12. KAPITEL – Sand, Sand und Sand

Sogar hier in der Hamada, der unendlichen Steinwüste, gelten anscheinend die gleichen Gesetzmäßigkeiten wie in dem weit entfernten übervölkerten Europa: man sucht in den Unterlagen nach Wichtigem und findet Vergessenes. So auch heute. Mitten in den Papieren liegt eine Verpflichtung, dass ich meinen Landrover nach drei Monaten Aufenthalt in Algerien wieder ausführen muss. Und die sind in wenigen Tagen um. Mit Schaudern erinnere mich an die Grenzformalitäten bei der Einreise nach Algerien, im Zuge derer ich diese Auflage erhielt. Vergleiche mit den Schikanen bei Fahrten in die vormals kommunistischen europäischen Oststaaten vergangener Jahrzehnte werden lebendig. Damit ich nicht in einen Konflikt mit den Behörden gerate, bin ich gezwungen, irgendetwas zu unternehmen. Ich suche Rat bei meinem Freund Francois. Der meint, ich sollte umgehend nach In Guezzam und dann über die Grenze zur Zollstation Assamaka in Niger fahren. Dort kann ich übernachten und am nächsten Tag das Auto wieder in Algerien einführen. Das wäre die nächstliegende Möglichkeit für einen Ausweg aus diesem Dilemma. Anschließend will ich mich zu meinem Fahrzeug begeben, treffe aber im Hof auf Akamouk, der im Schatten des Zeltdaches sitzend das Schloss seines Karabiners reinigt. Neben ihm liegt sein heißgeliebtes Schwert, das Takouba. Wir reichen uns kurz die Hände, worauf ich ihm das Problem erkläre und von meinem Vorhaben erzähle, über Tamanrasset nach Süden zu fahren. Dieser Umweg ist nicht notwendig, er weiß eine Abkürzung zur algerischen Grenzstation. Er hat sowieso da unten etwas zu erledigen, und wenn ich ihn mitnähme, könnte er mir den Weg zeigen. Es trifft sich ausgezeichnet, dass Iyad hier ist, der während unserer Abwesenheit auf die Kamele achten kann. Natürlich nehme ich ihn mit, allein durch die Wüste zu fahren ist mir ohnehin nicht geheuer. Ich beginne gleich mit den Vorbereitungen wie Wasservorrat und Treibstoff auffüllen, sowie von Michelle Proviant für die Ausfahrt zu erbitten. Ich rolle meinen Schlafsack und binde ihn fest zusammen, François leiht mir ein leichtes faltbares Feldbett, Akamouk hat eine Art Gebetsteppich und Wolldecken dabei, und alles, was man zum Teekochen in der Wüste braucht. Die zwei Touareg helfen mir beim Anbringen der Sandbleche und Füllen der Gerbas mit frischem Wasser. Unser Entschluss steht fest, am nächsten Morgen zu fahren.
In der ersten Morgendämmerung verlassen wir das Anwesen auf der schmalen Zufahrt zur Hauptpiste. Nachdem wir auf diese links in Richtung Osten einbiegen, versuche ich den Wagen so schnell als möglich zu beschleunigen. Aufgewirbelte Steine schlagen mit ungeheurem Lärm gegen die Kotflügel, leicht schleudernd gewinnt der schwere Landrover an Tempo, bis er schließlich die Tiefen der Wellen überspringen kann und ruhig über die Piste fliegt. Nach einigen Kilometern biegen wir rechts in Richtung Süden ab. Wir fahren dieselbe Strecke wie vor kurzer Zeit François und ich zur Jagd. Bei dem grün bewachsenen Tal halte ich an. Wir sehen keine Dorcagazellen äsen, denn wir sind zu spät dran, nur einen Fenek glaube ich im spärlichen Gras zu entdecken. Über mehrere Stunden bewegen wir uns bergab, bergauf durch verödete Täler und fruchtbare Oasen. Vor einer solchen treffen wir gegen Abend auf eine kleine Ansammlung von verschleierten Tuareg. Wir steigen aus und werden herzlich begrüßt. Bei mir geht es schnell, bei Akamouk fällt der Empfang nach altem Ritual wesentlich ausführlicher aus, was eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Wir folgen der Einladung, uns im Schatten von hohen Dattelpalmen mitten auf die Piste zu setzen. Die Männer bilden einen Kreis, Akamouk und ich werden gegenüber einem älteren, mit einem Tagelmust verschleierten Targi platziert, der von den Anwesenden mit besonderem Respekt behandelt wird. Es stellt sich heraus, dass es der Amrar, oder auch Sheikh der nahen Ansiedlung mit seinem Gefolge ist. Wegen der Nähe zu den Häusern hat niemand Utensilien für die Zubereitung von Tee dabei um uns in traditioneller Gastfreundschaft zu begrüßen. Doch der Herr des Dorfes umgeht das gekonnt, indem er zwei Jungen auf die umliegenden Palmen schickt um Datteln zu pflücken. Einer der Herren aus dem Gefolge zaubert eine Plastikschüssel aus unter seinem Burnus hervor, die rasch mit den kleinen, aber sehr schmackhaften Früchten gefüllt und herum gereicht wird. Wir befinden uns hier am Ende des durchquerten Bergmassivs und erhalten die Information, dass der Weg bis zur Route National 1, der Trans-Sahara-Straße, in sehr schlechtem Zustand ist. Für diese Nebenverbindung fühlt sich anscheinend keine Behörde verantwortlich und es gibt massive Sandverwehungen. Wir schlagen die freundlich gemeinte Einladung, die Nacht im Ort zu verbringen höflich aus und fahren weiter, bis hinunter zum Beginn der Hamada.
Es ist schon sehr dunkel geworden und wir bereiten uns für die Nacht vor. Akamouk schlägt mein Angebot, den unvermeidlichen Tee auf meinem Gaskocher zuzubereiten, aus, er hat ausreichend Holz gesammelt und macht damit ein kleines Feuer. Einem Targi bei der Teezeremonie zuzusehen, ist immer ein besonderes Vergnügen. Mit welcher Treffsicherheit und Eleganz aus ziemlich großer Höhe der Tee in einem Strahl aus der Kanne in die kleinen Gläser gegossen wird, ohne nur einen Tropfen zu verlieren. Und jedes Mal ist das derart mit Sauerstoff versetzte Getränk gleichbleibend in Qualität und Wirkung. So auch diesen Abend, an dem ich heilfroh bin, nicht allein zu sein. Gleich nach dem Tee legen wir uns schlafen, Akamouk auf seinem Teppich, ich im Schlafsack auf dem Feldbett. Irgendwelche Nachttiere fiepen, kläffen oder surren um uns herum. Ober mir der märchenhafte, mit vielen Sternen übersäte Nachthimmel, überlege ich im Einschlafen, ob Akamouk vielleicht sehr genau wusste was er tat, als er mir seine Mitfahrt vorschlug. Es ist trotz des mit Daunen gefüllten Schlafsacks eine recht kühle Nacht und ich bin froh das im Osten aufsteigende Tageslicht beobachten zu können. Akamouk legt schon seine Decken in den Landrover, ich rolle meinen Schlafsack zusammen und falte das Feldbett auf sein Minimum.
Das Morgenlicht wird sehr schnell heller, sodass wir gleich starten. Die ersten Kilometer auf dem Geröll der hinter uns liegenden Berge sind flott bewältigt. Wir queren Sandverwehungen ohne größere Schwierigkeiten. Doch dann ist plötzlich Schluss. Da wir uns gegen Osten bewegen, steigt die Sonne genau in Fahrtrichtung über dem Horizont auf, die Augen trotz Sonnenbrille blendend. Ich kann die vor uns liegende Strecke nur mehr schemenhaft wahrnehmen, am Gas bleibend fahre ich direkt in ein mit Treibsand gefülltes Loch. Typischer Fehler eines Anfängers, teilweise durch die Blendung der Sonne entschuldbar. Ganz vorsichtig versuche ich mit niedrigster Übersetzung und Allradantrieb aus der Falle zu entkommen. Vergebens, der Sand ist trotz der frühen Morgenstunde schon zu trocken. Um weiteres Eingraben der Räder zu vermeiden, stelle ich den Motor ab und wir steigen aus. Der Wagen steckt bis zu den Achsen in feinem Wüstensand. Während ich die Schaufel aus dem Landrover klaube, geht Akamouk voraus, um zu sehen wo die befahrbare Piste wieder anfängt, bzw. weitergeht. Inzwischen beginne ich vor den Vorderrädern zu schaufeln und diese freizulegen, so dass man die Sandbleche unterschieben kann. Akamouk kommt mit keiner erfreulichen Meldung zurück, die Düne ist sehr breit und ein Ausweichen von hier aus nicht möglich. Das bedeutet graben und so weit zu fahren wie es geht, zurückgehen um die Sandbleche, erneut ausgraben. Eine gewisse Schieflage begünstigt das Eingraben der Räder deutlich. Diese Aktionen sind so lange zu wiederholen, bis es wieder festeren Grund gibt. Wir heben die Sandbleche herunter und platzieren sie unter und vor den Vorderrädern. Ich richte sie präzis ein, Akamouk gräbt die Hinterräder frei. Mit Allradantrieb vorsichtig auf die Bleche fahren, dann Gas geben und so schnell wie möglich weiter, bis es nicht mehr geht. Ein paar Meter sind geschafft. Akamouk läuft zurück, holt die Bleche aus dem Sand. Wir graben beide, einer mit Schaufel, der andere mit bloßen Händen. Mehrmals wiederholen sich diese Vorgänge. Die Sonne sticht bereits, das Graben wird mühsamer, der Sand ist jetzt noch trockener und unbefahrbarer geworden. Ich zähle die Stationen nicht mit, doch nach geschätzten viermal graben packt den Rover der Ehrgeiz und er fährt und fährt, bis die Steinwüste wieder erkennbar ist. Ich spüre meinen Puls am Hals rasend schnell pochen, mein Hemd ist klatschnass und ich gehe in der von mir gefahrenen Spur zurück zur letzten Grabstelle. Von Weitem sehe ich Akamouk, beide Bleche schleppend. Ich beeile mich, zu ihm zu kommen, und übernehme eines der schweren Sandbleche. Er windet seine Kopfbedeckung zu einem Knäuel und trägt das eine Blech auf dem Kopf, ich das andere unterm Arm. Beim Auto angekommen fülle ich zwei Trinkgefäße aus der Gerba bis zum Rand und wir trinken das herrlich kühle Wasser. In einer Aufwallung von Dankbarkeit will ich ihn umarmen, doch es bleibt bei einem besonders herzlichen Händedruck. Mehr zu tun wage ich nicht, dennes ist schwer abzuschätzen, wie der Targi andere europäische Dankesbezeigungen wie Schulterklopfen aufnehmen würde. Wir beschließen keine Pause zu machen, sondern weiterzufahren.
Bis auf einige leicht zu umfahrende kleinere Verwehungen verläuft die Fahrt ohne Probleme. Am späten Nachmittag sehen wir aus der Ferne die Route Transsaharienne, die von Algier bis nach Lagos führt. Dieses ehrgeizige Unternehmen beginnt in Algier mit einer prächtigen vierspurigen Autobahn, die sich später bis Ghardaia in eine asphaltierte Landstraße verwandelt. Von dort geht die zunehmend schlechter gewartete, jedoch teilweise asphaltierte Straße zur Grenzstation von Algerien, In Guezzam, unserem ersten Ziel. Es wird schnell dunkel und wir sind hungrig und müde. Akamouk kocht Tee, ich bereite aus einem Teil des von Michelle vorbereiteten Proviants ein Abendessen. Wir schlafen erschöpft bis in die frühen Morgenstunden und erreichen nach kurzer Fahrt die asphaltierte Straße. Ein Wegweiser zeigt uns die Richtung und dass noch 150 Kilometer bis zur Grenzstation zu fahren sind. Es ist ein lange vermisstes Vergnügen auf glattem Untergrund ruhig dahin zu gleiten. Einige Kilometer später zwingt uns eine Militärstreife an den Straßenrand. Das wird ein sehr langer Aufenthalt, denn die Militärs können unsere Papiere nicht an Ort und Stelle überprüfen, und schicken einen Boten mit den Dokumenten nach dem 200 Kilometer entfernten Tamanrasset. Akamouk lässt die Bescheinigungen nicht aus den Augen und fährt mit, ich bleibe beim Wagen. In den folgenden Stunden des Wartens passieren zwei riesige mit Menschen und Bündeln überladene Sahara-Lkws den Kontrollposten, ohne aufgehalten zu werden. Ich grabe in Erinnerungen und nütze die Zeit, um ausführliche Notizen für mein Buch zu machen, die ich nach unserer Rückkehr zu den Mouloudjies ins Reine übertragen werde:

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Wellblechpiste

Im Jahr 1956 führte von Mecheria eine Stoßdämpfer mordende Wellblechpiste über viele Kilometer nach Colomb-Bechar, wo wir, die Österreichische Westafrikaexpedition 1955-56 um drei Uhr nachts vor dem Postamt am Hauptplatz eintrafen. Wir übernachteten dort in unseren Autos, da das von Walter angepeilte „maurische Bad“, in dem wir uns einquartieren sollten, natürlich geschlossen war. Am nächsten Tag wurde unsere Post vom nahen Postamt geholt und die pflichtgemäße Meldung bei der Polizei erledigt. Lange Stunden verbrachten wir dort bei regelrechten Verhören durch höchst unfreundliche Beamte. Immerhin durften wir im „Waschraum“ der Offiziersmesse endlich wieder einmal Körperpflege betreiben und erhielten neue Stempel in unsere Reisepässe mit dem Datum 22. Februar 1956. Und ich kam in den Besitz einer Uhr. Mackie fand in einer Verhörpause den Karton mit den einfachen Uhren, die uns die Vertretung von Timex mitgegeben hatte. Die geschätzten Zeitangaben nach Walters Uhr waren vorbei. Erst am frühen Abend, anschließend an die langwierigen Polizeiverhöre, konnten wir unsere Fahrt fortsetzen. Es war nicht weit bis Taghit, einer reizenden Oase, wo wir das erste Mal während dieser Expedition ein Lager mit Zelten aufschlugen, mit allen Tücken, die ein erstmaliger Zeltaufbau durch Ungeübte mit sich bringen kann. Taghit003Walter wollte sich dem nicht aussetzen und bereitet sich einen Schlafplatz im Sand.

Taghit004
Lager in Taghit

Ja, das ist Afrika! Wir vier, die vorher noch nie so weit im Süden waren, fühlten uns in unseren Vorhaben bestätigt und gaben uns Glücksgefühlen hin. AQusgenommen Walter, dem Abgeklärten, war keine Regung abzuluchsen, nicht einmal beim folgenden ausgiebigen Abendmahl, das wir uns nach den Strapazen auf der geöffneten Heckklappe des Père Ubu gönnten.

 

Mit ihren Brüdern im Norden verwandt, sind dort Berber ansässig. Sie hielten Sklaven und trieben Handel mit den Menschen. Das Leben an diesen Wasserstellen der Sahara war seit urdenklichen Zeiten das gleiche geblieben. Erst auf Anordnung von Beamten des französischen Militärs wurde eine der wichtigsten Einnahmequellen, die Sklaverei abgeschafft. Seit schon vor Jahrhunderten die ersten arabischen Karawanen die Sahara zum Sudan durchquerten, brachten sie von dort ihre Sklaven, das „schwarze Elfenbein“ mit nach dem Norden. Sklavenhaltung und –handel waren das angemaßte Recht der wohlhabenden Araber dieses Gebietes am nördlichen Rand der Sahara. Um das Verbot zu umgehen, beförderten sie die Sklaven kurzerhand zu Dienern. Außer einer neuen Bezeichnung änderte sich für Schwarzen nichts an deren Lebensumständen.
Umringt von Kindern aller Farbschattierungen von schwarz bis ganz hell, brachen wir unser Lager ab und strebten weiter nach Süden. Die ersten bis zu hundert Meter hohen Sanddünen tauchten links und rechts von der Piste auf, mit ihrerbräunlich-gelben Farbe die eintönige Hamada, die graue Stein- und Felswüste unterbrechend. In Igli, im Büro der Societé Mer – Niger erfuhren wir mehr über den Zustand der folgenden Strecke. Überschwemmungen und Sandstürme wurden uns prophezeit, Ankündigungen die zu unserem Leidwesen in der Folge auch eintrafen. Da mussten wir durch und fuhren auf einer Wellblechpiste der übelsten Ausformung unserem nächsten Etappenziel, der Oase Kerzáz, entgegen.

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Kurze Rast an der Tanezrouft

Einige Kilometer vor dem geplanten Etappenziel machte der IFA auf sich aufmerksam, indem er überdurchschnittlich zu saufen begann. Und zwar in einem Ausmaß, das den Neid seiner momentanen Besitzer erregte: zwölf Liter auf zwanzig Kilometer! Fieber bekam er auch noch, die Temperatur des Kühlwassers sprang auf 95°. Und das bei wirklich kalter Außentemperatur. Zweifel an der Tauglichkeit dieses DDR-Produktes für Afrika kamen hoch. In kurzen Abständen wurden nervende Pausen zur Abkühlung eingelegt. Endlich reinigten Schani und Walter eine verstopfte Düse im Vergaser, was der Motor mit wunderbarem Gleichlauf und normaler Konsumation dankte. Nach etwa fünf Kilometern Pistenfahrt war der IFA F9 wieder dem Kochen nahe. Mein Rat den Kühler auszubauen und zu reinigen wurde zwar befolgt, verringerte aber unseren Wasservorrat auf ein gefährliches Minimum. In flotter Fahrt erreichten wir zu nächtlicher Stunde Kerzaz, wo wir vor den Portalen des Hotels unser Lager aufschlugen. Ein Umstand, der unerfreuliche Diskussionen mit dem Hotelpersonal oder dessen Besitzer zur Folge hatte. Wir meldeten uns pflichtschuldig beim ebenso ungehaltenen Militärkommandanten, und tankten bei der Tankstelle des Hotels auf. Scheinbar achtlos weggeworfen lag dort ein Benzinkanister, den wir gedachten zu unserer Sicherheit mitzunehmen. Dieses Unterfangen zog allerdings einen heftigen Streit über Besitzrechte mit dem Tankwart nach sich. Gut dass wir diesen widerspenstigen Ort noch am Nachmittag wieder verlassen konnten.
Eine frisch angewehte Sanddüne versperrte die Ausfahrt aus der Oase. Walter versuchte den IFA über die Düne zu jagen. Aber die 28 PS schafften es nicht einmal bis zur Hälfte. Nach mehreren Versuchen krachte es im Getriebe und ließ sich nicht mehr schalten. Père Ubu schleppte den kleinen Wagen in eine Baracke der Societé Mer-Niger, wo wir mit Entsetzen einen dünnen Strahl Öl aus dem Gehäuse des Getriebes fließen sahen. Zum Glück lebte im Ort ein tüchtiger Schweizer Mechaniker, namens Hans Weyanet, der eine Autowerkstatt betrieb. Er kam, sah und stellte fest, das Getriebe samt Gehäuse sei dahin. Das war keineswegs besonders hilfreich. Unserem Schwur getreu gaben wir den das Auto nicht auf. Umgehend schickten wir ein Telegramm an den Wiener IFA – Vertrieb. Der Kommandant, er herrscht über ein Gebiet geschätzt halb so groß wie Österreich, ein Lieutenant der französischen Armee, bot uns die sichere Aufbewahrung der von uns mitgeführten wertvollen Technik wie Kameras und Tonbandgeräte an. Er gab sich jetzt viel freundlicher, wahrscheinlich erwartete er sich Abwechslung durch uns im öden Wüstenleben. Ihm diese zu bieten waren wir in der folgenden Zeit sehr bemüht. Auf seine Intervention hin erhielten wir für die Dauer unseres Aufenthaltes eine alleinstehende leere Lagerhalle der Societé Mer-Niger zugewiesen, welche ein großes Einfahrtstor, keine Fenster, dafür aber Luftlöcher knapp unter dem Blechdach hatte.

Kerzaz001
Unsere Lagerhalle in Kerzaz

Drei Wochen Aufenthalt sollten folgen! Sorge erfüllte uns, dass wir den Zweck unserer Expedition und die in uns gesetzten Erwartungen möglicherweise nicht erfüllen können. Wir haben von den Soldaten leihweise Feldbetten bekommen, die uns die Sicherheit gaben in den Nächten nicht von Skorpionen geschlagen, oder von Schlangen gebissen zu werden. Lagerleben hatten wir schon vorher geübt, allein unsere Kochkünste waren noch nicht so ausgereift, dass wir ohne Konserven hätten auskommen können. Schnell haben wir uns in das soziale Leben von Kerzaz integriert, wir trieben Sport, indem wir gegen die dort stationierten Soldaten Fußball spielten. Das brachte uns eine Einladung auf Bier und zwei leicht invalide Mitglieder der Expedition ein. Hans, der Schweizer, gesellte sich dazu und spendierte einige Runden Rotwein im Hotel. Später spielten wir sogar gegen die Fußballmannschaft von Kerzaz, die wir dann bei einem Spiel gegen die Mannschaft von Beni Abbes, einer nördlich gelegenen kleinen Wüstenstadt, erfolgreich unterstützten.
Am 27. Februar 1956 feiern wir feuchtfröhlich den einunddreißigsten Geburtstag von Mackie in Gesellschaft von Hans, dem Schweizer und der Leiterin einer am selben Tag eingetroffenen französischen Reisegruppe. Die vorgesehene kulinarische Abendeinladung, Reis mit Kichererbsen, stellte sich als absolut ungenießbar heraus. Was die Festgesellschaft nicht davon abhielt, unter Absingen vaterländischer Lieder über den Platz der Oase zum Hotel zu ziehen, wo weiter gefeiert wurde. Hans Kopecky und die Reiseleiterin beschlossen einen nächtlichen Rundgang durch den Ort, von dem Hans erst im Morgengrauen zurückkehrte. Spät, sehr spät fielen wir auf unsere Feldbetten und schliefen tief, bis uns Schani plötzlich mit den Worten weckte: „Brennt, brennt, wir ‘aben Brand ge’abt ‘eute Nackt!“ Durch das offene Tor sahen wir im Mondlicht vor der Einfahrt die glosende Bettdecke unseres Belgiers. Ob er selbst oder Mackie die Decke angezündet hatten, konnte nie mehr festgestellt werden. Bei Tagesanbruch wurden wir wieder geweckt, ein Bursche vom Hotel brachte ein paar Dosen Bier, welche die Reiseleiterin vor ihrer Weiterfahrt noch schnell für uns gespendet hat. Hans scheint einen guten Eindruck hinterlassen zu haben. Meine Freunde begaben sich später zum Markt vom Douar, um frische Lebensmittel zu kaufen. Dort mussten sie Walter, unseren geizigen Kassenwart, mit Gewalt davor zurückhalten, sich von den sowieso nicht reichen Oasenbewohnern Gemüse schenken zu lassen. Seine Mitleid heischende Verhandlungstaktik war noch ausgereifter, als die der ansässigen Bauern. Ich nützte die Zeit, mein Tonbandgerät aufzubauen, da das Stromaggregat der Oase nur während der Dunkelheit läuft, war eine Inbetriebnahme nicht. Für den nächsten Abend besprachen wir mit Musikern aus der Nachbaroase eine Aufnahmesession, aber die Herren erschienen nicht. Da die Technik nun schon einmal betriebsfertig stand, schlug Walter vor, wir sollten jeder etwas singen, und zwar so schön wie möglich. Ich habe bemerkenswert unorthodoxe Interpretationen von Mozarts Bildnis- und Hallenarie, Nicolais „Als Knäblein klein, an der Mutterbrust“, oder „Im tiefen Keller sitz‘ ich hier“ zu hören bekommen, die mich zutiefst berührten und die ich sofort wieder löschte. BASF war zwar großzügig mit geschenktem Bandmaterial für die Arbeiten der Expedition gewesen, doch fand ich diese Aufnahmen für weder wertvoll, noch zweckdienlich.
Und noch ein Fest sollten wir feiern. Just in die Zeit unseres Aufenthaltes fiel die Beförderung des amtierenden Lieutenants zum Capitaine. Man lud uns zu dieser Feier schriftlich ein und ich wurde gebeten, das „starke“ Telefunken mitzubringen. Leider schien an diesem Abend das Stromaggregat von Kerzaz überlastet gewesen zu sein, denn sowohl Spannung als auch Frequenz des Stromes waren mit dem Tonbandgerät nicht koordinierbar und es jaulte entsetzlich. Ein Umstand, der für einige Missstimmung bei mir, aber auch beim Militär sorgte. Die Österreichische Tabakregie hatte uns ein paar Schachteln Zigarren der Marke „Großglockner“ mitgegeben, die wir bei dieser Gelegenheit großzügig verteilten und damit den Abend wieder ins Gleichgewicht brachten. Selbst der Scheich von Kerzaz hatte uns liebgewonnen und lud zu Meshui (Hammel am Spieß) und Couscous ein. Dafür musste ihm Mackie seine Pistole verkaufen.
Nach drei Wochen Oase erreichte uns ein Telegramm mit der Mitteilung, dass das Ersatzgetriebe auf den Weg gebracht worden sei. Es war der erste halbwegs warme Tag. Mit Eifer machten wir uns an die Reparatur der Holzkarosserie des Père Ubu, die an mehreren Stellen zu zerfallen drohte. Wir begannen den Motor aus dem IFA auszubauen. Am nächsten Tag kam das ersehnte Getriebe. Zu unserem nicht geringen Schreck mussten wir den gesamten Transport von Wien bis hierher aus eigener Tasche bezahlen. Wir bauten das neue Getriebe und den Motor wieder ein. Diese Arbeiten verrichteten wir selbst, denn der Schweizer wäre zu teuer gekommen. Im Teamwork gelangen Walter und mir die Einbauten ohne Kran innerhalb einer Rekordzeit in wenigen Stunden.

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Motor u. Getriebeumbau
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Das „böse“ Getriebe

 

Zu Mittag erschien ein Engländer auf seinem Motorrad. Er wollte nach Accra, an die Goldküste. Das Fahrzeug hatte eine Panne, Schani half ihm bei der Reparatur. Am späten Nachmittag lief der IFA wieder. Sein Geknatter war Musik für unsere Ohren. Gekonnt beluden wir die Autos, füllten die Wasserreserven auf, und stiegen anschließend auf einen für uns ungewohnt kurz gehaltenen Abschiedsdrink zum Capitaine auf den „Berg“, wir wollten nur weg- und weiterkommen.
Schon vor der Morgendämmerung erhoben wir uns, packten unsere persönlichen Sachen zusammen und machten uns gut gelaunt mit den ersten Sonnenstrahlen auf den Weg. Uns war bewusst, dass wir bis Gao am Niger noch 2.000 Kilometer Wüstenpisten und Sand zu bewältigen haben. Wir fuhren zügig durch Täler gebirgiger Landschaften, bis der Motor des IFA zu kochen begann. Kurzerhand die Kühlerhaube abmontiert und dem Père Ubu aufs Dach gebunden. Das war die Lösung des Problems. Nach einiger Zeit öffnete sich die Bergwelt und vor uns lag die unendliche Fläche der Hamada, einer von Sandflächen unterbrochenen Steinwüste. Voll Zuversicht stürzten wir uns da hinein, ins Ungewisse. Die Fahrt verlief gut, bis sich hundert Kilometer vor Adrar, unserem nächsten Etappenziel, Ubu eine Feder brach. Ich wechselte die gebrochene Lamelle innerhalb von zwei Stunden gegen eine neue. Kurz nach der Oase Sbaa bekamen wir einen kleinen Vorgeschmack auf die 1.800 Kilometer, die uns bevorstanden. Wir gruben den IFA mehrmals mit bloßen Händen aus dem Sand aus, über manche Strecken schleppte ihn der große Wagen.

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Graben, graben und graben

Erst in der Nacht erreichten wir die „Stadt aus Schokolade“ Adrar. Alle Häuser waren aus einem dunkelbraunen Lehm erbaut, sie vermittelten damit den Eindruck, in einer Konditorei zwischen überdimensionalem Konfekt zu weilen. Mich überfielen leichte Schwindelanfälle, wahrscheinlich verursacht durch die anstrengenden Tätigkeiten des vergangenen Tages. Fahren, Autos reparieren und graben, alles Kraft und Energie fordernde Einsätze, erklärten diese Symptome von Erschöpfung. Im Hotel „Marabou“ bekamen wir um 300 FF Miete einen leeren Raum für die insgesamt fünf Expeditionsmitglieder. Der Engländer mit Motorrad war schon angekommen und hatte ein „normales“ Zimmer gleich nebenan bezogen. Dankbar nahm ich das verständnisvolle Angebot an, mit ihm das Zimmer zu teilen, und schlief in einem richtigen Bett!
Wir legten in der Stadt eine kurze Reisepause ein, Schani und Walter arbeiteten an den Autos, Mackie und Kopezky fotografierten Motive in Adrar. John, der Engländer, lud sein Fahrzeug auf einen LKW auf, denn die Behörden ließen ihn nicht allein weiter durch die Sahara fahren. Wir bemerkten an unserem Wassertank ein Leck. Walter kaufte am Markt eine zusammengenähte Ziegenhaut, eine Gerba, die wir mit frischem Wasser füllten und seitlich außen an den Père Ubu banden. Damit war unsere Versorgung mit Trinkwasser gesichert. Das sowieso überladene Fahrzeug musste immer mehr Gewicht auf sich nehmen. Südlich Adrar war die Wüste eben wie ein Brett, auch keine Dünen weit und breit. Die Piste wurde hier kilometerbreit, jeder Durchfahrende suchte in der Ebene für sein Fahrzeug einen Weg dort, wo er den besten Untergrund vermutete um nicht im Sand stecken zu bleiben. Die Beschaffenheit des Sandes konnte sich von Stunde zu Stunde ändern, sodass es nicht ratsam war einer Spur zu folgen und sich auf diese zu verlassen. Einige böse Überraschungen erlebten wir, weil wir ein Auto über die Distanz bringen mussten, das nicht für die Wüste gebaut war.

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Mit bloßen Händen graben
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Untauglicher Versuch selbst frei zu kommen

Wie die Maulwürfe arbeiteten wir uns durch den Sand bis Reggan, wo wir Trinkwasser nachfüllen wollten. Es blieb beim bloßen Willen. Wasser gab es schon, aber es war trübe und nicht genießbar. Bis zum nächsten Lagerplatz schleppte ich den IFA mit einem immer wieder reißenden Seil, dabei zusätzlich einen heftigen Sandsturm überstehend. Endlich wieder eine Nacht unter freiem Himmel. Die Sternenpracht war in ihrer Schönheit erdrückend, und die Stille körperlich zu spüren. Obwohl allen bewusst war, dass noch 1.500 Kilometer Durstwüste vor uns lagen, waren wir glücklich, weil unterwegs. Unsere Zuversicht kannte nach der bisher bewältigten Strecke keine Grenzen. Mit Clouzot’s Schwarzweißfilm „Lohn der Angst“ hatten wir ein ständig präsentes Vorbild.

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