beruflichen Weiterkommen behindert haben. Mütterchen hingegen war eine fröhliche, runde und selbstbewusste Frau, mit großen Erfolgen als Sängerin und Gesangslehrerin. Solche Leistungen mussten erarbeitet werden, da fehlte auch ihr die notwendige Zeit für meine Erziehung.

Begründet auf Generationen von Musiktreibenden, Schauspielern, Theaterdirektoren und Kunstkritikern in der näheren und weiteren Verwandtschaft, hatten sich viele ehemalige Berühmtheiten der Wiener Kunstszene bei Hausmusikabenden meiner Familie eingefunden. Franz Liszt, Franz Grillparzer, später auch Richard Heuberger, Alma Mahler, deren Vater Emil Jakob Schindler mit seinen Adepten, Daniel Froschauer und andere zur Elite gehörenden Künstler waren Gäste. Die Gästeliste setzte sich bis in meine Jugendjahre mit den Dirigenten Wilhelm Furtwängler und Karl Böhm, der zum entfernteren Familienclan gehörte, sowie Künstlern der damals jüngeren Generation, dem Dirigent Kurt Wöss, oder dem Maler Kurt Moldovan und dem Historiker Alfred Schmeller fort. Reliquien aus diesen vergangenen Zeiten verstauben still in meiner Wohnung.

Nachdem ich mich aus schamhaft zu verbergenden Gründen weigerte, weiterhin bei Prof. Sokolovsky Stunden am Spinett zu nehmen, gelang es meinen Eltern in der Akademie für Musik und darstellende Kunst einen Studienplatz für mich zu belegen. Ich war in der Klasse für Klarinette beim Philharmoniker Prof. Wlach, mit Klavier als Nebenfach. Warum ausgerechnet Klarinette? Sicher war ursprünglich Mozart‘s Klarinettenkonzert die Grundlage meiner Begeisterung für dieses Instrument. Es ist ein Holzblasinstrument, bei dem jeder Ton in sich swingt. Egal ob es in der Volksmusik, Klassik oder im Jazz Verwendung findet. Große Vorbilder wie Benny Goodman, Woody Herman, Artie Shaw und Fatty George waren fördernd, um diese Entscheidung zu treffen. Der Sender der amerikanischen Besatzungsmacht, „Blue Danube Network“ lief bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Dem dadurch entstandenen Sog zu Swing und Jazz war nicht zu widerstehen. Zur gleichen Zeit besuchte ich im Kosmostheater regelmäßig die mit Beispielen von Schallplatten (riesige V-Disks der US-Army mit 78rpm) aufgelockerten Vorträge des unvergesslichen, damals jugendlichen Günther (Howdy) Schifter. Als er dem Ruf an den Sender Rot-Weiß-Rot Folge leistete, übernahm ich seine Vortragsreihe im Theater in der Siebensterngasse. Die Leiter des USIS, des United States Information Service, waren die Herren Zanetti und Helmuth „Helo“ Kolbe. Mein Wissen über Jazz reichte an das von Günther Schifter bei Weitem nicht heran, und darüber hinaus fehlten die Ressourcen zur Beschaffung passender Schallplatten. Also holte ich mir die Erlaubnis vom USIS, einmal in der Woche Jam Sessions im ehrwürdigen Theater am Siebensternplatz zu veranstalten. Helo Kolbe, der gerne und hervorragend Bass spielte, half mir, Musiker für diese Abende zu interessieren. Da waren die gleichen Solisten, wie ich sie vom Hot Club Vienna, der im Lokal „Watzal“ musizierte, her kannte. Um nur einige zu nennen, Hans Salomon, Carl (Charlie) Drewo, Gerhard Hönig, Viktor Plasil, Robert Opratko, Attila (Shivi) Zoller, der Vibrafonist Bill Grah, Heinz Rettenbacher, Hans Koller, der Geiger Herbert Mytteis und andere. Groovy! Doch leider wollten nur wenige davon ohne Gage spielen. Hier nicht erwähnte, deren Namen ich nach langer Zeit nicht mehr griffbereit habe, seien versichert, dass ich sie und ihre Musik bewunderte, ja zutiefst verehrte!

In dieser Zeit stieg ich einmal in die Straßenbahn Nr. 49 ein, um mich in Richtung Innenstadt zu begeben. Wie vom Blitz getroffen erstarrte ich. Auf der Plattform stand, ein bisschen lässig in eine Ecke gelehnt, eine Göttin, nein, die Göttin! Sie dürfte eben von ihrer Arbeitsstätte gekommen sein, vom Sender Rot-Weiß-Rot in der Seidengasse. Da war sie, wie ein Phantom, die um wenige Jahre ältere und längst recht erfolgreiche Louise Martini. Unnahbar blickte sie über den sie anstarrenden Jüngling hinweg, der sich exakt in diesem Moment sterblich in sie und ihre großen, wunderschönen Augen verliebte. Dann stieg sie aus und war weg. Jahre später trafen wir uns wieder und hielten Kontakt bis zu ihrem Ableben.

Bedeutende Pläne für eine Ausbildung und gesicherte berufliche Zukunft interessierten mich nicht brennend. Doch war ich, wahrscheinlich wegen oben erwähnter Erbanlagen, der sich damals neu formierenden Wiener Kulturszene zugetan. Was sich dergestalt manifestierte, dass ich alle Gschnasfeste der Kunstakademie, sowie regelmäßig den im Strohkoffer sich zur Unterhaltung versammelnden Artclub besuchte. Auf einer jener Veranstaltungen lernte ich einen nicht besonders hochgewachsenen, ausnehmend intelligenten Burschen kennen. Er war zu dieser Zeit anscheinend auf der Suche nach einem Verdienst. Zufällig traf ich ihn in der Burggasse. Er trug seinen geliebten, offen wehenden Trenchcoat. Damals war er beruflich noch nicht wirklich gefestigt und recht mittellos. Ich lud ihn auf einen Mokka in das nahe gelegene kleine Kaffeehaus ein. Über drei Stufen hinauf erreichte man das mit rotem Samt bespannten Wandbänken und Marmortischchen eingerichtete, notdürftig beleuchtete Lokal. Ich war gerade auf dem Weg dorthin, denn neben den Cafés Siller und Casa Piccola auf der Mariahilfer Straße, war dieses Etablissement eine weitere Anlaufstelle zum Erwerb amerikanischer Zigaretten. Die Ober dort mussten geheimen Zugang zu den PX-Läden der US-Armee gehabt haben. Pall Mall, Chesterfield, Players Virginia und Camel hatten zeitgemäß selbstverständlich keine Filter. Lungenschäden durch Rauchen waren auch noch nicht bekannt. Rauchverbote gab es in jener vergangenen Zeit nur selten. Ungeniert paffte jeder munter drauflos und ich beehrte meinen Vater ab und zu mit einer Packung „Amis“. Ich erinnere mich nicht, ob Roman, so hieß mein Gegenüber, bei diesem Laster mitgetan hat. Ich glaube eher, dass er Nichtraucher war. Roman Schließer hat diese Episode über seinem Jahre anhaltenden Erfolg bei der Kronenzeitung als „Adabei“, sicher vergessen. Wir trafen uns später noch wiederholt, dabei erhielt er einige Male von mir Stoff für seine Kolumne. Natürlich besuchte ich öfters das Tanzkaffee im Volksgarten, wo Heinz Neubrand auf der Hammondorgel nicht ausschließlich zum Tanz, sondern genauso eingängigen Jazz spielte. Uns sollte Jahrzehnte später brüderliche Freundschaft verbinden.

Es ist inzwischen Mittag geworden, die Sonne wirft kaum Schatten und ich sitze, fast unbekleidet, an meinem Schreibtisch. Ich schwitze zwar nicht, aber die Haut fühlt sich feucht an, das bringt durch die Verdunstung etwas Kühlung. Ich beschließe, François beim Mittagessen um einen Ventilator zu bitten, und damit seiner ausgeprägten Sparsamkeit einen Stoß zu versetzen. Energie aus der Photovoltaik holt er sich tagsüber nur für das Notwendigste. Ausschließlich der Kühlschrank, das Telefon und eventuell ein Fernsehgerät, das ich in den Wohnräumen der beiden vermute, werden damit versorgt. Erst bei Einbruch der Dunkelheit, so um sechs Uhr abends, wirft er täglich das Dieselaggregat an, um die Beleuchtung des Hauses und Teile des Areals, sowie den Betrieb der Deckenventilatoren sicherzustellen. Das sind die wenigen Stunden, die ich zum Laden der Computerakkus habe. Wohlweislich sind zwei davon in meinem Reisegepäck. Es ist mir ja recht, dass ich in dieser Herberge eingemietet bin, die in dem „Luxus“ kolonial – französischer Zeit hängen geblieben ist. Wenn aber die Hitze das Schreiben beeinträchtigt, wird Schutz dagegen erforderlich. Kurz entschlossen dusche ich lange und ausgiebig, und ziehe, ohne mich vorher abzutrocknen, Hose und Polo an.

Es klopft an der zum Gang offenen Türe meines Zimmers. Fatima steht freundlich lächelnd da, neben ihr ein alter Standventilator mit Blättern aus Messing, und meint, dass ich den sicher brauchen würde. Sie hätte François bereits angewiesen, mir mit einer Extraleitung Strom aus den Sonnenkollektoren zur Verfügung zu stellen. In einer Aufwallung von Dankbarkeit gebe ich ihr auf jede Wange einen Kuss, was sie wie selbstverständlich geschehen lässt. Immer wieder überraschen mich die intuitiven Fähigkeiten der Frauen. Obwohl ich dieses Thema durch meine Lebenserfahrungen schon längst als „Wissen“ abgehakt haben sollte. Besonders erstaunlich ist, dass eine aus einer anderen Kultur stammende Berberin genauso agiert, wie ich es von Frauen aus mir vertrautem Kulturkreis erwarte. Na, wenigstens bleibt mir eine Diskussion erspart, und ich gehe gut gelaunt mit Fatima und in Vorfreude auf einen Aperitif die Stiegen hinunter in den Gastraum.

Beim Betreten des Raumes entdecke ich auf dem mir zugeteilten Tisch ein Schüsselchen mit gerösteten Erdnüssen und, von einem Baguette geschnitten und mit Paté bestrichene kleine Brotscheiben. François bringt in einem Glas grünlich schillernden Pernod, eine Karaffe mit Wasser und ein Schälchen mit Eiswürfeln. Vive la France! Mir geht es gut! Heute bekomme ich Spaghetti mit einer sehr italienisch anmutenden Tomatensauce und grünen Salat, nach dessen Herkunft ich mich lieber nicht erkundige. Ein Glas Rotwein und geriebener Grana Padano vervollkommnen mein Glück. Den Karamellpudding zur Nachspeise erlaube ich mir, höflichst abzulehnen. Nach dieser willkommenen Abwechslung des Speisezettels ist es dringend Zeit für eine Siesta. Satt und müde erreiche ich mein Zimmer und, siehe da, der Standventilator läuft! Zu ihm führt ein provisorisches Stromkabel quer durch das „Appartement“, doch das stört nicht. Ich richte den Ventilator mit kleinster Stufe direkt in Richtung Bett, ziehe das Polo aus und lege mich in den zarten Luftstrom. Mein Glück ist vollkommen! So einfach kann es sein, einen Menschen zufrieden zu machen. Ich überlege mir ernsthaft, das Buch nicht weiterzuschreiben, sondern einige Jahre hier meditativ in Stille zu verbringen.

Geweckt werde ich von ungewöhnlich laut geführter Unterhaltung im Untergeschoß. Harsche, arabische Laute dringen zu mir herauf. Ich ziehe mein Polo wieder an und versuche, durch die Fensteröffnung auf den Platz vor dem Haus zu sehen. Zwei im gleichen Grau lackierte Toyota-Geländewagen parken vor dem Haupteingang, ein Uniformierter spaziert sichtlich interessiert um meinen Landrover herum. Ich schaue nach hinten hinaus. Im Hof diskutiert Akamouk heftig mit einem Polizisten. Wie ich ihren Gesten entnehme, scheinen sie nicht einer Meinung zu sein. Obwohl ich kein Wort verstehe, sagt mir ein Gefühl, der Targi steht unter Druck. Dann wird die Konversation im Haus immer lauter, sie nähert sich die Treppe herauf meinem Zimmer. Das gefällt mir gar nicht. Schnell verstecke ich mein wertvollstes Gut, den Laptop, unter ein paar Wäschestücken im Spind.  Es klopft an der Tür. Ich beeile mich, sie zu öffnen. Ein Polizeioffizier, ein Polizist, François und zuletzt Fatima treten ein. Ich verwerfe schnell meinen vorher gefassten Entschluss, bis zum Lebensende hierzubleiben. Der bürokratisierte Staat, der in allen Ländern dieser Erde gleich ist, hat mich eingeholt! Was mir äußerstes Missvergnügen bereitet. Nach einer höflichen, kurz gehaltenen Begrüßung verlangt der Polizeioffizier meinen Reisepass. Ich hole das Dokument aus dem Koffer und überreiche es mit einem freundlichen „Bitte sehr“. Der Uniformierte hält das von mir vor drei Tagen ausgefüllte Anmeldeformular in der Hand und vergleicht die Daten mit denen im Pass. Mit deren Übereinstimmung zufrieden, klappt er den Ausweis wieder zu, gibt ihn aber nicht zurück. Ob ich Schusswaffen dabei habe, ist die nächste Frage, wobei er mir prüfend in die Augen sieht. Auch nicht für die Jagd? In Anbetracht möglicher Schwierigkeiten und weil mich sein anmaßendes Benehmen ärgert, verneine ich. Um Ablenkung bemüht, versuche ich zu scherzen und erwähne, während ich meine Hände zur Bestätigung zitternd vorstrecke, dass man so nicht mehr richtig zielen könne. Das hätte ich besser unterlassen sollen und erfahre wieder einmal, dass das Verständnis für Humor von Kultur zu Kultur unterschiedlich ist. Der Offizier meint, er wüsste, dass ich ein Jagdgewehr mitführen würde. Er gibt seinem Untergebenen eine kurze Anweisung und dieser durchsucht den Raum gründlich nach einem Schießgewehr. Peinlich, denn der Drilling liegt gut verpackt im Schrank. Da mir die Polizei in Algier eine schriftliche Erlaubnis für die Waffe gegeben hat, kann ich den Besitz des Ferlachers guten Gewissens zugeben. Die telegraphische Verbindung vom Norden des Landes in den Süden scheint zu funktionieren. So gebe ich ihm das Gewehr, mit der Ausrede, ihn nicht korrekt verstanden zu haben. Er vergleicht sorgfältig die eingestnzte Nummer mit der in der Erlaubnis. Im Laufe der Untersuchung sehe ich Hilfe suchend zu François, der nur die Schultern anhebt und dabei zur Zimmerdecke blickt.  Ich bekomme meinen Pass ausgehändigt und die Gruppe verlässt das Zimmer mit einem schnellen „auf Wiedersehen“. Das entspricht genau dem, was ich mir überhaupt nicht wünsche.

Nach einigen Minuten braust die Meute in ihren Landcruisern, Staubwolken hinterlassend, wieder ab, in Richtung Tamanrasset. Ein kurzer Blick in den Hof, Akamouk ist noch da. Eine Kampfausrüstung für mindestens zehn Mann hätte ich im Landrover sicher verstecken können, denn niemand war auf die Idee gekommen, dort zu suchen. Ich muss den Schrank neu einräumen, das Bett frisch machen und die Habseligkeiten wieder in den Koffer geben. Nach dieser Aufregung beruhige ich mich mit dem tröstlichen Gedanken, dass Afrika in einigen typischen Eigenarten eben doch noch immer das gleiche Afrika wie vor Jahrzehnten geblieben ist.

Nach diesem Schreck genehmigen wir uns, François und ich, je einen doppelstöckigen Whisky mit Eis und Soda. Es scheint wirklich so zu sein, dass Gewalt von außen die Betroffenen näher aneinanderbindet. Fatima hat sich ein Glas kräftigen roten Mascara geholt und setzt sich zu uns. Wir prosten uns zu, und François meint, dass wir uns endlich mit Vornamen anreden sollten. Fatima wünscht sich, Michelle gerufen zu werden, wie es ihr Mann seit Jahrzehnten tut. Sicher eine besondere Auszeichnung für mich. François ist dieser Überfall der Polizei peinlich. Mit abfälligen Bezeichnungen rechnet er den Polizeioffizier dem nördlichen Algerien zu. Dort sitzt die Regierung, die von den Bewohnern der südlichen Sahara nicht geliebt wird. Was wissen denn die da oben über das Leben hier. Die sollen für ihre Provinzen im Norden Gesetze machen. Die Menschen im Süden halten sich ohnehin kaum daran, weil es auf dieser Seite der Sahara ganz andere Lebensumstände gibt. Und die Touareg, die den Hauptanteil der Bevölkerung stellen, lassen sich nur schwer reglementieren. Irgendwie denke ich jetzt an Österreich, wo man ähnliche Worte aus den selbstbewussten Bundesländern hört. Da liegen nicht tausende Kilometer Wüste zwischen den Landeshauptstädten und Wien. Kaum beginnen wir die Unterhaltung, erscheint Akamouk und wird zum Platznehmen an unserem Tisch eingeladen. Michelle bietet ihm Kaffee an, den er gerne annimmt. Da er Muslim ist, trinkt er keinen Alkohol. Auf meine Frage, wieso ich ihn nie beten gesehen habe, wie es sich dreimal täglich für einen Muselmann gehört, meint er ernst, dass er selbstverständlich bete, aber so unterwürfige Verneigungen höchstens seinem Stammesfürsten schulde. Doch in der Moschee müsse er das tun? Er besucht keine, denn er verbringt sein gesamtes Leben in einer riesigen Moschee. Sein heiliger Raum ist die Wüste, und zu Boden wirft er sich nur, wenn ein Sandsturm tobt. Ich wende ein, dass viele Touareg ihre Gebetsteppiche ausbreiten und darauf ihre rituellen Verbeugungen ausführen. Die gehören sicher dem Volke der Bella an, sagt er, die werden von den Marabus, den heiligen Männern, geführt. Francois erklärt mir, die Bella leiten sich nicht von einem eigenen Volksstamm ab, sondern sind Nachkommen freigelassener schwarzafrikanischer Sklaven der Touareg. Sie ahmen zwar ihre ehemaligen Herren im Habitus nach, sind ihnen aber niemals gleichgestellt. Den Befehl eines Targi führen sie fast immer aus, obwohl auch hier der Respekt vor dem Herrenvolk stark schwindet. Michelle bringt den Kaffee für Akamouk, der sich höflich dafür bedankt. François und ich genehmigen uns jeder noch einen Whisky. Auf die Frage, was der Polizist wollte, antwortet Akamouk, er hätte afrikanisch mit ihm gesprochen, dabei macht er mit seiner rechten Hand eine Bewegung, als würde er eine Zitrone auspressen. Die größtenteils aus dem Norden des Landes stammenden Administrations- und Exekutivbeamten der Regierung sind auf die Fähigkeiten der Tuareg angewiesen. Denn nur die können Spuren lesen und in den endlosen Weiten der Wüste punktgenau Wasserstellen finden, die nicht einmal von Satelliten erfasst werden. Und das sowohl bei Tageslicht, wie auch in der Nacht.

Schon lange ist die Auberge in nächtliche Dunkelheit getaucht. Unbemerkt ist es über das Plaudern spät geworden. Ich bedanke mich in der Runde für den Abend, und steige wieder in mein Refugium hinauf. Es ist wohltuend, dass diese drei Menschen in der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft anscheinend Vertrauen zu mir gefasst haben. Zufrieden begebe ich mich ins Bett.

 

 

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