13. KAPITEL – Freiheit – Flüchtlingselend und wieder Flora und Fauna

Nachdem mich das Stillsitzen im Auto langsam nervt, steige ich aus, um meine Beine zu bewegen. Ich möchte ein bisschen in die Wüste spazieren und probieren, ob man beim gleichmäßigen Gehen wirklich Einfälle hat und Gedanken besser koordinieren könne. Das herumlungernde Militär nimmt keine Notiz von mir, mein Rover bleibt ja als Pfand bei ihnen. Indem ich die Piste verlasse, marschiere ich zügig gegen Osten, vor mir in erreichbarer Nähe auf einer Hügelkette einige hoch aufragende rote Felsen. Da ich nicht vorhabe mich sehr weit von der Straße fort zu bewegen, nehme ich mir diese zum Ziel. Die Fortbewegung auf dem buckligen, mit Steinen durchsetzten Untergrund ist zwar etwas mühsam, trotzdem komme ich leidlich voran. Meine Versuche konzentriert zu denken werden aber immer wieder durch verschiedene Eindrücke vereitelt. Da sind Unebenheiten, auf die Aufmerksamkeit fordern um nicht darüber zu stolpern, dort läuft eine Echse von mir aufgescheucht davon, bleibt stehen, sieht sich nach mir um und verschwindet hinter einem kleinen Haufen Steine. In einem leichten Bogen nähere ich mich so leise wie möglich von der Seite dem Steinhaufen an, von dem Tier ist jedoch keine Spur zu sehen. Anstatt des Reptils hat sich dort eine Art buntes Kopftuch verfangen. Ich gehe weiter und bewundere einen bewegten See, der zwischen mir und den Hügeln liegt. Aber im gleichen Tempo wie ich auf ihn zugehe, zieht er sich zurück. Aus diesem See ragen einige verdorrte Akazien heraus, näherkommend sehe ich, dass sie im trockenen Wüstenboden stehen. In dem Augenblick bemerke ich, dass sich meine Gedanken während des Fußmarsches wahrhaftig auf irgendeine Art entwirren.

Es ist erstaunlich, wie nahe restriktive Gewalt und absolute Freiheit nebeneinanderliegen. Auf der Straße, nur ein paar hundert Meter von hier entfernt, steht durch staatliche Willkür blockiert mein Fahrzeug, das ich, obwohl in meinem persönlichen Besitz stehend, in keine Richtung bewegen darf. So werde ich gezwungen, dorthin zurückzukehren. Hier allerdings befinde ich mich in nicht antastbarem Freisein. Keinerlei von Menschen erdachte Gesetze haben die Möglichkeit, meine persönliche physische und psychische Freiheit durch Gewalt einzuschränken. Nur den meinem freien Willen entzogenen natürlichen Körperfunktionen und -bedürfnissen muss ich mich beugen. Definitionen von Freiheit gibt es wahrscheinlich so viele, wie Individuen leben. Ein nomadisierender Targi, der seine gesamte Lebenszeit in größtmöglicher Unabhängigkeit verbringt, wird anders denken, als ein Großstädter in beengender Zivilisation. Sehnsucht nach Freiheit empfinden und sich für diese einsetzen, kann wohl nur derjenige, dem Eigenbestimmung mehr oder weniger entzogen wurde. Mein persönlicher Zugang ist wahrscheinlich bereits durch ererbte Gene festgelegt worden, was die grundlegende Abneigung gegen Zwang, Ungerechtigkeit und repressive Ausübung von Macht bei mir auslöste. Dieser Widerwillen beginnt bei den die Fäden ziehenden, Kapital, Konzerne und Politik beherrschenden internationalen Machteliten, und reicht bis zu Kommunalpolitikern einer Minderheit, die durch Zufall gewisse Machtpositionen erlangten. Täglich erkenne ich Versuche, meine Selbstbestimmung zu begrenzen, sei es durch Gesetze, Anordnungen oder mittels angewandter Psychologie professionell durchdachter Werbung, die nichts anderes als Zwangsbeglückungen darstellen. Klingt nach Anarchie. Ist es aber nicht, eher nach Immanuel Kants: „Gesetz und Freiheit ohne Gewalt“.

Hier in der Sahara fühle ich mich zufrieden und glücklich, sowie dankbar dafür, das erleben zu dürfen. Anscheinend kann gleichmäßiges Gehen wirklich Erkenntnisse bringen, bemerke ich an diesem Ort verwundert. Unbeirrt durch die Luftspiegelung, die mir einen See vorgaukelt, marschiere ich weiter und stelle fest, dass die von mir angestrebte Hügelkette trotz längerem Fußmarsch nicht nähergekommen ist. Ich mache noch ein paar Schritte auf einen grünlich fluoreszierenden Gegenstand zu, der meine Aufmerksamkeit verlangt. Es ist einer dieser billigen Plastikschuhe mit einer Schnalle aus chinesischer Produktion, wie man sie millionenfach auf den Märkten im Sudan anbietet. Irgendetwas stimmt damit nicht. Gegenstände die mehrere Tage in der Wüste liegen, bedeckt mit der Zeit Flugsand, zumindest aber sammeln sich auf der dem Wind abgekehrten Seite Häufchen von Sand an. Wie kam der Schuh hierher, wundere ich mich, da auch keine Fußabdrücke zu sehen sind. Das Rätsel ist nicht zu lösen, also beschließe ich umzukehren, und entlang meiner eigenen Fußspuren zum Auto zu gelangen. Ich scheine mich weiter als gedacht vom Rover entfernt zu haben, denn bloß schemenhaft nehme ich am Horizont undeutliche Umrisse der Militärfahrzeuge auf der Straße wahr. Ich gehe nochmals an dem verlorenen Tuch vorbei, auch da keine Spuren von Sand. Die Gegenstände können demnach noch nicht lange da liegen.

Erschöpft, müde und durstig erreiche ich den Rover. Ich trinke von dem kühlen Wasser aus der Gerba und mein Körper erholt sich langsam wieder. Das Timing stimmt, denn kurz danach trifft der Toyota mit Akamouk und unseren Dokumenten ein. Er scheint mürrisch zu sein, doch kann ich seine Stimmung nicht genau erkennen, da er den Tegelmust so weit hochgezogen hat, dass nur die Augen zu sehen sind. Wir bringen die bestätigten Papiere zu dem Offizier. Er wirft einen kurzen Blick darauf und wünscht uns eine gute Fahrt. Wir fahren los, und Akamouk erzählt mir unterwegs die Gründe für seine Verstimmung. In den Büros von Tamanrasset arbeiten nahezu durchwegs Leute aus dem Norden. Er musste endlos lange warten, wurde von einem Büro ins andere geschickt, voll Misstrauen ausgefragt und fühlte sich wie ein Fremder behandelt. Und das einem freien Targi! Er erzählte, dass es in den Städten im Norden bürgerkriegsähnliche Zustände gibt, weil der seit zwanzig Jahren regierende greise Präsident Bouteflika weiter regieren will. Dass wir im Süden Algeriens recht wenig darüber erfahren, ist bezeichnend. Nur vier Prozent der Gesamtbevölkerung Algeriens leben in und südlich der Sahara. Dem Großteil der Menschen hier ist das, was im Norden ihres Landes geschieht, herzlich egal.

Bis In Guezzam ist die Straße asphaltiert und in recht gutem Zustand, wir sind dementsprechend schnell unterwegs. Erstaunlich ist die starke Präsenz von Soldaten in dieser Gegend. Jetzt weiß ich endlich, welches Ziel die lange Kolonne von Militär-LKWs hatte, die vor einiger Zeit in der Nacht an unserer Auberge vorbeigedonnert ist. Es sind Spezialtruppen, viele mit Metalldetektoren ausgerüstet um im Sand vergrabene Schmuggelware zu orten. Das scheint notwendig zu sein, denn die Soldaten, bei denen ich vorhin warten musste, erzählten mir, sie haben Lager mit automatischen Gewehren, aber sogar mit schweren Waffen, wie Granatwerfer gefunden. Alles sicher Vorräte der Al Quaida. Das Militär hat hier noch ganz andere Aufgaben zu verrichten. Die größeren Grenzen zu den angrenzenden Ländern wie Mali und Marokko sind gesperrt, diese hier ebenfalls. Hinaus werden wir mit der von Akamouk in Tamanrasset erhaltenen Bewilligung ohne größere Schwierigkeiten kommen, wie das bei unserer Rückfahrt sein wird, steht in den Sternen geschrieben. Inschallah! An einer langen stehenden Kolonne von Lastentransportern vorbei erreichen wir das Zollamt. Es geht alles angenehm schnell, die Ausfuhr des Wagens wird mit einem Stempel bestätigt und wir können südwärts fahren. Eine kurze Strecke gibt es noch asphaltierte Straße, die bei einer Art Fort endet. Die weitere Route führt über eine Piste, teilweise markiert, streckenweise wild durch die Gegend. Es sind fünfundzwanzig Kilometer zu überwinden, die mich an alte Zeiten erinnern. Immer wieder begegnen uns kleine Trupps und ganze Familien Schwarzafrikaner, die in Richtung Algerien ziehen. Wir erreichen gegen Abend Assamaka, den Grenzposten von Niger. Das Zollamt unterscheidet sich von den umliegenden Bauten nur durch einen Fahnenmast mit aufgezogener Landesfahne. Auch da gibt es Militär, allerdings in wesentlich geringerem Ausmaß als über der Grenze von Algerien. Der Diensthabende ist ein Targi und er begrüßt uns auf Art der Tuareg mit „labess“. Von ihm erfahren wir von zahlreichen toten Flüchtlingen, die in Massengräbern ringsum verscharrt sind. Die Algerier haben bei massiven Ausweisungen seit Oktober 2017 an die 13.000 Immigranten zurückgeschickt, weil die Europäische Union Druck auf die nordafrikanischen Länder ausübt, damit sie den Strom der Migranten über das Mittelmeer nach Europa zu unterbinden. Den in Niger arbeitenden Organisationen der UN fehlen die Kapazitäten um sich in dem Ausmaß zu kümmern, die bei dieser Anzahl Menschen notwendig wären. Lediglich an die 11.000 Flüchtlingen aus Mali, Gambia, Guinea, Elfenbeinküste, Niger und anderen Ländern ist der Marsch durch weit über 200 Kilometer unbarmherzige Wüste bis zur nächsten Stadt, Arli, gelungen.

Der „Chef de poste“, ein Targi ist sehr freundlich zu uns, wir dürfen in den Räumen des Postens übernachten. Das ist eindeutig der Anwesenheit Akamouks und der allgemeinen Gastfreundschaft der Touareg zu verdanken. Im Hof des Zollgebäudes bereitet Akamouk eine große Portion Tee für den gefälligen Zöllner. Bald gesellt sich einer seiner Untergebenen, ebenfalls ein Targi, zu uns. Die Beamten haben neben ihrem Dienst keine Zeit nach alter Tradition Tee zu kochen, und sind über diese Einladung sichtlich erfreut. Wir sitzen bis spät in die Nacht, bevor wir uns zur Ruhe begeben. Am Morgen des nächsten Tages erhalten wir anstandslos die notwendigen amtlichen Bestätigungen für mein Auto. Nach dem Betanken des Rover und Nachfüllen der Wasserbehälter, sowie einem längeren Abschied, brechen wir wieder in Richtung Algerien auf. Jetzt erst fallen mir verlassene Lagerstellen in Pistennähe auf, erkenntlich an zurückgelassenen leeren Konservendosen und anderen aufgebrochenen Verpackungen von Lebensmitteln. Damit erklären sich auch die Fundsachen bei meinem Spaziergang. Der erste Teil der Rückreise auf und neben der Piste ist zwar mühsam, aber ohne Probleme zu bewältigen. Auf Asphalt geht es dann nach In Guezzam, wo ich größere Schwierigkeiten bei der Einfuhr des Rovers erwarte. Ein jugendlicher Zollbeamter prüft die Papiere sorgfältig, blättert lange in einem Buch. Mit wichtiger Miene erhebt er sich von seinem Schreibtisch und kommt mit aufgeschlagenem Buch auf mich zu. Er zeigt mir darin die Stelle seines Missfallens, wo geschrieben steht, dass ich mindestens weitere drei Tage warten muss, bevor er mich wieder ins Land lassen darf. Ich versuche, ihm glaubhaft zu erklären warum ich gezwungen bin ganz dringend in den Norden zu fahren, und dass ich keine Migranten mitführe. Er bleibt hart und lässt mich reden, bis er fragt, ob ich in Österreich geboren wurde. Ich zeige ihm in meinem Pass den entsprechenden Eintrag. Zwei Stempel, zwei Unterschriften und wir dürfen fahren. Was mein Geburtsland mit diesem Entgegenkommen zu tun hat, wird für mich ein Rätsel bleiben. Ich beschließe, darüber nicht weiter nachzudenken, denn zu solch afrikanischer Logik scheine ich keinen Zugang zu haben.

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Hoggar, am Weg nach Tamanrasset

Da wir die zwar schöne, aber umständliche Route durch die Ifoghas-Berge zur Heimfahrt nicht nehmen wollen, bleibt uns nur der Weg über Tamanrasset. Was mir nicht ungelegen kommt, denn es würde mich interessieren, ob es auch in dieser südlichen Universitätsstadt Unruhen gibt, da in den Städten im Norden Studenten die Organisatoren sind. Wir schaffen die 500 Kilometer bis Tam in einer Rekordzeit von viereinhalb Stunden, bei dem Militärkontrollpunkt winkt man uns höflich durch, da wir dort bereits bekannt sind. Die Abenddämmerung ist bei unserer Ankunft angebrochen und wir überlegen, ob wir über Nacht in der Stadt bleiben, oder vor deren Toren kampieren sollen. Bei Finsternis einen geeigneten Platz zu finden, bedeutet Glückssache, außerdem ist Tamanrasset einer der kühlsten Orte der Sahara. Erreichen andere Städte wie in Salah Höchsttemperaturen bis 55° C, gibt es in Tam nicht einmal 30° C. Dementsprechend das Verhältnis in den Nachtstunden, wobei 0° in Tam keine Seltenheit sind. Deshalb leiste ich mir ein Zimmer im gleichen Hotel, das ich noch von der Fahrt mit François hierher kenne. Natürlich lade ich Akamouk auf diese Übernachtung im Hotel ein. Später schlendern wir durch die stille Stadt, lediglich auf einem größeren Platz hat sich verloren und friedlich eine kleine Gruppe Studenten versammelt, die zwei algerische Fahnen hochhalten. Wir erfahren, dass die Regierung die anstehenden Semesterferien um elf Tage vorverlegt hat. Da in den Ferien die Studentenheime durchwegs geschlossen bleiben, zerstreuen sich deren Bewohner in ihre Heimatorte. Eine Anordnung, welche die Demonstranten schwächen soll.

Wir machen uns in der Morgendämmerung in Richtung Osten auf den Weg zur Auberge, wo wir spät am Nachmittag ankommen. Michelle und François begrüßen uns herzlich und familiär. Akamouk verzieht sich in den Hof zu Iyad, seinem Verwandten, ich steige in mein Türmchen hinauf um mich der Kleidung zu entledigen, die ich in den Tagen der Fahrt getragen hatte. Beim Abendessen hören mir die Wirtsleute aufmerksam zu, François ergänzt meine Erzählungen mit der neuesten Nachricht, dass Bouteflika dem Druck der Demonstrationen nachgegeben hat und nicht mehr für eine weitere Amtsperiode kandidiert. Das könnte eine ruhig verlaufende Wahl bedeuten. Ich begebe mich nach dem Essen wieder in mein Zimmer, öffne den Computer und will meine persönlichen Erinnerungen an die Westafrikaexpedition weiterschreiben. Nach einigen Zeilen übermannt mich Müdigkeit und ich beschließe, morgen damit fortzufahren:

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Route d. Österr. Westafrikaexpedition 1955/56

Frierend, aber fröhlich brachen wir unser Lager unterm Sternenzelt irgendwo an der Piste nach Bidon V ab, um die folgenden zweitausend Kilometer Sahara zu meistern. Die Wüste war eben wie ein Tisch, nirgends mehr Sanddünen zu sehen. Obwohl versandet war der Boden hart und gut befahrbar. Damit wir den Autos das Wellblech der Piste ersparen, fuhren wir den Spuren von Fahrzeugen nach, die hunderte Meter neben der durch Steinhaufen, alte Telegrafenmasten oder leere Benzinfässer markierten Piste nach Süden führten. Der IFA lief wie ein Wiesel, bis mit zunehmender Sonnenwärme sein Kühler wieder zu kochen begann. Ab da waren wir gezwungen öfters stehen zu bleiben, um Wasser nachzufüllen. Im unheimlichen Schleier eines beginnenden Sandsturms erreichten wir den nächsten französischen Militärposten, den Poste Weygand, auch Balise 250 genannt. Der und der dreihundert Kilometer weiter südlich gelegene Posten gewährleisteten den Durchfahrenden die Versorgung mit Treibstoff und Wasser. Dort standen mehrere Baracken, wovon wir eine beziehen durften und den IFA durch das groß dimensionierte Tor hineinfuhren. Der Kühler wurde ausgebaut und wir sahen seinen Zustand als irreparabel an. Der Sturm rüttelte und vollführte einen Höllenlärm am Dach und an den Ecken der aus Wellblech bestehenden Unterkunft. Wir fürchteten mitsamt dem Ding weggeblasen zu werden. Mit einem Mal wurde die kleine Türe neben dem Haupttor aufgerissen und schlug mit unerhörter Gewalt an die Wand. Zwei sich gegen den Sturm stemmende vermummte Gestalten kamen herein und schlossen, sich gegenseitig unterstützend, wieder den Eingang. Es waren zwei Dänen, davon einer ein Kinderarzt aus Indien, der einen anderen Kontinent kennenlernen wollte, der andere war einfach Däne. Diese Herren schickte uns der Himmel, denn sie gaben uns ein Kühlerdichtungsmittel, mit dem es uns nach dessen Anwendung möglich war, am nächsten Tag weiterzufahren. Der Sturm ebbte ab, und wir verbrachten zu siebent eine recht angenehme Nacht in der Baracke.

Bei Tagesanbruch verließen wir den Posten, die Dänen in ihrem alten Ford in Richtung Norden, wir mit frischem Mut nach Süden. Wir fuhren mit annehmbarem Tempo zügig durch die stets größer werdende Hitze, bis eine tiefe Querrinne auf dem Weg der Achse des Père Ubu neuerlich das Genick brach. Und das geschah nur wenige Kilometer vor unserem angestrebten Etappenziel!

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Begräbnis der letzten Achse

In einer Rekordzeit von knapp zweieinhalb Stunden war die Reserveachse eingebaut und so erreichten wir todmüde noch vor Sonnenuntergang Bidon V, den wohl berühmtesten Ort der Tanezrouftpiste. Ort wäre übertrieben, eher eine Örtlichkeit, denn der Posten bestand aus zwei Wellblechbaracken, einer gemauerten Unterkunft und dem Stahlgerüst eines Sendemastes. Der Ort war deswegen berühmt und auf jeder Landkarte eingezeichnet, weil er markierte für Durchreisende die genaue Hälfte der Route zwischen Colomb Béchar im Norden und dem Niger im Süden. Rundherum sah man, so weit das Auge reicht ausschließlich  brettebene Wüste. Er war im Falles eines Falles ein fixer Anlaufpunkt für Rettung suchende auf der Durststrecke. Zwei einsame französische Soldaten, die allerdings nicht als solche zu erkennen waren, da sie ihre Uniformen sorgsam vor dem allgegenwärtigen Sand geschützt im Spind aufbewahrten, waren für alles hier verantwortlich. Beide waren Funker, die uns freundlichst in ihrer Radiostation aufnahmen. Max und Schani unterhielten sich noch länger mit den beiden bei Wein und Kognak, Wasser war sehr kostbar, denn es musste über viele Kilometer von Tessalit hierhergebracht werden. Der erschöpfte Rest der Expedition legte sich im Freien unter dem wunderbaren Sternenhimmel schlafen. Wir haben beschlossen, hier einen Ruhetag einzulegen. Kopezky und ich reinigten unsere Arbeitsgeräte, Walter „schmierte den Wagen ab“, der IFA besaß nämlich am Fahrgestell einige Nippel, durch die regelmäßig Fett gepresst werden musste, damit Lager etc. immer gut geschmiert waren. Schani reparierte am Humber den streikenden Starter. Nachdem der IFA fertig war, nahmen Walter und ich eine kurze Tonreportage über diese interessante Örtlichkeit und deren Bewohner auf. Wir wollten sie auf unserer weiteren Route beim Besuch des nächstgelegenen Postamts nach Wien dem österreichischen Rundfunk schicken. Es gab einen herzlichen Abschied, die Soldaten schenkten jedem von uns ein Paket Zigaretten.

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Grenzstein Algerien / Mali
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An der Grenze Algerien / Mali

Mitten in der Wüste, mutterseelenallein, stand der Grenzstein, der den Reisenden die Entfernung zur nächsten Oase, und den Wechsel auf das Gebiet von Französisch Westafrika anzeigte. Ab hier galt der Franc CFA (Colonies Françaises d’Afrique, der doppelt so viel wert war, wie der französische Franc, der in Algerien als Zahlungsmittel galt. Aber die Preise ab hier waren gleich wie die weiter nördlich in FF! Walter, unser Kassenwart, war der Verzweiflung nahe. Seine ohnehin permanent sorgenvollen Ernst ausstrahlenden Gesichtszüge zeigten ab da beim Bezahlen stets so abgrundtiefe Trauer, dass wir um Walters seelische Gesundheit bangten. Aber bis zum ersten Schock dieser Art dauerte es eine Weile, wir mussten vorerst noch auf der folgenden Strecke einige Aufgaben lösen. Wir hatten uns in Wien verpflichtet, ein Auto durch die Wüste zu bringen, das in keiner Form für ein derartiges Unternehmen gebaut und darüber hinaus erheblich überladen war. Ein rückwärtiger Stoßdämpfer des IFA wollte nicht mehr weiter und musste mit Kupferdraht provisorisch repariert und damit halbwegs funktionstüchtig gemacht werden. Aber auch unserem Wüstenschiff, der Humber, mangelte es an der für so ein Unternehmen notwendigen Robustheit. Ich habe mich mehrmals gefragt, wie die Engländer mit solch anfälligen Fahrzeugen einen Krieg gewinnen konnten. Der rechte Vorderreifen des Père Ubu verlor sichtlich schnell Luft und musste gegen den letzten intakten Reservereifen getauscht werden.

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Kommt der invalide Père Ubu nach?

Es gab auch andere interessante und erfreulichere Unterbrechungen, die uns in Erinnerung riefen, dass wir nicht ausschließlich dazu aufgebrochen waren, um kaputte Autos wieder flott zu machen. In der viele hundert Kilometer weiten flachen Wüste und Einsamkeit um uns herum trafen wir unseren ersten wirklichen Nomaden und bewunderten ihn gebührend.

Begegnung 1
Ein nomadisierender Targi
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Versuch einer Kommunikation

Eine schöne junge Targia kreuzte unsere Bahn. Wir hielten an und Mackie sprach mit ihr. Die Zelte ihres Clans standen in der Nähe und sie lud uns zu einem Tee ein. Meine Freunde nahmen diese Einladung begeistert an und folgten ihr zu Fuß. Ich blieb als Wächter bei den Fahrzeugen. Mir war das recht, denn anschließend an die lauten Fahrgeräusche war die absolute Stille eine Wohltat. Nach dem Genuss der üblichen drei Gläser Tee kamen die Freunde zurück und wir fuhren wieder gen Süden. Der schwächere Wagen, der IFA, knatterte mit seiner Besatzung, Walter und Kopezky voran, wir im Humber folgten mit einigem Abstand. Allmählich begann sich die aride Wüste mit einer jährlichen Niederschlagsmenge vom 100mm in Steppe zu verwandeln. Die ersten Büsche, tropische Had-Sträucher, tauchten vereinzelt auf, dazwischen an manchen Stellen Cram-cram, das Gras der Sahelzone. Die Touareg nennen diese harten Grasbüschel Fesch-fesch. Das begünstigte die Fauna, die ersten Gazellen flüchten aufgeschreckt von links nach rechts über die Piste. Das ist nicht ungefährlich, denn ein Zusammenstoß mit einer Gazelle, oder einer größeren Antilope kann schlimme Folgen haben. Später lernte ich, dass das Wild in Richtung Sonne flüchtet. Wir wollten noch vor Dunkelheit bis zu unserem nächsten Etappenziel fahren, deshalb fuhr ich, zwar wegen der Tiere besonders aufmerksam, aber zügig weiter. In der Ferne vor uns sahen wir ein Fahrzeug stehen und Menschen daneben. Im Näherkommen erkannten wir was es war, nämlich der vorausgefahrene IFA, der schon wieder einmal stand. Was bei den Passagieren des Humber größte Befürchtungen auslöste. Doch dieser Aufenthalt brachte Erfreuliches. Hans Kopezky hatte einen prachtvollen Bock geschossen, eine Dorcagazelle. Als wir ankamen, hatte Walter das Tier bereits aufgebrochen und begann es abzuhäuten. Das Fleisch wurde in das Fell verpackt und wir erreichten bald Tessalit, wo wir außerhalb der Stadt, in Nähe der Werkstatt der Societé Mer-Niger unser Lager aufschlugen. Es gab brennbares Holz von den Büschen für ein Lagerfeuer, auf dem wir große Fleischstücke grillten und begeistert verzehrten. Gesättigt und zufrieden verbrachten wir die Nacht vor den Toren Tessalits.

2 Kommentare zu „13. KAPITEL – Freiheit – Flüchtlingselend und wieder Flora und Fauna

  1. Herbert Du bist ein unbekanntes Genie. Hast den falschen Beruf. Du wärst ein sehr guter Schriftsteller geworden. Deine Kenntnisse in der RSTG wurden leider nie richtig gewürdigt. Du standest als Tonmann im Vordergrund. Aber- jedes Gesicht hat zwei Seiten. Siegi

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