6. KAPITEL – Akamouks Geschichte und der Weg nach Marokko

Ein Gewitter scheint im Anzug, mit Donner und Blitz. Ich wache davon auf, doch hier in dieser Gegend ein Gewitter? Über die Zimmerdecke und die gegenüber liegende Wand gleitet ein Lichtschein, auf der Piste donnert einer der hier seltenen LKWs vorbei. In den Schwebezustand zwischen Schlaf und Wirklichkeit dringen wieder Lichtreflex und Geräusch eines vorbeirauschenden Lastkraftwagens. Das wiederholt sich in regelmäßigen Intervallen.  Neugierig geworden schaue ich durch das Fenster hinüber zur Piste. Es ist ein Militärkonvoi. Die Fahrzeuge werden in bestimmten Abständen auf die Piste geschickt, um Unfälle zu vermeiden. Durch aufgewirbelten Sand oder auch Steinschlag des Vorausfahrenden kann es zu gefährlichen Orientierungsfehlern kommen. Bei Windstille bleibt die Sandwolke lange stehen und bildet, bestrahlt von den Scheinwerfern der nachfolgenden Fahrtzeuge, eine undurchsichtige Wand. Der Motorenlärm reißt nicht ab. Aus dem unteren Stockwerk höre ich einen nach Streit klingenden Dialog zwischen Michelle und Francois, der sich aber schnell wieder legt. Der Lärm des schier endlos erscheinenden Konvois scheint auch sie geweckt zu haben. Die lange Reihe der Truppentransporter verebbt nach einiger Zeit in der Ferne und es kehrt bald wieder die gewohnte Stille der Wüste zurück. Mich wundert, wie viele Fahrzeuge die Armee in diesem Teil von Algerien besitzt. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon, denn es könnte irgendwo ein Krieg ausgebrochen sein. Ich warte noch einige Zeit auf das nächste Auto, aber es scheint endlich Schluss zu sein. Mühsam grübele ich mich wieder in unruhigen Schlaf.

Gleich einem kleinen goldenen, gebogenen Streifen erscheint die Sonne am Horizont. Ich holte mir während der Störungen in der Nacht eine Flasche Wasser zum Bett. Die habe ich vergessen und stoße sie beim Aufstehen um. Angesichts der herumspritzenden Flüssigkeit, die auch meine Sandalen nicht verschont, vermag ich bereits zu ahnen, wie dieser Tag für mich verlaufen wird. Alle Versuche, an den Erinnerungen weiter zu arbeiten, scheitern kläglich an der absoluten Leere im Kopf. Würde ich Schreibmaschine und Papier benützen und hätte ich einen Papierkorb, wäre er mit zerknüllten A4-Seiten längst voll. Ein „Hoch“ der modernen Computertechnik, die durch die „Del“-taste derartige Umweltverschmutzung vermeiden hilft. Diese außerordentlichen Umstände drücken zusätzlich auf meine Stimmung, und treiben mich missgelaunt vom Turm hinunter in den Gastraum. Niemand anwesend, den ich anknurren könnte. Einen Wunsch nach Menschennähe habe ich selten, heute fehlt sie mir. Auch in der Küche ist die Familie Mouloudji nicht anzutreffen. Der Raum ist penibel aufgeräumt, leise surrt der Kühlschrank in tiefer Frequenz. Was ich sonst als gemütlich empfinde, ärgert mich im Moment. Wo sind die alle hingegangen? Neben, oder vielleicht wegen meiner Verstimmung fühle ich diesen kaum jemals auftretenden Drang nach Kommunikation. Weiter führt mich die Suche in den verlassenen Hof, denn sogar Akamouk ist anscheinend ausgeritten. Bis auf sein in der Ecke liegendes, wiederkäuendes Lastkamel gibt es kein Lebewesen. Was sonst beruhigend aufs Gemüt wirkt, bewirkt heute das Gegenteil.

Aus dem weit geöffneten Tor der Garage dringen Geräusche. Über der Montagegrube in der Mitte des Raumes steht mit offener Kühlerhaube Francois‘ Geländewagen, am Steuer sitzt Michelle, mehrmals lustlos das Kupplungspedal niedertretend. Aus der Tiefe unter dem Auto tönen Arbeitsgeräusche und knappe Befehle herauf. Nach kurzer Begrüßung der ebenfalls Missgelaunten übernehme ich den Platz hinter dem Steuer von der erleichtert scheinenden Michelle, genährt von der Hoffnung, durch Bewegung und heftiges Treten wieder in ausgeglichenere Stimmung zu gelangen. Francois in der Grube hat von dem fliegenden Wechsel ober ihm nichts bemerkt. Die Befehle von unten klingen teilweise recht unduldsam, um es milde auszudrücken. Auf eine dieser unwirschen Anordnungen gebe ich laut eine angemessene Antwort. Schweigen folgt darauf von unten. Das wirkt erheiternd, und diese kleine Schadenfreude hilft mir, den Gefrierpunkt meiner Stimmung um einige Grade nach oben zu verlegen. Seine Frage, ob ich ihm trotzdem weiter helfen würde die Kupplung zu reparieren, bejahe ich nach einer ebensolchen kurzen, künstlichen Verzögerung. Es mag doch legitim sein, diese Situation etwas auszunützen. Ich frage ihn, was der Konvoi von heute Nacht zu bedeuten hat. Er steigt die Stufen der Grube herauf, wischt dabei den Schmutz seiner Hände in ein mit schwarzem Öl getränktes Tuch ab, was wohl eher Gewohnheit denn zielführend ist. In Beantwortung meiner Frage meint er, das könnte ein Manöver der algerischen Streitkräfte sein, und lächelnd fügt er hinzu, damit die durchwegs aus dem Norden stammenden Soldaten die Wüste, den immerhin größten Teil ihres Landes, einmal kennen lernen. Wir setzen uns an den Rand der Grube und lassen die Beine hinein baumeln. Ich frage ihn nach Akamouk, weil der Hof verlassen ist. Bereits vor Morgengrauen sei der Nomade aufgebrochen und er wollte ihn nicht fragen. Das könnte ihn verletzen, ein echter Targi aus adeliger Familie lässt sich nicht domestizieren. Ich ersuche ihn um nähere Auskunft, wie sie beide zusammen gekommen sind und Francois beginnt zu erzählen:

Akamouks Vater, Kidali, musste sich nach der Auflösung der französischen Administration in Algerien einer anderen Betätigung zuwenden. Die „Gardes Nomades“, bei denen er gut verdiente, wurden in andere, algerisch geführte Abteilungen umgewandelt. Das war für ihn nicht einfach, denn er war ehemaliger Angehöriger dieser von den Franzosen gegründeten berittenen Tuaregpolizei. Somit war er nirgends willkommen. Man versuchte sogar ihn gefangen zu nehmen. Einen Targi mit Mehari mit einer Truppe, welche die Wüste nicht kennt, zu erwischen, hieße die berühmte Stecknadel im Heuhaufen finden. Kidali hatte im Hoggar seine Frau die auf die Tiere, Kamele und eine Menge Ziegen, aufpasste und natürlich eine zahlreiche Familie. Das war allgemein bekannt, deshalb durfte er anfänglich nicht in das Gebiet seiner engeren Heimat zurückkehren. Notgedrungen vermied er es, dorthin zu gehen und ritt Richtung Westen, um in Mali oder Niger die Entwicklung in Algerien  abzuwarten. Zur gleichen Zeit flüchteten aus dem Norden Francois und Michelle der Tanzerouft-Piste folgend in Richtung Süden. Weder die neue algerische Regierung, noch die besiegten Franzosen investierten Geld oder Arbeit diese Verbindung nach Süden in Ordnung zu halten. Außer der ersten mehrere hundert Kilometer langen Asphaltpiste, die für Transporte zu dem geheim gehaltenen Atomversuchsgelände benötigt wurde, überließ man die Route dem Gestaltungswillen der Wüste. Es gibt auch heute noch Strecken in flachen Teilen, wo die Piste mehrere Kilometer breit ist. Dort sucht sich jeder den Weg im Sand, der ihm als der beste erscheint. Die Spuren gehen kreuz und quer. Auf einem dieser von Autospuren durchfurchten Umwege verloren Francois und Michelle in ihrem nur bedingt wüstentauglichen Fahrzeug die Orientierung. Mit einem Mal waren sie weit weg von der Piste, blieben oftmals im Sand stecken und mussten das Auto ausgraben. Das kostete nicht nur Treibstoff, sondern auch zum Überleben wichtiges Wasser. Von beidem hatten sie nicht mehr viel, ebenfalls ließen ihre Kräfte nach. Sie wussten, dass es tödlich wäre den Wagen liegen zu lassen, um zu Fuß Hilfe zu suchen. Sie blieben dort, tranken nur das Notwendigste und hatten sich bereits aufgegeben. Die Suchorganisation, per Funk, Auto und Flugzeug, welche die französische Kolonialmacht aufgebaut hatte, um in Not geratene zu retten, funktionierte nicht mehr. Früher musste man sich bei Antritt der Fahrt durch die Sahara ab-, und nach Ankunft in sicherem Gebiet wieder anmelden. Wurde eine gewisse Zeitspanne bis zur Ankunft überschritten, begann man mit der Suche. Gegen die Sonne mit einer  Plane geschützt warteten sie drei Tage. Bald konnten sie sich der Schwärme von Fliegen nicht mehr erwehren. Am Morgen des vierten Tages tauchte in der Ferne, vom Osten aus dem großen Erg, der Sandwüste kommend, ein einsamer Kamelreiter auf. Sie sahen ihn durch ihr Fernglas am Horizont auftauchen und stiegen mit letzter Kraft auf das Dach ihres Autos, um Tücher schwenkend auf sich aufmerksam zu machen. Nach etwa einer Stunde erreichte der mit Karabiner und Schwert bewaffnete Targi den tief im Sand steckenden Wagen und die zwei schon fast Verdursteten. Der Reiter war mit einem Tegelmust total vermummt. Francois dachte zuerst an einen Räuber und holte aus dem Wagen sein Jagdgewehr. Doch der Targi hieß sein Mehari in angemessener Entfernung niederlegen und stieg ab. Zu Fuß und ohne Waffe kam er näher und grüßte in französischer Sprache. Als er den Zustand des Ehepaares sah, kehrte er zu seinem Reittier zurück, holte von dort eine mit Wasser halb gefüllte Ziegenhaut, und einen Beutel aus ehemals weißem, mit roten Karos versehenem Tuch. Sie tranken das kühle Wasser direkt aus der Gerba. Er öffnete den Beutel, darin waren eine Teekanne, Teegläser, ein angebrochener Zuckerhut, in Zeitungspapier eingewickelter grüner Tee und getrocknete Blätter der Minze. Es war zeitig am Tag, die Sonne hatte die Kühle der Nacht noch nicht ganz vertrieben. Mit großer Ruhe und Geduld schlichtete er ein paar Holzzweige aus dem Beutel zu einem Häufchen, entzündete es und begann schweigend die Zubereitung des Tees zu zelebrieren. Er stellte sich als Kidali vor. Das süße Gebräu brachte wieder Leben in die zwei geschwächten Reisenden. Nach den üblichen drei Gläsern verlangte er einen „Bidon“, einem Benzinkanister. Nachdem er diesen erhalten hatte, packte er seine Teeutensilien zusammen und meinte, es könne einige Zeit dauern, bis er wiederkäme. Die Gerba mit etwas Wasser und im Sand an der Feuerstelle ein kleines Häufchen bläulich-weißer Asche blieben zurück. Am nächsten Tag bei Sonnenuntergang war er wieder da, mit vollem Benzinkanister und zwei mit frischem Wasser gefüllten Gerbas. Er muss die ganze Nacht durchgeritten sein. Francois bot ihm Geld an, er nahm aber nur so viel, wie die zwanzig Liter Benzin gekostet haben. Wie sollte man ihm für seine Hilfe danken? Das läge in Gottes Hand, Insch‘ Allah, sagte Kidali und ritt davon. Die Zwei konnten den Wagen ausgraben und in der von dem Targi angegebenen Richtung wieder auf die Hauptpiste finden, auf der sie bis Bordij Mokhtar gelangten.

Ja, aber Akamouk selbst? Der war im Jahre 1976 noch als Knabe, am Höhepunkt der großen Dürre, mit seinem Vater aus Mali in ein Sammellager bei Niamey gekommen. Die Tuareg zogen aus ihren ausgetrockneten Stammgebieten gegen Süden, zum Fluss Niger, der bis dahin ausreichend Wasser führte. Dort trafen sich hauptsächlich geflüchtete Tuareg aus dem Norden Malis, wo man die Nomaden absichtlich verhungern und verdursten ließ, sowie die vor der Dürre Geflohenen aus dem Süden Algeriens. In den Lagern wurden sie notdürftig durch Organisationen wie Caritas, dem Internationalen Roten Kreuz, Brot für die Welt und anderen Organisationen verpflegt und medizinisch versorgt. Sie hatten keine Tiere mehr und mussten alles, was sie besaßen, Silberschmuck, Schwerter und Dolche verkaufen, um zu überleben. Das stolze Herrschervolk war bettelarm geworden, und wurde von der sesshaften schwarzen Bevölkerung dementsprechend übervorteilt und ausgenommen. Die Mouloudijs, Michelle und Francois waren zu dieser Zeit schon Verwalter der Auberge mit  Werkstatt. Eines Tages sahen sie, weitab von der Piste, in respektvoller Entfernung von ihrem Haus, eine Gruppe Tuareg lagern. Sie besuchten die Gruppe und luden die sichtlich Not leidenden ein zu ihnen ins Haus zu kommen. Es war anscheinend ein gesamter Familienclan, oder die Reste eines solchen, mit wenig Männern, mehreren Frauen und Kindern. Wasser war im Brunnen des Hauses genug vorhanden, Mehl und Gemüse war auch noch vorrätig. Der Hof war bald belebt, die Frauen buken Tagella, das Brot der Tuareg auf einer Feuerstelle. Da die vorhandenen Lebensmittel aber für die ganze Familie nicht ausreichten, fuhr Francois nach Bordij Mokhtar und kaufte dort zu Wucherpreisen Gemüse, Kuskus und Hirse. Die Touaregfamilie kam aus Niger und zog am Ende der Dürreperiode ohne Kamele zu Fuß wandernd wieder gegen Nordosten, in das Gebiet des Stammes der Kel Ahaggar, dem sie angehörten. Von Niamey aus hatten sie die Wahl den zwar kürzeren, aber beschwerlicheren Weg über das L’Airgebirge zu nehmen oder den längeren, jedoch flacheren über Guezzam nach Tamanrasset. Dieser führt unweigerlich an der Auberge vorbei. Es stellte sich heraus, dass das Oberhaupt der Familie niemand anderer war als Kidali, der Vater Akamouks, der Retter aus der Not in der Sandwüste. Insch‘ Allah! Zwei Tage lagerte die Gruppe im Hof. Francois gab dem Anführer der Familie ein Kuvert und sie berührten zum Abschied gegenseitig ihre Fingerspitzen, was unserem Händedruck gleichkommt. In dem Umschlag waren ein paar hundert algerische Dinar, damit sich die Verarmten durch den Ankauf einiger Tiere eine neue Existenz gründen können. Nach Jahren, Akamouk war erwachsener geworden, kam er öfter zu Besuch und brachte stets ein Geschenk mit, einen Hammel, eine Ziege, oder ein von seiner Familie erzeugtes Schmuckstück aus hochwertigen Silber. Großartige Gesten der Dankbarkeit eines Adeligen der Sahara.

Ich erzähle Francois, dass ich im Jahre 1976 für Aufnahmen zu einer Fernsehdokumentation in eben diesem Camp bei Niamey war. Wahrscheinlich habe ich dort den kleinen Akamouk schon einmal gesehen. Der Kameramann Rudolf „Purzl“ Klingohr, der damals am Beginn seiner Karriere als Filmproduzent stand, hatte diesen Auftrag vom Österreichischen Fernsehen ergattert. Aber das gehört in eine andere Geschichte. Es ist inzwischen Mittag geworden. Francois schließt mit lautem Krach die Kühlerhaube seines Wagens und wir begeben uns gemeinsam ins Haus. Francois verschwindet in die Küche und kommt mit Gläsern und zwei Flaschen Bier zurück. Francois raucht eine Gouloise Caporal und ich zünde mir ein Zigarillo an. Genüsslich trinken wir jeder eine Flasche gut gekühltes Kronenbourg, das wohlschmeckende Bier aus Straßburg, und essen anschließend zu dritt von einem wunderbar gelungenen Gemüseauflauf. Die schlechte Stimmung hat sich endlich zum Guten gewendet, es ist sehr heiß geworden durch die Mittagssonne, auch das Bier tut seine Wirkung, somit ziehe ich mich zu einer Siesta in das Burgverlies im Turm zurück. Am späten Nachmittag beschließe ich, ausgeruht die Arbeit am Buch wieder aufzunehmen:

Die Herbergsmutter aus der Rue Sadi Carnot in Algier hatte ein Frühstück vorbereitet. Der Abschied war sehr freundlich und sie wünschte mir Glück für die weitere Reise. Zeitig am Morgen verließ ich bei bewölktem Himmel die Auberge. Ähnlich  trüb sah es in meinem Inneren aus. Durst plagte mich und ich fühlte mich müde, außerdem fror ich. Sollte das ein Kater sein, nach den vielen Pastis von gestern? Ich fuhr mit dem Bus gegen Süden bis zum Stadtteil Birkhadem, wanderte dann ein Stück die Straße entlang, bis die Häuser kleiner und seltener wurden. Auch die Einwohner verloren immer mehr den europäischen Habitus und die kinderreichen Familien in den Höfen der Häuser waren so wie man sich eben Berber in ihrem zu Hause vorstellt.

Ich wollte nach Mostaganem, einem Ort westlich von Algier am Meer gelegen. Per Autostop durch Nordafrika zu reisen, war für einen europäischen Burschen meines Alters damals einfach und ein Vergnügen. Zumindest auf den Hauptrouten, denn es gab wesentlich mehr Verkehr als bei uns in Österreich. Ich hatte gehofft, die Straße würde am Meer entlang führen, doch sie zog sich durch eine teilweise nicht kultivierte Hügellandschaft im Landesinneren. Ich brauchte nur wenige Stunden um Mostaganem, eine geschäftige Hafenstadt, zu erreichen. Der nette Mann im Musée Bardo, ich kann mir seinen Namen nicht merken, hat mir eine Adresse aufgeschrieben, die ich aufsuchen sollte. Dort würde ich Näheres über Veranstaltungen der nächsten Tage in der Umgebung der Stadt und dem nahegelegenen Oran erfahren. Nach längerem Suchen stand ich vor dem Haus, es war in algerischem Stil gebaut und schneeweiß getüncht. Ich läutete an einer ebenso mit blauen maurischen Zeichen verzierten elektrischen Türklingel. Die Türe öffnete sich, ein in eine Art Burnus gehüllter typischer Berberabkömmling blickte mich erstaunt an. Ich zeigte ihm den Zettel mit seiner Adresse und dem Namen meines Informanten aus Algier. Er warf einen Blick darauf, versuchte zu verheimlichen, dass er der französischen Sprache mächtig war und brachte nur ein „no, no ,no“ heraus. Die Türe schloss sich und ich stand da. Ein Fiasko. Verstimmt und verkatert suchte ich die Jugendherberge dieser Stadt, mietete mir ein Lager in einem Schlafsaal und wartete dort auf den Morgen.

Irgendwie hatte ich jetzt genug von Algerien. Außer quäkender Radiomusik ist mir nichts Verwertbares zu Ohren gekommen. Das lag sicher an mir, mich quälten Selbstvorwürfe. Doch im Nachhinein betrachtet, könnten das bereits Vorzeichen für den „schmutzigen“ Krieg gewesen sein, der Monate später ausbrach. Angst ging um. Möglicherweise hatte damals schon die französische Doktrin zu arbeiten begonnen und größere Ansammlungen von Menschen, die bei Festen nicht zu vermeiden sind, genau beobachtet oder einfach nicht gestattet. In diesem Zusammenhang gab einem die Geschichte des Offiziers der Fremdenlegion in der Bar Unic zu denken. Mich jedenfalls zog es in das Königreich Marokko. Die Sonne ging goldfarben am Horizont auf und ich wanderte in Richtung der Route Nationale 11. Gleich der erste Wagen nahm mich bis Oran mit. Hier dauerte es dann, bis ein Citroen anhielt. Ich versuchte mittel meiner schwachen Kenntnisse der französischen Sprache den Wunsch auszudrücken, dass ich nach Marokko wolle. Der freundliche Fahrer sprach ausschließlich rücksichtslos schnell Französisch und bedeutete mir, dass er nach Uschda fahren würde. Dieser Ort ist mir bislang auf keiner Karte begegnet, war mir aber auch recht, ich wollte nur weiterkommen. Die gepflegte Straße führte durch durchwegs landwirtschaftlich genutztes Gebiet, dazwischen lagen vereinzelte Bauernhöfe. Die Grenze nach Marokko passierten wir ohne Formalitäten, weil dieses Land damals französisches Protektorat war.  Da sah ich ein Schild mit der Aufschrift Oujda – 13 Km. Jetzt verstand ich, wo Uschda lag und ich konnte mir Gedanken über die französische Aussprache arabischer Namen machen. In Oujda angekommen suchte ich sofort nach der Medina. Diese ältesten Stadtteile und Märkte heißen in der arabischen Welt entweder Souk, Medina oder Kasbah, unterschiedlich je nach Land und Stadt. Sie bieten, wie die Märkte in europäischen Städten auch, einen tiefen Einblick in das Leben der jeweiligen Bevölkerung. Deshalb beginnt jeder Besuch einer neuen Stadt mit einem Rundgang durch den Markt.

Blaues Tor in Fés

Oujdaa    Das blaue Tor zur Medina.                                                                        Foto: English Wikipedia

Kaum war ich durch ein wunderschön mit blau-weißen Fayencen verziertes Tor in der dicken Stadtmauer gegangen, war ich mitten drin im orientalischen Leben und den dazu gehörenden starken Farben Tönen und Gerüchen. Es war eine schöne, reiche Medina, aber ohne Besonderheiten. Also auch hier nichts Neues, außer einer merkbaren Zunahme an bunt gefärbten Lederartikeln mit Goldprägungen. Da waren ebenfalls die quäkenden Radioapparate, die sich mit verzerrter Lautstärke gegenseitig zu übertönen suchten. Ich durchquerte die Medina und erreichte nach neuerlicher Passage eines riesigen Tores in der Stadtmauer einen großen, von Verkehr umspülten Platz. Da überkam mich echtes Glücksgefühl, in der Mitte dieses Platzes musizierten lebende Musiker, in akustischer Originalqualität!

Hurra Marokko, du gefällst mir! Ich fingerte aus meinem Rucksack Schreibblock und Bleistift mit spitzer Mine, es gab ja vorher keine Ursache diese stumpf zu schreiben. Ich zeichnete die Gruppe nach bestem Können schematisch auf, schrieb die Instrumente, zwei Trommeln, die eine mit Schlegel, die andere mit der Hand geschlagen, eine Laute „Ud“, und eine Geige mit drei Saiten „Rebac“, sowie eine Flöte, welche aus einem Stück Horn geschnitzt war. In einer Pause startete dann der Versuch, mit den Musikern zu kommunizieren. Unter großen Schwierigkeiten, wegen der Unterschiede unserer jeweiligen Muttersprachen, konnte ich von den Musikern, welche meinen Problemen und Fragen völlig verständnislos gegenüber standen, wenige Informationen über die eben gespielte Musik erhalten. Geld wollten sie auch noch für dieses wissenschaftliche Interesse an ihrer Kunst! Dass das Museum für Völkerkunde und die Universität in Wien an ihnen persönlich interessiert sind, war ihnen reichlich egal. Hätte ich mehr Geld spendiert, wäre die Ausbeute sicher größer ausgefallen. Doch als jugendlicher Reisender konnte ich mir das nicht leisten. Die Erkenntnisse aus diesem Gespräch waren nicht besonders befriedigend, aber besser als nichts. Ich überlegte, ob ich bis morgen in Oujda bleiben oder versuchen sollte einmal in der Nacht zu hiken. Da bisher vom Transport her alles so gut geklappt hatte, fasste ich den Entschluss, den Nachtverkehr auf Marokkos Straßen zu ergründen. Es waren durchwegs LKW-Fahrer, die anhielten, um mich mitzunehmen. Das war anders als bei Tag gewohnt. In Fès, einer wunderschönen Stadt, musste ich aussteigen und stand auf der nächtlichen Straße. Der Reiz, diese älteste Königs- und Kulturstadt Marokkos zu besichtigen war sehr groß, doch fühlte ich mich nach einem kurzen Spaziergang in der Dunkelheit nicht wirklich sicher. Also versuchte ich aus der Stadt hinaus und weiterzukommen. Am Stadtrand musste eine Entscheidung getroffen werden, denn eine Straße, die N8, führte nach Südwesten, in Richtung Marrakesch, eine weitere, N1, in den Westen, nach Rabat, die ich dann auch wählte. Es war recht kühl in dieser Jahreszeit, doch hatte ich einen wärmenden Lodenmantel. Im frühen Morgengrauen erreichte ich, etwas mitgenommen von der langen nächtlichen Fahrt in verschiedenen Lastkraftwagen, Marokkos nachmalige Hauptstadt Rabat. Trotz der frühen Morgenstunde pulsierte das Leben auf den Straßen schon laut und orientalisch.

Zweirädrige Eselkarren mit Marktgut fädelten sich zwischen den Autos ein, ein Wasserträger in bunter Tracht und überdimensionalem Hut hockte am Straßenrand, ein harmonisches Miteinander von Maghreb und Europa bot sich meinen bewundernden Augen und Ohren dar. Wie in ein warmes Bad tauchte ich darin ein und ließ mich von Menschen, Tieren und Fahrzeugen durch die Straßen und Boulevards treiben. Ich schlenderte an endlos langen, riesigen Stadtmauern entlang und besuchte die Medina. Für den  Erwerb der beredt und mit weiten Gesten angebotenen Produkte alten Handwerks, wie Schalen und spitze Deckel aus Keramik für Couscous, allerhand nicht gut gegerbtes Lederzeug, bunte Hocker und mehr an orientalischer Pracht, fehlte mir die dafür notwendige Kaufkraft. Ebenso waren meine Transportmöglichkeiten für diese schönen Mitbringsel recht begrenzt. Das alles erinnerte mich daran, nach Casablanca weiterzureisen. Dorthin hatte ich von zu Hause eine Empfehlung mitbekommen. Im österreichischen Konsulat war ein Bekannter der Familie beschäftigt. Im Falle eines Falles sollte ich diesen Herren aufzusuchen, der mir sicher auch finanziell aushelfen werde. Außerdem könnte er mich mit seinen Kenntnissen des Landes bei der Suche nach Arbeit unterstützen, denn ich wollte niemandem, auch nicht dem österreichischen Staat, auf der Tasche liegen. Meine Barschaft zeigte bedenklich die Neigung zu Ende zu gehen. Also machte ich mich, mit Zuversicht und Glück, per Auto-Stopp auf den Weg nach „Casa“!

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