10. KAPITEL – Stadt in der Wüste, Achsbruch, Alltag im Kriegsgebiet

Was einmal kommen musste, nun ist es geschehen! Als wären Goethe die Schreibfeder oder Hemingway die Schreibmaschine abhandengekommen, genauso fühle ich mich jetzt. Johann Wolfgang von Goethe hätte in so einem Fall wahrscheinlich getobt und die Haushälterin herbeizitiert, Hemingway würde dies als Ausrede benützt und zur nächsten Flasche gegriffen haben. Nicht dass ich mich mit diesen Genies auf eine Stufe stellen möchte! Allein die Tatsache, dass mir das zur Ausübung meines Wollens notwendige Utensil streikt, lässt mich Frevler meine Empfindungen mit den möglichen Gefühlen dieser Großen vergleichen. Das Netz- und Ladegerät des Computers verweigert mir seinen Dienst. Wahrscheinlich wegen der hohen Umgebungstemperatur und dem ständigen Wechselbad der Spannungsschwankungen des hauseigenen Stromaggregates, gibt das Gerät zischend und qualmend seine ihm zugedachte Funktion auf. Nach kurzer Abkühlphase, sobald ich es wieder angreifen kann, inspiziere ich dieses elektronische Zubehör genauer. Made in China. Nein, bitte keine Vorverurteilungen. Wenn eine der stärksten  Industrienationen wie Japan trotz schwelendem Inselstreites ihre patentierten Wunderdinge weiterhin in China anfertigen lässt, sollte man ohne Frage gute Qualität erwarten. Einen zweiten Akkumulator zur Reserve habe ich mit, aber an ein Ersatzladegerät dachte ich nicht. Um zu dessen Eingeweiden zu kommen, muss man Schrauben öffnen, die das Gehäuse zusammen halten. Diese Spezialschrauben haben aber, vom Fabrikanten mit Absicht verschmitzt so vorgesehen, Nietenköpfe, die mit keinem normalen Werkzeug zu öffnen sind. Ich bitte Francois, mich bei dieser Operation zu unterstützen. Mittels einer Bohrmaschine gelingt es ihm, das Innere des Patienten freizulegen. Schwarzbraune, nach verbranntem Isoliermaterial stinkende Klümpchen bieten, zwischen noch intakt scheinenden elektronischen Bauteilen, einen traurigen Anblick. Francois schüttelt den Kopf, bringt einen Freund von ihm ins Spiel, der ein Wundertechniker sei. Allerdings müsste man das Ding nach Tamanrasset bringen. Das sind über dreihundert Kilometer durch die Wüste. Wir beschließen umgehend loszufahren, da es noch früh am Tag ist. Während Francois seiner Michelle unser Vorhaben erklärt, tanke ich meinen Landrover und zwei Reservekanister voll. Er ist lange genug gestanden, und Bewegung tut ihm sicher gut. Kanister mit Wasser stehen gut gesichert hinten im Auto. Wir hängen noch eine mit frischem Wasser gefüllte Ziegenhaut mit Haken an eine Wagenseite und wollen die Auberge durch das Haupttor verlassen. Michelle winkt uns vom Haus mit einem Papier in der Hand und ich lenke den Rover bis knapp an die Stufen heran. Sie überreicht uns einen Einkaufszettel für Tamanrasset.

Wir fahren auf einer Sandebene nach Nordosten. Die Piste ist streckenweise sicher mehr als zweihundert Meter breit und unzählige Spuren führen alle in die gleiche Richtung, nach Tam. Bei mir stellt sich während so einer Fahrt, einige hundert Kilometer von jeder Zivilisation entfernt, ein richtig tiefes Glücksgefühl ein. Es gibt auf unserer Erde nur mehr wenige Plätze, an denen man Freiheit spüren und genießen darf. Hier ist sie greifbar, obwohl selbst dieser Ort des Friedens unsichtbar von vielen Strahlungen und Umweltverschmutzungen der Zivilisation durchsetzt ist. Trotz Radiowellen und Funkverkehr in allen Frequenzen, in der Atmosphäre schwebende Abgase und Partikel von irgendwelchen Industrien anderer Kontinente, die bei Abkühlung oder mit Regen auf die Erde fallen, dringt das Gefühl physischer Freiheit tief ins Innere. Vor der exzessiven industriellen Entwicklung ab der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gab es hier keine Belastungen der Umwelt außer ein paar zu vernachlässigenden Radiowellen, oder die unvermeidlich in der Natur allgegenwärtigen Neutrinos.

Nach etwa hundert Kilometern glatter Fahrt in der endlos erscheinenden Ebene bleiben wir auf einer leichten Anhöhe stehen. Einfach so, in der Mitte der Piste, niemand reglementiert uns, dass wir etwas nicht tun dürfen. Die Wüste ist hier steinig, im Windschatten der Steine haben sich kleine Sandhäufchen wie Minidünen gebildet, die sich durch ihre hellgelbe Farbe von der dunkleren Erde ringsum abheben. Wir setzen uns einige Schritte weiter auf einen Steinhaufen, die absolute Stille genießend nach dem lauten Gerumpel im fahrenden Rover. Sehr zart bewegt sich gelegentlich an- und abschwellend, die kühle Luft. Lange sitzen wir schweigend und versuchen nichts zu denken. Ich stehe auf und hole aus dem Wagen eine bereits geöffnete Flasche Rotwein, laute Geräusche dabei vermeidend. Michelle hat uns ausreichend Proviant mitgegeben. Wir nehmen jeder einen langen Schluck. Ohne Verschluss steht die Flasche zwischen uns, der leichte Luftzug zaubert eine überirdische Melodie aus dem Flaschenhals, gleich einer Panflöte. Die Töne fügen sich in die natürliche Stille ein, den Frieden bewahrend. Ich stelle mir vor, dass ein freier Targi wie Akamouk wochenlang durch die unendliche Stille zieht und allerorten Musik hört. Es gibt an vielen Plätzen in jener Einsamkeit kleinere oder größere Hohlräume im Gestein, in denen sich der Wind fängt. Gerne würde ich hier noch einige Zeit in diesem Meer der Ruhe verweilen, in dem meine Seele glücklich schwimmt. Aber wir müssen weiter, die Sonne beginnt zu stechen und wir sollten noch bei Tageslicht die Stadt erreichen. Sandflächen wechseln mit Strecken steinigen Untergrunds ab. Inmitten der unwirtlichen Wüste kreuzt unsere Piste eine andere, die schnurgerade in Nord-Südrichtung führt. Dort befindet sich neben der Kreuzung ein Brunnen mit einem richtigen Wasserhahn. Erstaunlich, welche Änderungen die Algerier seit meinem letzten Besuch in diesem Land vorgenommen haben. Wir machen bei der Wasserstelle Mittagspause, öffnen eine Dose Ölsardinen, sentimentale Erinnerungen an die erste Expedition steigen auf, teilen den Inhalt brüderlich auf die zwei Hälften des von Michelle eigenhändig gebackenen Baguettes. Nach dessen Genuss geht es weiter in Richtung Tam, wie die Stadt im täglichen Umgang kurz genannt wird.

Die ersten bizarren Vulkanberge des Hoggar zeigen sich am Horizont. Durch eine steppenartige Hochebene kommen wir schnell in die Ausläufer der Berge und erreichen in der Ortschaft Silet die Route national 55A. Reifen und Stoßdämpfer schonend fahren wir auf Asphalt durch ständig höher werdende Hügel, welche die steil hochragenden Reste der Vulkane  umgeben. Bei der Einfahrt zur Stadt Tamanrasset steht der moderne Gebäudekomplex der Universität. Diese wurde 2009 eröffnet und hat bereits in den wenigen Jahren aus dem Einzugsgebiet 53.000 Studierende der Rechts- und Sozialwissenschaften. Dem zufolge ist die Stadt gewachsen. Trotz der späten Stunde finden wir die Werkstatt des Bekannten von Francois. In einem langgestreckten Raum, kaum von Tageslicht erhellt stehen mehrere Tische, die anscheinend ohne Ordnung mit nicht genau zu definierenden Gerätschaften und Bestandteilen voll belegt sind. Auf einem der Tische ist eine von einer elektrischen Birne schwach beleuchtete Arbeitsfläche freigehalten. Im Habitus eines Targi begrüßt uns der Gesuchte, der sich nach längerem Austausch von Höflichkeiten mit uns meines Patienten annimmt. Bis morgen Mittag will er das Gerät repariert haben. Es macht sich unangenehm bemerkbar, dass die moderne Zivilisation hier eingreift. Obwohl er ein Einheimischer ist, bietet er uns keinen Tee an. Die drei traditionellen Gläser Tee bei den Tuaregs sind nicht nur Vertrauen bildend oder gelten als Versprechen einer besonderen Gastfreundschaft, sondern ergeben darüber hinaus an heißen Tagen einen gesunden Durstlöscher. Müde begeben wir uns in ein Touristenhotel im Zentrum der Stadt und erwarten sehnsüchtig ein kühles abendliches Bier. Am nächsten Morgen fahren wir mit Michelles Einkaufsliste für Lebens- und Putzmittel zu verschiedenen, europäisch wirkenden Läden. Interessiert besichtigen wir die saubere und teilweise moderne Stadt, mit ihren etwa 190.000 Einwohnern. Mir fällt auf, dass Autos von Toyota hier allgegenwärtig sind. Baukräne ragen in den Himmel, denn an einigen Stellen baut man mehrgeschossige Häuser, geplant sind 7.000 Wohneinheiten. Bei unserer Rückkehr ins Hotel erhalten wir die Nachricht, dass das Netzgerät wieder funktioniere und abholbereit sei. Francois regelt die finanzielle Angelegenheit mit seinem Freund und wir fahren auf breiter Asphaltstraße in die Wüste. Für diese Fahrt benötigen wir kaum Scheinwerfer, ein heller Mond steht am Himmel, der Straße wie Piste ausreichend und umfassend beleuchtet. Nach romantischer nächtlicher Reise über die Pisten erreichen wir spät in der Nacht die hell erleuchtete Auberge. Francois ärgert sich wegen der offensichtlichen Energieverschwendung. Aber infolge der herzlichen Begrüßung durch Michelle wagt er es nicht, ihr deshalb Vorwürfe zu machen, dieser Pantoffelheld. Ich verschwinde in das Turmzimmer, verbinde das Ladegerät mit dem Computer und stelle erfreut fest, dass es funktioniert. Ich bin ziemlich müde, aber freue mich darauf, morgen meine Erinnerungen fortsetzen zu können:

Fegefeuer! Bevor wir Schwarzafrika, unser eigentliches Ziel erreichen und erfolgreich unsere selbst gestellten Aufgaben erledigen konnten, mussten wir noch einige Prüfungen bewältigen. Feuerproben, die unsere Gruppe auf viele Jahre zusammenschweißen sollten. Aber der Reihe nach:

In der Jugendherberge von Algier frühstückten wir wie geplant zeitig am Morgen. Max, Schani und Kopezky fuhren zu Besorgungen mit dem IFA in die Stadt. Wer ist „Schani“? Nun, in einer Anwandlung von Zärtlichkeit, auch aus Bequemlichkeit, hatte es sich eingebürgert, Jean-Pierre im engen Kreise einfach Schani zu rufen, was ihm gefiel und deshalb beibehalten wurde. Mit etwas ramponiertem Auto kehren die drei später wieder zurück. Sie hatten eine kleinere Konfrontation mit einem LKW, aber der dadurch entstandene Schaden wurde von der Versicherung umgehend in bar geregelt. Das war damals in Algerien so üblich, was unserem Expeditionsetat recht gut tat. Vorschläge, dass Schani weiterhin in Algier bleiben und mit dem Auto Geld verdienen sollte, wurden jedoch aus einsehbar praktischen wie moralischen Gründen verworfen.

Vor der Abfahrt äußerte ich noch Bedenken wegen der Achse an meinem Auto, die wurden aber von den Freunden in fast beleidigender Form wie Angsthase, Pessimist etc., zerstreut. Da Schani und Kopezky aus administrativen Gründen in der Stadt bleiben mussten, gab es einen rührenden Abschied von ihnen, und einen, durch die exzessiv überzogene Abschiedsfeier des Vorabends bedingt, weniger emotionalen von der Herbergsmutter.

Endlich konnten wir losfahren, die Besatzung des Ubu mit Mackie, Walter und mir am Steuer. Voran die Teutonen Hermann und Ernst in ihrem VW-Käfer-Kabrio, mit denen wir beim Touringklub in Algier einen Hilfevertrag abgeschlossen hatten. Die Fahrt ging gegen Südwesten. Wir wollten die etwa 400 Kilometer entfernte Stadt Mascara (jetzt Muaskar) als erstes Etappenziel erreichen. Diese Strecke ist auf einer breiten asphaltierten Straße ohne Mühe in einem Tag zu schaffen. Allerdings empfahl man uns, ausschließlich bei Tag zu fahren, denn die Route führt durch einige Zentren der Aufständischen. Verlassene und verwilderte, auch niedergebrannte Farmen zeugten davon, dass wir uns inmitten von Kriegsgebieten befanden. Die Straße führte uns durch eine fruchtbare, kultivierte Ebene, da es Winter war, lagen die Äcker ringsum allerdings brach. Vor El Affroun begannen die sechs Zylinder des Humber nicht mehr richtig zu ticken und stotterten. Die Benzinleitung musste bei der Tankstelle mit Druckluft ausgeblasen werden, was dem Motor wieder gleichmäßigen Lauf und volle Kraft zurückgab. Ich bezog meine schlimmen Vorahnungen auf diese kleine Panne und fuhr beruhigt und froh in die Zukunft blickend weiter. Anscheinend zu fröhlich, denn zwölf Kilometer nach El Affroun, wir hatten kaum den winzigen Ort Oued Djer passiert, brach die zweite Achse, es gab keine weitere in Reserve.

Die Straße schmiegte sich rechts, den Formationen der Berge folgend, an die Abhänge, links ging es hinunter in ein Flusstal, das in seiner Breite wechselte. Der Fluss war eigentlich ein munter fließender Bach. Wir standen unbeweglich kurz vor einer Brücke, Père Ubu etwa ein Drittel der Straße blockierend und den Verkehr gefährdend. Da wir für die Vorausfahrenden Deutschen nicht mehr im Rückspiegel zu sehen waren, machten sie eine Kehrtwendung, und der VW stieß wieder zu uns. Eine kurze Beratung ergab, dass sich die beiden Kölner mit 10.000 Francs nach Algier zurückbegeben und dort eine Ersatzachse suchen sollten. Den auf dem Rücksitz zwischen Reisegepäck eingeklemmten Mackie setzten sie in El Affroun ab. Der kam bald mit einem Mechaniker zurück, und wir versuchten mit einer Schleppvorrichtung den schweren Wagen zur Seite zu schieben. Doch mit einem Gesamtgewicht von mehr als drei Tonnen widersetzte sich das Auto allen Bemühungen seinen Standort zu verlassen.

Oued Djer002
Mackie, nicht an Technik interessiert, blickt von oben herab auf unseren Fuhrpark in Oued Djer

Ich ging zur Brücke über den ausgetrockneten Fluss, dem Oued, und sah unterhalb einen zerschellten und halb angebrannten Citroën 11 liegen. Dieser Anblick brachte mir die verschiedenen Warnungen wegen der blutrünstigen Räuber und Wegelagerer, den Fellaghas, wieder zu Bewusstsein. Fellaghas nannte man damals noch abschätzig die algerischen Freiheitskämpfer, die von 1954 bis 1962 die französische Kolonialmacht bekämpften. Dieser Krieg war zu der Zeit erst im Anfangsstadium, doch zeichnete sich die Brutalität und Menschenverachtung mit der er geführt wurde schon deutlich ab. Wie wir später erfahren mussten, war genau da wo wir nun festsaßen, ein Schwerpunkt der Überfälle. Uns umgab eine zerklüftete Berglandschaft, in der man hinter jedem Grat, Stein oder Busch einen bösen Fellagha vermuten konnte. Bei Tageslicht war die Gefahr von Gewalt noch gering, erst in den Nachtstunden setzten die Kämpfer ihre Aktionen. Ein zufällig vorbeikommender französischer Polizist erkannte, dass diese Panne nicht so schnell zu beheben war. Er half uns insoweit, indem er einem arabischen Gardien, einem Wächter, Anweisung gab, uns und unser Gepäck einzuquartieren. Das Haus, eine von ihren französischen Besitzern verlassene Farm, lag in etwa 150 Meter Entfernung in einer Mulde neben der Straße, durch einen Hügel vom invaliden Père Ubu getrennt. Von der etwas höher liegenden Straße führte eine kurvige unbefestigte Auffahrt hinunter zu dem kleinen Anwesen. Der Gardien, mit einem stark gebrauchten grauen Wintermantel und dem landesüblichen bunt gemusterten Turban bekleidet, holte unser Gepäck mit einem alten Lastauto. Das Haus war ebenerdig, sauber gehalten und gepflegt, das vorgezogene Ziegeldach wurde von einigen Säulen gestützt und bildete damit eine Art Veranda. Ein bis auf einen Schrank ausgeräumter, quadratischer Vorraum mit jeweils einer Türe an allen 4 Seiten empfing uns. Licht drang ausreichend durch die Gläser der sich gegenüberliegenden Eingangstüren, eine davon war der Haupteingang, die andere, gegenüber liegende führte nach rückwärts hinaus auf eine Wiese und zu dem das Grundstück begrenzenden Bach hinunter. Eine dritte Türe links war verschlossen und wahrscheinlich der Zugang zum Wohnbereich mit der Küche und den Sanitäranlagen der Farm. Nur von außen vom Hof zu erreichen, befand sich in einem Anbau das Zimmer des über das Anwesen wachenden algerischen Wächters. In der rechten Wand vom Haupteingang gesehen, war eine vierte Türe, die zu einem größeren, ebenso leeren Raum mit einem in das eine Eck gebauten Kamin führte. In der anderen Ecke stand verloren ein riesiges Ölfass. Ein Fenster gab den Blick nach außen, gegen Westen frei. In dieses Wohnzimmer brachten wir das Expeditionsgepäck und die Luftmatratzen. Die drei Matratzen von Semperit bliesen wir auf und legten sie so nebeneinander, dass das Fenster in unserer Blickrichtung lag.

Oued Djer

Inzwischen war der freundliche Gendarm von seiner Suche nach einem Abschleppwagen ergebnislos zurückgekommen. Auf unseren Wunsch erhielten wir gegen einen geringen Betrag eine einheimische Wache für das invalide Auto zur Verfügung gestellt. Wahrscheinlich war es zu kalt und gefährlich, sie blieb nur eine Nacht. Das sollte ein paar Tage später Folgen haben.

Langsam brach die Dämmerung herein und der Gendarm verabschiedete sich auffällig schnell. Es gab um diese Tageszeit zwar kaum Verkehr, aber die Standlichter unseres Fahrzeugs ließen wir aus Vorsicht brennen. Wir machten uns Gedanken über die französischen Besitzer der Farm, sind sie geflüchtet, vertrieben oder gar ermordet worden? Auch waren wir unsicher, auf welcher politischen Seite der Gardien des Hauses stand, und ob er uns in der Nacht umbringen wird? Da wir uns mitten im Krisengebiet aufhielten, schliefen wir mit geladenen Waffen in Griffweite. Plötzlich riss uns lautes Gerenne und Gepolter aus tiefem Schlaf. Die Geräusche kamen von oben, anscheinend spielten einige Ratten am Dachboden ober uns Fußball, zumindest klang es so. Außer diesem erschreckenden Ereignis gab es in dieser ersten Nacht keine besonderen Vorkommnisse.

Es begann die lange Zeit des Wartens auf eine neue Achse, die unsere Geduld und Nerven schwer auf die Probe stellte. Wir alle hatten triftige gemeinschaftliche sowie persönliche Gründe dafür, die Expedition erfolgreich abzuschließen. Ein Abbruch stand also niemals zur Diskussion. Die Batterie des Autos war am nächsten Morgen natürlich absolut leer. Wir trieben in El Affroun einen Mechaniker auf, der einen Wagenheber mit Rädern mitbrachte. Damit gelang das Verschieben und Ubu stand nun korrekt am Straßenrand, was uns wiederum 500 Francs gekostet hat. Der freundliche Gendarm besuchte uns und erzählte von einem heute Nacht stattgefundenen Überfall von Fellaghas. In etwa fünfzehn Kilometern Entfernung von hier fanden etliche Pied Noires dabei den Tod. Als am nächsten Tag wieder von einem Überfall auf ein französisches Munitionsdepot ganz in der Nähe berichtet wurde, beschlossen wir unsere Sicherheit zu organisieren und Räume wie Leben taktisch zu verteidigen. Am Abend waren wir mit dem ausgeklügelten Plan bereit dem Angriff einer Division von blutrünstigen FLN-Kämpfern standzuhalten. Im Falle einer Attacke sollte Walter mit seinem zur Jagdwaffe umgebauten Karabiner K 98 den linken Haupteingang im Vorraum verteidigen und Max, der zwischen uns sein Lager hatte, mit der Schrotflinte das rückwärtige Tor vor Eindringlingen schützen. Mir fiel die Aufgabe zu, mich hinter dem Ölfass zu verstecken, und von dort den Schlafraum mit kostbarem Inhalt und das Fenster mit meiner 7,65 mm-Pistole zu sichern. Nach dieser taktischen Besprechung malten wir einen Wegweiser: „Villa Achsbruch – 100 m“ und stellten ihn oben an der Straße auf. Damit konnten uns eventuell vorbeireisende Landsleute und Besucher leichter finden, ob tot oder lebendig. Darüber hinaus sollte es ein Signal für die FLN sein, dass hier weder Franzosen, noch Pied Noirs wohnen. Selbstverständlich schliefen wir wieder mit den Waffen bei der Hand.

Im sicheren Gefühl unserer Kampfstärke erinnerten wir uns am nächsten Morgen an das in Wien dem Rektor der Veterinärmedizin der Universität, Prof. Marinelli gegebene Versprechen, möglichst zahlreich Tiere zu fangen und heimzubringen. Nicht so sehr wegen einer zu erfüllenden Aufgabe, mehr als Beschäftigungstherapie, beschlossen wir auf Jagd nach Schlangen zu gehen. Obwohl es in der Gegend viele davon geben sollte, fanden wir keine. Der Wintereinbruch mit Schnee und Eis hat sie wahrscheinlich in ihre Höhlen getrieben. Dafür brachten wir einen dicken Igel mit, den wir nach einer Comicserie prompt „Mekki“ tauften. Auch trockene Äste sammelten wir fleißig, um damit zu heizen, denn es wurde empfindlich kalt. Niemand von uns hat mit derartigen Minusgraden in Afrika gerechnet. Der Kamin rauchte und qualmte, wegen der Erstickungsgefahr mussten wir die Fenster öffnen, was uns in dieser Nacht fast erfrieren ließ.

Am nächsten Tag tauchte eine Abordnung Einheimischer auf und wir plauderten mit ihnen ausgiebig. Auf deren Fragen erklärten wir, wer wir sind und was wir hier machen. Vorsichtshalber behandelten wir sie sehr freundlich, man kann ja nie wissen, ob sie nicht Informanten für die Fellaghas, oder gar selbst welche waren. Da ich recht wenig von der Unterhaltung verstand, ging ich inzwischen alleine jagen. Eine wunderschön bunte Kröte und eine ziemlich große Schildkröte waren die Ausbeute. Max, den die freundlichen „Nachbarn“ bereits verlassen hatten, sah Letztere und begann mit glänzenden Augen laut von einer Schildkrötensuppe zu schwärmen. Mackie und Walter war später das Jagdglück hold und sie kehrten mit einer Schlange heim, von der niemand wusste, ob und wie giftig sie sei. Es entwickelte sich eine spannende Diskussion über die Merkmale, mit denen man eine Giftschlange von einer ungiftigen unterscheiden kann. Total verunsichert  steckten wir sie in einen großen, von der Fa. Semperit gespendeten Bottich. Bald darauf bemerkten wir, dass sich die Grundlage für die Schildkrötensuppe von Max ihrer Bestimmung entzogen hatte und geflüchtet war. Dafür fürchteten wir, dass die in sich still ruhende Schlange dem Hungertod nahe sein könnte. Solch tragisches Ende  versuchten wir mit einer gefangenen Maus abzuwenden. Nachdem die Maus mehrmals über Körper und Kopf des vor Angst über dieses wilde Tier wie gelähmt daliegenden Reptils gestolpert war, sprang sie aus dem Gefäß und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Vielleicht lebte diese Schlange vegetarisch?

Wir erfuhren vom Gardien, dass bei Dunkelheit in nächster Nähe wieder ein tödlicher Überfall erfolgt war, worauf wir uns frustriert in unser Zimmer zurückzogen. Heute Abend kochte Max eine arabische Spezialität! „Pois chiches“ (Kichererbsen). Er hat sehr viel davon gekocht und das äußerst scharf. Trotz stundenlangem Kochen im Druckkochtopf blieben die Hülsenfrüchte steinhart. Während dem ausgiebigen Abendessen begann ein langes, wohlabgewogenes Gespräch über Kunst im Allgemeinen und auch Speziellen, das später irgendwie unter dem Einfluss von einigen Flaschen „Vin de Pays“ im Unendlichen verkleckerte. Anschließend begaben wir uns mit Taschenlampen auf eine wilde, allerdings erfolglose Mäusejagd.

Missgelaunt und mit Sodbrennen erhoben wir uns bei Tagesanbruch. Das Warten auf die Ersatzachsen nervte. Mackie, der Zivilisation entronnen, lässt sich einen Bart wachsen. Täglich marschierten zwei von uns nach El Affroun zur Post und versuchten nach Wien zu telefonieren. Es blieb erfolglos. Als Abwechslung erschienen die „Teutonen“ Hermann und Ernst mit einer Wienerin und deren beiden jugendlichen Töchtern im Schlepptau. Die Freunde haben ihren Plan die Sahara mit dem Käfer zu durchqueren aufgegeben und wollten sich verabschieden, da sie wieder nach Köln zurückmussten. Sie erzählten uns, dass Feichtinger als Kontaktperson, dies war der Pächter des „Rondell“  in Wien, von unserem Wunsch über drei Ersatzachsen sowohl schriftlich, als auch telegraphisch in Kenntnis gesetzt worden ist. Während die anderen im Haus bei einem Kaffee plauderten, nahm ich eine Machete und lud die beiden Mädchen zu einer Besichtigung der Umgebung zeigen. Walter ließ es sich nicht nehmen die Führung zu übernehmen und ging voraus. Ich war sozusagen die Nachhut. Vor allem der Anblick der seinerzeit sehr modernen, über dem Gesäß recht eng anliegenden, und dadurch meine Phantasie beflügelnden Keilhosen der vor mir gehenden jungen Damen war entzückend. Von Zeit zu Zeit fuhr sich die jüngere der beiden, Linda, mit den Händen auflockernd unter ihr schulterlanges Haar, um es gleich mit einer unnachahmlichen, schnellen Kopfbewegung wieder fallen zu lassen. Verloren in diese Ansichten verfehlte ich beim Überqueren eines Baches einen Stein. Der Länge nach fiel ich in das eiskalte, klare Wasser, was meiner Selbstsicherheit und meinem galanten Eroberungsdrang ein unrühmlich abruptes Ende setzte. Nach einem maßvollen Abschiedstrunk blieben wir wieder uns selbst überlassen und Walter buk Palatschinken zum Abendessen. Diese Jahrhundertwerke der Kochkunst erreichten lange anhaltende Berühmtheit. Walter nahm dazu Mehl, eine Prise Salz und vermischte die Zutaten mit klarem Wasser. Dann verteilte er den daraus gewonnenen flüssigen Teig in eine schwach oder gar nicht eingefettete Stielpfanne und ließ ihn sorgfältig am Feuer auf beiden Seiten bräunen. Das Produkt wurde der Pfanne entnommen, mit einer Sardine belegt, etwas Öl aus der Dose beträufelt und so verzehrt. Da die nach rückwärts hinausführende Türe nicht zu versperren war, mussten wir sie verbarrikadieren. Bevor wir uns in unser Schlafzimmer zurückzogen, türmten wir alles zu findende Tischgeschirr aus Porzellan und einige Gläser aus dem Schrank vor die nach innen zu öffnende Türe. Bei unerlaubten Öffnen von außen würde der Geschirrturm in sich zusammenstürzen und uns wecken. Zufrieden und in Erwartung friedlichen Schlafes verkrochen wir uns in die Schlafsäcke. Doch noch in der Einschlafphase weckte uns Höllenlärm. Mackie warnte mit dem Ruf „Fellaghaaas“! Unser minutiös vorbereiteter Verteidigungsplan musste jetzt in die Tat umgesetzt werden. Diesem taktischen Meisterwerk gemäß sprang Walter von seinem Lager auf und raste in den Vorraum. Leider verdeckte die geöffnete Schlafzimmertüre den dahinter stehenden Karabiner, deshalb fand er ihn nicht und lief unbewaffnet hinaus. Ich bekam das mit, konnte meinen Freund Walter natürlich nicht im Kugelhagel der Freiheitskämpfer sterben lassen und eilte ihm mit geladener 7,65 er zu Hilfe. Wir umkreisten das Haus und fanden keine Angreifer. Der Vorraum war mit Scherben übersät. Zurück in unserem Raum hörten wir ärgerliches Stöhnen vom mittleren Lager her. Sich windend lag dort Max und versuchte von innen den verklemmten Reißverschluss seines Schlafsackes zu öffnen. Wir befreiten ihn aus dieser misslichen Lage und untersuchten nochmals bei Licht den Vorraum. Igel Mekki zog unschuldsvoll grunzend seinen Weg durch die Scherben des Geschirrs. Daraufhin entschieden wir einstimmig, dieses Tier nicht der Wissenschaft zugänglich zu machen, sondern ihn bald als Bereicherung unserer fleischlosen Kost zuzuschießen.

Am nächsten Tag erhielten wir Besuch von drei französischen Offizieren. Wir sollten Einquartierung bekommen. Nachdem sie die Beengtheit der Wohnmöglichkeiten gesehen hatten, fuhren sie unverrichteter Dinge wieder ab, nahmen aber freundlicherweise Mackie und mich nach El Affroun zur Post mit. Wir haben weder einen Brief, noch ein Telegramm aus Wien vorgefunden. Müde und gedrückter Stimmung erreichten wir die Villa Achsbruch. Walter empfing uns mit einem Druckkochtopf voll köstlicher Suppe, die ausgezeichnet wie vom Huhn schmeckte. Nach deren Genuss teilte uns der Koch mit, dass die Basis dieser Speise Mekki gewesen sei. Na ja, immerhin war Walter ja vorher Jäger gewesen, der sogar Antilopen köstlich zubereiten konnte. Kurz darauf kam uns unser Gardien mit einer großen Schüssel Couscous besuchen. Seine Frage nach dem Wohlergehen des Igels überhörten wir geflissentlich. Später am Nachmittag gingen wir hinauf zu unserem dreibeinigen Père Ubu, um ihn mit Pflöcken abzustützen. Dabei entdeckten wir, dass zur Nachtzeit in das Auto eingebrochen, das Kurzwellenradio ausgebaut und gestohlen wurde. Dieses Radio war nicht zu unserer Unterhaltung bestimmt, sondern war für uns in vordigitalen Zeiten die einzig mögliche Informationsquelle und Verbindung zur Welt gewesen. Wir beschlossen, ab da den Wagen in der Dunkelheit nicht mehr unbeaufsichtigt zu lassen. Und so kam es, dass ich die erste Wache von 19:00 bis 22:00 Uhr zugeteilt bekam. Anschließend waren Max und Walter jeweils auf zwei Stunden mit ihren Waffen dran. Ich wurde um 4:30  geweckt, da ich meinen Turnus bis 7:00 Uhr antreten musste. Am Nachmittag kam der Besitzer der angrenzenden Farm, ein gebürtiger Russe, zu Besuch. Er wollte uns helfen das Auto zum Haus zu bringen. Es ist aber zu schwer und bewegt sich nicht. Walter fuhr anschließend mit dem freundlichen Nachbarn zu dessen Farmhaus. Während seiner Abwesenheit versuchten Mackie und ich, das Couscous zu vertilgen. Mit mäßigem Erfolg. Als Walter zurückkam, hatte er zwei Hasen, Wein und Orangen dabei. Das ergab abends ein festliches Mahl! Walter verzog sich danach zur Wache in den Père Ubu, dieweil Mackie und ich um die Nachtwachen würfelten. Mir fiel die Nächste zu.

Im Laufe meiner Wache, um 23:00 Uhr herum, erschienen zwei schwer bewaffnete Polizisten beim Auto. Sie wollten unsere Papiere überprüfen. Ich führte sie ins Haus hinunter. Wir tranken Mokka miteinander, wonach ich wieder den Dienst im Fahrzeug antrat. Es war saukalt, die Temperaturen lagen unter dem Gefrierpunkt. Schneeregen tat das Übrige, damit die Wachezeiten so ungemütlich wie möglich wurden. Dementsprechend hatten wir unter den praktischen Overalls eine Menge Kälte isolierender Kleidung an, was uns Gangweisen und Bewegungen ähnlich Robotern beschied. Solche Montur ergab jedes Mal umständliches und abkühlendes Entkleiden, wenn man von Zeit zu Zeit dem oft nicht aufzuhaltenden Stoffwechsel unterschiedlicher Konsistenz Tribut zollen musste.

Am Morgen weckte ich die Schläfer im Haus mit dem schönen Lied „I’m dreaming of a White Christmas“, denn es hatte in der Nacht erstmals heftig geschneit, die umliegenden Höhenzüge waren weiß überzuckert. Im Laufe des Tages schmolz der Schnee allerdings weg, um am Abend wiederzukommen. Endlich zog der Kamin richtig und wärmte unsere Stube unter leichtem Knistern. Das trug sehr zu einer gewissen allgemeinen Zufriedenheit bei. Doch wir sollten den Krieg noch hautnah zu spüren bekommen.

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