9. KAPITEL – Gazellenbraten, Abschied von Wien, Weihnacht am Schiff , Algier und Aufbruch in die Sahara.

Vor mehr als sechs Wochen habe ich Wien im Flugzeug verlassen. Meine Stimmung, in der ich mich heute finde, ist selbst für mein sonst positiv gefärbtes Gemüt unerträglich. Hoffnungslosigkeit und Zweifel haben mich bei dem Gedanken an die Anzahl der noch zu beschreibenden Jahrzehnte erfasst. Ungeordnete Geschehen, Abenteuer und Erfahrungen von vielen Jahren tauchen aus der Vergangenheit auf und drängen sich jeweils vor um als die wichtigsten Ereignisse von mir wahrgenommen zu werden. Wie in einem klebrigen Spinnennetz verstricke ich mich in dem Berg von Erinnerungen. Das Chaos von Eindrücken aus bereisten Ländern, Namen, Expeditionen, Filmen, verlassenen Geliebten und Neuanfängen, sowie von glückhaften Anerkennungen, schmerzlichen Misserfolgen und Enttäuschungen, versuche ich mit Gewalt zu ordnen. Das führt durch Verwirrung zu totaler Lähmung. Das giftige Ungetüm des Scheiterns in greifbarer Nähe, bin ich bereit aufzugeben.

Der Entschluss, dieses Experiment zur schriftlichen Vergangenheitsbewältigung endgültig abzubrechen, steht fest. Um die Entscheidung meinen freundlichen Wirtsleuten mitzuteilen, steige ich hinunter in den Gastraum. Michelle hat, es war die gewohnte Zeit, mein Kommen geahnt und das Frühstück vorbereitet. Francois ordnet Gläser in den hohen Geschirrschrank und wünscht mir über die Schulter hinweg freundlich einen guten Morgen. Anscheinend fällt meine Antwort darauf in anderer Tonlage aus als normal, denn er dreht sich um und sieht mich erstaunt an. Seine Frage nach meinem Befinden wische ich mit einer Handbewegung weg. Er schließt die Schranktüren und kommt auf den Frühstückstisch zu, an den ich mich setze. Da bemerke ich, dass es mir schwerfällt, ihn von der bevorstehenden Abreise zu informieren. Anscheinend hat sich in den Tagen des Aufenthaltes unauffällig eine Art Freundschaft und Vertrauen zwischen uns aufgebaut. Der Mann ist kaum zwei Jahre älter, hat bestimmt weniger von der Welt gesehen als ich, aber sicher die aus seinem Leben gewonnenen Erfahrungen besser verarbeitet. Trotzdem teile ich ihm meine unumstößliche Entscheidung mit, den Ort hier verlassen und unverrichteter Dinge heimkehren zu wollen. Spontan meint er, dass diese Idee Scheiße sei. In französischer Sprache klingt das ganz anders, denn „merde“ lässt wesentlich mehr Deutungen zu, als übelriechende Exkremente. Seine Reaktion ist verständlich, weil es wurde zur Gewohnheit den Wirtsleuten regelmäßig zu erzählen, was ich momentan schreibe. Ich bleibe dennoch hart in meiner Absicht. Kopfschüttelnd steht er auf und geht in die Küche. Nach einigen Minuten bringt er den Frühstückstee und setzt sich zu mir an den Tisch. Ich esse und trinke schweigend. Er sitzt einfach im Stuhl zurückgelehnt und sagt ebenso nichts. Über längere Zeit. Seine Frage, ob ich immer so schnell aufgäbe, unterbricht die Stille. Bingo! Also nein, nicht immer, doch gibt es triftige Gründe für vorzeitige Kapitulationen: falsches Einschätzen von Situationen, oder das Abbrechen aus Ungeduld von Entwicklungen vor deren Reife. Mangelndes Selbstvertrauen, das einem veranlasst, gut gemeinte Ratschläge von Freunden zu befolgen, und zum Verlassen des eigenen Weges bringt, was zur Verfehlung des gesteckten Zieles führen kann. Umstände, die oftmals schmerzende Selbstvorwürfe, sowie finanziellen Schaden brachten. Andererseits gab es objektiv zum Scheitern verurteilte Unternehmungen, die ich gerettet habe, beruhige ich mich. Immer noch mit dem festen Vorsatz abzubrechen und heimzufahren, berichte ich von einigen meiner Erfahrungen mit Niederlagen. Er ist ein hervorragender Zuhörer, aber auch er erzählt jetzt aus seinem Leben. Wie von Engelshand geleitet erscheint Michelle mit einer Flasche gekühltem Chardonnay und zwei Gläsern, die sie lächelnd vor uns auf den Tisch stellt. Während sie einschenkt, fragt sie, ob ich zu Mittag bei einem Stück Gazellenbraten dabei wäre. Solch eine Einladung kann man nicht ablehnen!

Meine Hoffnung auf Themenwechsel nach dieser Unterbrechung wird nicht erfüllt. Er lässt nicht locker. Warum ich abbrechen will, soll ich Francois erklären. Eigentlich möchte ich ihm nicht die ganze Wahrheit mitteilen und erzähle irgendeinen Schwachsinn. Die Gläser werden frisch gefüllt, und wir wünschen uns gegenseitig Gesundheit. Indem er sein Glas bedächtig auf den Tisch zurückstellt, meint er kategorisch, dass ich keinesfalls aufhören dürfe zu schreiben. Hinterhältig fügt er hinzu, ich sei durch diese Tätigkeit am besten Weg zu einer Selbsterkenntnis. Wenn ich jetzt kneifen würde, könnte es sein, dass eine solche Chance nie mehr käme. Wieder ein Treffer. Je länger wir so offen miteinander reden, desto schwächer wird mein Widerstand. Wir sprechen mittlerweile nicht mehr ausschließlich über uns, auch Akamouk, der Targi, wird zum Thema. Er fehlt, gestehen wir uns ein, er scheint ein Verbindungsglied zu unserem Verständnis für das Leben in der Sahara zu sein. Michelle deckt am Nebentisch für das Mittagessen, aus der Küche dringen betörende Gerüche. Ob die Herren bereit sind? Aber sicher, denn gebratene Gazelle ist ein guter Grund für eine Unterbrechung. Sie scheint meinen Entschluss zu bleiben am Stimmungswechsel erkannt zu haben und prophezeit eine weitere Mahlzeit aus der von der Jagd heimgebrachten Gazelle für die nächsten Tage. Es ist ordentlich heiß geworden und Francois wirft die Deckenventilatoren an. Ich weiß, dass er das für mein Wohlfühlen tut. Ok, ich bleibe ja hier! Nach diesem fulminanten Essen, ich frage mich, woher sie die Mangos zur Nachspeise gezaubert hat, geben wir uns wohlverdienter Siesta hin. Ich finde keine Ruhe, denn ich überlege bereits das nächste Kapitel der „Zeitgeister“:

Die Route für unsere Expedition nach Westafrika soll auf der Bundesstraße 1, von einer Autobahn in Österreich war seinerzeit noch keine Rede, über Salzburg – München – Straßburg bis nach Marseille führen. Das waren mehr als zweitausend Straßenkilometer. Dort wollten wir die Fähre nach Algier nehmen, so wie ich es bei meiner ersten Afrikareise ausgekundschaftet hatte. Die Plätze für die Überfahrt waren bereits in Wien für ein fixes Datum gebucht worden. Der bewegte Abschied von den Herren Wollmarker und Feichtinger, Besitzer und Pächter des „Rondell“, brachte uns sechs Flaschen Kognak Reiseproviant ein. Frohgemut, doch des Ernstes der zukünftigen Aufgaben bewusst, kletterten wir in das Expeditionsfahrzeug, dem Humber Père Ubu, und fuhren als Vorhut der Expedition in die Nacht hinein. In Amstetten tankten wir das erste Mal. Wir schrieben von dort an unseren Kassenwart Walter eine Karte mit der erfreulichen Botschaft, dass der Humber nur 19,5 Liter auf hundert Kilometer braucht. Für sechs Zylinder unter der Motorhaube und seiner Funktion als Kommandowagen beraubt auch noch schwer überladen, kein schlechtes Ergebnis. Kurz vor Salzburg war die Straße durch einen Lastwagenunfall unpassierbar. Eingedenk unseres Termins in Marseille verlangte ich Père Ubu die erste Probe als Geländewagen ab. Trotz der entsetzten Proteste der diensthabenden Gendarmerie Beamten umfuhren wir, die Straße verlassend, über den tief verschneiten angrenzenden Acker die Unfallstelle. Es war ein Vergnügen allradgetrieben durch den meterhohen Schnee zu pflügen. Wir waren glücklich mit der englischen Allradtechnik. Ohne Schwierigkeiten passierten wir frech die Zollstation Walserberg. Wie ich richtig vermutet hatte, war unser Humber ein aus dem letzten Afrikafeldzug von der britischen Armee nach Europa gerettetes, tropentaugliches Geländefahrzeug. Es gab weder eine wirksame Heizung, noch eine geeignete Belüftung der Windschutzscheiben von innen, die dauernd dadurch anliefen und vereisten. Deshalb mussten wir über eine Strecke von etwa zwanzig Kilometern mit hochgeklappten Windschutzscheiben fahren. Die Gesichtsfarbe der drei Insassen schwankte zwischen dunkelrot und violett. Die erste der uns liebevoll mitgegebenen Flaschen Cognac half uns Städtern, die wir im Winter eher warm geheizte Innenräume kalten Außentemperaturen vorzogen, diese eisige Zumutung zu überstehen.

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Père Ubu (Übü) Humber 4×4 Heavy Utility

Nach längerer Nachtfahrt hatten wir eine Stunde Aufenthalt in München. Ein schnelles Frühstück, und wir verließen um neun Uhr die Stadt, nicht bevor Jean-Pierre dreimal Brüssel telefonisch zu erreichen suchte. Kurz vor Leipheim überholte uns mehrmals ein Mercedes 170 D. Der Fahrer dieses Fahrzeugs brachte es fertig, den Expeditionswagen auf einem Parkplatz der Autobahn zum Halten zu bringen. Ein heftig gestikulierendes Männchen mit Pelzmütze, die wahrscheinlich aus Sibirien stammte, versuchte uns davon zu überzeugen, dass unser Unternehmen erst durch seine Teilnahme an Wert gewinnen würde. Anscheinend hat er während des Aufenthaltes in München die nicht zu übersehende Beschriftung unseres Wagens gelesen. Das Repertoire des Herrn Nikolaus Muttar (Moutarde) Helmhausen ist reichhaltig. Die drei Expeditionsteilnehmer bekamen außer einer mit großer Geste überreichten Flasche Tokajer eine richtige Kabarettvorstellung zu sehen, in der er die Vorzüge seiner Person darstellte. Das Rezept, wie man aus einem zehn Karat schweren Diamanten einen mit fünfzehn Karat macht, war ihm leider nicht zu entreißen. Bewegt nahmen wir Abschied. Die anschließenden Lachkrämpfe verursachten etwas Unordnung im Wagen, so dass wir bei der Raststation Leipheim einen Stopp einlegen mussten. Père Ubu parkte im Lichte der Tanksäulen. Ein anderes Auto mit Wiener Kennzeichen hielt gleich daneben um zu tanken. Unvermittelt verschwand unser Jean-Pierre in die Dunkelheit. Er machte die Erfahrung, dass Toiletten günstige Verstecke vor plötzlich und unerwartet in Deutschland auftauchenden Gläubigern darstellen. In Ulm verzehrten wir eine heiße Suppe und kauften Brot, währenddessen versuchte Jean-Pierre wieder mit seiner Frau in Brüssel zu telefonieren. Auf der Weiterfahrt erzählte Mackie, dass Feichtinger von ihm verlangt habe, mich in Wien zurückzulassen, damit ich weiter Jazzkonzerte im Rondell veranstalte. Gut, dieser Mann hatte durch meine Veranstaltung viel Geld verdient, aber anscheinend vergessen, dass er mich dabei heftig betrogen hatte. Vor Rottenmann bekam Père Ubu Verdauungsstörungen, sein Darm, sprich Benzinleitung, wurde mittels Luftdruck von der Verstopfung befreit. Spät am Abend passierten wir bei Kehl die Grenze in Richtung Frankreich. Nach dem Vorlegen der Mappe mit den Unterstützungsschreiben gab es keine Schwierigkeiten beim Zoll. Selbst die mitgeführten Ferlacher Jagdwaffen gingen anstandslos durch. Trotz gebotener Sparsamkeit beschlossen wir, unsere durchfrorenen Knochen in Straßburg Hotelbetten anzuvertrauen. Jean-Pierre versuchte zum wiederholten Male mit Brüssel zu telefonieren. Er schlief mit Max im Ehebett, ich zu dessen Füßen ungestört auf meiner Luftmatratze.

Hustend und niesend erhoben wir uns am nächsten Morgen. Jean-Pierre startete vom Hoteltelefon mehrere Versuche seine Gattin zu erreichen. Wir vermieden tunlichst, diese anscheinend nicht mehr so gut funktionierende Ehe zu kommentieren. Kurz vor Colmar genossen wir unser erstes gemeinsames Campingessen auf der heruntergeklappten Autorückwand. Gulasch- und Reisfleischkonserven aus Inzersdorf wurden ohne Rücksichtnahme auf eventuelle Geschmacksirritationen vermischt und mit Appetit verspeist. In Besançon genehmigten wir uns den ersten Drink auf französischem Boden, während Jean-Pierre (das arme Schwein) nochmals seine Frau zu erreichen suchte. Stunden später in Dijon, warteten wir vor dem Postamt erneut geduldig, bis Jean-Pierre weitere erfolglose Versuche mit Brüssel zu kommunizieren getätigt hatte. In dem ihm eigenen unnachahmlichen Kauderwelsch aus belgischem Französisch und wienerischem Deutsch, vermeinte er es „im Pischerle“ zu spüren, dass dies wohl der letzte Versuch gewesen sei. Mitfühlend nahmen wir jeder einen kräftigen Schluck aus der nächsten Kognakflasche und fuhren bei starkem Regen bis etwa zweihundert Kilometer vor Marseille. Das Unwetter war so heftig, dass wir beschlossen, eine Besserung im Auto abzuwarten und schliefen bis Tagesanbruch.

In zügiger Fahrt erreichten wir endlich Marseille. Hotelsuche. Direkt am Hafen, im „Terminus des Portes“ fanden wir ein Zimmer im mindestens fünften Stock, natürlich ohne Aufzug. Da für die Überführung nach Algerien das Auto vollkommen entladen musste, hob sich der Vorteil des geringen Mietpreises mit dem zweimaligen Transport des Equipments die Treppen hinauf und hinunter wieder auf. Max und Jean-Pierre mussten dringend zum Zollamt, sowie zu diversen anderen Behörden und der Schiffsagentur. Sie sahen sich durch ihr mehr oder weniger gutes Beherrschen der französischen Sprache dazu legitimiert, damit mir das sportliche Treppensteigen überlassend. Während ich den Wagen entlud und die Stiegen mehrmals mit schwerem Gepäck erklomm, wurde mir klar, dass ein Bildungserwerb, in diesem Falle das Lernen von Fremdsprachen, Muskelkater in den Beinen vermeiden hilft. Bei dem Besuch im Zollbüro lernten die Beiden einen Monsieur Maissu kennen und, da es just Mittagszeit war, luden sie ihn zu einem Dienstessen ein. Mit Erfolg. Danach lief alles reibungslos, bis auf die Einfuhr der Waffen. Herr Maissu, seines Zeichens Zollinspektor, beseitigte souverän diese Hürde mit einer Unterschrift auf einem Formular. Dem Père Ubu wurde der Benzintank fast völlig entleert, er brachte jetzt nur mehr 2.400 Kilo auf die Waage, 100 Kg unter dem für die Überfuhr erlaubten Höchstgewicht. So wurde er am Hafen abgegeben. Das Problem der extra zu transportierenden Expeditionsgüter konnte gelöst werden, indem es als Diplomatengepäck deklariert wurde. Nach diesem turbulenten Tag schliefen wir tief den Schlaf der Gerechten. Sollte man sich wegen 700 kg unbezahltem Übergepäck wie Ungerechte fühlen?

Man schrieb den vierundzwanzigsten Dezember, der Tag begann zeitig morgens mit Packen. Wieder ergaben die Gewehre am Zoll, diesmal bei der Ausfuhr, Schwierigkeiten. Doch der allgegenwärtige Monsieur Maissu wischte auch dieses Problem mit einer Handbewegung vom Tisch. Das Gepäck wurde in der vierten Klasse der „Ville de Alger“ untergebracht. Nach längeren Verhandlungen musste Mackie verwundert statt einen, zwei Gepäckträger bezahlen. Ich versuchte mich bei dem Streit herauszuhalten und einen möglichst unbeteiligten Eindruck zu vermitteln, verstand ich doch nur marginal Französisch. Es war eine besondere Freude, bei dieser Gelegenheit die mir noch fremde, legendäre arabische Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft kennenlernen zu dürfen. Denn direkt aufgedrängt hatten sich mir die Burschen, um die umfangreiche Ausrüstung schleppen zu dürfen! Wir nahmen mit M. Maissu noch einen Aperitif im Café du Port, bevor wir bei bedecktem Himmel pünktlich um 12 Uhr Mittag vom Peer ablegten. Ein Steward machte den Vorschlag, uns für FFr (französische Franc) 2.000,– in die Touristenklasse zu schmuggeln. Nur zu gerne verließen wir das lichtlose, übel riechende Unterdeck über die Durchreiche des Buffets. Sie war der einzig mögliche Fluchtweg, denn Passagiere der vierten Klasse durften das unterste Deck auf normalem Weg nicht mehr verlassen. Schwitzend, aber dankbar schleppten wir Teile unseres umfangreichen Hab und Guts in eine komfortable Kabine mit Bullauge und vier Betten. Durch unsere auf die vierte Klasse abgestimmte Kleidung fielen wir beim anschließenden Mittagsessen allerdings auf. Dem Herrn Expeditionsleiter wurde bei der Hauptspeise des fünfgängigen Menüs schlecht, da ihn der Gedanke überfiel, die Summe vom FFr 2.000,– könnte eventuell nicht für alle gemeinsam bestimmt sein. Die später stattfindende Verrechnung mit dem Stewart bestätigte seinen Verdacht. 6.000,00 FFr wechselten zum Matrosen. Wie erklärt man diese Ausgabe Walter Eder, unserem strengen Kassenwart?

Nach einem kurzen Spaziergang am Deck, die Luft hatte im Verhältnis zu Mitteleuropa recht angenehme mediterrane Temperaturen aufzuweisen, wurde bis zur Dämmerung geschlafen. Gestärkt erschienen drei sauber geduschte und gekleidete Expeditionsteilnehmer zum Dinner im Speisesaal. Wir waren uns der Verantwortung unserem Land gegenüber bewusst, als einzige Österreicher hier am Schiff korrekt auftreten zu müssen. Dem gerecht werdend leerten sich die diskret aufgestellten Weinflaschen mit einer Geschwindigkeit, die den an den Flaschenhälsen angeschriebenen zollfreien Preisen entsprach. Jean-Pierre, in düsterer Stimmung über die ihm nun sicher erscheinende Trennung von seiner Gattin, organisierte und bezahlte einen Rundgang durch sämtliche Destillen und Bars des Schiffes. Er war der einzige mit Privatvermögen. Wir nannten ihn ab da zärtlich und zeitsparend ausschließlich „Schani“. Von der Schiffsleitung gab es eine Einladung zu einem Kinobesuch im Speisesaal. Mackie erschien eine viertel Stunde zu spät. Es konnte nach der Vorstellung nicht genügend geklärt werden, ob sein schwankender Gang im Korridor dem Seegang, oder inzwischen eingenommenem Hochprozentigem zuzuschreiben war. Auf seltsame Weise war wieder eine von den Flaschen Kognak verschwunden, die man uns in Wien geschenkt hatte. Es war der Heilige Abend und ich verschwand in den am Deck vertäuten Père Ubu, um über Kurzwelle deutschsprachige Weihnachtslieder zu hören. Bald fand man mich dort, und der Weihnachtsabend wurde in gemeinsamem Einverständnis mit der verbliebenen Flasche Kognak bis in die Morgenstunden würdig beendet. Zu diesem letzten Schluck haben wir zwei aus San Francisco zurückgekehrte Algerier eingeladen. Sie waren sieben Jahre von zu Hause weg gewesen und sollten morgen von ihren Bräuten vom Schiff abgeholt werden. Ihre Erwartungen waren euphorisch, unsere eher skeptisch.

Nach ein paar Stunden Schlaf auf wahrscheinlich ruhiger See erwachten wir durch das Abstellen der Schiffsmaschinen. Mit leicht brummenden Schädeln sahen wir durch das Bullauge ein in helles Sonnenlicht getauchtes Algier. Ich empfand so etwas wie Glück darüber, diese Stadt wiedersehen und afrikanischen Boden nochmals betreten zu dürfen. Sie hat mir bei meinem letzten Aufenthalt Außergewöhnliches geboten, es wird diesmal so ähnlich sein. Das Ausladen und die Zollabfertigung gingen reibungslos vorüber, nur die Gewehre mussten wir abgegeben. Mit einer provisorischen Waffenerlaubnis der Präfektur könnten diese hier wieder abgeholt werden. Mackie hat die afrikanischen Verhältnisse schnell durchschaut und zahlte dem Gepäckträger statt der verlangten FFr 2.000,– die Hälfte. Im frisch beladenen Humber fuhren wir durch die Rue Sadi Carnot zur Jugendherberge, in der ich bei meinem letzten Aufenthalt in Algier einquartiert war. Die Mère de l’auberge, die Herbergsmutter, begrüßte mich und meine Freunde herzlich. Die grau melierten Haare unseres jugendlichen Jean-Pierre erstaunten sie sichtlich. Im Alter von fünfzig Jahren darf man die schon haben, aber in keine Jugendherberge einziehen. Doch zwei Umstände ließen sie diese Tatsache übersehen, sie mochte mich aus nicht erfindlichen Gründen noch von meinem letzten Aufenthalt, wurde aber anscheinend auch vom umwerfenden Charme und den strahlend hellblauen Augen des Belgiers gefangen. Gemeinsam entluden wir den Wagen. Anschließend fielen die Mitglieder der Expedition auf die ihnen zugewiesenen Betten und kurierten schlafend ihren Kater aus. Am Nachmittag wurde Père Ubu gesäubert und kleinere Reparaturen vorgenommen. Wir luden einige fröhliche Herbergsbewohner in das Auto und machten eine erste Erkundungsfahrt durch die Stadt. Algier hat sich seit meinem letzten Besuch nicht allzu sehr verändert. Geschäftigkeit der Einwohner, Straßenverkehr und Sauberkeit waren noch immer dieselben. Selbst die Präsenz von Polizei und Militär hat sich in der Zwischenzeit nicht merklich erhöht. Die Front de Libération Nationale, kurz FLN genannt, fand ihre Hauptunterstützung bei der zu etwa dreißig Prozent analphabetischen Landbevölkerung. Ben Bella, der Gründer der FLN und seine Mitstreiter waren im Exil in Kairo und Tunis und leiteten von dort, unterstützt von der kommunistischen Partei Frankreichs, die Aktionen in Algerien. Ihre Kämpfer nannte man Fellagha, was auf Arabisch so viel heißt wie Räuber. Der gebildetere Mittelstand in den großen Städten wie Algier, Constantine und anfänglich Oran war eher gegen die Trennung von Frankreich. Dort lebten im Einklang mit den Berberstämmigen die „Pied Noir“, die in Algerien geborenen Franzosen. In der Hauptstadt Algier, außer in der Altstadt, herrschte noch gespannte Ruhe. Gegen neun Uhr abends waren wir wieder daheim. Um den Kamin der Herberge haben sich Jugendliche aus zehn verschiedenen Nationen zu einer harmonischen Weihnachtsfeier versammelt. Trotz des in der Jugendherberge normal herrschenden Alkoholverbotes gab es reichlich Rotwein, von dem auch die Chefin des Hauses und ihr Gemahl nippten. War Weihnachten eine Ausnahmesituation oder wirkten wir vielleicht demoralisierend?

Tage ziemlicher Hektik folgten. Bei der Überprüfung meines Equipments entdeckte ich, dass das von der AKG zur Verfügung gestellte Mikrofon (D 12 Spezial) die Fahrt mechanisch nicht ausgehalten hat. Das System mit Membrane war abgebrochen und flog innerhalb des Gehäuses frei herum. Binnen kurzer Zeit war die Aufhängung durch die Vertretung der Firma in der Stadt repariert, und man gab mir darüber hinaus ausreichend Ersatzteile mit. Man kann ja nie wissen. Gemeinsam waren wir auf der Präfektur um Waffenscheine und um Schanis ausstehende Visa für die Reise in die geplanten Staaten einzureichen. Belgien hatte in Wien keine eigene Vertretung. Ich zeigte meinen Freunden die runde Bar Unic, wo wir zu Mittag speisten. Es war alles unverändert, lediglich die Bedienung hatte gewechselt. Nach dem Essen folgten Besuche bei einigen Konsulaten, das Österreichische hatte an dem Tag geschlossen. In der Santé maritime ließen wir uns gegen Gelbfieber impfen. Das Institut Pasteur hatte noch immer keine für Westafrika geeignete Schlangenseren zur Verfügung. Die Waffen wurden vom Zoll geholt und wir bekamen von Shell ein 200-Liter-Fass verbilligtes Benzin. Da wir einen Geländewagen besaßen, wollten wir dessen Allradantrieb nützen und in den Dünen am Meer entlang spazieren fahren. Wir fuhren bei prächtigem Wetter nach Fort de l’Eau zum Strand. Die erste Hürde, einen Stacheldrahtverhau, nahm Ubu in souveräner Manier. Doch fünfzehn Meter weiter erhielt unser Vertrauen in britische Fahrzeugtechnik einen harten Stoß. Wie ein Maulwurf grub er sich in den feuchten Sand ein und wir konnten, ohne uns auf die Zehenspitzen zu stellen, sein sonst nicht erreichbares Dach umfassend betrachten. Wir beschlossen die in der Nähe wachsenden Kakteen als Radunterlage zu verwenden. Zwei neugierige Einheimische kamen näher, doch als Max mit der Riesenmachete zum Pflanzen abschneiden aus dem Wagen sprang, suchten die Beiden eilends das Weite. Es dauerte einigen Minuten, da versammelte sich gefühlt die gesamte Bevölkerung aus dem östlichen Algerien plaudernd und scherzend um uns. Zwei Polizisten nahmen gewissenhaft unsere Personalien auf. Nach mehrere Stunden dauerender anstrengender Puddelarbeit, Ubu zeigte bereits die Tendenz ganz im Sand zu verschwinden, holten wir einen Traktor. Der zog unseren Geländewagen mithilfe eines langen Drahtseiles wie eine Feder aus dem unwirtlichen Sand. Die Besitzer des Traktors, eine einheimische Farmerfamilie, luden uns anschließend zu einem Imbiss ein, den wir nach dieser Anstrengung dringend benötigten. Wieder in der Herberge eingelangt, fielen wir erschöpft und todmüde in unsere Betten.

Am nächsten Tag fuhren wir zum Touringclub wegen genauerer Informationen für die Fahrt durch die Sahara. Im Institute Pasteur erhielten wir endlich die fehlenden Schlangenseren und nach dem Abendessen holten wir den Wiener Fußballklub Rapid vom Bahnhof ab. Robert Dienst und Robert Körner lieferten wir im Hotel „Tourist“ ab, wobei Jean-Pierre und Mackie helfend als Dolmetscher fungierten.

Es war der 31. Dezember 1955, Silvester. Kurz vor Mittag brachten wir Trainer und Gepäck zum Stadion St. Eugenie. Rapid gewann gegen die Algerier mit 4 : 3 Toren. Zum Abendessen waren wir mit dem bekannten Stürmer Robert Dienst in der Auberge de jeunesse um lächerliche FFr 350,– pro Person. Wir hatten drei Flaschen Rotwein auf den Sieg von Rapid gewettet und spendierten darüber hinaus drei in der Herberge. Nachdem die geleert waren, schliefen alle Mitbewohner selig ein. Mackie und ich traten nach alter Strohkoffertradition eine Stadtrundfahrt an, um den Jahreswechsel in reizvollerer Umgebung zu feiern. In einer Bar, in der wir das neue Jahr mit Champagner begrüßten, wurden wir unverhofft auf die Getränke eingeladen. Max wollte die Konsumation bezahlen, doch seine Pistole hinderte ihn die Brieftasche zu ziehen. Zu meinem Erstaunen und Entsetzen knallte er die Radon 9mm vor sich auf die Bartheke und griff nochmals in das Sakko zum Geld. Schreckensbleich verhinderte das der Barmixer, indem er die Rechnung zerriss und meinte, selbstverständlich gingen die konsumierten Getränke aufs Haus! Nachdem Mackie auch die Herbergsmutter mit dieser Waffe in Angst und Schrecken versetzt hatte, er wollte ihr das Erlebte vorführen, bestiegen wir im Jahr 1956 zufrieden unsere Stockbetten.

Madame Foubert ist beim österreichischen Konsulat angestellt und europäischer Kultur sehr verbunden. Wir haben ihr im Auftrag der Fremdenverkehrswerbung in Wien Plakate und von uns Blumen mitgebracht, was zu einer Einladung in ihr Haus führte. Nach einem etwas anstrengendem Essen hörten wir eine Beethovensymphonie, eingespielt von den Wiener Philharmonikern unter der Leitung des über mehrere Ecken mit mir verwandten Karl Böhm. Wenn ich mich recht erinnere, war es die fünfte mit dem Ta-ta-ta-taa. Dann stiegen wir zu fünft in den Père Ubu für eine Spazierfahrt in den nahegelegenen Wald auf steilen Wegen. Zurück kamen wir mit absolut nicht funktionierenden Bremsen, knapp an einem Unfall vorbei, dessen mögliches katastrophales Ausmaß wohl nur ich, der ich am Steuer saß, erfasst hatte. Doch glücklich am Haus der Fouberts angekommen, zwei Eimer mit kaltem Wasser über die glühenden Bremsen geschüttet, und sie funktionierten wieder. Nach Anhörung des vierten Brandenburgischen von Schallplatte verabschiedeten wir uns, nicht ohne eine Einladung zu einem weiteren Musikabend bei den Fouberts erhalten zu haben. Wir fuhren direkt zu unseren Freunden vom SK Rapid und feierten mit ihnen ausgiebig und fröhlich Abschied.

Bei meiner ersten Reise hatte ich zwei in der Herberge wohnende Mädchen kennen gelernt, Saleka, die Sonja gerufen wurde, und Salima. Sie wohnten dort, weil die eine in der nahe gelegenen Universität einem Studium nachging, die andere ein paar Straßen weiter in einem Büro arbeitete. Die waren beide noch immer da. Sie luden uns zu ihren Eltern auf ein Essen ein, deren Gastfreundschaft wir über den gesamten langen Aufenthalt in Algier ausgiebig beanspruchen durften. Wir waren diesen Abend bei der Familie Halali, die hießen wirklich so und wohnten in einem großen Haus, der „Villa Polo“ in Point Pescade am Rande von Algier. Sie nannten ein Weingut in Mascara ihr Eigen. Außer den beiden Eltern gab es die Töchter, die bereits erwähnten Saleka, Rachida und die Jüngste, Salima. Alle drei waren ausnehmend reizvolle und hübsche Geschöpfe. An Söhnen gab es Benamar, Larbi und Boualem. Ich hatte das Tonbandgerät und einige Tonbänder mit Jazz und Mitschnitte von Sendungen des BDN, des Blue Danube Network, mitgebracht, was die Stimmung gleich von Beginn an locker gestaltete. Vornehmlich das Band mit einer Stunde Sidney Bechet fand viel Anklang. Dent Titel „Les Onions“ musste ich immer wieder abspielen, und das bei jedem Besuch. Auch wenn ich bereits beim Erklingen der ersten Töne von diesem Band allergisch reagierte, es war mein kleines Dankeschön für die phantastische Gastfreundschaft. Prompt verliebte ich mich so nebenbei in Rachida, die sich durch einen leichten Pigmentfehler, zart gelbliche Hautfärbung und blondes Haar von den anderen Berberstämmigen unterschied und besonders hübsch und intelligent war. Leider blieb meine Liebe konstant unerwidert. In diesem Hause lernte ich die beste Zubereitung für die Nationalspeise Couscous kennen, genannt Couscous – Royal. Da sich das Essen, wie bei arabischer Gastfreundschaft üblich, sehr in die Länge zog, standen wir bei der Heimkehr um Mitternacht vor fest verschlossenen Türen. Die Herbergsmutter war rigoros in der Durchsetzung der Regel um 22:00 Uhr das Eingangstor abzusperren. Mein Versuch, ein Fenster zwecks Einstieg von außen zu öffnen, endete mit einem Absturz in einen zwei Meter tiefen ausbetonierten Graben, den ich mit leichter Gehirnerschütterung überlebte. Wir beschlossen, im Auto zu schlafen. Daraufhin kletterten wir und die drei  mit ausgesperrten Töchter Halali wieder in den Ubu und fuhren in das Stadtzentrum, weil es dort sicherer war. Zu sechst übernachteten wir im ausreichend geräumigen Humber.

Nach elf Tagen Aufenthalt der Vorhut in Algier traf endlich die Besatzung des IFA F9, der zweite Teil der Expedition mit Walter Eder und Hans Kopezky, ein. Wir wohnten gemeinsam in der Jugendherberge, dieser mit unserem Durchschnittsalter den ihren ursprünglich zugedachten Sinn nehmend. Nach einer schnell gekochten Instantsuppe aus unserem von der Firma Inzersdorfer gespendeten Vorrat an Suppenpulvern, hörten wir von Hans die schaurige Mär von den riesigen Brotschnitten, die ihm mit jeweils zwei Ölsardinen belegt, unser Kassenwart Walter auf der Fahrt hierher als Tagesverpflegung konzedierte. Uns schwante Schlimmes für die Zukunft. Walter brachte mir, neben Grüßen meiner Eltern, nochmals die Nachricht, dass ich mich unbedingt bei Feichtinger melden sollte, ob ich im Rondell nicht doch noch ein Jazzkonzert veranstalten wolle?

Der nicht so lange geplante Aufenthalt in der Stadt Algier setzte uns täglich mehr zu. Es gab zwar viel administrative Arbeit zu erledigen, aber unserer Hauptaufgabe, phonetische Dokumentationen in Westafrika zu erarbeiten, konnten wir hier nicht nachgehen. Deshalb verlegten wir unser Hauptaugenmerk auf Fotoreportagen und waren sehr glücklich über die  und nahrhaften Verbindungen zu den Fouberts und Halalis. Bei einem weiteren Besuch im Touringclub lernten wir zwei eben in Algier angekommene Reisende besten Mannesalters kennen, die aus Köln kommend in einem Volkswagenkabriolett Afrika entdecken wollten. Ernst Beding und Hermann Bartscherer, waren zwei umso nettere Menschen, als sie uns gleich auf ein Bier einluden. Daraufhin liierten wir uns mit den Kölnern und sie zogen zu uns in die Herberge, damit den Altersdurchschnitt der Herbergsbewohner weiter hinaufsetzend. Sie waren waschechte Kölner, sprachen den gleichen liebenswerten Dialekt wie der unvergleichliche Willy Millowitsch und brachten auch dessen Humor mit.

Nachmittags traf die inzwischen zu einer Partie von sieben Personen angewachsene Gruppe, Larbi Halali und alle fuhren miteinander auf einen vergnüglichen Abend zum Haus seiner Eltern. Dort servierte man uns wieder das berühmte Couscous. Zu dieser Speise gibt es zwei Gemüsesoßen, eine milde für Mitteleuropäer und eine derart scharfe, dass man sie nur wie ein Gewürz mit ersterer vermischt genießen konnte. Die Farbe und Konsistenz waren zum Verwechseln ähnlich. Der Zufall wollte es, dass die Schüssel mit der pikanten, anscheinend aus reinem Capsaicin zubereiteten Soße vor den zwei Deutschen stand. Aufmerksam unserem Beispiel folgend, nahmen sie davon genau so viel auf ihre Teller, wie wir von der milden Sauce. Nach den ersten Bissen und Schweißausbrüchen erklärten wir den Beiden besorgt, dass sie das unbedingt aufessen müssten, denn sonst würden sie die arabische Gastfreundschaft verletzen. Was sehr unangenehme Folgen haben kann! Diese Unterweisung akzeptierten sie bedenkenlos, schließlich waren wir erfahrene Afrikaner! Unter den bewundernden Blicken der Halalis würgten die Beiden die schmerzhafte Speise hinunter, bis sich Yamina, die Hausfrau, ihrer erbarmte und ihnen die milde Soße anbot. Nach einigen kühlenden Bieren fuhren die Deutschen, sie hatten inzwischen von uns den Spitznamen „die Teutonen“ erhalten, mit Walter und Hans nach Hause, wir Anderen durften in dem gastfreundlichen Haus übernachten. Da die Heimschläfer zu spät kamen und vor verschlossenen Türen standen, versuchten sie, durch ein Fenster einzusteigen. Als es nun Ernst, er war von etwas korpulenter Statur, gerade bis zur Hälfte geschafft hatte einzudringen, wurde er von der resoluten Mère-aub, die zufällig dort auftauchte, wieder nach außen gestoßen. Mit dem ihnen eigenen typischen Kölner Humor wurde die Sache letztendlich friedlich geklärt.

Um sieben Uhr morgens am nächsten Tag suchte uns ein Belgier in der Herberge, angeblich ein Tierfänger von Beruf, und sich der Expedition anschließen wollte. 100.000,– FFr sollten wir für die Mitnahme erhalten. Walter vertröstete ihn mit einer Entscheidung auf einen anderen Tag, sobald wieder alle Expeditionsteilnehmer versammelt sein werden. In der Stunde, in der ich mit Max und Hans im Studio von Radio Algier zu einem Interview saß, beschädigte auf der Straße ein LKW unseren Père Ubu. Eine umständliche Aufnahme des Unfalls durch die Polizei folgte. Ich drängte zu einem Besuch des Museums „Le Bardo“, weil ich mir dort weitere Anregungen für Musikaufnahmen erwartete. Mein Bekannter mit dem unaussprechlichen Namen war nicht mehr da. Ob er der „französischen Doktrin“ zum Opfer gefallen war? Wir erhielten eine Empfehlung an den arabischen Sender in Algier, zu einem Monsieur Saphir, wo ich mit meiner eigentlichen Arbeit beginnen konnte. Da die mir zur Verfügung stehende Ausrüstung mit einem Mikrofon für Orchesteraufnahmen nicht ausreichend war, bekam ich die Erlaubnis einige Einspielungen von Bändern des Senders zu kopieren. Der Klang dieser Musik über entsprechende Lautsprecher war mit dem der quäckenden Radios der Märkte nicht zu vergleichen. Während sich zu jener Zeit die europäischen und amerikanischen Tonstudios mit nach Blech klingenden Hallplatten zur Verschönerung ihrer Aufnahmen quälten, waren diese Musikstücke in einen unvergleichlich natürlich klingenden Hall gebettet. Sie klangen wie in einem gotischen Dom aufgenommen. Leider habe ich verabsäumt, nach der Herkunft solchen Effektes zu fragen.

Arabische Musik (Musique andalouse)

Mich wunderte, dass diese Symphonien „andalusisch“ genannt wurden. Professeur Saphir war ein profunder Kenner der klassischen arabischen Musik und nahm sich Zeit für Erklärungen. Es würde den Platz hier sprengen, alle Informationen anzuführen. Interessant ist aber die Tatsache, dass diese Musik aus dem Spanien des 14. Jahrhunderts stammend, mit der Vertreibung der Mauren durch die Spanier aus Europa nach Afrika gekommen ist. Aus diesem Erbe arabischer Kultur hat sich in Spanien der Flamenco entwickelt.

Gesang aus Algerien (Musique andalouse)

Der Hebel der Lenkradschaltung vom IFA brach während eines Schaltvorganges, als Makie ausnahmsweise den Wagen steuerte. Ich fuhr mit Walter in die Stadt einen brauchbaren Ersatz zu besorgen und gleich einzubauen. Kurz nach der Reparatur ging die linke Hinterachse des Humber beim Anfahren entzwei, im Stadtzentrum vor dem Rathaus. Zufällig kam der VW-Käfer mit Hermann, Max und Jean-Pierre vorbei. Hermann, der Gute, begann sofort die Achse auszubauen. Dabei erfuhren wir, dass beide in Deutschland ein Team Ralleyfahrer bildeten. Wo sollten wir in Algerien eine Ersatzachse für dieses seltene englische Automodell bekommen? Bei einem einheimischen Gebrauchtwagenhändler fanden wir eine Achse, die dem Original entsprach, sie war allerdings angerostet, aber funktionsfähig. Wahrscheinlich stammte sie aus einem Ersatzteillager der britischen Armee, die vierzehn Jahre vorher in Nordafrika gegen die Truppen Rommels kämpfte. Hermann und ich bauten die neue Achse ein,  Larbi, der Sohn der Halalis, Mackie, Hans und Jean-Pierre begaben sich für eine Fotoreportage in die Kasbah. Die Einwohner in den romantisch engen Gässchen sind recht unduldsam geworden und betrachteten jeden Europäer als Feind. Dank der Vermittlung von Larbi kamen sie knapp mit dem Leben davon. Der Aufstand der FLN gegen die französische Kolonialherrschaft hatte damit auch für uns empfindlich merkbar begonnen.

In den Monaten seit meinem letzten Aufenthalt in Algerien hat sich die allgemeine Stimmung merklich verändert. In der modernen Stadt Algier war nichts davon zu bemerken, allerdings von außerhalb und speziell aus der Altstadt kamen regelmäßig beunruhigende Nachrichten. Weil das Unternehmen Kasbah keinen Erfolg brachte, wollten Max und Hans die Djurdjura, das tief verschneite Wintersportzentrum Algeriens, nur hundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt, für eine Fotoreportage besuchen. In zweitausend Metern Höhe vormals mit Hotels und Skiliften touristisch aufgeschlossen, war das Gebiet jetzt verlassen und gefährlich. Die direkte Verbindung von der Algier nach Constantine führte durch dieses wildromantische Gebirge, in dem Fellaghas Strommaste sprengten, Transporte überfielen und alles töteten, was ihnen vor die Gewehre kam. In einem der aufgelassenen und nicht zerstörten Hotels hatte sich eine Abteilung französischer Gebirgsjäger festgesetzt, abgeschlossen von der Umwelt. Im letzten Ort der Ebene vor dem Anstieg war ein Bäcker, der sich weigerte, weiterhin dort hinauf zu liefern. Beladen mit fünfzig Kilogramm Brot wurden die zwei Fotoreporter von den Soldaten mit schussbereiten Maschinenpistolen im Anschlag freudig begrüßt. Die Ausbeute an Bildern war, außer einigen im Fahren aus dem Auto geschossenen Landschaftsaufnahmen, eher gering. Mackie und Hans beeilten sich nach einer Übernachtung im Schutz der Gebirgsjäger, so schnell als möglich Algier zu erreichen. Unversehrt kamen sie wieder in der Herberge an. Unser Aufenthalt in dieser schönen Stadt verlängerte sich. Da für Walter und Hans in Wien die Zeit zu knapp geworden war, mussten auch für sie ausstehende Visa besorgt werden. Die Formalitäten zur Erlangung der Erlaubnis für die Durchquerung der Sahara beanspruchten Zeit und verlangten Nerven. Beitrittserklärungen zum Touringclub, Treibstoffverträge, Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfeleistung, sowie Versicherungen, das alles kostete Gebühren, die vor Entgegennahme der Dokumente bezahlt werden mussten. Die Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfeleistung erweiterten wir auf die beiden Reisenden aus Köln. Wir hatten die Beiden sympathischen Herren so ins Herz geschlossen, dass wir nichts dagegen hatten, wenn sie sich uns für die nächsten Abenteuer anschlossen.

Nach genau einem Monat Aufenthalt in Algier war es endlich soweit! Ich hatte eine Holzkiste aufgetrieben, in der ich den schweren Einankerumformer zum Betrieb des Tonbandgerätes festschrauben konnte. Die Autos wurden am Vortag der geplanten Abfahrt nochmals überprüft und beladen. Auch die „Teutonen“ packten. Walter ließ es sich nicht nehmen die Nacht im Auto zu verbringen, damit er über unser Equipment in den Fahrzeugen wachen konnte. Der Abschied von den Halalis triftete ins Sentimentale, sie waren wirklich großzügig uns gegenüber gewesen und ich freue mich dieser Familie hier nach so vielen Jahren ein Denkmal setzen zu können. Die Verabschiedung von den Herbergseltern artete in ein unkontrolliertes Fest aus, das bei den sonst so duldsamen und freundlichen Menschen Missstimmung hinterließ. Was soll‘s, es war ja der letzte Abend in Algier.

Wie geplant frühstückten wir zeitig. Max, Schani und Kopezky fuhren mit dem IFA in die Stadt. Mit leicht ramponiertem Auto kehrten die drei wieder zurück. Sie hatten eine kleinere Konfrontation mit einem LKW, doch wie das damals in Algerien so üblich war, wurde der dadurch entstandene Schaden von der Versicherung umgehend in bar geregelt. Was unserem Expeditionsetat recht gut tat. Vorschläge, dass Schani eigentlich weiterhin in Algier bleiben und mit dem Auto Geld verdienen sollte, mussten jedoch aus einsehbaren und moralischen Gründen verworfen werden. Vor der Abfahrt äußerte ich Bedenken wegen der Achse an meinem Auto, die wurden aber von den Freunden mit fast beleidigenden Ausdrücken wie Angsthase, Schwarzseher etc., zerstreut. Da Schani und Kopezky wegen administrativer Angelegenheiten noch in der Stadt verblieben, gab es einen rührenden Abschied von ihnen, und einen weniger sentimentalen von der Herbergsmutter. Endlich konnten wir uns auf den Weg machen, die Besatzung des Ubu mit Mackie, Walter, und mir als Fahrer, sowie die Teutonen Hermann und Ernst in ihrem VW-Kabrio, gegen Südwesten. Vollgetankt, mit geprüftem Ölstand und korrektem Reifendruck fuhren wir guter Stimmung bei kühlen und trüben Wetter in Richtung Sahara.

(Die Musikaufnahmen zu diesem Kapitel sind im Katalog des Phonogrammarchivs der Akademie der Wissenschaften zu finden)

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