5. KAPITEL – Barbetrieb, Botendienste u. erste Reise nach Afrika

Ein lauter Knall lässt mich hellwach werden. Ich glaube, geträumt zu haben und ziehe die Bettdecke bis zu den Ohren, da wiederholt sich der Krach, und zwar bei meinem Fenster. Ich quäle mich aus der horizontalen Lage und gehe in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen scheint. Den Lärm verursacht eine der hölzernen Klappjalousien, die gegen die Hauswand donnert. Ich befestige sie mit dem dafür vorgesehen Haken. Es ist nicht mehr so zeitig am Morgen, trotzdem habe ich das Gefühl von Dämmerung. Die Sonne ist im Aufgehen, wirkt aber verschleiert. Der sonst um diese Zeit klare Himmel ist grau und gelb verhangen. Ich schaue in den Hof hinunter und sehe weder Meharis, noch Akamouk. Irgendetwas beeinträchtigt meine Stimmung, ich will auch nicht schreiben. Mich befallen ein ungewohntes Gefühl der Einsamkeit und der Wunsch nach Gesellschaft. Während der Morgentoilette heult ein Windstoß um das Gebäude und reißt die Jalousie wieder los. Ich ziehe die Widerspenstige gegen heftigen Widerstand zu und verriegele sie von innen. Unten im Gastraum sitzen Michelle und Francois beim Frühstück. Ich setze mich zu ihnen, und die Frau des Hauses stellt eine Teetasse und Frühstücksgeschirr vor mich hin. Auf meine Frage, wieso sie wüsste, dass ich Tee am Morgen trinke, meinte sie, Rumis, die selten zum Frühstück kommen, ziehen eben Tee dem Kaffee vor. Solche Logik ist mir zwar nicht  wirklich zugänglich, doch akzeptiere ich sie höflich. Draußen heult der Wind zunehmend lauter und Francois mahnt mich, nochmals hinauf zu gehen und alles nach Möglichkeit dicht zu machen, denn aus dem Nordwesten käme Sturm, der Sand aus der Sahara mitbrächte. Oben angekommen, liegt auf dem sonst blanken Deckel des Laptops eine Schicht feinster Saharasand. Ich schließe alle Fenster, dabei sehe ich eine dicke, rötlich gelbe Wolke von der Erde bis hoch in den Himmel reichend, auf das Haus zukommen. Im Gastraum warten Tee, Baguette, Butter und Käse. In dem Moment, als ich mich nach Akamouk erkundigen will, öffnet sich die Eingangstüre und er kommt mit wild wehender Kleidung und fest um den Kopf gewickelten Tagelmust herein. Gegen den Sturm zieht er mit merklichem Kraftaufwand das Tor zu. Er hat mit Erlaubnis von Francois seine Kamele in die Werkstatt gebracht, wo der Geländewagen des Betriebes steht. Mein Landrover bleibt im Freien, er ist relativ neu und die Dichtungen der Türen und Fenster sowie zum Motorraum sind noch so intakt, dass wohl kaum Sand ins Innere des Wagens eindringen kann. Akamouk setzt sich auf einen Wink von Francois zu uns an den Tisch. Draußen tobt der Sturm immer stärker, irgendwo am Haus schlägt ein loser Laden in kürzer werdenden Abständen wild gegen die Mauer. Ich empfinde es sehr angenehm, dass Schweigen herrscht während ich mein „petit dejeuner“ zu mir nehme. Nach einer Weile unterbreche ich die Stille mit der Frage, ob diese Sandstürme öfter vorkämen und jahreszeitlich bedingt seien. In manchen Jahren im Juni und Juli selten, im August kommen sie vermehrt, meint Michelle. Sie muss es wissen, denn die Reinigung des Hauses von hereingewehtem Sand bleibt ihr überlassen. Kein Habub dauert über zwei Stunden. Es ist inzwischen für diese Tageszeit ungewöhnlich dunkel geworden. Trotzdem bleiben wir ohne künstliche Beleuchtung, das macht es in der Gaststube direkt gemütlich, während draußen der Sturm tobt. Unvermittelt fragt mich Akamouk, dieser Wüstensohn, wozu ich ein Buch schreibe. Ich bin perplex, schaue ihn erstaunt an und kann im Moment nichts dazu sagen. Ich denke kurz nach. Ist mir denn selbst klar, warum ich das mache? Akamouk will mit der Frage sicher nicht provozieren, er hält mich ja für einen ganz besonderen Rumi, weil ich ihm zweimal auf der Piste in weitem Bogen ausgewichen bin. So etwas macht kein Einheimischer, geschweige denn ein reisender Rumi. Alle drei sehen mich erwartungsvoll an.

Unabhängig voneinander haben mehrere Personen bei mir angefragt, ob ich nicht meine Erinnerungen schreiben wolle. Die faszinierende Gleichzeitigkeit der Anfragen empfand ich wie einen Hinweis, außerdem hatte ich sowieso schon mehrmals daran gedacht, in meinem Leben schriftlich aufzuräumen. Ich bilde mir ein, dass es teilweise bestimmt abenteuerlicher verlief, denn die Existenz eines braven Staatsbürgers mit geregelter Arbeitszeit und sicherem Einkommen. Außerdem kann niemand abschätzen, wie viel Zeit mir für das Verfassen eines derartigen Dokuments in diesem Leben noch bleibt? Durch schreiben könnte ich einen Teil von mir selbst erkennen, wie während einer Selbsttherapie. So begann ich also zu arbeiten, und sandte die ersten Kapitel per Email an Guido, einen brüderlichen Freund, der wegen einer nicht zu definierenden schmerzhaften Krankheit das Haus nicht mehr verlassen konnte. Seine Reaktionen auf meine Berichte zeigten, und zeigen, dass ihm diese zu lesen Freude bereiten und Ablenkung von den Leiden bieten. Das als Auftrag ansehend, schreibe ich also weiter.

Na ja, wie soll man es den drei gespannt wartenden Zuhörern sagen, dass auch eine Portion Eitelkeit nicht unwesentlich an dem Entschluss beteiligt war? Ein der ehrlichen Frage ausweichender, allgemein philosophischer Vortrag über Sinn und Zweck von Büchern wäre hier sicher falsch. Somit verschweige ich ihnen meine von mir angemaßte  Berufung zum Schriftstellern, und sage nur, dass es mir einfach Freude macht, zu schreiben. Eine solche Erklärung beinhaltet gerade so viel Wahrheit, wie ich glaube, diesen freundlichen Menschen schuldig zu sein. Sie akzeptieren diese Darstellung, bis mich die anscheinend materiell interessierte Michelle mit der Frage nach einer Gewinn bringenden Verwertbarkeit der Arbeit in weitere Verlegenheit bringt. Ich antworte spontan mit „Insch’allah“, womit ich nebenbei gleich mein umfassendes Wissen über afrikanische Mentalität beweise. Solcher Aussage kann nicht widersprochen werden und ich bin froh, damit weiterhin derlei unangenehme Fragen zu vermeiden. Wir plaudern anschließend noch einige Zeit Belangloses.

Inzwischen hat der Sandsturm ebenso schnell nachgelassen, wie er begonnen hat. Die wunderbare Stille ist wieder da und ich gehe in den Hof, um zu sehen, ob der Sturm irgendwelche Schäden verursacht hat. In den der Windrichtung abgekehrten Ecken von Mauern und Gebäuden liegt mehr Flugsand, der Himmel erstrahlt intensiv Blau, und die Sonne erscheint mir weniger stechend wie am Vortag. Ich inspiziere meinen Landrover und verstehe nicht, wieso sich im Wagen, trotz intakter Dichtungen, mehr Sand angesammelt hat, als an der Außenseite. In mein Refugium zurückgekommen, scheint die Sonne in scharf abgegrenzten Strahlen durch die Ritzen der Jalousien, in denen gleich Nebel Staubpartikelchen tanzen. Nach dem Öffnen der Fenster erinnert das Zimmer im vollen Tageslicht an einen mit rötlich-gelbem Staubzucker gepuderten Faschingskrapfen. Ich wische vorsichtig Tisch und Computer frei vom Sand und beschließe die bis Mittag verbleibende Zeit, mit schreiben zu verbringen.

Es könnte gut sein, dass man sich bei der Zuweisung des Geburtsortes und der Eltern bei mir um einige Breitengrade geirrt hatte. Meine Sehnsucht nach dem Süden, der Sonne und mediterraner Lebensphilosophie war und ist unbezwingbar. Sollten die vererbten Gene der italienischen Großmutter daran Schuld tragen? Dieser Hang zum angenehm temperierten Süden wurde bestimmend für den Großteil meines Lebens. Schon als kleiner minderjähriger Bub büchste ich einmal aus und wurde erst in Arnoldstein, an der Grenze zur Heimat meiner Oma, in Ermangelung eines Reisepasses wieder eingefangen.

Drei Häuser von der elterlichen Wohnung entfernt, Lindengasse Nummer zehn, dem Palais Herzmansky, wohnte im obersten Stockwerk des Hauses ohne Aufzug ein recht mürrischer, älterer Herr, Karl Wewerka. Der hatte einen Sohn, den Hans Wewerka, und der war verheiratet mit der Frau N. Wewerka. Herr Wewerka Senior, hatte einen Haarkranz, der am Hinterkopf die Glatze von einem Ohr zum anderen begrenzte. Sein graues, durch Pockennarben gezeichnetes Gesicht wurde meist nach oben von einem grünen Schirm gegen Blendlicht abgeschlossen. Denn im Souterrain desselben Hauses lag sein Lebensmittelpunkt, seine Arbeitsstätte, sein kleines Unternehmen. Dort saßen ganztägig in absoluter Stille, bei elektrischer Beleuchtung mehrere Herren, die alle derartige Blendschirme auf der Stirne trugen, und schrieben unaufhörlich Noten. Musiknoten. Ohne Rücksicht auf Wetter, Jahres- und Tageszeiten. Es war ein Büro, in dem noch mit der Hand Partituren kopiert, oder die einzelnen Stimmen daraus extrahiert wurden, damit jeder Musiker des Orchesters seine eigenen, seinem Instrument zugeordneten Noten bekommt. Hans Wewerka junior wollte höher hinaus und gründete mit seinem Vater einen Musikverlag, den Atempo-Verlag. Daneben hatte er in der Neubaugasse ein Büro, in dem  eine Zeitschrift für Musiker, das „Podium“, entstand. Es sollte die österreichische Konkurrenz für die amerikanischen Jazzmagazine „Down Beat“ und „Metronome“ darstellen. Hans Wewerka kannte mich von meinen Tätigkeiten in der Wiener Jazzszene und bot mir eine Stelle als Hilfskraft an. Da ich ein bisschen Verdienst gut brauchen konnte, nahm ich gerne an. Von da an brauchte ich auch mein Fahrrad nicht mehr. Meine Familie hatte mir Geld für ein solches gespendet. Beim Dusika in der Zollergasse kaufte ich mir ein gebrauchtes RIH – Rennrad mit Dreigangschaltung, mit dem ich nicht nur in Wien herumflitzte. Im Flur des Palais Herzmansky stand ein Jugendtraum geparkt. Mein Arbeitswerkzeug, ein mit einer unaussprechlich grünen Farbe lackierter Motorroller der Firma Lohner, ein LK 98 S! Seit dem Ende des Krieges erzeugte Italien Vespa und Lambretta, doch das war der erste in Österreich gebaute Motorroller! Man startete ihn mittels Handzugseil wie Handmotorsägen oder Außenbordmotore. Lief der Motor, klang er so ähnlich. Der Roller tat seine Pflicht, nur bei steileren Straßen war die Leistung eher begrenzt. Die Komponisten der damaligen Zeit, wie Friedrich Cerha, Ernst Krenek, Robert Stolz, Erwin Halletz und Johannes Fehring, hatten alle irgendwann die Dienste des Karl Wewerka beansprucht. Wie oft musste ich von einem dieser Herren eilig Noten abholen, denn sie komponierten manchmal noch während die Orchesterproben für die Aufführungen ihrer Werke liefen. Da waren die Notenkopisten gefordert schnell, und vor allem, ohne Fehler zu arbeiten. Es herrschte Zeitdruck. Trotz der Nervosität war in dem lang gestreckten Arbeitsraum ausschließlich das Kratzen der Schreibfedern zu vernehmen. Die oben erwähnten Komponisten, oder deren Gattinen, waren durchwegs freundlich, boten mir zu trinken und Kekse an, wenn ich noch auf ein paar Takte warten musste. Selbst Einzi Stolz hat mich freundlichst bewirtet. Manchmal durfte ich mir den Roller auch am Abend privat ausborgen. Dann knatterte ich damit stolz die Kärntnerstraße hinunter zum Strohkoffer.

Der Besitzer der Lokalitäten American Bar und Strohkoffer, Mackie Lersch, brauchte Geld für sein kostspieliges Hobby, andere Nachtbars und die dort arbeitenden Damen zu konsultieren. Von Gaby, der Herrscherin über die Finanzen der American Bar, gab es für ihn wenig zu erwarten, und der Strohkoffer warf auch nicht mehr so viel ab. Eines Tages reaktivierte er das auf Straßenebene rechts vom Eingang zum Strohkoffer gelegene Nebenlokal. Seit dem Dahinscheiden der Mutter Lersch scheint diese Bar nicht mehr in Betrieb gewesen zu sein. Der ausnehmend gemütliche Raum war mit etwas altmodischen aber bequemen Sitzgelegenheiten an einigen Tischchen, einem Kamin und funktionierender Bartheke mit sechs Hockern davor eingerichtet. Dazu passend waren die Wände mit Mustern aus dem Biedermeier, rosa tapeziert. Beleuchtet wurde das Ganze von einem Lüster mit glitzernden Glasprismen und im gleichen Stil gestalteten Wandappliken. Und ja, da stand in einer Nische ein Klavier, das nie gestimmt wurde. In diese, geschätzt aus den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stammende Bar mit der Anmutung eines Boudoirs, führte eine Türe, deren verglaste Paneele innen mit Spitzenvorhängen verdeckt waren. Außerdem gab es einen durch Handseilzug betriebenen Speisenaufzug, der warme Speisen aus der darunter liegenden Küche befördern sollte. Mackie bat mich diese Bar gegen das zu erwartende Trinkgeld, wie ein Volontär, zu übernehmen. Da mein Chef Hans Wewerka im Begriff war sein Arbeits- und Lebenszentrum nach München zu verlegen, überlegte ich nicht lange.

Lersch gelang es, eine Berliner Dragqueen namens Marcel André für die Bar zu interessieren, die in Wien lebte. Am späteren Abend erschien er und interpretierte schlüpfrige Lieder. Damit war eine zweite Schwulenbar für Wien geboren! Max besorgte zum Einstand ein paar angebrochene Flaschen aus der American Bar, die Gaby nur widerwillig ausließ. Weil der Getränkegroßhandel ihm nicht mehr auf Pump lieferte, füllten wir billigen Branntwein in Flaschen der Firmen Courvoisier und Hennessy. Cognac war damals das Modegetränk. Wir stellten sie neben die fast leeren Whiskyflaschen, Reste aus der Loosbar, wie man die American Bar nach ihrem Erbauer, dem Architekten Alfred Loos auch nannte. Wirklich wohl fühlte ich mich nicht dabei, aber da es niemanden auffiel und Max, der Chef, dazu meinte, das würde man in allen Nachtlokale ebenso machen, musste ich ihm glauben, und es sollte mir recht sein. So für das zu erwartende Geschäft gerüstet wartete ich auf meinen ersten Kunden. Der kam bald, bestellte aber ein Viertel Grünen Veltliner. Damit hatten wir nicht gerechnet. Mit einem Glas in der Hand lief ich hinüber in die Seilergasse zum „Göttweiger“, ließ es für 3,50 Schilling anfüllen und kassierte anschließend vom Gast dafür 12,00 AS. Eine gute Marge, an der ich Gefallen fand. Nach zwei verkauften Vierteln konnte ich mit diesem Grundkapital wirtschaften. Ich kaufte vom Erlös einen „Doppler“, und der Abend war gerettet. Die späteren Gäste ließen mehr springen. Sobald die Musik begann tranken sie begeistert Brandy als Cognac. Ich würfelte mit ihnen um Getränke und konnte damit erfolgreich den Umsatz heben. Das Geheimnis dabei ist, sollte der Wirt öfters verlieren, mit Escalero-Poker kann er nur gewinnen! Mit fortschreitender Routine gewann ich immer öfter, und machte interessante Bekanntschaften unter den Herren vom anderen Ufer. Selbst wenn, geprägt durch braune Erziehung und Propaganda, Ansätze zu Homophobie existiert hätten, dort wurden sie lebenslang ausgeräumt. Obwohl wir einen offenen und freundschaftlichen Umgang miteinander pflegten, war es bemerkenswert, dass keiner der Herren versuchte mich jungen knackigen Buben abzuschleppen. Den größten Eindruck hinterließ bei mir ein später Gast, Fred Adlmüller, der Modezar von Wien. Er kam stets zu einer Zeit, wenn er keine anderen Kunden mehr vorzufinden hoffte. Meist erschien er während ich die Tagesrechnung machte und den Rest Bargeld zählte, den Max noch nicht eingesteckt hatte. Mackie holte sich nämlich täglich vor der Sperrstunde die bis dahin erwirtschaftete Losung und verschwand damit in Nachtlokale wie Vindobona, Moulin Rouge, Bonboniere, Marietta- oder Edenbar, oder sonst ein einschlägiges Lokal. Ich sperrte den Laden zu und Adlmüller und ich setzten uns gemütlich mit einem Drink zu oft feinen philosophischen Gesprächen an den Kamin. Adlmüller blieb mir eindrücklich in Erinnerung, weil er meine Gedanken zu verschiedenen Themen akzeptierte. Was mein Selbstwertgefühl natürlich etwas hob. (Durch Zufall traf ich ihn viele Jahre später auf der Straße in Monaco, wo ich mit Regisseur Robert Dornhelm irgendwelche Dreharbeiten hatte. Der inzwischen ergraute Adlmüller, umgeben von einem Tross eifriger Herren, begrüßte mich wiedererkennend freundlich und wir wechselten, beide in Zeitnot, ein paar Worte miteinander. Seine Einladung, ihn in Wien zu besuchen, kam leider nicht mehr zustande. Es war dies unsere letzte Begegnung.) Die Trinkgelder in der Bar flossen reichlich, so um die fünfzig Schilling pro Tag. Das war für jemanden, der im Hotel Mama lebte, mehr als ein Taschengeld. Das Lokal war ein ruhiges Plätzchen, in dem sich die Gleichgesinnten in netter Atmosphäre trafen. Zweimal aber wurde die Idylle dieser Bar empfindlich gestört. Eines späten Abends, die Bar war gut besucht, öffnete sich die Eingangstüre einen Spalt, ein unverkennbar mit einem Dufflecoat bekleideter Unterarm erschien, in der Hand eine Pistole größeren Kalibers. Ein Schuss, und neben einer Applike staubte es. Daneben! Der Arm verschwand, die Türe schloss sich automatisch. In der darauffolgenden Stille betrachteten ein paar Gäste das Loch in der Wand interessiert, kurz danach begannen unaufgeregt die Gespräche wieder. Ich wunderte mich, was Mackie mit dieser Aktion erreichen wollte, denn nur er konnte es gewesen sein. An einem anderen Abend öffnete sich ungerufen der Schieber des Speisenaufzugs, mit starkem Strahl wurde der gesamte Inhalt einer frisch gefüllten Sodawasserflasche über etwa zwei Meter Entfernung in Richtung Bartheke entleert. Ich schnappte mir auch schnell eine ebensolche Flasche und spritzte deren Inhalt auf den im Aufzug zusammengekauert sitzenden Uzzi Förster, der durch die Enge nicht ausweichen konnte. Gäste, die sich in der „Schusslinie“ aufhielten, blieben von ausgiebigen Duschen nicht verschont. Erstaunlich war, dass nach diesen Vorfällen keineswegs weniger Besucher das Lokal frequentierten.

Nachdem ich mir einen Teil von dem Verdienten zusammen gespart hatte, ergriff mich im Herbst des Jahres 1953 wieder das Fernweh. Ich verließ meinen Bartenderjob und machte mich mit einem grauen Lodenmantel und wenigen Habseligkeiten im Rucksack auf den Weg Richtung Süden. Per Autostopp kam ich rasch und ohne Probleme bis Nizza. Ein freundlicher Franzose, der mich bis ins Zentrum der Stadt mitnahm, gab mir auf die Frage nach einer Übernachtungsmöglichkeit eine Adresse und einen Namen. Ich fand das beschriebene Gebäude, wo mir eine nette Dame einen Schlüssel gab, der zu einem Haus am Strand gehörte. Dort stand eine aus Holz gefertigte Baracke, eine in dieser Jahreszeit unbenützte Kantine. In der Mitte standen Tische und Stühle, an den Wänden entlang waren breite Sitzbänke angebracht, die sich ausgezeichnet zum Übernachten eigneten. Es war hier sehr ruhig, die Promenade des Anglais lag weit weg und vom Strand her hörte ich das beruhigende rhythmische Rauschen der Strandwellen. Es war so gemütlich, ich blieb zwei Nächte in „meinem“ Haus am Strand in Nizza. Dann ging es weiter bis Marseille. Nach einer Nacht in der „Auberge de jeunesse“, der Jugendherberge, konnte ich für eine Überfahrt auf der Fähre nach Algier buchen. Sparsam erstand ich ausschließlich die nächtliche Fahrt im Unterdeck, ohne Kabine oder sonstiger Annehmlichkeiten. Schon am Einstieg verwies man mich die Stiege hinunter, in das Schiffsinnere. Dort war alles voll belegt mit Arbeitern und Großfamilien aus Algerien, die sich lautstark unterhielten. Der ungewohnt starke Geruch und die Nähe der Menschen waren mir fremd und nicht angenehm. So begab ich mich in der Dämmerung, während des Auslaufens aus dem Hafen, hinauf aufs Vorschiff an die frische Meeresluft. Das Betreten dieses Schiffsteiles war eigentlich für Passagiere nicht erlaubt. Eine Rolle aus armdicken Schiffstau benützte ich als Sitzgelegenheit. An diesem Herbstabend war die See recht ungemütlich. Je weiter wir ins offene Meer kamen, umso höher wurden die Wellenberge. Wir fuhren geschätzt eine halbe Stunde, da geschah es. Das Schiff stieg eine riesige, steile Welle hinauf und glitt auf der anderen Seite wieder hinunter, wobei mich das Gefühl eines rasend schnell abwärts fahrenden Aufzugs erfasste. Diese rasante Talfahrt nahm kein Ende, das Gesetz der Schwerkraft hatte keine Gültigkeit mehr. Es hob mich von meinem Sitzplatz und ich suchte Halt für meine Füße in der Taurolle, an die ich mich klammerte, wie ein Reiter beim Rodeo an sein Pferd. Der Bug des Schiffes tauchte unter die nächste haushohe Welle, ich wurde wieder fest auf meine maritime Sitzgelegenheit gedrückt, und verschwand in einer Wand von kaltem Wasser. Nachdem der Bug der Fähre nach mir endlos erscheinender Unterwasserfahrt wieder aufgetaucht war, schnappte ich erst nach Luft und schaute schuldbewusst zur Kommandobrücke hinauf, wo sich die Herren Offiziere über irgendetwas köstlich amüsierten. Den nächsten Tauchgang nicht abwartend schwankte ich zurück zur Geborgenheit ins trockene Innere des Schiffes. Auf der Suche nach einem Unterschlupf verblieb ein Bächlein Seewasser als Spur. In einem der Gänge traf ich einen Matrosen, der mir für tausend Franc seine Koje zur Übernachtung anbot, denn er hätte Nachtdienst und brauchte sie nicht. Dankbar nahm ich das Angebot an. Waren es gute Geister, oder die Offiziere von der Kommandobrücke, die mir den Matrosen geschickt haben? Egal, jetzt konnte meine total durchnässte Kleidung ausgewrungen und in dem engen Raum zum Trocknen ausgebreitet werden. Erschöpft schlief ich trotz heftigen Schlingerns des Schiffes bis zum Morgengrauen durch.

Es ist still geworden, die Fähre glitt ruhig dahin, das Brummen der Schiffsmotoren war kaum zu hören. Ich zog das wieder fast trockene Gewand an und stieg auf das von Sonnenlicht durchflutete Deck. Angenehm warme Luft empfing mich und trocknete Schuhe und Kleidung restlos. Bei aufgehender Sonne liefen wir in den Hafen von Algier ein. Der Anblick dieser strahlend weißen Stadt, die sich vom Meer einen Hügel hinauf schob, war und bleibt mir unvergesslich. Sie vermittelte den Eindruck eines Pendants zu Marseille, beide  Städte werden von Wahrzeichen überragt, Algier von der Kirche Notre Dame d‘Afrique und Marseille von der Basilika Notre Dame de la Garde. Ja, das war es, ich fühlte mich glücklich, frei und ausgeschlafen, zu Entdeckungen aufgelegt.

Algier panoramio

Es gab kaum Formalitäten am Grenzposten, Algerien war zu der Zeit ein Teil Frankreichs. Wieder an Land schlenderte ich den Hafen entlang, an orientalisch-pfefferig riechenden, kleinen Läden vorbei und stürzte mich in das Gewühl der Stadt. Die Jugendherberge in der Rue Sadi Carnot war nicht weit von der Anlegestelle zu finden. Die Mère-Aub, wie die Herbergsmutter auf Französisch genannt wird, wurde dieser Bezeichnung wirklich gerecht. Sie empfing mich freundlich, und da meine Kenntnisse in Französisch noch recht rudimentär waren, radebrechten wir in englischer Sprache. Sie zeigte mir ein Zimmer mit vier Stockbetten, in dem ich glücklich allein untergebracht war. Auf Anfrage gab sie mir die Adresse des Bardo Museums, wo ich Ausführliches über die nordafrikanische Musik erfahren könne. Zuerst zog es mich in Richtung Kasbah, dem ältesten Stadtteil Algiers. Ich war mitten im Orient! Händler, Handwerker, Kinder und mehr oder weniger verschleierte Frauen bildeten eine Einheit mit phantastischen Farben, unverständlichen Sprachfetzen, und die Nase reizenden Gerüchen. Darüber klang entsetzlich laut stark verzerrte arabische Musik aus quäkenden Radiogeräten. Ich spürte mit allen Sinnen wie weit weg von zu Hause ich war, und tauchte genüsslich in diese exotische Atmosphäre ein. Der Rückweg führte durch winkelige Gassen zu der Hauptstraße, auf der ich vorhin gekommen war. Es dämmerte bereits. Also beschloss ich, mir in der Bar Unic, einem kleinen runden Pavillon inmitten des Platzes, einen Drink zu genehmigen. Vor dem Lokal standen zwei Tische mit jeweils vier Stühlen. Da es draußen schon kühl zu werden begann, betrat ich das bis auf die Bedienung leere Lokal und bestellte mir an der Bar einen „51“. Zu meiner großen Freude waren auf der Theke neben Aschenbechern Schüsselchen mit Erdnüssen und Teller mit runden bestrichenen Brotstücken. Der Mann hinter der Bar stellte ein Glas mit dem gelbgrün fluoreszierenden Pastis, eine Karaffe Wasser mit Eiswürfeln vor mich hin, und schob freundlich Erdnüsse und Brot in meine Reichweite. Die Brötchen waren vom Baguette geschnitten und dünn mit einer Wurstpaste bestrichen. Das tat meinem hungrigen Magen gut und ich leerte Glas, Erdnusstöpfchen und Brotteller. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichte ich die Jugendherberge. In der Küche saßen ein paar Jugendliche und sangen französische Lieder zur Gitarre. Um zehn Uhr abends war in der Herberge Nachtruhe angesagt, worauf die Mère-Aub autoritär achtete.

Nach dem obligaten Frühstück machte ich mich auf den Weg ins Museé Bardo. Ich kannte Bilder maurischer Bauten, aber das hier übertraf alles bisher Gesehene an Arabesken und Prunk. Ich fragte beim Eintritt nach der Abteilung für Musik und wurde in ein Nebengebäude geführt, das zu meiner Enttäuschung jedes orientalischen Charmes entbehrte. Ich klopfte an der mir angegeben Türe. Auf ein von innen gerufenes „entré“ betrat ich einen kahlen Büroraum, hinter dessen Schreibtisch ein in einen weißen arabischen Umhang gehüllter Algerier mit Brille saß. Wir stellten uns einander vor, ich konnte mir seinen Kehlkopf brechenden Namen nach dem Titel Professeur nicht merken. Wir fanden eine Sprache, die wir beide gleichermaßen nicht ganz gut sprachen: Englisch. Ich war darin besser als er, was aber seinen Eifer nicht dämpfte, um mir mit Enthusiasmus alles Mögliche zu zeigen und zu erklären. Es war viel zu viel Wissensvermittlung auf einmal für die kurze Zeit. Trotzdem blieben einige, später zu verwertende Informationen hängen, wie die unterschiedlichen Formen von Instrumenten, Spielorte und dass es Aufnahmen dieser Musik gab, die mich allerdings in diesem Moment nur am Rande, oder gar nicht interessierten. Es war über diese Führung durch die Abteilung Mittag geworden und ich machte mich, mit einigen schriftlichen und gedruckten Unterlagen versehen, auf den Heimweg. Das muss ein zentraler Punkt in Algier sein, denn völlig unbeabsichtigt führte der Weg zur Jugendherberge umweglos an der Bar Unic vorbei, oder besser gesagt, hinein. Der nette Barmann stellte mir einen Pastis vor die Nase und schob mir von links und rechts die frischen Sandwiches näher. Er dürfte erkannt haben, dass ich hier mein Mittagessen einzunehmen gedachte. In dem Moment, als ich wieder gehen wollte, betraten zwei Männer in piekfeiner, faltenfrei gebügelter Uniform das Lokal. Einer trug ein „képi blanc“, der andere Soldat könnte ein Unteroffizier gewesen sein, er hatte ein schwarzes Képi, rot bespannt an der Oberseite. Es waren Fremdenlegionäre. Sie legten ihre Kappen auf den Hocker neben sich und nahmen visavis von mir an der einem Hufeisen gleichenden Bar Platz. Heimatliche Klänge drangen zu mir herüber! Nein, nicht Deutsch, österreichisch! Es wurde ein nachhaltig bemerkenswerter Nachmittag. Die beiden Legionäre waren auf Urlaub aus dem Zentrum der Légion étrangère in Sidi-bel-Abbès nach Algier gekommen. Sie sprachen mit dem Barkeeper fehlerfrei Französisch, der mich als Deutschen, woher sollte er das auch besser wissen, mit den beiden Soldaten bekannt machte. Ihren Urlaub von der heißen Sahara verbrachten sie im kühleren Norden Algeriens, denn ohne Sondererlaubnis durften sie nicht nach Europa. Sie könnten ja desertieren wollen. Eventuell existierende internationale Haftbefehle wären hier in Algerien wirkungslos gewesen, als Soldaten standen sie unter dem Schutz der Legion, alsoFrankreichs. Nachdem ich meine Herkunft klargestellt hatte, kam auch schon der erste Pastis zu mir gewandert. Es blieb nicht bei dem Einem. Der Unteroffizier war ein ehemaliger Frauenarzt aus Graz, der sich wahrscheinlich als Engelmacher sein Einkommen verbessert hatte. Über den Anderen mit Tiroler Akzent konnte ich nichts erfahren, beide schwiegen darüber und ich durfte mir meine eigenen Gedanken dazu machen. Der Doktor erzählte von irgendeinem Aufstand in einer Stadt im Süden, den er mit seinen Leuten niederschlagen sollte. Stolz berichtete er, dass er an den vier Ecken des Platzes, auf dem die Aufständischen protestierten, die Dächer der Häuser jeweils für Maschinengewehre besetzte und die gesamte Ansammlung niederschießen ließ. So einfach war das, um eine Revolution zu verhindern. Mitunter hatte ich mit dem romantischen Gedanken gespielt, selbst Legionär zu werden. Durch diese Geschichte verwarf ich solches Vorhaben auf immer. Nach dem Genuss einer nicht mehr zu rekonstruierenden Anzahl von 51er-Pastis musste ich einem menschlichen Bedürfnis nachgeben. Mein Kopf befand sich in absolut klarem Zustand, nur der Barhocker war während der feucht geführten Unterhaltung um gefühlte drei Meter gewachsen. Entsprechend schwierig gestaltete sich der Abstieg. Begleitet von den fröhlich aufmunternden Worten der Militärs erreichte ich festen Boden. Sollte oben beschriebener Herr Doktor noch am Leben sein und diese Zeilen zufällig lesen, ersuche ich ihn, meine Indiskretion gütigst zu verzeihen. Bei der Gelegenheit möchte ich mich noch nachträglich für die Einladung auf unzählige Pastis bedanken, weil ich alkoholbedingt solche Höflichkeit sicher unterlassen hatte. Irgendwie ist es mir gelungen heil in die Jugendherberge zu kommen, die Unterlagen aus dem Museum fest unter dem Arm geklemmt. Meinen Entschluss, am nächsten Tag abzureisen, setzte ich morgens in gedämpfter Stimmung und mit aufgesetzter Sonnenbrille in die Tat um.

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