15. KAPITEL – Ein Fest im Hoggar – Tonaufnahmen schwarzer Trounadoure

Wir queren die asphaltierte Transsaharastraße, die von Algier im Norden bis nach Lagos im Süden führt und umgekehrt. Beim Anblick dieses Luxus einer breiten Straße steigen Visionen von frisch überzogenem Bett, blitzsauberem Badezimmer, Abendessen im Restaurant an weiß gedecktem Tisch, gemütlichem Heurigen, Whisky in der Bonboniere-Bar und gut duftenden Damen dortselbst auf. Sie berühren mich wie himmlische Töne todbringender Sirenen, die den Reisenden in den trügerischen vermeintlichen Luxus locken wollen. Doch schon befinden wir uns auf der östlichen Seite der Straße, wo die unendliche flache Weite der Hamada-Wüste von Hügeln und größeren Felsen unterbrochen ist. Vergessen sind die Verlockungen der Zivilisation Europas und tiefe Genugtuung erfasst mich, hier und nicht dort zu sein. Unmerklich steigt die Ebene an und schnell bricht die Abenddämmerung herein. Am Ufer eines ausgetrockneten Oued halten wir und richten unser Nachtlager. Beim unvermeidlichen Tee meint Akamouk, dass wir nicht mehr als eine Tagesreise vom ständigen Sitz seiner Familie entfernt sind. Eine Mitteilung, die mich und meine vom Kamelreiten gequälte untere Körperhälfte auf baldige Erlösung hoffen lassen. Im Laufe des Abends kommen wir auf das Thema Demokratie zu sprechen. Akamouk hält diese, vor allem aber für Afrika, womit er wahrscheinlich die von den Touareg bewohnten Gebiete der Sahara meint, für ungeeignet. Zumindest in der zurzeit existierenden Form. Auf meine erstaunte Frage antwortet er, dass das Volk Diktatoren ausgeliefert sei, die sich über Jahrzehnte an der Macht halten, um, nachdem sie selbst Schwäche zeigen, von einem neuen Diktator, der sich als Demokrat ausgibt, abgelöst zu werden. Er bezieht sich damit offensichtlich auf die aktuellen Geschehnisse im Norden seines eigenen Landes Algerien. Eine wirkliche Demokratie kann es nur dann geben, wenn das Volk in gleichem Maße Lebenserfahrung und Bildung besitzt, wie dessen Politiker. Diese Augenhöhe bewahrt es davor benützt und ausgebeutet zu werden. Ich halte ihm dagegen, dass es Wahlen gibt, um solche Missverhältnisse auszugleichen, und bei denen das Volk ihre Führer frei wählen kann, die in den Regierungen den Willen der Bevölkerung vertreten. Kopfschüttelnd erklärt er mir, dass dies eben diejenigen sind, die in dem Bewusstsein vom Volk gewählt zu sein, ihre persönliche Macht ausleben und bedacht sind, diese zu erhalten und zu mehren. Warum fällt es mir schwer, ihm zu widersprechen? Die Touareg haben einen von den Ihaggaren, den Adeligen gewählten Amenokal, der als Chef zwar respektiert wird, aber ausschließlich die Macht ausüben kann, die ihm zugestanden wird. Sein Volk lebt selbstbestimmt dort, wo die Mächtigen der Demokratie aus dem Norden kein Interesse haben hinzukommen und handeln nach ihren eigenen Gesetzen. Ohne aufwändige Bürokratie, es gilt eine Art Ehrenkodex, den niemand brechen mag. So einfach ist das. Auf meinem Feldbett liegend gehe ich der Frage nach, ob man so ein System nicht auf unsere Demokratien übertragen könnte. Aber Ich finde keine befriedigende Antwort darauf und schlafe in dem Gefühl ein Teil des Sternenhimmels ober mir zu sein, zufrieden ein.

Sehr früh drängt Akamouk am nächsten Morgen zum Aufbruch, eine bei ihm ungewohnte Nervosität scheint ihn ergriffen zu haben. Er legt ein schnelleres Tempo als normal vor. Wir kommen den steil aufragenden Felsen des Hoggargebirges stetig näher. Zwischen Geröll wächst grünes Cram-Cram, das widerstandsfähige harte Gras der Wüste, sich farblich von der roten Erde ringsum abhebend. Der unsichtbare Weg, dem wir folgen, führt sachte bergan und die schroffen Zinnen rücken langsam näher zusammen, sodass wir uns später am Nachmittag wie durch eine Schlucht bewegen. Im Schatten dieser steil aufragenden Felsen stehen wir mit einem Mal vor einer Wasserstelle, umrahmt von Oleander ähnelnden Pflanzen, bewachsen mit wenigen Blüten. Die Kamele haben dort Gelegenheit zu trinken, was einige Zeit in Anspruch nimmt. Sie naschen von dem frischen Grün der Büsche. Die zwei Touareg bereiten auf einem schnell angefachten Feuer Tee. Dann ziehen wir weiter durch die wie von Stalagmiten geformte Schlucht. Nach kurzem Marsch öffnet sie sich zu einem weiten Tal, auf das wir von unserer Höhe aus hinuntersehen. Flach von der Abendsonne beleuchtet stehen mehrere aus Lehm gebaute Gebäude um einen Platz herum, dahinter eine Menge der typischen Zelte der Touareg. Diese Zusammenstellung ist bezeichnend für einen Clan, dessen Mitglieder im Laufe der Zeit zu Halbnomaden geworden sind. Ein paar niedere Mauern aus Steinen begrenzen rechteckige Flächen und im Tal verstreut stehen größere Ziegenherden. Neben einem hinter Büschen versteckten kleinen See stehen und liegen einige Kamele. Auf dem Platz haben sich eine Menge Menschen und Kamele versammelt, wobei in der Mitte eine freie Sandfläche großräumig ausgespart ist. Rundherum steigen mehrere dünne Rauchsäulen wie angenommene Opfer gegen Himmel. Wir hören den Klang eines Saiteninstruments, dem Imzad, singenden Frauen und begleitende Trommeln deutlich bis herauf zu unserem Standort. Es scheint ein großes Fest stattzufinden. Akamouk deutet hinunter auf die Ansiedlung mit der Bemerkung, dass das seine Familie sei. Wir beginnen den steilen, nicht ungefährlichen Abstieg in das Tal, denn selbst unsere Kamele rutschen manchmal auf dem steilen Geröll.

Es hat mich in Afrika immer gewundert, wieso die Menschen in weit entfernten Zielorten, die wir nach oft tagelangen Fahrten erreichten, von unserer Ankunft und über uns Bescheid wussten. So auch hier. Ich weiß, dass Akamouk keine weitreichenden Kommunikationsmittel besitzt, geschweige denn fremde benützt. Das hier ist jedoch sichtlich ein vorbereiteter Empfang, wie zu Ehren eines Fürsten. Ich beschließe Akamouk später danach zu fragen, denn wir queren schon den freien Platz in Richtung einer am Boden sitzenden Gruppe mit Tegelmust verschleierter älterer Männer. Iyad und Akamouk begrüßen einen nach dem anderen, jeden mit dem bei den Touareg üblichen, reichlich umständlichen Ritual. Nachdem ich vorgestellt wurde, lädt mich der anscheinend älteste davon ein, neben ihm Platz zu nehmen. Meine zwei Begleiter ziehen sich auffallend schnell zurück und verschwinden in der Menge. Ich ließ mich möglichst schwungvoll auf den mir frei gemachten Teil des Teppichs fallen, niemand sollte meine, durch eine durch Arthrose und dem langen Ritt hervorgerufenen Schmerzen in den Kniegelenken bemerken. Noch mache ich mir keine Sorgen darum, wie ich da wieder hochkommen werde und verschränke meine Beine nach Art der Eingeborenen so gut als möglich. Der mir zunächst sitzende Vermummte ist anscheinend der Scheich. Er spricht ausgezeichnet Französisch und erzählt mir, dass er wüsste wer ich sei und dass ich an einem Buch schreibe. Wie kann er das wissen, weder ich, noch meine beiden Begleiter haben irgendetwas in dieser Richtung gesagt. Ob darin alle Menschen vorkämen, die ich auf meinen Wegen treffe, fragt er hinterhältig. Wahrscheinlich ist der alte Schlawiner auf Bezahlung aus, und so sage ich ihm, dass ich ausschließlich nur die Natur beschreibe. Womit ich keineswegs lüge, denn die Menschen sind ja auch Natur, und ich erspare mir mühsames Feilschen. Nicht nur im Urwald, auch in der Sahara scheint es einen Buschtelegrafen zu geben, der Neuigkeiten wie diese über weite Strecken transportiert.

In der Mitte des Platzes haben Frauen mit handlichen Trommeln und dem Imzad, einem Streichinstrument mit großem Klangkörper, aber nur einer Saite, einen Kreis gebildet. Sie spielen und singen, um sie herum treiben Tuaregkrieger in voller Montur und bewaffnet ihre Meharis in Schräglage im höchsten Tempo um sie herum. Die flachen Zehen der Tiere wirbeln bei jedem Auftreffen auf dem Boden jeweils kleine Sandfontänen auf. Eine auffallend hübsche Targia reicht uns ein verziertes Tablett, von dem wir am Teppich sitzenden jeder ein Glas Tee nehmen. Nach kurzer Zeit erscheint sie wieder mit frisch gefüllten Gläsern. Flirtet sie mit mir? Oder bilde ich mir das wegen ihrer großen dunklen Augen ein, die mich offen und direkt anblicken. Dreimal wiederholt sich diese Zeremonie, die Musik hat ihren Rhythmus geändert und es erscheinen drei Tuareg in Formation auf Kamelen, die sie tänzerisch parallel in absolut gleichem Schritt auf dem Platz um die Musikerinnen im Kreis bewegen. Obwohl die Musik weiterspielt, verlassen die drei Reiter nach mehreren Runden den Platz und verschwinden hinter dem nächsten Gebäude. Die Musik ändert jetzt den Rhythmus, wird ruhiger, der Gesang der Frauen verebbt. Nur die Musikerin mit dem Imzad fiedelt leise weiter vor sich hin. Musiker, die dieses Saiteninstrument spielen können, galten schon als fast ausgestorben. Seit einigen Jahren ist man mit Erfolg bemüht das Interesse an diesem Instrument bei der Bevölkerung wieder zu beleben. Dass ich eines davon heute hier zu Gehör bekomme, ist trotzdem eine glückliche Ausnahme.

Seit unserer Ankunft regt mich der Duft an, der von den Feuerstellen herüber weht, an denen die Hammel gebraten werden. Jetzt ist es aber soweit. Bei leiser „Tischmusik“ bringt uns lächelnd die schöne Targia tiefe Teller, angefüllt mit Couscous, worauf große, duftende Stücke vom Mechoui liegen. Da ich ein Rumi bin, bekomme ich sogar Essbesteck dazu, während die Männer links und rechts von mir mit bloßen Händen zugreifen. Das Fleisch ist zart, durchgegart, und schmeckt typisch nach Hammel, und jeder Bissen trieft von Fett. Ich träume mir ein alkoholisches Getränk dazu, um damit das Fett wenigstens etwas zu neutralisieren. Aber so weit geht die Gastfreundschaft der Moslems auch wieder nicht, als dass sie über ihren eigenen Schatten springen und Alkohol herbeischaffen würden. Ich genieße die Speisen trotzdem, da solche Feste äußerst selten stattfinden. Außerdem kann ich später in meinem Gepäck nach dem Fläschchen Kognak graben, welches die fürsorgliche Michelle für solche Fälle darin versteckt hat. Noch bin ich in diesen seltenen Genuss eines derart zarten Hammels vertieft, als die Frauen ihre Instrumente beiseitelegen und aufstehen. Sie wenden sich in unsere Richtung, und beginnen in höchster Tonlage zu singen, dazu klatschen sie mit den Händen den Rhythmus. Zwei Touareg erscheinen in Tanzschritten auf der Sandfläche vor uns. Sie halten Schwerter über ihren Köpfen, die breit auseinandergehaltenen Beine stampfen rythmisch den aufstiebenden Sand. Wie in Zeitlupe vollführen die beiden tänzerisch einen Schwertkampf, ohne dass sich die Schwerter jemals berühren. Sie gehen wie sich duckend in die Hocke, federn gleich darauf wieder zu aufrechtem Tanz. Ihre linken Arme zeigen Bewegungen, als würden sie Schilder führen. Die typischen bemalten Schilder der alten Tamaschek-Krieger sind kaum mehr zu finden, wahrscheinlich weil sie nutzlos geworden und an Touristen verkauft wurden. Die Schwerter jedoch sind weiterhin aktuell zur Verteidigung und als Manneszierde. Das Fest dauert bis in Dunkelheit der Nacht. Ich verziehe mich müde in den mir vom Scheich in einem Haus zugedachten Raum. Freundliche Menschen tragen mein Gepäck herein und, wieder allein, suche ich sofort die Kognakflasche. Der Inhalt ist kräftige Medizin für meinen so viel Fett ungewohnten Magen. Schnell ist das Feldbett aufgebaut, ich lege mich, angezogen wie ich bin darauf, und überlege mir, begleitet von der gedämpft vom Platz herübertönenden Musik, die nächste Folge meiner schriftlichen Erinnerungen:

Traditioneller Schwertertanz der Touareg

Ein Mann aus einem nahegelegenen Dorf hat auf irgendeinem Weg erfahren, dass wir Moise Yacouba, den großen Barden, suchen. Er kam zu uns ins Lager, als wir ums Lagerfeuer saßen und versuchten eine Speise mit Appetit zu verdrücken, die Walter vorher leicht anbrennen hat lassen. Er erzählte uns, dass dieser Troubadour morgen in einer Siedlung, etwa fünfzig Kilometer südlich von hier, spielen wird. Mit Mühe konnten wir Walter davon abhalten, den schwarzen Gast als Dank auf das Essen mit uns einzuladen, denn wir befürchteten darauffolgende Racheakte. So gaben wir dem Überbringer der Nachricht etwas Geld, was ihn sicher mehr freute und uns weniger beunruhigte. Obwohl wir nach den bisherigen Erfahrungen nicht wirklich an einen Erfolg glaubten, wollten wir am nächsten Tag zu dem angegebenen Dorf aufbrechen. Wir beluden am Morgen unsere beiden invaliden Autos mit dem für die Arbeit nötigsten Gepäck. Die Motoren liefen bereits, als uns Schani in deutsch-belgischem Kauderwelsch mit der Nachricht überraschte, dass die Bremsen beim IFA wieder einmal kaputt seien. Diese Mitteilung brachte uns einen heftigen Ausraster des Expeditionsleiters ein, den ich mit meinem Vorschlag notfalls alleine zu fahren, beendete. Walter, der im Lager bleiben sollte, um aufzupassen, machte sich sofort an die verantwortungsvolle Reparatur. Kopezky und Schani assistierten ihm. Da ich zu bedenken gab, dass uns der Sänger wieder durch die Lappen gehen könnte, wenn wir die Wiederherstellung der Bremsen abwarten, fuhren Mackie und ich im Père Ubu los.

Wir kamen am Nachmittag in einem Dorf an, das aus geschätzten fünfzig Hütten bestand. Direkt am Ufer des Niger gelegen, leben die Menschen, Angehörige der Völker Songhai und Djerma vom Fischfang, der Jagd auf Vögel und Krokodile.

Fische trocknen am Niger

In ihren lang gestreckten und meist sehr alten Piroggen, das sind aus einem Baumstamm geschnitzte Boote, befahren sie virtuos wie Seiltänzer den Fluss. Oft bewegen sie die schwer beladenen Einbäume, indem sie kurze Plattruder benutzen oder mit langen Stangen an den Rändern des Flusses entlang staken. Zwischen den Lehmhütten mit den spitzen Grasdächern herrschte reges Leben. Es lag Spannung in der Luft. Alle Dorfbewohner waren da, die Fischerboote lagen dicht gedrängt am Ufer, auf dem Fluss selbst war ungewohnte Leere. Mackie suchte den Chef du Village auf und erklärte dem Häuptling, unter Übergabe von einigen Geldscheinen, unser Vorhaben Wir erkundigten uns nach dem Ort, an dem sich Yacouba zeigen wird. Dort stellte ich das Auto so ab, dass die Länge des Kabels für das Mikrofon gerade noch über den Platz reicht, trotzdem aber eine Sichtverbindung zwischen mir und dem Künstler erhalten blieb. Natürlich scharten sich die Dorfbewohner, vor allem die Jugend um den Père Ubu und sahen mir neugierig bei den Vorarbeiten zu den Aufnahmen zu. Die schwere Bärenbatterie hoben ein Junge und ich von der Ladefläche, den Einankerumformer, der 12 Volt Gleichstrom in 220 Volt Wechselstrom wandelte, stellten wir in seiner Kiste daneben auf den Boden. Die beiden Instrumente zur Messung der Spannung und der Frequenz des Stromes für das Tonbandgerät schaltete ich dazu. Damit war ein störungsfreier Betrieb des Telefunken KL 25 gewährleistet.

Die schwere Bärenbatterie als Stromquelle

Halbnackte Jugendliche in erster Reihe und Erwachsene drängten sich um den ein paar Schritte abseitsstehenden Mackie und um meine Geräte. Vor allem beim Expeditionsleiter wurden die Rufe nach einem Cadeau, einem Geschenk, ständig eindringlicher. Auch ich musste mich gegen körpernahen Andrang wehren, weil die Neugier trieb die Menschen dazu alles zu betasten, was halt überhaupt nicht in meinem Sinn lag. Beide hatten wir vorsichtig zu agieren, da wir es uns keineswegs mit den Dorfbewohnern verscherzen, aber genauso wenig als Melkkühe dastehen wollten. Endlich traf zu unserer Entlastung der IFA mit Besatzung ein. Walter hat mit Schani getauscht, sodass er als Kassier selbst die Geschenke heischenden Halbwüchsigen freundlich abwimmeln konnte.

Vorbereitung für Aufnahmen 2
Vorbereitung für Aufnahmen 1

Ich musste den Gleichlauf des Tonbandgerätes überprüfen und legte zu diesem Zweck ein Band mit Musik vom Radiosender Blue Danube Network in Wien auf. Das lenkte die Aufmerksamkeit der Leute wieder mehr auf meine Tätigkeit. Lachend und plaudernd hörten sie verschiedenen Jazznummern zu. Bewegung kam bei den Umstehenden erst beim Anhören eines Mambos, der Begeisterung und wildes Tanzen auslöste. Alles war schlagartig in Bewegung geraten, feiner Staub stieg auf, ich begann mir Sorgen um die einwandfreie Funktion meiner Geräte zu machen. Meine drei Kollegen konnten die Tanzenden so weit zurückdrängen, dass der Kreis größer und die Gefahr durch den aufgewirbelten Staub für gebannt schien. Mit einem Mal lichteten sich die Reihen, und ich hatte Zeit, ein unbespieltes Band für die bevorstehende Aufnahme einzulegen. Wir hatten von BASF ein großzügiges Kontingent an tropenfesten LGS – Tonbändern mitbekommen, deren Qualität und Haltbarkeit ich besonders schätzte. Das Interesse der Dorfbewohner an mir ging plötzlich verloren und alle liefen zum Dorfeingang. Moise Yacouba, der Chef der fahrenden Sänger war eingetroffen! Er ließ seinen Peugeot 403, den er für die Fahrten von einem Auftrittsort zum anderen benützte, am Dorfrand stehen. Gemessenen Schrittes wurde er von den Honoratioren des Dorfes und einer sich ehrfurchtsvoll leise verhaltenden Menge zu dem Platz geleitet, der für ihn vorgesehen war. Für den in hellblaues Tuch gewickelten Meister, dessen Haar grau meliert war, wurde eiligst ein Stuhl gebracht, den man in den Eingang eines aus Lehm gebauten Hauses stellte, um ihm den Rücken freizuhalten. Man war rührend um ihn bemüht, indem man ihm Kalebassen mit frischem Wasser hinstellte und mit Unmengen von gegrilltem Rindfleisch fütterte. In einigem Respektabstand von ihm haben sich der Chef und die Ältesten des Dorfes in einem Halbkreis um ihn niedergelassen, dahinter standen in mehrere Reihen geschichtet die Dorfbewohner. Ein leichter Wind wehte über den Platz den konzentrierten Schweißgeruch der angesammelten Menge zu mir herüber. Das war der typische Geruch, der einem überall in Afrika wo Menschen sich versammeln und tanzen, begegnete. Einmal ist er stärker, ein anderes Mal schwächer. In kurzer Zeit gewöhnt man sich daran und empfindet ihn letztendlich nicht als unangenehm.

Nach längerer Zeit, in welcher der immerzu lächelnde Meister gespeist und getrunken hatte, näherte sich Mackie dem Troubadour. Sie handelten den Preis aus, der für das Mitschneiden seiner Darbietungen bezahlt werden sollte. Es war eine größere Summe, die Walter zum Erbleichen brachte. Des Kassenverwalters Zögern konnte ich beruhigen, indem ich ihn daran erinnerte, dass wir nicht hier wären, wenn uns das Phonogrammarchiv in Wien nicht mehrmals die wissenschaftliche Notwendigkeit unseres Unternehmens bescheinigt hätte. Das verpflichtete uns, solche Aufnahmen heimzubringen. Um das Gesicht zu wahren meint er ernst und mit herangezogenen Mundwinkeln, dass er bezahlen würde, aber erst nach erbrachter Leistung. Das war einleuchtend, auch Moise Yacouba war damit einverstanden. Ich hatte inzwischen unser einziges Mikrofon, das AKG D 12, auf das Stativ geschraubt und Mackie bahnte sich mit diesem eine Schneise durch das Publikum und zog das Mikrofonkabel nach. Er stellte das Mikrofon nach meiner Anweisung genau vor den Troubadour, der bereits auf seiner Komsa, einer selbst gebauten Gitarre, improvisierte.

Moise Yacouba 1

Bevor er seinen Sprechgesang begann, griff er sich noch ein Stück Fleisch, aß es genüsslich und wischte sich darauf hin die Finger an der Tunika ab. Dann begann er den Vortrag. Er erzählt alte Märchen und Legenden der Djerma und Haussa aus den Gebieten Niger und dem südlichen Mali. Zur Begleitung entlockt er seinem Instrument eine Fülle von Rhythmen und Tönen die das gesprochene Wort unterstützten und bereicherten. Unser Dolmetsch übersetzte die Texte sofort. Moise Yacouba gab ihm die Zeit dafür indem er selbst schwieg, dabei aber auf seinem Instrument weiterspielte und damit die jeweilige Übersetzung mit Klangbildern untermalte. Dadurch hatten wir Gelegenheit zu verstehen, was wir hörten. Es waren richtige literarische Kunstwerke mit uraltem Sinngehalt und starker Symbolkraft.

Moise Yacouba 2

In Begleitung des Meisters war ein hochgewachsener junger Mann mitgekommen. Ali Mabou war sein Name und er war ein Schüler des großen Yacouba. Er war anders gekleidet als sein Lehrer. Er trug einen Boubou, ein bis zu den Knien reichendes gerades Kleidungsstück mit Stickereien aus Vorarlberg auf der Brust, von dem er sicher annahm, dass es weiß sei. Auf dem Kopf hatte er eine runde weiße Kappe ohne Krempe, die ihn als gläubigen Mohammedaner auswies. Er hielt sich die ganze Zeit über im Hintergrund, andächtig seinem Idol zuhörend. Doch als nach etwa einer halben Stunde sein Chef müde wurde, übernahm Ali und setzte das Konzert fort. An diesen Gesang mussten wir uns erst gewöhnen, die Inhalte seiner Texte hingegen waren nicht weniger interessant, als die von Yacouba. Auch ihm hörten die Leute aufmerksam und bewundernd zu. Mir kam der ungeplante Zusatz sehr gelegen, denn ich konnte damit wieder ein ganzes Tonband mit archaischer afrikanischer Kunst bespielen.

Ali Mabou

Nach dem Ende der Darbietungen hob neuerliches Feilschen um die Bezahlung an. Da es nun zwei Sänger geworden waren, und Ali doch so schön gesungen hatte, verlangte Moise Yacouba das Dreifache als vorher ausgemacht war. Walter, in afrikanischem Handeln erfahren, wollte partout nicht mehr zahlen und bestand auf die erstbeschlossene Summe. Daraus wurde ein langes Palaver, Argumente für und dagegen wurden ausgetauscht. Darüber brach die Dämmerung herein und ich musste mich bei dem Rest von Tageslicht beeilen, die Geräte wieder im Auto zu verstauen. Weil das sorgfältig gemacht werden muss, dauert es auch eine gewisse Zeit bis alles rutschfest geladen ist. Walter und Mackie auf der einen, Yacouba und Mabou auf der anderenSeite palaverten nach Abschluss meiner Arbeiten noch immer. Mackie war bereits eine gewisse Unruhe anzumerken, während Walter unendliche Geduld bewies. Das sind die Afrikaner von Europäern nicht gewohnt und sie haben sichtlich Achtung vor solcher Standhaftigkeit. Walter zahlte letztendlich nur einen Bruchteil von dem, was mehr verlangt wurde und wir gingen im Frieden auseinander. Obwohl es Nacht geworden war, begeben wir uns wieder auf die Piste, um zu unserem Lager zurückzukehren. Ohne größere Zwischenfälle erreichten wir die Zelte vor Mitternacht. Schani hatte irgendwo eine fünf Liter fassende Flasche mit Rotwein aufgetrieben, mit der wir den Erfolg unserer Arbeit feierten, indem sie von uns bis zur Nagelprobe geleert wurde. Müde und zufrieden begaben wir uns zur Ruhe.

Walter und ich gingen bei Tagesanbruch auf die Jagd und kehrten am Vormittag mit Beute zurück. Der Vogel den Walter geschossen hatte, ähnelte im Äußeren einer Graugans. Da wir weder braten noch grillen konnten, erhielt Walter, der erfolgreiche Schütze, den Auftrag das Tier zuzubereiten. Das war ein Fehler, denn nicht nur das Lager und die nächste Umgebung waren mit gerupften Federn überzogen, auch die Bissfestigkeit des mit Liebe stundenlang gekochten Tieres war dergestalt, dass wir das Fleisch in kleinste Würfeln schneiden mussten, um es verspeisen zu können. Obwohl ich zur Ehrenrettung des Koches zugeben muss, dass das Abendessen geschmacklich ausgezeichnet gelungen war. Bei diesem Mahl beschlossen wir die Weiterreise am folgenden Tag, und dass wir später eine Sammlung der Märchen der Djerma und Songhai in deutscher Sprache schreiben wollen.

Bereits routiniert brachen wir unser Lager ab, beluden die Autos und begaben uns auf die Piste nach Süden in Richtung Niamey. Erst der IFA und nach einiger Zeit der Humber. Einem Franzosen, der an der Strecke mit seinem Auto in Panne lag verkauften wir vier Liter Motoröl aus unserem Fundus. In Ayorou trafen wir die Besatzung des IFA wieder und besuchten den dort diensthabenden Gardien. Nicht ausschließlich um uns zu melden, er hatte im Haus einen Tisch stehen und mehrere Stühle, die den Eindruck einer Gaststätte vermittelten. Außerdem sahen wir in einer Ecke einen Kühlschrank und daneben eine Kochstelle. Auf unsere Frage, ob wir etwas zu essen bekommen könnten, bot er uns Eierspeise an. Aus dem Kühlschrank holte er ein paar Flaschen Bier, nach denen wir gierig griffen. Dann brachte er stolz die Eierspeise. Sie war nicht nur versalzen, sondern auch so stark durchgebraten, dass sie bereits braun und staubtrocken war. Da wir befürchten mussten wieder Palatschinken von Walter essen zu müssen, verputzten wir brav das Gebotene. Es war unvermeidlich, dass es anschließend eine gröbere Auseinandersetzung mit dem Gardien gab, da wir für diesen Fraß nicht bezahlen wollten. Aber auch hier fand sich ein Weg! Walter drohte dem schwarzen Uniformträger nämlich an, er würde ihn beim Commandant Cercle, beim Kommandanten für das Gebiet melden. Wir zahlten das konsumierte Bier und ersetzten großzügig den Einkaufspreis der verbratenen Eier. Er ist damit zufrieden, und wir waren uns wieder einmal darüber einig, dass Walter der beste Kassenwart war.

Auf freier Strecke vor Tillabéri campierten wir und schliefen beim Hören des dritten Aktes Don Giovanni vom Band friedlich ein. Ab und zu wurde die Stille von Schakalen und aus größerer Ferne von Hyänen unterbrochen. Noch vor Tagesanbruch starteten Walter und Kopezky. Sie starteten mit großem Lärm, der einem Formel 1 Rennauto alle Ehre gemacht hätte. Das war auf einen fehlenden Schalldämpfer zurückzuführen, der lag nämlich im Auto, oben auf dem Gepäck, um bei Gelegenheit wieder angeschweißt zu werden. In dem kleinen Städtchen Tillabéri trafen die beiden Expeditionsteile wiederum aufeinander. Dort trafen wir auch den Franzosen wieder, dem wir auf der Strecke mit dem Motoröl geholfen haben. Es stellte sich heraus, dass er Angehöriger einer Organisation für Entwicklungshilfe Frankreichs war. Aus lauter Dankbarkeit lud er uns alle auf jeweils zwei riesig dimensionierte Kognaks ein. Dadurch gestärkt und äußerst vergnügt machten wir uns auf den Weg nach Niamey, der Hauptstadt von Niger, die wir uns als Basis für unsere Exkursionen in Niger ausgesucht haben.

(Die Musikaufnahmen sind im Phongrammarchiv der Akademie der Wissenschaften, 1010 Wien, Liebiggasse 5 zu finden, das auch die Rechte dafür besitzt. Bei Interesse an näheren Auskünften bitte Kontaktaufnahme direkt mit dem Archiv, oder mit mir.)

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