2. Kapitel – WKII und Nachkriegszeit

Als ich Stunden später wieder aufwache ist es draußen schon recht hell, mir ist kalt unter meiner Decke. Durch das offene Fenster dringt noch kühle Saharaluft von der Nacht herein, ich ziehe mir eine Jacke an und bin durch und durch richtig zufrieden. So ergreift mich große Lust zu schreiben. Obwohl ich vorhatte, erst die Gegend zu erkunden, packe ich meinen Laptop aus. Er startet trotz der langen, holperigen Transporte über die Wellblechpisten ohne Mucken, ebenso das Schreibprogramm, und ich beginne dieses Kapitel zu schreiben.

Es bleibt den werten Lesern nicht erspart, sich einige Zeilen mit der ersten Entwicklungszeit meiner Persönlichkeit zu beschäftigen, da die Kenntnis dieser zum Verständnis der folgenden Kapitel unumgänglich ist. Meine geneigten Leserinnen aber mögen mir das Fortlassen von Binnen-I und andere feministische Manifestationen verzeihen, denn ich praktiziere andere Möglichkeiten, um meine grundlegende Hochachtung und Verehrung dem anderen Geschlecht zu dokumentieren. Auch behindern diese, anfänglich sicher wichtig gewesenen, jetzt aber nicht mehr nötigen Beifügungen den Lesefluss. Sterne und meine Eltern haben meinem Wesen unbändigen Gerechtigkeitssinn und Freiheitsliebe mitgegeben. Ständige Machtkämpfe mit meiner älteren dominanten Schwester erlaubten es mir nicht, diese Eigenschaften auszuleben. Meine hochanständigen und braven Erzeuger hatten keine Zeit, sich mit meinen Problemen auseinanderzusetzen, oder erkannten sie ob ihrer eigenen selbst genossenen strengen Erziehung nicht. In ihrer Sorge dachten sie sicher, dass strenge Erziehung durch geschulte Leute den Widerspenstigen zähmen könnte. Lehrer, Professoren und Präfekten wurden informiert und handelten danach. Prompt verfehlten sie damit das angestrebte Ziel. War ich deshalb ein schlechter Junge? Möglich. Etwas Verständnis der diversen Lehrkörper hätte jedoch anderes bewirkt. Da war ein Physiklehrer. Obwohl in Mathematik immer sehr schlecht, zählte ich eine Zeit lang im Fach Physik zu den Besten der Klasse, weil sich dieser Mann mit mir beschäftigte.

Dass ich ein schlechter Schüler gewesen bin, kann niemand behaupten. Im Gegenteil, schließlich war ich innerhalb kürzester Zeit in einigen Gymnasien ein nicht gern gesehener Schüler. Da ich mit den seinerzeit üblichen Lehrmethoden nicht einverstanden war, bildete ich mich lieber in den Kinos am Vormittag. Beispielsweise im Schäffer-Kino bei „Gentlemen with Guns“, oder konsumierte im Opernkino mehrmals die „Badende Venus“ mit Esther Williams, Red Skelton, Harry James und Xavier Cugat. Ein unrühmliches Ende fand mein Gastspiel bei den „Piaristen“. Nicht nur dass man mir das Verbreiten von Zeitschriften pornografischen Inhaltes ungerechterweise anlastete, sprengte ich in der Zeichenstunde ungewollt das Kanonenöfchen des Klassenzimmers in die Luft. Trotz anfänglich begeisterter Zustimmung der Klassenkameraden für das Vorhaben, verrieten sie mich, unter Druck gesetzt, unisono als Täter. Ich vermute, dass ich der erste und einzige Gymnasiast war, der ein Nichtgenügend bei „Betragen“ in seinem Zeugnis vorfand. Die darauf folgende Disziplinierungsmaßnahme war das Vollinternat der Schulbrüder in Strebersdorf bei Wien. Ich fand mich da inmitten wohlgenährter Bauernsöhne aus der näheren und weiteren Umgebung. Kurz vor den Weihnachtsferien wurde ich von einem dieser freundlichen Buben eingeladen, mit ihm nach Hause zu kommen. Nach dem Abendessen brachen wir auf. Wir marschierten etwa drei Stunden in Finsternis durch die tief verschneite Landschaft, an toten Pferden vorbei, die sicher beim Ziehen der russischen Panjewagen zusammengebrochen waren und an Ort und Stelle steif gefroren liegen gelassen wurden. Im gut geheizten Bauernhof gab es gutes Essen und zwei Stunden Schlaf. Man schenkte mir ein Tannenbäumchen für zu Hause, das mich um Wesentliches in der Länge überragte. Gegen Mitternacht stand ein mit Heu hoch beladener, von zwei Pferden gezogener Leiterwagen bereit. Mittels angelegter Leiter kletterte ich hinauf und machte es mir in dem duftenden Heu und einer Decke so gemütlich wie möglich. Wahrscheinlich befanden sich tief unter mir Schmuggelwaren, wie Speck, Würste oder Honig, die für den Schwarzmarkt in der Stadt bestimmt waren. Vielleicht diente ich auch als Schutzschild bei Kontrollen oder räuberischen Handlungen durch Angehörige der Besatzungsmacht, da es bekannt war, dass die rauen Soldaten zu Kindern sehr lieb waren. Das gleichmäßige Geräusch der Räder, sowie das regelmäßige Klappern der Pferdehufe ließen mich bald einschlafen. Der Bauer hielt vor dem Parlament, wo ich in eine der ersten morgendlichen Straßenbahnen der Linie 49 stieg. Ich fror erbärmlich, da ich mir bei der über mehrere Stunden dauernden Fahrt bei Minusgraden auf dem Pferdewagen die Hosen nass gemacht hatte. Zu Hause wurde ich von meinen Eltern, Vater war kurz vorher aus der Kriegsgefangenschaft heimgekommen, mit großer Liebe aufgenommen. Zur allgemeinen Enttäuschung hatten wir jetzt zwei Christbäume.

Einige Wochen verbrachte ich dann noch in dem Internat. Die Bauernbuben hatten alle von daheim Schmalz, Speck, Backwaren und all die Köstlichkeiten, die eine liebende Mutter ihren Söhnen eben mitgibt. Die siegreiche Sowjetunion hat die österreichische Bevölkerung in den ersten Monaten nach Kriegsende mit eiweißhaltigen, getrockneten Erbsen in großen Mengen versorgt. Ich saß nun im Speisesaal des Internats vor meinem Erbsengericht. Eine Erbse gelb, die andere sehr dunkel, fast schwarz. Neugierig, da ich schwarze Erbsen noch nie vorher gesehen hatte, untersuchte ich nach einigen Bissen eine davon genauer. Mein biologisches Verständnis sagte mir, dass Pflanzenprodukte keine sechs Beinchen haben können. Obwohl kein Vegetarier, zog ich daraus die Konsequenz, und ließ diese, ernährungstechnisch sicher ausgewogene Mischkost stehen. Als mich der Präfekt zwang, dieses inzwischen kalt gewordene Gericht samt Käfern zu verspeisen, lief ich bei nächster Gelegenheit davon und nach Hause. Doch der Reihe nach.

Es muss in der dritten Klasse Volksschule gewesen sein, als  drei Herren das Klassenzimmer betraten. Zwei in hellbrauner Uniform mit allen Attributen der NS-Partei, und einer in Zivil mit goldenem Parteiabzeichen im Knopfloch seiner Jacke. Obwohl ich ein aufgeweckter Schüler war, ersparte mir meine ausgeprägte Aversion gegen Leibeserziehung, wie das Turnen damals hieß, einige Jahre im Internat der NAPOLA (Nationalpolitische Erziehungsanstalt), der Schule für Parteikader. Die Volksschule hat bei mir auch einen besonderen Eindruck hinterlassen. Ich trug in dieser Zeit, wie alle Jungen, kurze Hosen. Die ermöglichten es dem Herrn Oberlehrer W. meine damals zarten Arschbäckchen direkt zu überprüfen, indem er mit der Hand von unten hinein fuhr. Ab diesem Erlebnis habe ich bis heute nur mehr lange Hosen getragen. Auch später, als ich mich beim Bann 501 zum Fanfarenzug des Deutschen Jungvolks meldete, war ich allein mit langen Uniformhosen, gegen die Norm. Man weiß ja nie.

Ja, ich war ein Pimpf. Ein Pimpf mit all den dazugehörenden äußerlichen Zeichen.  Ich trug  zu den schwarzen Hosen ein braunes Hemd, Koppel, Schulterriemen und ein HJ-Fahrtenmesser, das eigentlich erst den Hitlerjungen im Alter ab zehn Jahren zustand. Dazu ein schwarzes Halstuch, das vorne am Kragen durch einen aus hellbraunem Leder geflochtenen Ring zusammengehalten wurde. Anscheinend anbetracht meiner Jugend ließ man mich gewähren. Ich lebte in meiner eigenen kleinen Welt, was die Erwachsenen taten und sagten war mir ziemlich egal, solange sie mich nicht unsittlich berührten. Eines Tages bekam ich eine hellblaue Armbinde mit einem weißen „M“. Nun war es amtlich, ich bin „Melder“. Von nun an durfte ich bei Fliegeralarm auf der Straße herumlaufen oder Dachböden besteigen, und sollte bei Sichtung eines Brandes die Feuerwehr verständigen. Man verpasste mir auch einen riesigen chromglänzenden Feuerwehrhelm, der mir das Aussehen etwa von Darth Vader gab. Die einzige wirklich verdiente Auszeichnung war die grünweiße Kordel, genannt Affenschaukel, weil ich nach der Bombardierung des Floridsdorfer Marktes den Fund eines Blindgängers oder  einer Zeitbombe gemeldet hatte. Ich wurde zum Jungenschaftsführeranwärter ernannt. Da das aber schon Anfang des Jahres1945 geschah, als noch nicht Vierzehnjährige in Phantasieuniformen gesteckt, mit alten Karabinern und einer Handvoll Munition ausgestattet an die Front geschickt wurden, hat niemand nach der Berechtigung für diese Beförderung gefragt. Doch tat das meinem Stolz keinen Abbruch. Es war schon gegen Kriegsende, bei einem Besuch bei meinen Großeltern am Wiedner Gürtel, als es wieder einmal Fliegeralarm gab. Da der gegenüber gelegene Südbahnhof natürlich besonders gefährdet war, verbot mir meine Mutter oben zu bleiben. Außer einem Greis waren nur Frauen im Keller, der, im Souterrain gelegen, bei Bombentreffern nicht wirklich Schutz bot. Ein enormer Knall löste eine Staublawine in unserem Keller aus, die Deckenlampen wackelten heftig und das Licht flackerte beängstigend. Einige der Damen begannen hysterisch zu quietschen, so dass ich, mich meiner verdienstvollen Aufgabe als Melder erinnernd, aus dem Keller lief. Wie mit einem Messer herausgeschnitten, war das Nachbarhaus, das Hotel Savoy, nur mehr als Schutthaufen vorhanden. In unserem Haus hingegen waren die Stiegen unbeschädigt, aber alle Fenster waren geborsten und einige Türen aus den Angeln gerissen. Nichts brannte, die Einrichtung war intakt, nur in den Büchern im Regal steckten ein paar Bombensplitter. Mit diesen doch recht erfreulichen Mitteilungen kehrte ich in den Keller zu den Damen zurück, die sich erstaunlich schnell beruhigten.

Meine um neun Jahre ältere Schwester Erika war, wie es die meisten Mädchen das einmal in ihrem Leben sind, eine Pferdenärrin. Sie hatte eine wunderhübsche Freundin von blauem Geblüt, mit der sie Pferde bei der SS-Reiterstandarte und bei einem Privatstall in der Rasumovskygasse im dritten Bezirk betreute. Baronin Liesl W. war eine begnadete Springreiterin, die mich manchmal auf dem Gepäckträger ihres Fahrrades zum Reiten in die Freudenau mitnahm. Das anstatt der Schule natürlich! Nebenbei wollte ich unbedingt Held werden, verehrte die Ritterkreuzträger Nowotny, Udet, Galland, Rommel, Dietl und Co. Als „Pimpf“, also als sehr junger Parteisoldat, durfte ich nur mit ausgestrecktem Arm grüßen. Ärgerlich war, dass die Soldaten, welche ich durchwegs provokant mit dem Hitlergruß beehrte, salopp mit der Hand am Mützenschirm zurückgrüßten. Als gegen Ende 1944 auch die Soldaten mit dem Hitlergruß antworten mussten, war es mir ein besonderes Vergnügen Chargen und einfache Schützen ausgiebigst zu grüßen. Gelegenheit gab es dazu genug, da das Wohnhaus meiner Eltern nur Schritte von der durch Militär voll belegten Stiftskaserne lag.

Dann kam der April 1945. Es gab Daueralarm, vom Flakturm aus schossen die 8,8cm Flugabwehrkanonen waagrecht Dauerfeuer in Richtung Westen. Die Fensterscheiben bogen sich durch den Druck, brachen aber wunderbarerweise nicht. Ich als Melder in voller Uniform stand auf der Straße vor dem Haustor. Von links, von der Stiftskaserne her, raste ein mit bewaffneten Soldaten überladener Kübelwagen in Richtung Westen davon. Mit einem Mal hörten die Kanonenschüsse vom Flakturm auf, es wurde ziemlich leise in der Lindengasse, nur von relativ weit her vernahm  man etwas Gefechtslärm. Kurz darauf kamen von rechts die Soldaten zu Fuß wieder, benahmen sich aber äußerst merkwürdig. Sie sprangen von Haustor zu Haustor, verweilten dort etwas, um gleich wieder im nächsten Haustor zu verschwinden. Auffallend war, dass sie anscheinend zwischenzeitlich auch die Uniformen gewechselt hatten. Diese waren nicht mehr grün, sondern hatten eine dunkelgelb-braune Farbe. Als von der NS-Propaganda intensiv geschulter zukünftiger Held einer stets siegreichen Nation, hätte ich nie angenommen, was da geschehen ist. In meiner vollen Adjustierung als aufgemotzter Pimpf an der Straße stehend, traf mich blitzartig die Erkenntnis, dass dies Angehörige der Roten Armee sein müssten, die eigentlich vom Osten herkommend erwartet wurden. Mit einem Sprung war ich im Haus, schloss die verglaste Eingangstür und sperrte diese geistesgegenwärtig zu. Noch am Weg in den Keller entledigte ich mich der Koppel und des HJ-Fahrtenmessers. Schweigend nahmen die im tiefen Keller wartenden Hausbewohner meine Botschaft der Eroberung von Wien durch die Russen entgegen.

Zwei Tage nach der Befreiung holte ich meinen gleichaltrigen Freund zu einer Erkundungstour ab. Die Lindengasse war verstopft mit Panjewagen, Pferden und teilweise schwer alkoholisierten Sowjetsoldaten. Ein Gemisch der Düfte von Pferdmist, tagelang ungewaschenen Soldaten und Alkohol erfüllte die Gasse. Ich kümmerte mich nicht um die Sorgen meiner Mutter, sie hatte ja noch meine Schwester auf die sie aufpassen musste. Um diese vor sexuellen Übergriffen durch die vor der Haustüre stationierten Soldaten zu schützen, verfrachtete man sie einfach auf den Dachboden, wo sie in einer von unten nicht einsehbaren Mauernische kampierte. Der einzige Zugang dazu war nur mit einer Leiter möglich, die sie hinaufzog und somit in Sicherheit war. Ich selbst und mein Freund waren exakt in einem Alter zwischen herzigen Buben und pubertierenden Jungen, somit nur bedingt für unsere Aktionen zur Verantwortung zu ziehen. Was wir auch reichlich ausnützten. Wir gingen die menschenleere Mariahilferstraße hinunter, die Scheiben der Geschäfte waren größtenteils zerbrochen, die Türen zu den Geschäften standen offen. So auch beim „Tiller“, damals ein guter Herren- und Uniformschneider der oberen Klasse. Statt Stoffballen oder Reitstiefel interessierten mich ausschließlich die Ausstellungstruhen mit den Orden. Vom einfachen Tapferkeits- und Parteiabzeichen angefangen, bis zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern und Brillanten lagen die von mir erträumten glitzernden Beweise von Heldentum ausgebreitet zum Greifen nahe. Ich füllte ein kleines Köfferchen gestrichen voll mit diesen Herrlichkeiten. Mein Freund war plötzlich verschwunden und ich schleppte meine Beute allein heimwärts, an eben den sowjetischen Frontkämpfern vorbei, die ihr Überleben mit aus der Stiftskaserne erbeuteten Alkoholika feierten, und kein Interesse an mir oder meinem Gepäck zeigten. Zu Hause hatte ich die Teile meiner Uniform unter mein Bett gestopft, das recht gewichtige Köfferchen mit den Glorifizierungen in ein Regal gestellt. Doch leider wurden diese Dinge bald von ängstlichen Familienmitgliedern gefunden, und meinem von mir geliebten, angeheirateten Onkel Karl Fochler zur Entsorgung übergeben, der diesen Auftrag leider auch gewissenhaft und gründlich durchführte.

Die Frauen haben Unglaubliches geleistet. Schon im Krieg, von ihren Männern gezwungenermaßen allein gelassen, haben sie selbständig gewirtschaftet. Die daraus gewonnenen Erfahrungen konnten sie in den ersten Jahren nachher gut anwenden. Noch als die von der Kriegsgefangenschaft geschwächten Männer heimkehrten, trugen sie lange die Hauptlast. Die Beschaffung von Lebensmittel war zu dieser Zeit sehr mühsam. Es gab noch ein paar Jahre Lebensmittelkarten. Bewaffnet mit solchen Abschnitten lief ich zu dem Bäcker Ecke Kirchen- und Siebensterngasse. Nicht immer mit Erfolg, denn sobald ich hinkam, standen schon Frauen in längerer Schlange, wahrscheinlich bereits seit einigen Stunden an. Zusätzlich zu den offiziellen Rationen musste Nahrhaftes beschafft werden. Die Frauen, und so auch meine Mutter, rafften den noch geretteten Familienschmuck zusammen und tauschten ihn gegen Lebensmittel. Ohne Standesunterschied kletterten die Damen über die aus dem Wasser ragenden Reste der Floridsdorfer Brücke gen Norden, wo es noch Landwirtschaft gab. Am selben Weg kehrten sie dann beladen mit landwirtschaftlichen Produkten wieder heim zu ihren Familien.

Damals gab es schon eine Pension im Stockwerk unter der elterlichen Wohnung. Diese Unterkunft hatten einige politische Kommissare der Roten Armee, das waren speziell ausgebildete Führungsoffiziere, leicht zu erkennen an den knallgrünen Tellerkappen, für sich akquiriert. Das ergab automatisch für das gesamte Haus einen gewissen Schutz gegen Plünderungen. Ganz sicher waren wir aber von dem Moment an, als einer der Herren Kommissare das Klavierspiel meiner Mutter, die unberührt vom Weltgeschehen weiterhin Gesang unterrichtete, hörte. Eines Nachmittags läutete es Sturm an der Eingangstüre, ich lief mit meiner Mutti hinaus um nachzusehen. Mit nicht sehr gutem Gefühl öffnete sie die Eingangstüre, bereit ihre Kinder und ihr Eigentum mit bloßen Händen gegen die gesamte Rote Armee zu verteidigen.  Draußen stand ein Kommissar, mit der Kappe unter den Arm geklemmt, und fragte in gebrochenem Deutsch, ob er eintreten dürfe. Natürlich durfte er, es blieb ja nichts anderes übrig. Er erkundigte sich nach dem Klavier. Wir führten ihn ins Musikzimmer. Er sah den alten Bösendorfer-Flügel mit halbenglischer Mechanik, setzte sich daran und begann sofort gekonnt zu spielen. Aber nicht nur das, er hob auch zu singen an. Mit einem prächtigen, sehr geschulten Bariton schmetterte er laut Arien aus russischen Opern durch die offenen Fenster in die Welt hinaus. Die überaus laute und kraftvolle Interpretation einiger Opernarien von Tschaikowski, Mussorgski, Glinka, Borodin oder Rachmaninov war für mein dem Belcanto verhafteten Mütterchen qualvoll anzuhören. Fast täglich wiederholten sich diese mehr oder weniger erwünschten Darbietungen. Nach einigen Tagen zogen die Kampftruppen vor unseren Fenstern ab. Ihnen folgte der Tross, dessen Ziel hauptsächlich Vergewaltigungen, Räubereien und vorwiegend das Konfiszieren von Uhren jeglicher Art war. Eines Morgens stürmte ein Soldat mit vorgehaltener Pistole unsere Wohnung. Wie Mütter so sind, drückte sie ihm tapfer die Waffe aus der Schusslinie, während er laut irgendwelche russische Anweisungen gab. Unser Sängerkommissar, dessen Politabteilung erst später den Kampftruppen nachfolgte und noch in der Pension verblieben war, kam herauf gestürmt, schrie den Soldaten mit geschulter Stimme fürchterlich an, der daraufhin kleinlaut das Weite suchte. Wir hatten nach diesem nicht ungefährlichen Auftritt nie mehr Besuch von beutelüsternen Russen. Nur der Kommissar sang uns noch eine Weile die Ohren voll. Die Tage der russischen Besatzung waren gezählt, denn der siebente Bezirk wurde, wie auch andere in Wien, zur amerikanischen Zone erklärt.

Fritz M. war blond, etwas größer als ich und wir hatten Gemeinsames, den Hang zu Handfeuerwaffen. Weniger um damit zu schießen, sondern um damit etwas zu verdienen. Ich glaube durch ihn lernte ich einen gewissen Adolf W., wohnhaft in der Albertgasse, kennen. Dieser W. hatte scheinbar unerschöpflichen Zugang zu gepflegten Pistolen, Gewehren und Maschinenpistolen verschiedener Herkunft. Deutsche Schmeisser-MP, die russischen PPD-40 mit den markanten runden Magazinen, Armee- und Polizeipistolen aus allen ehemals kriegsführenden Staaten, lagen herum und hingen in den Schränken seiner Wohnung. Und auch die jeweilige Munition in ausreichender Menge dazu. Das war eine Zeit lang eine ersprießliche Verbindung, Herr W. wusste wo er die Dinger bekommen konnte, ich wusste wo man sie wieder verkauft. Am Praterstern beim Berger, in seinem links von der Praterstraße gelegenen Gasthaus, und am Naschmarkt. Diesen konnte ich von zu Hause durch einen kurzen Fußmarsch in Minuten erreichen, und so machte ich das Kaffee Kettenbrücke zu meinem Umschlagplatz. Etwa zwei- bis dreimal die Woche war ich um vier Uhr morgens dort und übergab die bestellten Waren an die Marktlieferanten, oder was immer diese Herren waren. Fritz wohnte in der Margaretenstraße bei seinen Eltern, wo wir in der Küche die Waffen auf Hochglanz brachten. Wir schworen damals darauf, dass wir bei unserem gefährlichen Lebenswandel kein höheres Lebensalter als fünfunddreißig Jahre erreichen werden. Der etwas sorglose Umgang mit Munition, siehe oben, brachte das Ende dieses nicht ganz legalen Handels, denn ich wurde daraufhin zu den Schulbrüdern nach Strebersdorf, in deren Internat und Gymnasium, verwiesen, womit mein Zugang zu Waffen und Munition unterbunden war.

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